Kaput Revisited – 27.02.2011, Berghain, das Protokoll eines einst normalen Techno Sonntags

Im Berghain mit Marcel Dettmann: 24 Stunden sind mehr als eine Nacht

Marcelo Dettmann mit koketten Blick vor seinem zweiten Wohnzimmer (Photo: Sibilla Calzolari )


Am 27. Februar 2011 begleiteten Sebastian Ingenhoff und Thomas Venker den Berghain-Resident-Dj Marcel Dettmann ins Berghain – vom Plattenpacken Zuhause über das Disco-Schläfchen (getrennt) und den Wachmacher-Kaffee bis hin zum Abschieds-Shot.  Das sind ihre Erinnerungen.

Photos: Sibilla Calzolari

 

Marcelo Dettmann (Photo: Sibilla Calzolari )

27.02.2011, 00:01h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Marcel Dettmann öffnet die Wohnungstür und bittet herein. Er ist gerade erst vom Flughafen heimgekommen. Die letzten zwei Nächte hat er in Leeds und Stockholm aufgelegt und kaum geschlafen. Doch es gibt keine Schonung: Das monatliche Marathon-Set im Berghain steht bevor. Trotzdem sieht er erstaunlich fit aus. Sein Rezept: viel Sport, konsequenter Drogenverzicht und gesunde Ernährung.

27.02.2011, 00:36h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Dettmann freut sich über das mitgebrachte Kioskbier. Er erweist sich als umgänglich, allürenfrei. Jetzt heißt es, Platten zu packen. Dettmann setzt auf Vinyl, nimmt für ein 7-Stunden-Set ca. 250 Platten mit. 30 bis 40 Lieblingsplatten sind immer dabei, ansonsten wird das Case für jeden Gig neu bepackt.

27.02.2011, 03:00h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Plattentasche gepackt. Zeit für ein kleines Disco-Schläfchen.

27.02.2011, 08:00h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Der Wecker klingelt. Frühstück mit Ehefrau Stephanie und Kaffee und Brötchen. Nur noch drei Stunden bis zum Gig. Die Anspannung wächst. Dettmann nennt es »das Berghain-Lampenfieber«.

27.02.2011, 10:13h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Aufbruch mit dem Taxi ins Berghain. Guter Vorsatz des Autoren Ingenhoff: gesundes Ausgehen. Kein Alkohol, keine Drogen, keine Zigaretten. Dettmann, der oft schon montagmorgens um 8 Uhr den ersten Personal-Trainer-Termin der Woche hat, bittet auch gleich zum Sport: Autor Ingenhoff darf eine Plattenkiste schleppen. Er jammert, das Ding ist nämlich höllisch schwer. Personal Trainer Dettmann gibt Anweisungen: Rücken gerade halten beim Hochheben.

27.02.2011, 10:48h, Berlin, Berghain
Es ist ein herrlicher Tag, die Sonne scheint, wir werden sie heute allerdings nicht mehr sehen. Paralleluniversum Berghain. Der Künstler wird per Aufzug direkt zum Backstage gefahren. Die Pforten der Hölle öffnen sich. Tommy Four Sven brettert noch in den letzten Zügen durch sein Set. Die Bässe wummern infernalisch. Allein die Monitorboxen sind gefühlte dreißigmal lauter als in jedem herkömmlichen Club. Vom DJ-Pult aus hat man einen atemberaubenden Panoramablick auf die mit Stroboskop-Zombies gefüllte Tanzfläche.

Marcelo Dettmann, noch koketter (Photo: Sibilla Calzolari )

 

 

 

 

27.02.2011, 11:11h, Berlin, Berghain
Schichtwechsel im Berghain: Dettmann spielt sein erstes Stück und trinkt Sekt auf Eis. Frisches Blut jetzt auch auf der Tanzfläche. Viele erscheinen erst vormittags pünktlich zu seinem Set. Die ersten Groupies bauen sich vor dem DJ-Pult auf und betreiben Plattenspotting. Neben den Fans sind viele Freunde und Bekannte anwesend. Man reicht sich Shots. Das Konzept des »gesunden Ausgehens« wird spontan zur Schnapsverheißung umfunktioniert und mit selbigem begossen. Immerhin knapp eine Stunde durchgehalten, das Ganze.

27.02.2011, 13:23h, Berlin, Berghain
Dettmann fährt nach dem Bretterset des Vorgängers wieder etwas runter und spielt sehr gefühlvoll. Kein reines Technoset, sondern auch House. Zwischendurch immer wieder poppigere Stücke, ein Ron-Hardy-Edit schält sich zwischenzeitlich heraus, dann sogar ein Stück von Human League. Minutenlange Übergänge, perfektes Mixing. Bei dem Lärmpegel auf der Bühne eine Kunst für sich.

27.02.2011, 15:21h, Berlin, Berghain
Depeche Modes »Photographic« lässt das Berghain toben. Die Tanzfläche ist gut gefüllt. Sehr angenehme Atmosphäre, man lächelt sich an, halbnackte Gay Bears mit Körperbehaarung tanzen friedlich neben Hipstern und Touris. Gelebter Technokommunismus: Zigaretten, Wasser und Streicheleinheiten werden sorgsam geteilt. One nation under one groove.

27.02.2011, 15:55h, Berlin, Berghain
Der Chicago-House-Track mit der besten Bassline aller Zeiten is making people sick: Adonis’ »No Way Back« lässt wirklich jeden euphorisch aufschreien. Die Arme gehen wie von allein hoch.

27.02.2011, 16:18h, Berlin, Berghain
Einer dieser besonderen Berghain-Momente: Ein junger, schmalhüftiger Tänzer entert das DJ-Pult und fängt an zu masturbieren. Die Hose hängt schon in den Kniekehlen. Die gewünschte Erektion will sich jedoch beim besten Willen nicht einstellen. Die Umstehenden starren eher amüsiert auf seinen schrumpeligen Speedpimmel. Unbefriedigter Dinge verlässt er die Bühne. Die Security muss nicht einschreiten. Dettmann ist wie in Trance, kriegt von dem ganzen Spektakel nichts mit.

27.02.2011, 16:48h, Berlin, Berghain
Dettmann küsst die ihm entgegengereichten Fäuste und Hände. Ein junges Mädchen schmeißt einen Zettel auf das Mischpult. Die Kritzelschrift verrät: »I (Herz) this track. It’s yours, right?« Auch Dettmann gibt sich herzlich, sein Kumpel Terence Fixmer wird fast erdrückt vor Liebe bei der Begrüßung.

27.02.2011, 17:23h, Berlin, Berghain
Das Set neigt sich dem Ende zu. Nachfolger Chris Liebing baut schon seinen Laptop-Fuhrpark auf. Dann ist mit einem Detroit-Klassiker um 17:23h Schluss – bereits zwei Minuten später hat Dettmann den Titel seines letzten Stücks vergessen, scheint sich immer noch in Trance zu bewegen. Die Freunde kommen zum Gratulieren hinter das DJ-Pult, es gibt Shots und Umarmungen mit der Community.

27.02.2011, 17:27h, Berlin, Berghain
Ab in den Aufzug und raus aus dem Berghain. Das Intro-Fotoshooting steht an, denn im Berghain selbst herrscht striktes Fotoverbot. Die gerade erschienene Fotografin Sibilla Calzolari schaut uns mit großen Augen an. Wir blicken mit großen Augen zurück. Aber so sieht man eben aus, nach sieben Stunden Durchtanzen. Und die »Nacht« ist ja noch jung.

27.02.2011, 21:40h, Berlin, Berghain
Nach dem Set ist vor der Party. Die Dettmann-Posse feiert weiter in der angegliederten Panorama Bar.

27.02.2011, 22:37h, Berlin, Berghain
Ein umsichtiges Mädchen sorgt sich um die trockenen Lippen von Autor Ingenhoff, dessen Zurechnungsfähigkeit längst eingebrochen ist. Sie hat sich Lippenbalsam auf die Fingerkuppe geschmiert und will es ihm zärtlich auf den Mund tragen. Der wiederum wittert Exzess und saugt den Balsam von dem Finger wie ein Baby. Wieherndes Gelächter von allen Seiten.

28.02.2011, 00:43h, Berlin, Berghain
Dettmanns Arbeitstag geht zu Ende. Er macht sich mit seiner Frau auf den Heimweg. Ganz nüchtern wirkt er nicht mehr, dafür aber umso erfüllter. Ob er wirklich um acht Uhr morgens beim Personal Trainer aufläuft? Vielleicht diesmal eher nicht. Aber wer will schon immer vernünftig sein? Irgendwann möchte man doch auch sagen können: Wir haben gelebt. Eine letzte Umarmung und dann heißt es: Danke für eine magische Nacht. Oder war das hier wirklich ein Tag?


Der Beitrag ist 2011 in der Print-Version des Kulturmagazins Intro erschienen. 

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