Klaus Beyer, der Beatles-Übersetzer wird 70

Klaus Beyers Birthday, der 70. 


Happy Birthday to Klaus Beyer.

WAS MAN KAUM KAUFEN KANN



Klaus Beyer wird 70. Dazu ließe sich – neben Herzlichen Glückwunsch! – sehr viel sagen. Ausführlich könnte das fabelhafte Super8-Werk des am 8. Juli 1952 geborenen Kreuzberger Universal-Künstlers beschrieben werden, ebenso seine Auftritte in Arbeiten von Independent-Regisseuren wie Jörg Buttgereit, Maurice Taube und Christoph Bennewitz. Man könnte auch einfach schweigen und sich einmal mehr Beyers Arbeiten mit Christoph Schlingensief ansehen, wie er als Odin in „Der Animatograph“ sein Schwert gegen einen Strauß erhebt (während im Hintergrund ein Geysir ausbricht) oder in „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ die Disziplinen Büttenrede und Fürbitte vereint (nicht lange, nachdem ihn selbst ein Schlaganfall vorübergehend außer Gefecht gesetzt hatte). Hier aber soll es um Klaus Beyer, den Beatles-Übersetzer gehen, aus mindestens drei Gründen.

 

Ein Beitrag von Ralf Krämer

 

Der erste Grund: Natürlich die Übersetzungen selbst. Falls es jemand noch nicht wissen sollte: Klaus Beyer ist mit großer Wahrscheinlichkeit der einzige Künstler weltweit, der sämtliche Songs aller regulären Beatles-LPs in seine Muttersprache übertragen hat. Eigene Texte hatte er schon als Teenager geschrieben, zur Übersetzungen inspirierte ihn, so kann man es Frank Behnkes Standardwerk „Das System Klaus Beyer“ entnehmen, der Radio-Journalisten Kai Bloemer. In dessen Rubrik „Schlagerenglisch“ wurde die Bedeutung englischer Song-Lyrics erklärt, offenbar auf eine hinreißend akademisierte Weise, wie man zum Beispiel hier am passenden Beispiel  nach hören kann. In dem munteren Wechsel zwischen Deutsch und Englisch, der für heutige Frühstücksradio-geschmierte Ohren wahrscheinlich unhörbar klingt, entsteht eine dritte Art Text, eine ganz eigene Poesie. Sie hat wohl Beyer auf die Spur gebracht, ab 1980, neben seiner regulären Arbeit als ausgebildeter Wachs- und Kerzenzieher, eigene Übersetzungen der Beatles-Songs zu erstellen. Eine neue Idee war das natürlich nicht. Das Spezielle am Beyerschen Ansatz lässt sich daher am besten im Vergleich zu anderen ausmachen.

Klaus Beyer & sein Yellow Submarine

Zu nennen wären da an erster Stelle John-Paul-George-und-Ringo selbst, die 1964 eine deutschsprachige Single herausbrachten. Wie man dem Buch „1000 Nadelstiche“ (auch ein Standardwerk, herausgegeben vom verdienstvollen Label Bear Family) entnehmen kann, waren für den „Sie liebt Dich!“-Text der Religionslehrer und Plattenfirmenangestellte Lawrence Yaskiel und Camillo Felgen verantwortlich. Felgen, ein „Top-DJ“ von Radio Luxemburg, wurde mit der Anti-Trau-keinem-über-30-Hymnne „Ich Hab‘ Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren“ später selbst zum Schlagerstar.
Für die Pilzköpfe verwandelten er und sein Mitautor gleich die erste Strophenzeile „You think you lost your love“ in „Du glaubst, Sie liebt nur mich“. Aus dem freundschaftlichen Dialog, von dem „She loves you!“ handelt, wurde ein Gespräch zwischen Rivalen. Auch in der Frage nach Schuld und Vergebung scheinen die Verhältnisse auffallend verdreht. Aus „She said you hurt her so, she almost lost her mind“ machen Yaskiel und Felgen „Sie hat Dir weh getan, sie wusste nicht warum.“ Psychologisch könnte man daraus manche Schlüsse ziehen. Technisch gesehen stellt diese deutsche Übersetzung Schlichtheit und Singbarkeit über inhaltliche Nähe.

(Mit)-Singbarkeit spielt auch für Klaus Beyer die entscheidende Rolle. Nach Möglichkeit bleibt er aber inhaltlich dichter am Original. Bei ihm heißt die erste Zeile: „Du denkst, du hast sie verlor’n“ (darauf reimt sich dann schöner Weise „Sie hat Dich auserkor’n“). Der Schmerz, den Lennon&McCartney diagnostizieren, bleibt an der ursprünglichen Adresse, wird von Beyer aber an der Wurzel gepackt: „D‘ denkst, Du hast sie versetzt, du hast nicht viel Geduld“. Es folgt das auffallend reflektierte: „Du hast sie unterschätzt, du bist daran nicht schuld.“ Bei Beyer und den Beatles läuft alles eher auf ein Missverständnis zweier Herzen heraus, während Felgen und Yaskiel das Bild eines Jungen zeigen, der offenbar der grundlosen Launenhaftigkeit seiner Flamme ausgeliefert ist. Er entschuldigt sich sogar bei ihr, obwohl er gar nichts getan hat.

Klaus Beyer und die große Showtreppe

Ähnlich Eindimensionales findet sich in der Nachdichtung von „Can’t buy me love“ durch den späteren Bravo-Fotografen Dieter Zill, der 1965 mit seiner Band Didi & his ABC Boys ein ganzes Alben deutscher Beatles-Cover einspielte. Während das Original der auf die Zukunft gerichteten Selbstbeschreibung im Stil eines Kontaktanzeigentextes zum Thema Materialismus folgt, ist Zills Text eine einzige Litanei. Der Sänger wird von einer undankbaren Frau ausgenutzt, bis er im Kehrvers feststellt „Mir blieb nicht eine Mark“ – prompt sagt sie „Bye, bye.“ Hätte er mal auf Klaus Beyer gehört, der, ganz im Hier und Jetzt singt: „Ich kauf ’nen goldnen Ring mein Girl, und ich weiß, dass er dich freut.“ Und trotzdem weiß er „Man kann sich kaufen, was sehr schön ist. Doch Liebe gibt’s nicht für Geld.“ Die aus den Kehlen der Liverpooler Plattenmillionäre schon 1964 recht kokett klingende Zeile „I don’t care too much for money“ bekamen, nebenbei bemerkt, weder Beyer noch Zill über die Lippen.

Das eigentlich Frappierende an den Beyerschen Texten ist allerdings, wie er in der Suche nach Nähe zum Original eine ganz eigene, große Freiheit findet. Und damit ist nicht jene gemeint, die sich zum Beispiel Udo Lindenberg nahm, als er aus „Penny Lane“ seine Hymne an die „Reeperbahn“ formte. Es ist eine Freiheit, die eher an einen expressionistischen Wortkünstler wie August Stramm erinnert, auch jemand mit einem bürgerlichen Beruf, der im Ersten Weltkrieg an der Front fiel, aber vorher noch als Amateur-Dichter aus Leidenschaft Wörter so zusammenbrachte, dass sie seinem Empfinden besser entsprachen. Er behandelte Substantive und Adjektive wie Verben und erfand Worte wie „Wahnnichtig“, ohne sich zu scheren, dass ihm so etwas zu Schulzeiten die Versetzung hätte kosten können. Wenn der „Taxman“ der Beatles, eine Silbe halb verschluckend, bei Beyer zum „Finanzmann“ wird, dann ähneln sich beide Worte nicht nur, auch die ganze ärgerliche Macht und Bedrohung, die der Begriff Taxman nunmal mit sich bringt, wird im „F’nanzmann“ spürbarer als in der gebräuchlichen Übersetzungen Steuerfahnder oder Finanzbeamter. Ähnlich verhalten sich die Songtitel „You’ve got to hide your love away“ und „Du hast die Liebe weggestellt“ zueinander, oder „Dear Prudence“ und „Lieb Prudence“ oder „We Can Work It Out“ und „Doch wir kommen aus.“ Nach Wittgensteins „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt,“ erweist sich Klaus Beyers Universum als bewundernswert dehnbar und durchlässig – und in dieser Welt findet eben auch Beyers Gesamtwerk Platz, das man aus Gründen zumeist nicht im Laden kaufen, wohl aber über die Seite seins Fanclubs entdecken kann.


Der zweite Grund, sich gerade jetzt mit Beyers Beatles-Übertragungen zu beschäftigten
, ist ein sentimental-ambivalenter und steht unter dem Eindruck von Paul McCartneys Auftritt auf dem Glastonberry Festival Ende Juni, eine Wochen nach dem 80. Geburtstag des Ex-Beatles. Man muss sich nicht besonders für McCartneys Werk nach 1970 interessieren, um angesichts seiner 2 3/4-stündigen Show inkl. Gastauftritten aus den folgenden Generationen (Springsteen und Grohl) geplättet zu sein. Was für Songs! Was für ein Spaß! Kendrick Lamar, den Headliner des anderen Festivaltages miteinbeziehend, wurde hier ein mächtiger popkultureller Bogen geschlagen. In ferner Zukunft auf diese zwei Tage zurückblickend wird man wohl sagen können: Es war nicht alles schlecht, im ersten Vierteljahrhundert des neuen Jahrtausends. Und trotzdem gibt es in McCartneys Aufführungspraxis immer wieder Momente der Erstarrung, besonders spürbar in den gefühlt endlosen Wiederholung des Kehrverses von „Hey Jude“. Wenn hier schon der Kater danach auf den Rausch übergreift, wirkt ein Griff zu Klaus Beyers Übertragung („Die Freiheit, die ist auf deinen Schultern“) zuverlässig gegen museale Ermüdung.


Drittens: Es ist an der Zeit, Klaus Beyers Einfluss auf Songwriter zu würdigen
, die man in seinem Zusammenhang nicht als erste auf der Rechnung hat. Der immer wieder gern gezogene Vergleich zum vor drei Jahren verstorbenen Daniel Johnston geht, trotz mancher Berechtigung, eher am Ziel vorbei. Beyer ist eine andere Art Performer, eher ein cooler Punk mit Pop-Appeal, während Johnston, der Blues-Mann mit den weinenden und einem lachenden Auge nicht ohne Grund gleich zwei Alben „Songs of Pain“ genannt hatte. Einen noch etwas engeren Verwandten im Geiste Beyers findet man wohl in Ivor Cutler, den 2006 mit 83 Jahren verstorbenen britischen Poeten und Lehrer an der Demokratischen Schule in Summerhill. Er wurde mit seinen schlichten, aber immer auch zum versponnen Poetischen neigenden Liedern in den frühen 60ern zum Radio-Star.

Klaus Beyer

Paul McCartney gab ihm die Rolle des Busfahrers im Beatles-Film „Magical Mystery Tour“. John Peel nahm ihn auf. Einen besonders markanten Gastauftritt hatte Cutler 1974 in Robert Wyatts „Little Red Robin Hood Hit the Road“. Von ihm stammt auch, langsam schließt sich der Kreis, das letzte, oft überhörte Lied „Beautiful Cosmos“ auf Jochen Distelmeyers „Songs from the Bottom Vol.1“. Wer immer sich seit den späten Blumfeld-Alben über Distelmeyers zunehmend zur Klarheit strebende Poesie („Ich bin der Apfelmann, Baby!“) gewundert hat, oder jetzt, auf seinem neuen Album „Gefühlte Wahrheiten“ über die drei fast konservativ wirkenden, englischsprachige Countrysongs grübelt („Roads of regret, please take me home“) findet bei Cutler eine Quelle. Und eben auch bei Klaus Beyer. Distelmeyers „Apfelmann“ reimt sich nicht umsonst auf „Finanzmann“. Auch das Beatle-Beyersche „Du verlierst Dein Girl“ findet sich in jener lässigen Popsprechinfiziertheit wieder, die in Distelmeyers Songs, aber auch in seinen Interview-Statements verlässlich aufblinkt. Entsprechend überraschte es nicht, dass Jochen Distelmeyer vor einigen Jahren bei einem Klaus-Beyer-Konzert in einer Kneipe in Berlin Prenzlauer Berg gesichtet wurde. Er wirkte beseelt. Am Ende der Show wurden Worte gewechselt und es gab ein Autogramm. Von Beyer, für Distelmeyer.

P.S. „Willst Du mich ehren und auch ernähren, wenn ich 70 bin?“ fragte Klaus Beyer bereits 2006 in seiner Fassung von „When I’m 64“ (wie weiter oben angespielt; Anm. d.Redaktion). Endlich kann man ihm antworten. Statt die angemessenen „Entkorkungsarbeiten an mannshohen Sektflaschen“ weiträumig zu umfahren (vor denen wird in seiner Adaption von „Revolution 9“ gewarnt), geht Beyer vom 13.-23.7. auf Tour, von Berlin über Hamburg nach Nürnberg. Eine „Rästelhaft Magische Tour,“ versteht sich.

 

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