Samstag, 7.12.2019
Ilgen-Nur

Ilgen-Nur – Das Glück der traurigen Einzelgängerin


Ilgen-Nur ist glücklich. Sie ist zwar bereits 23 Jahre alt, wenn sie Ende August ihr Debütalbum rausbringt, und damit drei Jahre älter als ihr Teenageridol Kate Nash bei ihrem Debüt, aber zeitlich bewegt sie sich dabei noch immer im selbstgesteckten Erwartungsrahmen. Und 
wichtiger, ihre Band besteht aus drei Männern, die älter sind als sie – aber zusammen spielen sie immer ihre Songs.

Im Herbst tourt Ilgen-Nur mit ihrer Band erstmals durch Europa. Die Konzerte werden dort wohl nicht so voll sein wie in Deutschland, aber es ist ihr nächster Schritt hin zu einer internationalen Karriere. Heute empfängt sie mich erst Mal noch in den Räumen ihres Managements zum Interview. Wir reden über das Einzelgängerinnendasein, Frauen im Musikbusiness und warum es wichtig ist, traurige Songs zu schreiben.

Seit Ilgen-Nur aus der schwäbischen Provinz nach Hamburg gezogen ist, ging alles ganz schnell: Die erste EP “No Emotions” kam 2017 auf Kassette raus. Bald danach spielte sie als Vorband von Tocotronic und in diesem Jahr vor dem Altbauwohnungspublikum von AnnenMayKantereit. Wegen ihrer Musik (und wohl auch wegen ihres Geschlechts) sieht die deutsche Musiklandschaft in ihr eine Wiedergängerin des US-amerikanischen Indie-Slackertums. Wer von ihrer Musik erzählt, bedient sich an Vergleichen, Snail Mail und Courtney Bartnett fallen dabei oft.
Ilgen-Nur liebt die Musik von beiden, doch sie sagt: „Ich würde mich auch freuen, wenn die Leute mich mehr mit Männerbands vergleichen. Jemand hat mal Kurt Vile als Referenz genannt. Das fand ich schon richtig cool.“ Real Estate sind eine weitere Band, die einem von Klang und Ausdruck einfallen, wenn man einen Song wie “Soft Chair” hört – und das nicht nur, da die Metapher „whilst you were talking backwards“ wohl aus dem Real Estate Song “Talking Backwards” herüber geschmuggelt wurde; vor allem die melodisch dengelnde Lead Gitarre von Paul Pötsch (die sich trotzdem in den Gesamtsound eingliedert) erinnert an die Band aus New Jersey.
Doch trotz dieser so nah verwandten Soundwelten zieht jedoch kaum jemand den Vergleich. Das Problem wird selbst den vermeintlich aufgeklärten Pop-Journalismus noch einige Jahre begleiten, Männerbands gelten immer noch als professioneller. Kurt Vile wird allerorts als herausragender Gitarrist eingeordnet, der ruhig ein langes Solo nach dem andern spielen darf. Snail Mails Storyline ist dagegen  jene des High School Mädchens, die einfach ein Album gemacht hat. Dabei wird sie in wenigen Jahren besser Gitarre spielen als der langhaarige Softrocker.

Vielleicht ist die neue Grundhaltung des weiblichen Indie-Pop genau das richtige Gegengift. Schließlich hat ein ausgestellter Dilletantismus schon den Prog Rock der 70er für einige Zeit ruhiggestellt. Dennoch ist es ein schwieriges Unterfangen: Die Künstlerinnen befinden sich in einem Akt der notwendigen Balance. Sie müssen dilletantisches Understatement zeigen und gleichzeitig künstlerisch und musikalisch souverän sein. Bei Künstlerinnen wie Phoebe Bridgers scheint dies schon zu gelingen.

Auch Ilgen-Nur kann sich nicht ganz entscheiden, in welche Ecke sie sich stellen will: „Ich finde Clementine Creevy von Cherry Glazer richtig geil. Sie hat sich dafür entschieden vor allem Gitarristin zu sein und darin richtig gut zu werden. Wenn sie nicht auf Tour ist, nimmt sie immer noch einmal die Woche Gitarrenunterricht. Mein Wissen ist dagegen sehr begrenzt. Das ist nicht schlimm. Ich hab trotzdem eine gute Platte aufgenommen, aber manchmal würde ich mir wünschen, mehr zu verstehen.“

Auch im Zusammenspiel mit ihrer Band kommen die kreativen Impulse von ihr – die Band interpretiert. „Meine Band ist schon sehr gut, das hilft mir.“ Diese sehr gute Band ist eine Art Hamburger Indie-Supergroup mit Gitarrist Paul Pötsch (Trümmer), Bassist Laurens Bauer (Erregung öffentlicher Erregung) und Drummer Simon Starz. Auf Ilgen-Nurs Konzerten entfaltet die Band enorme Energie, treibt die Musik voran und verziert sie mit rhythmisch-harmonischen Schlenkern. Über dieses Gerüst trägt Ilgen-Nur ihre meist melancholischen Texte vor. Manche Titel sprechen für sich: “Nothing Surprises Me” oder “You’re a mess”. Bei anderen Titel erschließt sich der Sinn erst später, beispielsweise bei “New Song II”, dem besten Song des Albums. Nach einem kurzen Doppelgitarrenintro setzt bei diesem Ilgen-Nurs Stimme gemeinsam mit Bass und Drums ein. Ihr Gesang schwebt melodisch über dem Song. Im Refrain schwingen sich die Gitarren schließlich hinauf zu ihrer Stimme und ein Klavier ergänzt den Melodienreichtum. Hier entfaltet auch die durchweg gute Produktion von Max Rieger ihren größten Zauber. So umhüllt von Musik, singt Ilgen-Nur die Zeilen: „It’s not like / I want to / hurt you.“
Wie bei allen anderen Songs kann sie genau sagen, wovon der Song handelt: „Das Lied ist über Ghosting. Ich wurde in meinem Leben so oft geghostet – und war immer richtig fertig davon. Doch dann hab ich das selber gemacht und gemerkt, jetzt war ich selber das Arsch.“

Die klaren Botschaften ihrer Texte sind Ilgen-Nur wichtig. Schließlich sollen die Songs die Zuhörer_innen berühren und Gefühle auslösen. Wäre es nicht schön, wenn sie sich weniger alleine fühlen würden durch die Musik? Dass sie ihnen das Gefühl schenken würde, dass es auch andere Menschen gibt, die mit ihren Gedanken und Beobachtungen alleine sind?
In  „Deep Thoughts“, dem letzten Song auf dem Album, singt Ilgen-Nur: „With my deep thoughts / I’m on my own.“ „Auf dem Album geht es viel um das Leben als Einzelgängerin“, sagt sie selber dazu.

Das Video zur ersten Single „In My Head“ zeigt Ilgen-Nur als eben diese Einzelgängerin. Sie schlendert durch New York, beobachtet Skater und zieht an ihrem Vaporizer. Der Song lebt von seinem durchgängigen Beat, der direkt Lust macht, selber durch eine Großstadt zu ziehen. Doch trotz des positiven Grundfeelings endet der Song mit der Feststellung: „I might be the happiest / when I’m on my own.“

Sie schreibe lieber traurige Songs, weil es „schon genug fröhliche Songs gibt. Wenn Männerbands ein ganzes Album darüber schreiben, dass ihre Freundin weg ist, werde ich ja wohl noch traurige Songs schreiben dürfen, merkt sie energisch an. Bei Frauen heißt es immer direkt, sie seien weinerlich.“ Mitski, die Ilgen-Nur sehr bewundert, habe mal die Zeile gesungen: „Maybe I’m the same as all those men / Writing songs of all they’re dreaming.“ Alles ist als Thema erlaubt – vor allem der Schmerz. Dabei sei sie gar nicht immer so gelangweilt und traurig, aber irgendwie ist das zu ihrem Image geworden.
Obwohl sie sich gegen zu häufige Vergleiche wehrt, teilt sie diese Herangehensweise mit den Protagonist_innen der amerikanischen Indie-Szene. Sie  beobachtet genau, was dort passiert:. „Mein Goal ist auf jeden Fall eine US-Tour.“ Jetzt stehen aber erstmal Konzerte in Paris, London und Amsterdam an – auch wenn sie noch immer  Selbstzweifel mit sich herumträgt: „Sind meine Texte gut genug? Kann ich gut genug Gitarre spielen? Warum sollten die Leute eine Künstlerin aus Deutschland hören wollen? Ich hab mega viel Arbeit vor mir.“

Fürs Foto guckt Ilgen-Nur extra gelangweilt. So ein Image will gepflegt werden. Photo: Simon Rösel

Dass sie in der Lage ist, ihre künstlerische Ausdrucksweise weiterzuentwickeln, zeigt sie schon in den Titeln ihrer Veröffentlichungen: “No Emotions” von 2017 war ein ernster Titel mit ironischem Bruch – singt sie doch auf der EP ausschließlich über Emotionen. “Power Nap” geht einen Schritt weiter und lässt Welten aufeinanderprallen, in dem sie den Power Nap nicht nur als kurze Erholungsphase innerhalb eines High-Performer_innen-Arbeitstages definiert, sondern mit ihm Schläfrigkeit und Rumhängen als Dauerzustände benennt, die in wenigen kraftvollen Minuten implodieren – und so neue Songzeilen entstehen lässt.
Vielleicht würde diese Art von Power Nap einigen High-Performer_innen ganz gut tun, sie hätten dann mehr Zugang zu ihren Emotionen und könnten sich eingestehen, dass auch sie Einzelgänger_innen sind. Dann hätten sie die Chance, auch als traurige Einzelgänger_innen glücklich zu werden.

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