Montag, 21.10.2019
Der Kulturkampf um Frauenkörper im Pop: Songs über Schwangerschaftsabbrüche

Papa, Don’t Preach: Abtreibungen, (k)ein Poptabu?!

Illustration: Yella Roth

Ganz im Sinne von slow journalism geben wir uns in diesem Monat nicht dem nächsten und neusten Hype hin. Stattdessen nehmen wir uns Zeit und hören genauer hin, suchen die explizit feministische Perspektive auf Popkultur.
Im zweiten Text der von Aida Baghernejad kuratierten Reihe begibt sich Julia Lorenz auf eine Spurensuche: In Songs über Schwangerschaftsabbrüche spiegelt sich die Debattengeschichte des komplizierten Themas – inklusive ihrer Leerstellen. Denn der Kulturkampf um Frauenkörper wird auch im Pop geschlagen

Als man noch nicht über Sex singen konnte, sang man über Petersilie. Und das ging so:

Rosmarin und Thymian
wächst in unserm Garten.
Unser Gretchen ist die Braut,
will nicht länger warten.
Roter Wein und weißer Wein,
morgen soll die Hochzeit sein.
Petersilie Suppenkraut
wächst in unserm Garten.
Mutter gib mir einen Mann,
ich kann nicht länger warten

In den zehn Versen des Kinderlieds „Petersilie Suppenkraut“ stecken Jahrhunderte Gynäkologie-Geschichte. Rosmarin und Thymian nutzten Frauen als Verhütungsmittel, lange bevor es die Pille und Kondome gab. Spannend ist aber vor allem, dass im besungenen Garten auch Petersilie wächst – denn die gilt als natürliches Mittel zur Abtreibung. Ist die Petersilie im Beet also ein Indiz dafür, dass Gretchen eben doch nicht bis zur Hochzeitsnacht warten wollte, und schon einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich hat? Oder braucht das lyrische Ich im Song so dringend einen Mann, weil sie selbst schwanger ist und der Familie keine „Schande“ bringen soll?

Menschen wollen in Musik fassen, was sie bewegt – handelt es sich um ein Tabuthema, eben doppelt und dreifach codiert. Abtreibung war so ein Tabuthema, und man könnte sogar sagen: Das ist es noch immer. Zwar reden wir gerade so offen über Schwangerschaftsabbrüche wie vielleicht nie zuvor; trotzdem löst das Thema bei vielen Unbehagen aus. Schlechter Stoff für lockere Popsongs.

Obwohl vermutlich niemandem so spontan fünf Lieder über Abtreibung wie zum Thema Trennung oder Liebe einfallen, kennt die Popgeschichte unzählige Stücke über ungewollte Schwangerschaften und Abbrüche; von Country bis Rap, von Joni Mitchell („The Beat of Black Wings“) bis zu den Sex Pistols („Bodies“), aber dazu später mehr. Manche Lieder verhandeln das Thema explizit, andere so verrätselt, dass der Sinn lange verborgen bleibt: Stevie Nicks von Fleetwood Mac sprach Jahre nicht darüber, dass sie im Klassiker „Sara“ über die ungeplante Schwangerschaft mit ihrem damaligen Freund Don Henley singt. In Songs wie ihren, die sich explizit oder implizit mit Abtreibung auseinandersetzen, spiegelt sich die Debattengeschichte des Themas, inklusive ihrer Leerstellen. Denn der Kulturkampf um Frauenkörper wird auch im Pop geschlagen.

Vom Tabu zur Kontroverse

Während in Prä-Pop-Zeiten Gartenkräuter als Chiffre herhalten mussten, ergriffen später zum Thema Abtreibung vor allem jene das Wort, die nicht direkt betroffen sind: Männer. Und zwar so richtig laut. Viele männlich besetzte Rock- oder Metalbands haben einen „Pro Life“-Song im Repertoire – zum Beispiel Type O Negative oder die christliche Nu-Metal-Gruppe P.O.D. Slayer dagegen war es nicht zu blöde, das Thema Abtreibung für ein Splatter-Stück zu benutzen („Silent Scream“), und auch die Sex Pistols hatten ihren Provokationssong zum Thema: In „Bodies“ bezeichnet Sänger John Lydon eine gewisse Pauline, die gerade eine Abtreibung hinter sich hat, als „verdammte Schande“ („She was a no-one who killed her baby /… / She was an animal / She was a bloody disgrace“) – weshalb das Stück oft als „Pro Life“-Statement gelesen wurde. Lydon stellte immer wieder klar, dass sich „Bodies“ auf keine Seite schlage, behauptete sogar, es gebe wohl keinen direkteren Song über die Qualen einer Abtreibung.

Gerade Musiker, die sonst nicht gerade durch Introspektion auffallen, finden zu ungekannter Emotionalität, wenn es um Schwangerschaftsabbrüche geht. Der Waffenfreund Kid Rock lässt in seinem Song „Abortion“ einen potentiellen Vater nach der Abtreibung Selbstmord begehen, aus Trauer über seinen Verlust. Auch wenn Kid Rock sich gegen Abtreibungsverbote ausspricht („I am no fan of abortion, but it’s not up to a man to tell a woman what to do“, schrieb er im „Guardian“), liefert er mit dem Song ein mustergültiges Beispiel für die Strategie vieler Abtreibungsskeptiker oder -gegner, den Diskurs zu verschieben: weg von den Bedürfnissen der Frauen, hin zu „gesellschaftlicher Verantwortung“ und den Gefühlen des Erzeugers.

Aber auch Künstlerinnen, zum Beispiel die Folk-Sängerin Julie Miller („Dangerous Place“), unterstützten die „Lebensschutz“-Fraktion mit Moral- und Rührstücken. Meistens jedoch sind es eher unbekannte Folk-Sängerinnen, die sich auch sonst in den üblichen Zirkeln bewegen.
Und umgekehrt gibt es Männer, die das Thema frauensolidarisch anpacken: Mit ihrem Song „Moral Majority“ verurteilten die Dead Kennedys die gleichnamige christlich-fundamentalistische und abtreibungsfeindliche Organisation; die Punkband Bad Religion fand in „Don’t Pray on Me“ deutliche Worte gegen Reaktionäre, die über Frauen und deren Körper bestimmen wollen. Eines der sensibelsten Stücke aus Beisteher-Sicht schrieb der Hamburger Liedermacher Bernd Begemann: „Die Nacht vor der Abtreibung“.

Komplexe Gefühle

Obwohl Schwangerschaftsabbrüche der häufigste Eingriff in der Gynäkologie sind, und obwohl so ziemlich jede Frau Betroffene kennt, muss man nach autobiografischen Songs zum Thema schon etwas genauer suchen. Die US-Songwriterin Ani DiFranco sang („Lost Woman Song“), Nicki Minaj rappte schon mehrfach über ihre Abtreibung („All things Go“, „Autobiography“). Eines der ungewöhnlichsten Ich-Stücke zum Thema veröffentlichte 1996 Chan Marshall alias Cat Power. In „Nude as the News“ richtet sie die Nachricht, schwanger zu sein („Jackson, Jesse, I’ve got a son in me“) an die Kinder ihres Idols, als wolle sie die zur Hilfe rufen: Jackson und Jesse heißen Sohn und Tochter von Patti Smith. Kinder, für die sich ihre Heldin einst entschieden hat.

Ungewöhnlich ist der Song auch, weil er sich einer klaren Bewertung der Ereignisses entzieht. Denn wenn Songs aus weiblicher Perspektive über Schwangerschaftsabbrüche erzählen, ob autobiografisch oder nicht, spricht aus den Texten oft: Reue, Scham und Trauma. Abtreibung wird als Zäsur verhandelt, als ultimative Härte im Leben einer Frau, die oft sogar den Tod bedeutet: Im Song „Die Of Shame“ der US-Punkband Tilt stirbt ein Mädchen beim Versuch, den Eingriff selbst durchzuführen. Dasselbe Schicksal erleiden die Protagonistinnen in Cindy Laupers „Sally’s Pigeons“ und „Baby’s Gone“, einem Stück der Riot-Grrrl-Band Heavens to Betsy. Und in Shakiras Song „Se Quiere, Se Mata”, Mitte der 90er ein Hit in Mexiko, kommt eine junge Frau bei der Operation ums Leben.

Die Berliner Rapperin Kitty Kat beschreibt ihre Abtreibung als schweren Einschnitt im Leben. In ihrem Song „Verzeih mir“ adressiert sie das Ungeborene ähnlich emotional wie die Journalistin Oriana Fallaci in ihrem 1975 erschienenen „Brief an ein nie geborenes Kind“; Kitty Cat allerdings entschuldigt sich, dem Rat ihres Umfeldes gefolgt zu sein:

“Die Ärzte sagten damals, du könntest behindert sein
Und 17 Jahre konnten das noch nicht entscheiden
Und die Hälfte meiner Leute rieten mir, dich abzutreiben
Ich war so durcheinander, Mama hatte so viel Angst
Ich war so unerfahren, auf dass du mir verzeihen kannst”

Auch im wohl berühmtesten Song über eine ungeplante Schwangerschaft, Madonnas 80er-Hit „Papa Don’t Preach“, spielt die Meinung der Leute eine zentrale Rolle, nur geht die Sache hier völlig anders aus: Nicht die Abtreibung ist der Sündenfall, sondern die Entscheidung für das Kind. Papa, halt‘ mir keine Predigt, appelliert da die Tochter an den sittenstrengen Vater, ich werde das Kind bekommen. Egal, was alle denken. Wie auch immer frau sich entscheidet: An irgendeinem Punkt der ungewollten Schwangerschaft muss sie Buße tun.

Reue als Klischee

Geht es im Pop um Schwangerschaftsabbrüche, wird viel gelitten, und das aus guten Gründen. Denn ungeplant Schwangere werden stigmatisiert, von der Gesellschaft und in vielen Ländern vom Gesetz, von unsensiblen Ärzten, Partnern und Eltern. Viele von ihnen quälen sich, manche sogar, weil sie nicht wirklich hinter der Entscheidung standen. Aber, so viel Statistik muss sein: Bei der Mehrheit sieht das anders aus. Laut einer repräsentativen Studie aus den USA bereuen 95 Prozent der Frauen ihre Abtreibung nicht, weder unmittelbar danach noch Jahre später.

Wer aus dieser Zahl den Schluss zieht, dass Frauen das Thema leichtfertig angehen, sollte sich vielleicht „My Truth“ anhören, das zweite Album der schwedischen Popsängerin Robyn. Im R’n’B-Pop-Song „88 Days“ zündet sie eine Trauerkerze für das Kind an, das sie nicht bekommen wollte. Und auch die Ballade „Giving You Back“ thematisiert das Ereignis:

“In another time
Another life
In another situation I
Would have made you mine
Would have taken time
To make sure you’d be fine
(…)
Right now, nothing can be right
Right now, nothing can be wrong
All I can do is keep believing”

Auch für Robyn war ihr Fötus kein Nichts, sondern ein Du, die Möglichkeit eines Menschen. Aber anders als zum Beispiel Kitty Kat besingt Robyn statt Zweifel an der Entscheidung ihre Schwermut: Weil sie die Schwangerschaft als bereichernd empfunden hat („With you in me, I was beautiful / Two months of joy“) – aber unter den gegebenen Umständen trotzdem kein Kind bekommen wollte. „Nothing can be right, nothing can be wrong“: So ist das halt oft im Leben, erst recht, wenn es um Abtreibungen geht.

Diskurs ohne Zwischentöne

Solche Zwischentöne sind selten, in der gesellschaftlichen Debatte wie im Pop. Denn über widersprüchliche Gefühle zu sprechen, ist knifflig für ungewollt Schwangere. Gesteht eine Frau nämlich ein, im Zuge ihrer Abtreibung Schmerz erfahren zu haben, gibt sie ja irgendwie den „Lebensschützern“ recht – zumindest aus deren Sicht. Dass Trauer und Schuldgefühle nicht dasselbe sind; dass es überhaupt zwischen Trauma und Egal-Haltung ein riesiges Gefühlsspektrum gibt, von Melancholie bis purer Erleichterung, all das interessiert Abtreibungsgegner wenig.

Das Diskursterrain ist vermint, auch und vor allem in der Musik. Von Warschau bis Washington gehen Frauen auf die Straße, um für ihr Recht auf Selbstbestimmung zu demonstrieren, und trotzdem hat das Pro-Choice-Lager keine Mainstream-Hymne, kein „Respect“ oder „Survivor“. Songs wie „My Body, My Choice“ der englischen All-Girl-Punkband Pussyliquor haben bislang kein breites Publikum erreicht.

Noch rarer als Slogans sind allerdings Songs, die Abtreibungen als das beschreiben, was sie seit Jahrhunderten sind: Alltag. Nicht jeder Abbruch ist ein Drama. Täglich entscheiden sich unzählige Frauen für Schwangerschaftsabbrüche, auf gesellschaftlicher Ebene ist der Eingriff (Anmerkung: Wenn hier von „Eingriff“ die Rede ist, ist der Schwangerschaftsabbruch bis zum 3. Monat gemeint) also längst Normalität. Aber Gesetz und Moral verkehren die Formel „Simpler Eingriff, vertrackte Gefühle“ ins Gegenteil, machen gerade den (ja, für manche sehr schmerzhaften) Routineeingriff zur großen Sache – und unterbinden den Diskurs über die komplexen Empfindungen im Anschluss.

Schwangerschaftsabbrüche als Alltag

Diesen Widerspruch beschreibt die New Yorker Künstlerin Amanda Palmer in ihrem Song „Voicemail for Jill“. Palmer spricht in Interviews, wie auch in Songs ihrer früheren Band The Dresden Dolls, offen darüber, selbst schon drei Abbrüche hinter sich zu haben. Den Song aber richtet sie an eine Freundin:

“Jill, it’s Amanda, just waving from London
I know that you’re going tomorrow, the hardest decision
And I’ve been on the side of the phone for a month
And I know you’re in hell and you know that I know what you’re feeling
Life’s such a bitch, isn’t it?
When you have a baby, they throw you a party
And then when you die they get together for a cry
But no one’s gonna celebrate you
No one’s gonna bring you cake
And no one’s gonna shower you with flowers
The doctor won’t congratulate you
No one on that pavement’s gonna
Shout at you that your heart also matters”

Palmer stellt die berechtigte Frage, warum man für Schwangere und Verstorbene rauschende Feste schmeißt – während Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheiden, niemand mit Kuchen oder stärkenden Worten bedenkt. Erwartungsgemäß brachte allein die Idee einer „Abtreibungsparty“ christliche Medien gegen Palmer auf. Dass sie Jills Entscheidung als „the hardest decision“ bezeichnet, zitieren dabei nur wenige Artikel.
Ein Song, der Abtreibung den Schrecken nimmt, erscheint noch heute revolutionär. Dabei erschien eines der direktesten, krassesten, sogar lustigsten Lieder zum Thema schon 1978: Als Nina Hagen ihren Song „Unbeschreiblich weiblich“ veröffentlichte, war es gerade mal sieben Jahre her, dass 374 Frauen auf dem berühmten „Stern“-Cover verkündet hatten: „Ich habe abgetrieben“. Das Schweigen war gebrochen, dann kam Hagen und sang in theatralischer Phrasierung:

“Ich war schwanger
Mir ging’s zum Kotzen
Ich wollt’s nicht haben, musste gar nicht erst nach fragen
Ick fress’ Tabletten
Und überhaupt, Mann
Ich schaff’ mir keine kleinen Kinder an

Nein, nein, nein
Warum soll ich meine Pflicht als Frau erfüll’n?
Für wen?
Für die?
Für dich?
Für mich?”

So stark sie im Song auftritt, so schlimm sind Hagens Erfahrungen. In ihrer Biografie beschrieb sie, wie ihr Umfeld sie zu ihrem zweiten Abbruch drängte – und der behandelnde Arzt sie sexuell belästigte. „Unbeschreiblich weiblich“ ist ein rotziges Plädoyer für Selbstbestimmung, interpretiert von einer Traumatisierten. Der Welt zu zeigen, dass das kein Widerspruch sein muss, ist die Leistung dieses Songs. Und noch eine Selbstverständlichkeit führt Hagen der „Pro Life“-Fraktion vor Augen: Entscheidungen sind Momentaufnahmen. Man kann Abtreibungen befürworten – und Kinder trotzdem über alles lieben. Denn drei Jahre, nachdem Hagen so trotzig verkündet hatte, keine Kinder zu wollen, brachte sie ihre Tochter Cosma Shiva zur Welt.

Julia Lorenz ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Sie schreibt für die taz, den Musikexpress, Zitty, Tip Berlin und andere. Neulich fragte sie sich, warum ihr spontan hundert Songs zum Thema Feminismus einfallen – aber nicht sofort einer zum Thema Abtreibung oder körperliche Selbstbestimmung.

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