Chat-Interview

„Es gibt noch Schönheit auf der Welt“ – Thorsten Nagelschmidt über seinen Roman „Arbeit“

Thorsten Nagelschmidt ist Absolvent des Kopernikus-Gymnasiums und Schriftschaffender im Hauptberuf. Nicht lang nach Erscheinen seines Erstbuchs »Wo die wilden Maden graben« (Ventil 2007) machte er den Namen des Zweitwerks bekannt: »Die Harmlosen, die Schamlosen und die Zahnlosen«. Gierig las Roland van Oystern damals den Titel aus der Homepage heraus. »Wenn der Nagel den vergisst, kann ich den klauen«, wird er sich gedacht haben. Die Meldung, der Roman werde in allen Milieus spielen, die es gibt, roch nach Bluff. Tatsächlich hießen die Folgeschriften »Was kostet die Welt« (Heyne 2012) und »Der Abfall der Herzen« (Fischer 2018). Jetzt aber, nach all der Zeit noch, erschien am 29. April 2020 Nagelschmidts erster großer Gesellschaftsroman »Arbeit«, derselbe spielt in einem guten Dutzend Milieus und ein Kapitel heißt: »Die Harmlosen, die Schamlosen und die Zahnlosen« Thorsten und Roland haben sich für das Interview im Online-Chat getroffen.

Nagel (Foto: Julia Krummhauer)

Hi Nagel, ich bin da (12:50). Lass Dir ruhig Zeit mit den Antworten. Ich mach mir ein Bier auf und hab auch sonst nichts mehr groß vor. Also, los: Du kommst gerade aus Chile zurück. Was geht in Chile?
In Chile ist gerade Revolution. Ich glaube, man kann das wirklich so nennen. Ganz viele unterschiedliche Gruppen und Menschen, die zuvor einzeln ihre Kämpfe ausgefochten haben – gegen das ungerechte Bildungs-, Gesundheits- oder Rentensystem, für Frauenrechte oder die Rechte der indigenen Völker – kommen jetzt zusammen und wollen nicht weniger als die Regierung stürzen und das neoliberale System abschaffen, das in Chile seit Pinochet, also seit 1973, besonders krass gewütet hat und sogar in der Verfassung verankert ist.
Hallo Roland! Ich mach das übrigens zum ersten Mal, also ein schriftliches Interview unter Livebedingungen. Und das nur, weil du zu faul zum Transkribieren bist!

Ich mach das auch zum ersten Mal. Wenn Du schreibst, hab ich da so einen rosa Balken, da steht drin: Anonymer Fuchs
Anonymer Fuchs? Bei mir steht da: Roland van Oystern. Aber es ist natürlich auch total weird und ein bisschen pervers, dass ich sehen kann, wie du tippst. Und Fehler korrigierst. Und du das auch von mir sehen kannst. Ich glaube, das ist mir zu heftig. Ich werde meine Antworten in einem Word-doc vortippen müssen.

Am anderen Ende der Leitung: Unser Erzähler, Roland van Oystern

Ist nur fair, ich hab die Fragen ja auch schon vorgetippt.
Dann hau die Fragen doch einfach mal raus, oder? Trinkst du echt schon Bier?

Du etwa nicht? (Also, Wein)
Nein. Dafür höre ich Angeschissen. Ich hoffe das macht mich ähnlich kredibel.

Hast du mal überlegt, ein Buch zu schreiben, das allen gefällt?
Ist das die erste Frage?

Ja.
Nein, überlegt habe ich das noch nicht, allerdings nur aus dem Grund, dass das ja eh nicht möglich ist. Ansonsten ist die Vorstellung aber sehr verlockend. Ich bin schon recht harmoniebedürftig, fürchte ich, und ich würde gerne mal etwas veröffentlichen, dass sehr vielen Menschen gefällt. Aber, und das ist vielleicht ein wichtiger Punkt: Nur wenn es mir selbst auch gefällt. Ich habe zum Glück in meiner Laufbahn als Künstler, also mit der Band und als Autor, wenig gemacht, für das ich mich hinterher schämen musste. Und auch wenn das heroisch klingen mag, darüber bin ich jeden Tag froh. Aber mit etwas Erfolg zu haben, an das man selber glaubt, das ist schon das beste Gefühl, das ich mir vorstellen kann.

Hättest du einen Titel? Oder Arbeitstitel? Ich hab während meiner Grundschulzeit mal an so einem Buch geschrieben und die Arbeit daran unlängst wieder aufgenommen.
Klingt sehr interessant. Worum geht es? Und fehlt dir noch ein Titel?

Da geht es um mich selber. Mir fehlt noch ein Titel.
Titel sind natürlich wichtig. Ich habe immer viel Freude mit Titeln. »Arbeit« ist ja nun mein erstes Buch (die Storysammlung »Drive-By Shots« nicht mitgerechnet), in dem die einzelnen Kapitel Titel haben. Das macht mir große Freude. Ich stelle mir das Erlebnis im Buchladen vor wie beim Plattenkaufen im Plattenladen: man dreht das Cover um und sieht die Songtitel und weiß sofort, ob man die Songs hören will oder nicht. So jedenfalls habe ich immer Platten gekauft. Klappentexte bei Büchern finde ich hingegen oft langweilig und nichtssagend.

Wie ist es um deine Verbindungen ins Arbeitnehmermilieu bestellt? Kennst du selber noch Arbeitnehmer persönlich?
Arbeitnehmer ist ein ganz unangenehme Wortkreation, findest du nicht? Und klar, die meisten Menschen, mit denen ich zu tun habe, sind Freiberufler oder haben selbst kleine Businesses. Aber ich kenne schon noch Arbeiter. Meinen Bruder zum Beispiel.
Du Roland, ich stelle gerade fest, das ist mir viel zu aufwendig und langwierig hier, ich werde da nur nervös. Willst du doch mal einfach alle Fragen raushauen und dann treffen wir uns später vielleicht nochmal wieder für eventuelle Nachfragen?

Klar, kein Problem. Das ist der Rest: Wird »Arbeit« verfilmt? Hast du Kontakt zur Filmbranche?
Das wäre schön. Ich habe allerdings keine nennenswerten Kontakte in die Filmbranche. Die Rechte an »Was kostet die Welt« wurden damals von einer Produktionsfirma optioniert und da wurde wohl auch schon an einem Drehbuch gearbeitet. Die Verfilmung ist aber nicht zustande gekommen, offenbar haben sie die Finanzierung nicht hinbekommen, das passiert ja häufiger. Hältst du den Roman denn für guten Filmstoff?

»Was kostet die Welt« nicht so, »Arbeit« aber voll. Könnte man locker eine Serienstaffel draus produzieren. Würde ich direkt so wegglotzen.
Geil, wegglotzen. Ja, dann gib doch doch deinen Filmfreunden mal einen Tipp. Finanziell wäre das für mich sehr interessant, und wenn es ganz mies wird, hat man als Autor ja immer den Vorteil, dass die Leute sagen: Das Buch fand ich besser.

Apropos: Bei unserem letzten Interview ist ja aufgekommen, dass du die »Herr der Ringe«-Filme nicht gesehen hast. Konntest du da inzwischen nachbessern?
Nein.

Warst du nicht auch mal Synchronsprecher bei einer Zeichentrickserie?
Naja, ich habe mal einen Nachmittag lang für eine Metal-Cartoonserie ein paar Sätze eingesprochen. Da hat mich mein Kumpel Mille von der Band Kreator hingeschleppt. Halb Metaldeutschland war anwesend und ich der einzige mit kurzen Haaren und im Anzug. Erst dachten glaube ich alle, was will der Vogel denn hier. Zum Glück bin ich wenigstens tätowiert und habe lange in einer Punkband gespielt. Na jedenfalls hat das großen Spaß gemacht! Habe lange nicht dran gedacht, ich weiß nichtmal mehr den Titel der Serie.

Meinst du, der Mille weiß ihn noch? Titel der Serie und Titel der Episode wären recht, damit man sich das anschauen kann.
„Metalocalypse“ hieß die!

Oha, da gibt es ja 61 Folgen (und eine Sonderfolge). Pressemeldungen von 2011 nach müsste sich deine Stimme in den neun Folgen der zweiten Hälfte der ersten Staffel befinden.
Na, wer von uns beiden hier wohl der Anonyme Fuchs ist!

Du gehst ja viel recherchieren für deine Bücher. Bist du für »Arbeit« in einem Rettungswagen mitgefahren? Bist du bei den Bullen mitgefahren?
Ich wollte, aber man ließ mich nicht. Zum einen aus Versicherungsgründen, vor allem aber weil es speziell in Berlin so irre viele Anfragen dafür gibt. Bei der Polizei habe ich es über die offizielle Pressestelle versucht und dummerweise gleich dazu gesagt, dass ich Schriftsteller bin, nicht Journalist, und dass ich keine reißerische Reportage schreiben, sondern vor allem Stimmung und Atmosphäre für meinen Roman einfangen möchte. Ich hielt das gegenüber all dem plumpen Schrott von BILD-Zeitung oder RTL2 für ein vermeintlich edles Motiv, aber die Lady am Telefon meinte nur: »Ach so, dann schon mal gar nicht.« Aber ich habe mit sehr vielen Polizist*innen, Sanitäter*innen und zwei Ärzten gesprochen. Und auch einen RTW der Johanniter von innen gesehen und mir alles erklären lassen.

Kennst du Jugendliche persönlich?
Eigentlich nur die Kinder von Freunden. Und jetzt halt auch Jugendliche aus Neukölln, die ich für das Buch interviewt habe. Das ist schon irre, was für interessante Leute ich auf diesem Wege kennengelernt habe. Und zwar ausschließlich aus Recherchegründen. Fremde Menschen ansprechen und ihnen auf den Sack gehen, das mache ich extrem ungern. Für dieses Buch musste ich das aber machen und dabei immer wieder aus meiner Komfortzone raus. Und jedes Mal war ich hinterher froh, es gemacht zu haben. Und zwar nicht nur, weil etwas für meinen Roman dabei herausgesprungen ist, sondern auch, weil ich die Menschen alle so interessant fand. Ich habe wirklich bei jedem einzelnen Gespräch etwas gelernt oder Fdinge hinterher aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Ich begreife das als ein sehr großes Geschenk und merke jetzt mit ein klein wenig Abstand auch, wie sehr mich das verändert hat im Umgang mit Fremden.

Was war dein längstanhaltender Irrglaube?
Oh, da hatte ich vor ein paar Tagen erst was … Ich komm nicht mehr drauf. Solche Fragen sind gemein! Jetzt denke ich den ganzen Tag darüber nach, und je mehr ich nachdenke, desto weniger fällt es mir ein.

Hältst du es für möglich, dass du dich noch in einem ähnlich argen Irrglauben befindest?
Sicher werde ich mich immer mal wieder irren, aber so ein existenzieller Irrglaube … glaube ich ehrlich gesagt nicht.

Mein Kompagnon Ferdinand hat bis er 16 war geglaubt, die Wolken am Himmel kämen alle aus Kernkraftwerken. Ich hab noch ein bisschen länger geglaubt, dass unter Alkoholeinfluss gezeugte Kinder zu ca. 100% mit Behinderung auf die Welt kommen, und auch, dass dafür bereits geringe Mengen an Alkohol ausreichen, z.B. 1 Glas Wein.
Das mit den Wolken kann ich kaum glauben. Bis er 16 war? Das kann doch nicht wahr sein. Vielleicht, weil er aus Stuttgart kommt, von wegen Kessel und so?

Die Kernkraftwerke von Gundremmingen waren das. Da in der Nähe ist er aufgewachsen.
Dann muss es an den Kraftwerken an sich liegen. Wir hatten ja auch eins in der Nähe, in Lingen. Das konnte man beim Abifestival Lingen immer von der Bühne aus sehen. Bei einem Abifestival in Lingen auf ein Kraftwerk glotzen, klingt ganz schön nach Hölle, oder? Nach sehr langweiliger Hölle allerdings.

Was ist dein ältester Gegenstand?
Mein Teddy Peter, auch wenn ich den nicht als Gegenstand begreife, sondern als … nun ja, Teddybär eben. Den habe ich seit ich ganz klein war.

Meiner ist eine weiße Schnippy-Schere, die hab ich seit ich 3 bin. Ist noch immer in Gebrauch. So und so oft die Woche.
Und die musste nie repariert oder geschliffen werden? (Jetzt müsste eigentlich einer von uns beiden so etwas sagen wie: Hach, die guten alten Zeiten, da haben die Sachen noch gehalten, jetzt wird ja alles so gebaut, dass es möglichst schnell kaputt geht, diese Wegwerfgesellschaft, es ist eine Schande undsoweiter undsofort …)

Ist eine ORIGINAL SCHNIPPY, Lerche 42505 ROSTFREI. Ist nie nachgeschliffen worden.
Wahnsinn, Roland. Es gibt noch Schönheit auf der Welt.

Das Rattenbuch auf Seite 69, da steht nicht dabei, wie es heißt, wie heißt das? Ist das gut?
Das ist ein Verweis auf »Gehwegschäden« von Helmut Kuhn. Der Begriff Gehwegschäden fällt dann ja auch in dem Zusammenhang, ich dachte, da freuen sich vielleicht die anderthalb Leute, die den Link zu dem Buch checken. Von solchen Anspielungen gibt es ganz viele im Buch. Man kann sie überlesen, ohne etwas zu verpassen. Aber wenn man sie findet und versteht, dann freut man sich vielleicht. So habe ich mir das zumindest vorgestellt. Und nun posaune ich es direkt in die Welt hinaus, na ja, auch gut. Ein schönes Buch jedenfalls! Ich habe ja einiges an Berlin Literatur gelesen in den über drei Jahren, die ich an »Arbeit« gearbeitet habe, und manches davon war sehr mühselig. Aber den Text fand ich super.

Was war der mühseligste Text? Vielleicht einer, der dich so richtig angekotzt hat?
Da war zum Beispiel das Buch eines ehemaligen Polizisten aus Berlin. Wertvolle Infos, aber inhaltlich teils hanebüchen und stilistisch unter aller Kanone …

Einer deiner Protagonisten spießt seine abgeschnittenen Zehen- und/oder Fingernägel in die Filter von Kippenstummel. Letztens war Ferdinand bei mir zu Gast und da hat er seine Zehennägelreste bei einer meiner Pflanzen in die Erde reingedrückt. »Bestes Horn, bester Dünger«, hat er gesagt. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass das denen hilft. Was machst du mit deinem Zehen- bzw. Fingernagelabschnitt?
Bei den Zehen schmeiße ich es einfach in den Müll. Die Fingernägel habe ich mir seit mindestens 30 Jahren nicht mehr geschnitten, da ich manischer Nägelkauer bin. Leider.

Oh, Fingernägel hab ich auch lang gekaut. Von 1994 bis 2012. Von einem Tag auf den anderen war das plötzlich weg. Ist mir erst aufgefallen, als sie schon ein bisschen lang waren. Krasse Veränderung, oder?
Interessant! Das macht durchaus Mut. Ich überlege gerade, mir 10 Maniküretermine zu holen. Eine Fußpflegerin erzählte mir neulich, das helfe sehr gut, wenn man sich das Nägelkauen abgewöhnen will. Weil es den Leuten irgendwann peinlich ist, jedesmal mit kaputtgebissenen und entzündeten Flunken da aufzulaufen.

Wie findest du Rong Kong Koma?
Musste ich erstmal googeln und habe dabei ihren Song »Scheiß Berliner« gefunden, sehr interessant. Das Video wurde hier bei mir um die Ecke gedreht, die Strecke laufe ich mehrmals die Woche (und bei Sekunde 50 ist mir gleich das Gehwegschäden-Schild aufgefallen). Schade, dass der Karstadt nicht drin vorkommt, das ist einer meiner Lieblingsorte in Berlin. Ansonsten gebe ich der Band recht, der Hype um Berlin, die Stadt an sich und ganz speziell Nord-Neukölln können kolossal nerven. Aber wo in Deutschland soll man sonst leben?

Du bist mit 16 aus der Kirche ausgetreten, oder? Warst du davor römisch-katholisch?
Ja, korrekt.

Wann warst du zum letzten Mal im Gottesdienst?
Vor ein paar Wochen in Castro auf der chilenischen Insel Chiloe, allerdings nur für ein paar Minuten. Auf Reisen gehe ich öfter in Kirchen, finde das sehr interessant. Vor ein paar Jahren haben Julia und ich einer kompletten Messe in Dänemark beigewohnt. Wir haben eine Woche lang Urlaub in einem dänischen Dorf gemacht und wollten endlich mal unter Dänen sein. Es gab aber überhaupt kein öffentliches Leben, also sind wir sonntags morgens zur Kirche im Nachbarort gefahren. Und wir wurden nicht enttäuscht. Der Organist hat während der Predigt unfassbar laut einen Apfel gegessen, und am Ende ist er an der Orgel völlig abgedreht, hat ein nach Feestyle klingendes Solo gespielt und so, das hatte etwas derbe Psychedelisches. Ich habe es sogar mit dem Handy aufgenommen.

Hast du dabei den Leib Christi empfangen?
Nein, das fand ich als Kind schon eklig. Bei dem Gedanken an diese fiesen Hostien denke muss ich sogar jetzt ein wenig würgen. Ich war übrigens auch Messdiener, bin aber nach ein paar Malen nicht mehr hingegangen, weil ich das alles ganz eklig und schlimm fand. Trotzdem stand ich noch lange im Messdienerplan, an dem ich auf dem Weg zur Schule immer vorbeigekommen bin.

Für »Der Abfall der Herzen« hast du dich zu Interviews mit allen möglichen Leuten aus deinem Leben getroffen. Dabei ist rausgekommen, dass ein ehemaliger Jugendfreund, später NPD-Funktionär, mit einem »Nagel sucks«-Tattoo auf dem Knie durchs Leben geht. Im Buch kommt die Episode nicht vor. Wird das mal ein eigener Text?
Gute Frage. Dieser Mensch hätte mit Sicherheit ein eigenes Buch verdient. Er war mal sehr sehr wichtig für mich, ich hab viel von ihm gelernt, er hat mich in meine erste Band geholt. Als er mir nach fast 16 Jahren, in denen wir nicht miteinander gesprochen haben, erzählt hat, dass er sich mal aus Wut über eine Interviewaussage von mir (es ging um militante Antifas oder so) »Nagel sucks« aufs Knie tätowiert hat, da ist mir das schon sehr nahe gegangen. Er hat mir das Tattoo gezeigt, und erst habe ich gelacht, dann aber nur gedacht: Meine Güte, so viel habe ich dir bedeutet? Er war da zum Glück schon lange nicht mehr in der NPD und ist auch nie Funktionär gewesen, aber halt schon extrem rechts. Unsere Beziehung ist kompliziert, von daher wahrscheinlich auch interessant.

Was produzierst du eigentlich bei deinen 400-Seiten-Wälzern so an Überschuss?  Zu den Bullen aus »Arbeit« gab’s vorab ja schon mal Zusatzmaterial in einer Zeitschrift. Kommt da noch mehr?
Ich gehöre zu denen, die zehn Sätze schreiben müssen, damit ein vernünftiger dabei ist. das war schon früher beim Songtexte schreiben so und hat sich auch beim fünften Buch nicht geändert. Dann muss man halt neun Sätze wegschmeißen, ein irrer Aufwand, aber anders geht es für mich nicht. Es gibt also sehr viel Ausschussmaterial, verteilt auf Dutzende von Word-docs, aber ich wüsste nicht, wie man das noch verwerten sollte oder warum. Das eine Kapitel, auf das du anspielst, habe ich dem Drachenmädchen-Fanzine für ihre Reunion-Ausgabe überlassen. Sie hatten mich um einen Beitrag gebeten, ich hatte aber gerade nichts und auch keine Zeit, ich war noch mitten in der letzten Überarbeitung meines Romans. Das habe ich zumindest geglaubt. Tatsächlich gab es nach dem Lektorat dann noch zwei weitere Komplett-Überarbeitungen. Das kommt ja noch dazu: Ich überarbeite meine Texte unfassbar oft und ausgiebig.

Hast du auf ein Cameo bewusst verzichtet?
Es gibt ein Cameo.

Krass, echt? Wie konnte ich das überlesen? Muss ich das Buch jetzt komplett nochmal lesen?
Ich bitte darum.

Was ging bei dir letztes Wochenende?
Ich war in Santiago und habe Menschen interviewt, die sich als Freiwillige bei einer der vielen Brigaden engagieren, die dort verwundete Demonstranten erstversorgen, und an dem Artikel über eben diese Menschen gearbeitet. Am Sonntag waren wir dann auf der Demo zum Weltfrauentag. Das war beeindruckend. Über eine halbe Million Frauen, und alle extrem wütend. Aber auch sehr kreativ.

Inwiefern kreativ?
Na, dieser Protest ist halt enorm vielschichtig, es gibt Kunstaktionen und Performances. Vielleicht hast du von Las Tesis gehört, eine feministische Performancegruppe, deren Performance »Un violador en tu camino« (Ein Vergewaltiger auf deinem Weg) um die ganze Welt gegangen sind. Ein gutes Beispiel für die unfassbare Power, die von den Aufständen in Chile ausgeht. Ich bin der Überzeugung, dass das von historischer Bedeutung ist, und zwar über Chile hinaus.

Am 29. April ist die »Arbeit«-Lesungspremiere im Festsaal Kreuzberg. Beginn: 21 Uhr, Übertragung ins Land mittels Live-Stream, z.B. über https://www.youtube.com/thorstennagelschmidt76. Moderation: Jörg Sundermeier. Deine wievielte Lesung ist das?
Wenn ich richtig gezählt habe, ist es meine 358. Lesung, die Lesereisen mit Autoren wie John Niven oder Irvine Welsh sowie meine Nagel-mit-Köpfen-Abende in Berlin mitgerechnet.

In wie vielen Milieus spielt »Arbeit«?
Schwer zu sagen und natürlich auch abhängig davon, wie man Milieus definiert oder was genau man darunter versteht. Was würdest du denn sagen? Es sind jedenfalls 13 Hauptfiguren in 12 verschiedenen Berufen, oder besser: Tätigkeitsfeldern. Und ich denke, dass eigentlich jede Figur ein eigenes Milieu darstellt. Sie sind zwischen 16 und 60, männlich und weiblich, haben unterschiedliche soziale Backgrounds und sind in Berlin geboren oder zugezogen oder geflüchtet. Es gibt zum Beispiel zwei Drogendealer, die aber aus ganz unterschiedlichen Welten kommen und deren Arbeit auch eine ganz andere ist. Der eine verkauft aus seiner Wohnung heraus Partydrogen an Feierleute und will später in der Nacht selbst noch in den Club, der andere ist aus Afrika geflüchtet und steht mit seinen paar Gramm Gras im Görlitzer Park, weil er keine Arbeitserlaubnis hat und nicht weiß, wie er sonst an das Geld kommen soll, das seine Familie in Guinea von ihm erwartet.

Ja, schwierig. Ich wollte die Milieus zählen. Das geht nicht so richtig. Über den Daumen gepeilt zwei Dutzend würde ich sagen. Was ich zum Schluss noch gern wissen würde, wegen Musik: Du hast seit mindestens zehn Jahren ein quasi fertiges Album im Sack. Wie lang willst du das noch zurückhalten?
Das Problem ist, ich habe zu lange gewartet. Die Songs kommen mir jetzt alle alt vor, man müsste wenn dann mit neuen Sachen frisch wieder anfangen. Aber das ist ja möglich. Ich denk nochmal kurz drüber nach und sag dir dann Bescheid, ok?

Interview: Roland van Oystern

Credits:
ROLAND-Foto: Meta Schnell
NAGEL-Foto: Julia Krummhauer
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