Dienstag, 13.11.2018
Flashback

Grillen mit Martin Büsser und den Moldy Peaches

Anti-Folk aus New York. Ein buntes, leicht kiffiges Movement, das zur Jahrtausendwende vor allem aus dem Freundeskreis rund um die Band Moldy Peaches erwuchs. Für den Autoren Martin Büsser waren Kimya Dawson, Adam Green und die ganzen anderen Fraggels ein echtes Darling-Ding. Dieses Jahr erinnern diverse Veranstaltungen an diesen 2010 verstorbenen Ausnahme-Denker. Am 13.September findet für ihn eine Lesung im King Georg statt – unter dem Motto “Für immer in Pop”. Zu diesem Anlass haben wir das legendäre Randstreifen-Grillen (!) von Martin Büsser, Linus Volkmann und den Moldy Peaches noch mal rausgekramt und überarbeitet. Das Original erschien in Intro #96. Fotos: Rainer Holz

MoldyKöln an einem bewölkten Nachmittag. Ein paar Regentropfen. Das smarte Vorhaben, mit den New Yorker Shooting-Start-ups, den Moldy Peaches, unter freiem Himmel zu grillen, steht unter keinem guten Stern. Wollen wir vielleicht nicht doch drinnen …? Dann aber ist Essig mit Zaudern und Zurück, denn der ganze Trupp hupt schon draußen im Parkverbot. Der Himmel klart auf. Na, dann kann’s ja losgehen, ab ins Grüne. Nicht einmal unser Fotograf, vor dessen Haustür das Grillen stattfindet, weiß, wie der kleine Park in der Kölner Südstadt heißt, in dem wir uns niederlassen. Ein besserer Straßengraben und eine noch bessere Hunde-Toilette – aber, hey, die Moldy Peaches sind ja Punks, also hart im Nehmen – oder einfach sau-hungrig.

Wir sind unter uns, nur ein paar Feuerwehrautos im Nacken, was ja bei Aktionen mit Grill eine eher beruhigende Wirkung hat. Die Moldy Peaches sind längst eine komplette Band geworden und mit sechs Leuten auf Tour inklusive One-Man-Support Joie Dead Blonde Girlfriend, dem Einheizer mit grünen Haaren und brutalem Anschlag auf der Akustikgitarre. Eine Art New York Dolls in Kompaktformat, der als einer der Begründer des rund um ’98 entstandenen Anti-Folk gelten darf. Mit uns sind also zwölf Mäuler zu stopfen. “Keep them hungry”, hatte Linus im Vorfeld noch zur Label-Betreuerin gesagt.

Dann werden die ausgemergelten Gesichter lang, als Linus einen Puppenstuben-Grill auspackt, auf den gerade mal fünf (vegetarische, versteht sich) Würste passen, wo hat er dieses Scheißding überhaupt her? Panik und Entsetzen auch darüber, dass die Intro-Crew nichts als Wein eingekauft hatte, obwohl einige überhaupt keinen Alkohol trinken. Man darf eben nicht davon ausgehen, dass eine Band, die “Who’s Got The Crack” singt, auch tatsächlich aus Drogenwracks besteht. Also geht Joie noch einmal los und kam schwer bepackt mit Tüten voller Wasserflaschen und Chips zurück. Poser.

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Foto: Rainer Holz

In der Zwischenzeit weitere aufregende Momente: Weder Linus noch ich kennen sich damit aus, wie man einen Grill anwirft. Warum auch? Schließlich sind wir keine Punks, Camper oder Berber, sondern Snobs. Kimya stöhnt, weil sie die Zucchinis mit einem Plastikmesser schneiden muss. Derweil wird darüber diskutiert, ob die Sojawürste mit oder ohne Plastikfolie auf den Grill kommen. Wir entscheiden uns, als das Ding endlich qualmt, die Folien zu entfernen. Gut so.

Ganze sechs Wochen sind die Moldy Peaches jetzt auf Tour durch Europa, vollgestopft mitsamt Equipment in einem Bus, der so winzig ist, dass er den Namen Bus so wenig verdient wie unser Grill seinen. Das macht schlapp. Gitarrist Toby setzt sich abseits in die Sonne, schreibt und zeichnet unentwegt in sein Tagebuch. Ein neuer Allen Ginsberg? Who knows? Adam liegt erschöpft da und starrt mit seinem typisch romantischen “Ich schaue durch alles hindurch”-Blick in die Ferne. Kimya, die einzige Dame der Crew, erweist sich dagegen als straight wie schon auf der Bühne, wo ich die Band am Vorabend in Wiesbaden bewundern durfte. Von Erschöpfung war da nichts zu spüren, im Gegenteil: Die ganze Show war voller Leben und Herzlichkeit. Nach dem Gig sah man im Publikum ausschließlich paralysierte Menschen, die ein bekifftes Grinsen im Gesicht trugen. Eine Welle von Glück hatte alle erfasst, vor allem jene, die nach dem Konzert noch von der Band rituell umarmt wurden.

Der Name Anti-Folk klingt böse, meint aber etwas ganz anderes: die Rückkehr von Herzlichkeit, eine Welle von Versöhnung, so puschelig wie das Einhorn-Kostüm, unter dem Toby jeden Abend schweißgebadet die Gigs bestreitet. Und dann war da noch Adams Geburtstag, 21 ist er geworden: Mitten im Set will Adam gerade mit dem Singen loslegen, doch die Band bricht ab und stimmt “Happy Birthday” an. Diese Art, sich auf der Bühne unter sehr viel Lachen als Freundeskreis zu präsentieren, steckt an: Die Moldy Peaches verkörpern einen neuen Typus von Band. Obwohl sie zu sechst richtige Power haben, sind sie ganz weit weg von diesem straighten Rock-Ding und allesamt auf betörende Art feminin.

Ähnlich friedlich und ganz ohne Futterneid läuft dann auch das Grillen bei erschwertesten Bedingungen ab, eine Art Härtetest, wie man ihn sonst nur von japanischen TV-Shows her kennt. Chips werden in die zahlreich vorhandenen Barbecue-Saußen getunkt, und am Ende bleiben sogar noch Tonnen von Gemüsespießen übrig. Adam hat inzwischen Grateful Dead aufgelegt, eine Platte aus deren wirklich guten Frühsiebziger-Country-Phase, die heute leider fast vergessen ist.

Per Handy meldet sich Thomas Venker aus den USA: Er sitzt gerade zusammen mit Jeffrey Lewis in der Wohnung von dessen Eltern. Jeffrey ist ein guter Freund der Moldy Peaches, hat das Cover ihrer ersten Platte gestaltet und eine ebenfalls tolle Soloplatte bei Rough Trade rausgebracht. Wir sind dadurch kontinental übergreifend vereint. Und müssen uns aufziehen lassen wegen des einst gescheiterten “Kochen mit Master P”. Die Peaches machen Späße darüber, als ihnen zum dritten Mal erzählt wird, wie dieser nur fürs Foto mit dem erstellten Essen posierte, um sich dann letztlich bei Burger Kings Take-Away schadlos zu halten.

Nun ja, bevor es peinlich wird wegen unserer Redundanz bricht die Sonne heraus, die Schatten werden lang. Adam erzählt, warum sie “New York City’s Like A Graveyard” nicht mehr live spielen, eine Frage, die er sich auf der Tour bestimmt tausendmal anhören muss. Immer wieder wurde das Stück mit Zeilen wie “All the yuppies getting buried” mit dem 11. September assoziiert, doch das findet er ziemlich zynisch. “Ich muss auf der Bühne ständig lachen”, sagt Adam, “wenn ich aber bei diesem Lied lachen würde, wäre das ziemlich geschmacklos.” Die Texte der Band sind derb und streckenweise brutal desillusionierend (so ewige Zeilen wie “I want to be a hippie but I forgot how to love” – und dann Grateful Dead hören!), doch wer die Moldy Peaches einmal persönlich mitbekommen hat, weiß, dass die eigentliche Botschaft des Anti-Folk doch liebevoll ist.

Entsprechend brav fragen sie im Park einen einsamen Basketballspieler aus dem sozialen Brennpunkt des Surroundings, ob sie mit ihm spielen dürfen, und kommen mit enttäuschten Gesichtern zurück: “Er lässt uns nicht.” Unser Fotograf hechtet heim und bringt einen Ball mit – der Frieden ist wieder hergestellt. Unsere Sonnenscheinchen verbringen einen sportlichen Chill-out im Freien. Da sind auch wir Älteren zufrieden. Joie liegt auf dem Rasen, seine grünen Haare lodern in der Abendsonne, Toby schreibt neben ihm noch immer ins Tagebuch. Der Rest vertritt New York City würdevoll am Basketballkorb, mit ihrem Vollmond-Schopf sieht Kimya aus der Ferne wie King Buzzo von den Melvins aus.

Alles hätte noch stundenlang so weitergehen können, ein Zeitloch mitten in einem namenlosen Park in Köln, hätte ein Platzregen dem Ganzen nicht ein jähes Ende bereitet. Wir hechten zu den Autos, Linus packt den Grill mitsamt glühenden Kohlen in den Kofferraum. Nach kurzem Abtrocknen gehen die Moldy Peaches ihrer Wege – für den Abend ist kollektives “Attack Of The Clones”-Gucken angesagt. Auf Wiedersehen. Wir werden euch im Geiste und mit Worten begleiten, auch noch auf Jahre. Versprochen.

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Foto: Rainer Holz

 

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