Rolf Dieter Brinkmann in Norbert Wehrs „Schreibheft“

Sanfte Maschinen hören niemals auf

Ein Spaziergang von knapp drei Kilometern wäre das für Rolf Dieter Brinkmann gewesen, von seiner langjährigen Adresse in der Engelbertstrasse bis zum Eierplätzchen in der Südstadt. In Köln hatte der bis 1971 „manisch“ (Norbert Wehr) publizierende Literat, Poet, Übersetzer, Herausgeber, Fotograf, Hörspielverfasser, Filmer, Laienschauspieler, Essayist, Performer und legendäre Überlangebriefeschreiber seine mit Abstand produktivste Phase.

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Den Weg von E. zu einem anderen E. hätte er bestimmt in einen Text transferiert. Brinkmann war ein Geher, er beschrieb auch das Erwandern seiner urbanen Landschaften und all das post war – Erbaute um ihn herum (für ihn meist das Gegenteil von erbaulich), beobachtete ständig überall Menschen, er las, hörte, sah, lebte in den Medien seiner Zeit, feierte, bekam mehr als nur eine Menge mit und notierte, literarisierte, poetisierte das viele ständig. Zu seiner Zeit registrierte und betextete er alles, was Kultur und Leben in der Stadt, die er gerade bewohnte, hergab.

(1) Rolf Dieter Brinkmann, Köln 1974, Fotograf unbekannt. Aus „Schreibheft Nr. 106“, S.91, fotografiert von Andreas Bach, 2026

 

Aber diese hyperinteressierte, megaproduktive Phase seiner Teilnahme an aller Welt ging nur so lange gut, bis er, der passionierte Geher, überfahren wurde. Tod am 23. April 1975. Brinkmann hatte im Londoner Linksverkehr auf die falschen Seite geguckt. Die letzte Ruhestätte bekam Brinkmann, anders als sein Entdecker Dieter Wellershoff, nicht in seiner Wahlheimat Köln (1962-1975), sondern in seiner ungeliebten – auch darum geht es im neuen „Schreibheft“ in einem der erstveröffentlichten Texte – als „Moorstedt“ verrissener Heimatstadt Vechta. An dortiger Hochschule ist seit 2022 auch eine Dauerausstellung zu Rolf Dieter Brinkmann eingerichtet. Der zuständige „Professor für Literaturwissenschaft an der Arbeitsstelle Rolf Dieter Brinkmann der Universität Vechta“ (FAZ), Markus Fauser, hatte schon am 9. April 2016 in der „FAZ“ einen ausführlichen Artikel über Brinkmanns früheste Dichtversuche vor allem um seine allererste – unerwiderte – Liebe, in Vechta, veröffentlicht. In Niedersachsen residieren nun Grab und Ausstellung, in seiner wichtigsten Wirkungsstätte Köln aber kann man Rolf Dieter Brinkmann posthum als Literat, Fetisch, Artefakt, Denkmal oder in sonst welcher Form zurzeit nicht begegnen.

Ginge das doch nur, einen Toten posthum dort treffen, wo er in der Hauptsache gearbeitet hat? Das geht tatsächlich. Es klappt ausgerechnet an Karnevalsdienstag. Gespräch über Rolf Dieter Brinkmann mit Norbert Wehr, abgelegenes Café. Norbert Wehr ist seit Januar 2026 exakt doppelt so alt wie Brinkmann werden durfte. Der langjährige Verleger und Herausgeber des Literaturmagazins „Schreibheft“ ist siebzig geworden – und lebt! Kleine, kleine Koinzidenz, die Norbert Wehr auf eigene Art feiern lässt, elegant, ohne in den Mittelpunkt zu rücken, was Wehr nicht gerne hat.

Norbert Wehrs Februar-Ausgabe des „Schreibheft“ bringt inklusive Begleittexten um die knapp einhundert Seiten an unveröffentlichtem Brinkmann-Material heraus. Es ist schon jetzt zu sagen: der Stoff hat es in sich. Ausschuss ist anders. Aber warum kriegen wir das scharfe Zeug erst heute?

(2) Links Norbert Wehr, Februar 2026, Köln. Foto: Andreas Bach. Rechts Peter Handke, aus Schreibheft Nr. 106, orig. Foto: Isolde Ohlbaum; fotografiert von: Andreas Bach 2026

 

Früher ging es nicht, sagt Norbert Wehr. Er hört es nicht gern, aber für viele in der Literaturszene ist der literarische Archäologe eine personifizierte Legende. Treibende Kräfte der Branche, von Michael Krüger bis Marcel Beyer bis Frank Witzel bis Stefan Ripplinger bis Georg Oswald bis Clara Drechsler wissen bzw. wussten den Mann und sein bedeutendes Wirken schon immer zu schätzen. Viele sind der Ü 50- Altersgruppe zuzurechnen, was auf eine gewisse Struktur seines Bekanntheitsprofils hinweist, wie auch der von damals bis heute schön verzerrt als „Underground-Pop-Literat“ bezeichnete Rolf Dieter Brinkmann nicht mehr jedem Kulturinteressierten unter vierzig ad hoc geläufig sein dürfte. Norbert Wehr, gebürtiger Aachener, als Einjähriger nach Umzug der Familie in Essen sozialisiert, Ruhrpott, inzwischen Wahlkölner, ist nachgemessen, dienstältester wie langjährigster Herausgeber eines der maßgeblichen Literaturmagazine in Deutschland, und zwar ever. Er zeichnet seit 1983 alleine für das „Schreibheft“ verantwortlich, die Arbeit daran begann 1982. Zu jener Zeit gab es parallel, inhaltliche Ansprüche betraf, Musik-Magazine wie seit 1966 „Sounds“, seit 1980 „Spex“, damalige Film-Magazine nicht zu vergessen. Übrig geblieben ist das „Schreibheft“. Understatement in der Namensgebung, dafür Kopffreiheit in der Konzeption. Langzeitwirkung bis heute enorm. Nachdrucke der ersten Hefte ab Nr. 22 bis Nummer 50 von „Zweitausendeins“ wie die Originale sind schwer aufzutreiben. Mit 2500 Exemplaren ist die Startauflage, ein Großteil geht an Abonnierende, nicht grade hoch. Bei starker Nachfrage wird eventuell nachgedruckt.

BRINGT UNS WORTE, IHR NARREN, OHNE ENDE

Das „Schreibheft“, 1977 von Wilfried Bienek und Ulrich Homann gegründet, zählt ab Nr. 22/1983 bis zur aktuellen Ausgabe Nr. 106 insgesamt 84 von Norbert Wehr totally stand alone verantwortete Ausgaben. Jede Ausgabe davon ein Unikat, ein sorgfältig gewobenes Netz an literarisch-poetisch-philosophischen Texten und Diskursen zu profund für sich selbst ausgewiesenen, gleichzeitig in sich verknüpften inhaltlichen Schwerpunkten, pro „Schreibheft“ meist drei inhaltliche Blöcke, plus paar erfrischende Zugaben. Stets zwei Ausgaben erscheinen in einem laufenden Jahr, jeweils in Februar und August.

Das Heft eröffnet Rolf Dieter Brinkmann. Danach folgt ein mit Brinkmann sich schon in den 70er Jahren selbst zusammen gedachter Lufthansa-Flugkapitän, Jürgen Ploog, mit internationalem Drang rein in literarische Untergründe. Darunter sehr lesenswerten Tagebücher eines all-time-readers und on-air-writers, verfasst über Jahrzehnte rund um Flüge um diese Welt. Am Ende die einzigartige Poetin Cole Swensen. Verschlungene Betrachtungen von Händen, Geistern, „Zeitalter des Glases“, zum Niederknien, Zeile um Zeile. Wahrnehmung, Text, Raum. Sinne verwachsen zu Sprache. Doch es ist am Ende wieder Rolf Dieter Brinkmann, im Aggregatszustand des Todes schwer zu schlagender Aufmerksamkeitsökonom, der die Show dieses „Schreibheft“ rockt.

Einer von den unveröffentlichten Texten, wie Frank Witzel diese im Beitrag „Brinkmann im November“ fachkundig einordnet, strahlt in unwirklich vibrierender, in alle Himmelsdichtungsrichtungen hinaus giftender Vitalität und nennt sich „Die Vermehrung der Wörter“. Exakt das ist es. Rolf Dieter Brinkmann hat immer schon alles, was er in die Finger bekam, schreibend vermehrt. Als einer seiner Helden, Louis Ferdinand Celine, 1961 starb, trugen Brinkmann und sein Freund Ralf-Rainer Rygulla schwarze Armbinden, schrieben aber nichts dazu. Zehn Jahre später: alles anders und Brinkmann berühmt, arbeitete er für den WDR, wie über William Burroughs, Text „Wie man ein Buch verstümmelt“. Schon die Betitelung kritisiert das ohne wichtige Inhalte ins Deutsche zensierte „Soft Machine“ und „Die Letzten Worte von Dutch Schultz“, beides schwer nach Prestige trachtende „Underground“-Produkte des Kölner Verlages Kiepenheuer & Witsch, which perhaps meant witch, vielleicht, damals schon. Der Text ist in „Schreibheft“ Nummer 106 in voller Länge enthalten. Seinem Ruf bei Autoren hatte der Verlag damit damals nichts Gutes getan.

Arbeit von und mit Autoren kann anders gehen. Als Norbert Wehr 1983 sein erstes Schreibheft in Eigenregie herausbrachte, enthielt es eine profunde Neuübersetzung von Teilen von Celines Manhattan-Kapitel der „Reise ans Ende der Nacht“, dazu eine Erstübersetzung von Celines „Guignols Band“, sowie die dazu notwendigen Anmerkungen zur Erläuterung des Projekts. Das ging knallig los, sieben Jahre nach Brinkmanns Tod. Punk war schon gestorben, „Sounds“ schloss sich 1983 an, machte endgültig dicht, „Spex“ hielt die Stellung – bis 2018.

(3) Verschiedene „Schreibhefte“, Originalausgaben, gesammelt, fotografiert von Andreas Bach, 2026

 

FALSCHE, GEFÄLSCHTE GEGENWART

Brinkmann überdauert alle Sounds, auch im Tod, erst recht danach. Man könnte vielleicht sagen, Kultur-Theorien eines Sozialen Imaginären folgend, Brinkmann hat über seine durch berühmte Bücher wie dem 60er Jahre-Reader „Acid“ (enthält u.a. Burroughs „Die unsichtbare Generation“) oder „Westwärts 1&2“ (1975/2005/ hier immer zitiert nach der Ausgabe 2025) materialisierten Vorstellungskräfte von zeitgenössischen medialen und echtem Leben im hier und jetzt eine auch heute noch wachsende Gruppe von Folgern und etwas Imaginäres darüber hinaus geschaffen, das sich in sich weiterhin folgt und sich wiederum darüber hinaus über seine Fans und Adepten immer noch vermehrt. Das alles nach der Regel: Sieh, höre, fühle, rieche, schrei, schreibe viel und laut, und du wirst von den Denkenden der Zeit und vor allem von denen der Zeiten danach gehört. Brinkmann ist es, der, damals wie heute, damals wie heute aktuelle Popliteraten inspiriert. Auch wenn die das manchmal gar nicht mehr wissen (wollen). Die Register eines kürzlich von Erika Thomalla veröffentlichten Readers versammeln viel prominente Pop-Personalia, von Adorjan über Goetz, Gorris, Kreye, Meinecke, Poschardt, Stuckrad-Barre bis Zabel. Brinkmann wird von denen nie erwähnt. Stattdessen wird anfangs behauptet, erst „…Ende der 1970er Jahre tauchte ein neuer Sound auf. In Fanzines, Stadtzeitschriften, in Sounds…hielt unter dem Einfluss von angloamerikanischer Popkultur und New Journalism ein subjektives und radikal wertendes Schreiben Einzug.“ „Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus“, ist für einige auch deshalb ein zitatüberbeschwerter Missgriff. Gilt der wahre Prophet, toter Entdecker, radikaler Vorwegnehmer von „Popjournalism“ usw. nicht mal heute was im eigenen Lande, im eigenen Lager?

(4) Fotos, diverse Buchtitel, Andreas Bach, 2026

 

Aber vielleicht ist das gar nicht das „eigene“ Lager, sondern die „Anderen“, die von der anderen Seite. Diejenigen, die ihm aus einer professionellen Distanz heraus aktuell immer noch Anerkennung entgegenbringen, jenseits aller Zuschreibungen, die Texte von Brinkmann nehmen als Brinkmann-Text, die Wehrs und Witzels beispielsweise. Sie schätzen Brinkmann abseits von teils heftig umgelogenen Faktoren wie „Zeit“ und „Kontext“. Sie veröffentlichen nicht in einem weird abgefakt/et/en Brinkmann-vibe wie diejenigen, die gar nicht oder zumindest nicht mehr öffentlich wissen (lassen) wollen, warum sie arbeiten, wie und für wen sie falsches richtig stellen oder richtiges verfälschen. Wehr, Witzel, Töteberg lassen Brinkmann selbst weiterschreiben. Erst nachdem sie den neuen toten RDB gelesen haben, schreiben sie Eigenes hinzu, needless to say: Lesenswertes. Brinkmann lebt so, physisch tot, egal, wer hier heute wie auch immer konzipierte Reader, ohne dessen Namen zu nennen ohne rot zu werden (politisch zudem oft auf anderer Seite stehend) rausbringen mag, durch Nachlässe et al, immer noch immer weiter.

Und Mr. Big ficht dieses historisierende Geraune um Pop-Lit. heute auch gar nicht groß an, das ist schön. Der kommentiert das heutige Geschehen ungerührt perpetuell durch von Kundigen aktuell ausgegrabenen Input und den alten Stoff sowieso einfach weiter. Brinkmann streckt sich über Tempo und temporäres hinaus, liest sich textil/inhaltlich mal wie Celan, manchmal kommt bisserl Kafka durch, Thomas Bernhard auch, jeder mag was anderes darin finden, er liest sich vor allem aber wie Brinkmann selbst. Die anderen vor und neben ihm hat er als Weltkulturbürger alle soweit verfügbar gelesen, wie wir das auch versuchen, er, monströser, aber alles noch mehr, alles im Original. Als Künstler vielleicht Ginsberg vergleichbar, nahm er Medien wie Benjamin / McLuhan war, hielt sich in der Arbeit am Tun wie Farocki, Kupferberg, Warhol, Dylan, Beefheart/Zappa, Kippenberger. Diese über vieles erhabene, jenseits von Kritik angesiedelte Handlungsmacht eines so leicht von Jahrhundert zu Jahrhundert sich übersetzenden Mediums könnte man, um einen anderen Theoretiker, Jean-Luc Nancy, leider auch posthum sprechen zu lassen, als geglücktes Paradebeispiel für den Gebrauchswert von Kunst, grade auch von Wort-Kunst, zitieren: Brinkmann ist personifiziertes wie künstlerisches Überschreiten von Grenzen, für uns Transzendenz erschaffend, seiner Wortkunst kaum kopierbar, kaum reproduzierbar, gleichzeitig immens inspirierend. Wie Frank Witzel folgert: Brinkmann wisse, „“…das wahre Leben ist abwesend.““ (aus Brinkmanns Text „:Manchmal denke ich“, „Schreibheft Nr. 106“), dieser sei…“einer Form der negativen Transzendenz verpflichtet, die das Nicht-Transzendente in einer langen, doch letztlich endlichen Aufzählung zu erschöpfen versucht? (..) für Brinkmann gibt es das andere nicht, er ist in einer Diesseitigkeit gefangen, der er sich durch Annahme widersetzt.“ (Witzel, a.a.O.).

(5) Fotos Andreas Bach, aus „Schreibheft Nr. 106“.

 

Um Brinkmann sprechen zu lassen: „Manchmal denke ich, die Menschen befinden sich allein im Universum, und manchmal denke ich, wir sind es nicht, wir sind nicht im Universum allein, in jedem der beiden Fälle ist der Gedanke ziemlich verwirrend!/“
Brinkmann hat nicht nur einfach drauflos getextet wie irre. Er musste früh für die Familie Geld verdienen, arbeitete für den Hörfunk, verfasste Stücke fürs Theater, probierte vieles aus, produzierte bereits 1968 mit kurzen, unter zehn Minuten langen Super 8-Filmen wie „Tot“ (sic) oder „Atomic Man“ eigene Filme. Fotografierte. Performte. All diese Arbeit, ob beauftragt oder aus eigenem Antrieb, war ihm dermaßen wichtig und heilig, dass er alles im Leben, Familie, Betrieb, Freunde und Bekannte, die Arbeit, den Ort, die Zeit, die Welt, permanent und auch aufs Schärfste kritisiert und auch beschimpft hat. Das kennt man von, sagen wir, seit den 70er, 80er Jahren zum Beispiel einem Achternbusch, Kroetz, Rainald Goetz ebenfalls, siehe Reader oben, von anderen auch, aber Brinkmann ging damals weiter als sich viele heute zu tun trauen würden. Wo Goetz in Münchner „Underground“-Kurzfilmen wie „Einsame Cowboys“ (ca. 1984), Regie Anatol Nitschke (Filmproduzent, Verleiher, damals Mitbetreiber des Münchner „Werkstattkino“) neben anderen Darstellern, Romuald Karmakar, Florian Süßmayr, lediglich Statist war und an seinem zuerst zugesagten Mitwirken in dem, nicht nur von heute aus betrachtet, als frauenverachtend zu rezipierenden Remake des Warhol-Originals nach final cut anschließend nichts mehr ändern konnte – einmal fertig und öffentlich gezeigt, konnte oder wollte ihn der Regisseur „danach“ wohl nicht mehr „rausschneiden“; kostet ja Zeit und Geld und griffe in das „eigene“ Werk massiv ein – hatte Brinkmann wenn immer möglich nicht nur das Personal, sondern auch Inhalte seiner Filme, Produktionsmittel, Rechteverwertung, die Endfassung seiner Texte, jeden einzelnen finalen Satz, die Technik, das Material, alles, wenn möglich bis hin zur Auswahl des Papiers, zur minutiös und penibel vorgegebenen Setzung, unter Kontrolle. Gibt es also nichts von Brinkmann, nicht mal in den Nachlässen, was RDB, wäre er nicht so unvermittelt gestorben (worden), lieber nicht als Veröffentlichung sehen wollen würde, Herr Wehr?

 

TEXTE DER WITWE, SOUNDS DER CHILDREN

 

Maleen Brinkmann und ein Anwalt hätten ihm lediglich das hier Verfügbare freigegeben, sagt Norbert Wehr, nicht mehr. Davon abgesehen wäre in Marbach längst nicht alles durchgesichtet, da sei noch eine Menge unbekanntes Material archivarisch gelagert. Im „Schreibheft“ selbst erklärt Brinkmanns Biograf Michael Töteberg in seinem Text “Die zerbröckelnde Sphäre der Bewusstheit. Der Rolf Dieter Brinkmann-Nachlass. Ein erster Blick“, man müsse auf das bis zur Stunde von Sachkundigen und Experten so sorgfältig wie möglich Gesichtete zurückgreifen, mehr ginge nicht bis jetzt. Die literarisch-poetische Bedeutung von RDB steht sowieso nicht in Frage. Ich, Publikum, weder Literaturwissenschaftler noch Biograf, lese in die Vorabdrucke rein, und es ist wie „früher“, ungebremst greift Furor über schonungslose Direktheit im Erzählten auf mich zu. Sprache, du Wucht, kleine Einheiten feinst gewichtet, jedes einzelne Wort, auch in Essays, exakt tariert. Zugriff des Autors auf sein Selbst, auf die durch ihn selbst, RDB, durchblickende Realität, gewandelt, gewandet, gehärtet in puren Text. Details sind, wie Grundlegendes zu Aspekten von Poetik/Poesie, Text und Kritik, zur Biografie, zum künstlerischer Werdegang, hier zu vernachlässigen. Dazu steht viel im „Schreibheft“. Interessierte können auf Mengen an Sekundärliteratur zurückgreifen, darunter die 2025 erschienene Biografie von Alexandra Vasa und Michael Töteberg. Hardcore-Fans werden die Dauerausstellung in Vechta bereits besucht haben. Im Internet existieren zahlreiche links zu Porträts, Features, Filmen und sonstigen audiovisuellen Betrachtungen.

(6) Abbildungen aus „Westwärts 1&2, 2025 (li.), aus „Schreibheft Nr. 106, 2026, fotografiert von Andreas Bach.

 

Interessanter für Leser von Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop scheinen die erwähnten sogenannten pop-literarischen Bezüge, die seit gut zehn Jahren vermehrt um die Person Brinkmanns gesponnen werden, als ob es nicht genüge, was der Autor jenseits von Zuschreibungen und Schubladisierungen bis heute alles gemacht hat, egal wie man dieses Machen nennt. Denn bezeichnet wird ja immer, umgewidmet wie in „Gegenwart machen:.“, umbenannt, immer weiter, angeblich neu, immer neue Begrifflichkeiten, wie Brinkmann selbst in der Vorbemerkung zu „Westwärts 1&“ fast resignierend konstatiert. „Alles macht weiter…“ Jenes ständig sich vollziehende Weiter im jetzt/heute/morgen könnte man permanente kontextuelle Kommunikation zur Zeit und zur Unzeit nennen. Oder Kulturgeschichte gnadenlos time-maschinell revisited. Für alle, die jetzt neu, interessiert, die vergleichsweise oder tatsächlich jung sind und bei Brinkmann oder Popliteratur oder Kunst oder Poesie oder Gegenkultur neu einsteigen wollen, alles wieder von vorn, alles sehr gern immer wieder immer wieder neu interpretiert und „neu“ aufgearbeitet. Kann man sich dieser Umwidmungsmaschine erwehren? Nein, also: nein. Bloß keine Energievergeudung. Und doch. Dieser geraunte „Popjournalismus“ von damals, auch heute, das nervt schon ziemlich.

Davon abgesehen finde ich, Spex-Autor von 1985-92, Kommunikationswissenschaftler, Magisterarbeit: „Popjournalismus im Feuilleton von Tageszeitungen“, LMU München, 1990 – seinerzeit nicht veröffentlicht, aus der Uni-Bibliothek rasch auf Nimmerwiedersehen entwendet -, Autor, Regisseur, Film- und Videoproduzent, eine mögliche Wirkung von Brinkmann auf – potenziell – „unsere“ soziale imaginäre Gruppe von Kulturschaffenden und Kulturkonsumierenden zur Betrachtung lohnender: Blicken auf den großen impact von RDB auf „uns“ Kulturmachende an sich, falls es „uns“ als Gruppe, als Klasse, gibt, wir uns selbst vorstellen können, „dazu zu gehören“. Was hat Brinkmann bewirkt, der niemandem gehören wollte, ein von Teilen von uns ernannter Leitstern? Was gibt seine widerwillig logische Rolle her, in diesem Bild eher Negativität, grober Meteorit, der alle Jahre wieder neu aus Umlaufbahnen auf Kulturlandschaften der Erde stürzt und diese ob seiner Größe, Dornenboy, Lichtgesicht, jedes Mal neu kopfüber zu zerpflügen droht?
Prosaischer: Gibt es neben literaturwissenschaftlichen Aufarbeitungen von Brinkmann (Feuilletons, Sekundärliteratur, Analysen in special interest-Magazinen wie „Schreibheft“) ein anderes Äußeres? Ein Netz, das schon länger in der Öffentlichkeit gewoben wird? Eine weniger sichtbare, dennoch wirkmächtige Vereinnahmung?

Wir sehen jene Betrachtungen, gesogen aus post-postmoderner Diskursivität einerseits. Und andererseits – Stichwort jüngste Reader zu „Elaste, zu Andreas Banaski („Kid P.“), zur „History des Popjournalismus“ – von Umdeutern von Pop per se, was Popliteratur „heute“ en reverse zu sein hat, wer „dabei“ ist (in oder out, altes Spiel), von Popliterarizität, Popkulturizität an sich. Dieses Spiel zieht sich bis hin zu einschlägigen Veranstaltungen aktuell im März 2026 auf der „LitCologne“. Erklärshows, Diskurskämpfe? Ist das relevant – oder was für poschunartige 50pluskulturkindergardenfakefighter?
2020 schreibt Annalena Kastner in der bei grin.com veröffentlichten Seminararbeit der Universität Bayreuth, zitiere: „Im Rahmen des Seminars Postmoderne vs. Popliteratur – wie entstand die Literatur der 90er? (Im Original kursiv, der Verf.) soll der Fokus dieser Hausarbeit auf der frühen Phase der deutschen Popliteratur liegen. Wie oben erwähnt, kann man die amerikanischen Einflüsse aus Beat- und Underground-Literatur dabei nicht außer Acht lassen“, da, so Kastner, Brinkmanns „Texte eine Menge Bezüge“ dazu aufwiesen. Für dich ja, Kastner, mag sein, für Thomalla und die ihren scheinbar eher nein. Was hätte wohl „unser“ Kid, Andreas Banaski, selbst Pop-Lit-Legende und posthum Mythisierungsmaschinerien unterworfen, dazu gesagt?

(7) Foto li. „Schreibheft“ Nr. 106, von Andreas Bach; rechts das aktuelle Titelblatt, überlassen von Norbert Wehr

 

Brinkmann zwischen Pop, also „uns“ („kaput“, nicht?) und Feuilleton, Wehr, FAZ – darin brachte Paul Ingendaay einen dem Schreibheft-Herausgeber sehr nahekommenden Text zu seinem 70. Geburtstag ans Licht – Gemengelage, in die auch einer wie der ebenso sehr früh verstorbene Hubert Fichte geraten könnte (1940 bis 1986). Fichte, situiert zwischen old school Fichte-Insidern und new schoolern, zwischen auch jenseits von Pop mit hohem Sachverstand ausgestatteten Kulturwissenschaftlern wie Diedrich Diederichsen und – erneut – dem siebzigjährigen Norbert Wehr, ebenfalls Expertise en masse. Wehr, der Fichte persönlich kannte und der, no Fun-Fact, im Gegensatz zu Wikipedia, in Gespräch anzweifelt, dass Hubert Fichte an Aids gestorben sei, er hätte anderes vernommen. Sagt Wehr, dem Diederichsen einiges sagt, dem Wehr ein Begriff ist, und der Hubert Fichte 2019 in Berlin im Rahmen einer Ausstellung kuratiert hat, die ich nicht und Wehr damals auch nicht besucht hat. Wehr, der Diederichsen also nicht persönlich kennt und umgekehrt.

(8) „Schreibheft“ Nr. 25, März 1985, Titel und Fichte, fotografiert von Andreas Bach

 

Schade. Beide unterschiedliche Persönlichkeiten, die ergiebige Debatten versprächen. Themen, Geschichten gäbe es viele. Man reist aneinander vorbei, geht wohl kaum anders, Wege schreitend, die aus unterschiedlichsten Inputs der ganzen Welt gespeist sind. Doch, viel ist nie zu viel, die Zivilisation leistet sich immer weniger Kultur, Geld dafür ist knapper und knapper. Alle wissen warum und können es nicht ändern. So much blood, on all our tracks.

 

BRINKMANN, I MAY BE SICK OF YOU, FUCKING FATHERMOTHERHOOD

 

Norbert Wehr, zurückhaltender Gesprächspartner, ein langsamer Auftauer, hat nach einer Stunde ergiebige Geschichten von Dritten parat, nur wenig Erzählbares über sich lässt er zu. Heute hat er leider nicht viel Zeit: Termine. Gut, dass wir Sommer ´25 schon gesprochen haben. Bis der Zeitpunkt einer TV-Übertragung einer Bergetappe der Tour de France kommt. Da muss Wehr ganz schnell weg. Kurz vor Abgang deutet er auf ein Stadthaus in etwa hundert Meter Entfernung und merkt an: „Übrigens, da drüben…“ habe Romy Schneider mit ihrer Mutter gewohnt, nach dem Krieg, paar Jahre lang, bevor sie, den Deutschen Nachkriegsstaub Richtung blühendes Paris hinter sich lassend, endgültig von dannen stob. Brinkmann hätte Schneider bestimmt sehr gut verstanden, da sind wir uns einig, denke ich mir zumindest, Wehr hinterherblickend.

(9) Abbildung aus Schreibheft Nr. 106

 

Brinkmann, als Literat ein ganz Großer, als Mensch, wie Romy Schneider, durchaus tragische Gestalt. Davon zeugt nicht nur sein fataler Tod. Oder der im neuen „Schreibheft“ erstveröffentlichte Prosatext „Ein langer Sonntag“ (sollte wohl eine Erzählung oder ein Roman werden) über den ungebetenen, unangekündigten Besuch seiner Mutter. Diese starb bereits früh, als Brinkmann noch ein Schüler war, also nur: Harte Fiktion. Brinkmanns Leben ist härter: Robert, gemeinsames Kind mit Maleen, hat vom ersten Lebenstag an schwere körperliche Behinderungen. Als Brinkmann, ohne Familie, seinen Freund Rygulla in London besucht und dort verunglückt, ist der Sohn zehn. Heute ist die Mutter über 80, der Sohn über 60, beide, heißt es, bewohnen zusammen ein nicht allzu großes Zimmer in einem Heim. Immer noch kümmert sich die Mutter um das nicht gesunde Kind, muss sie wohl. Fickt euch, schreit so wahr wie ungebeten – Brinkmanns Spezialität – unsere Gegenwart ein lautes #motherfuckinghood rein, was für ein fulminantes One-Woman-Theater: Schrei Scheiß-Leben, heute wie damals, Mutterexistenz, das ist keine liebliche Vorstellung! Die gesammelte Materialkiste des sich untot davon gemachten Papamanns ist von der gebeutelten Witwe seit drei Jahren an das Literaturarchiv Marbach übergeben. Es handele sich nach erster Sichtung lediglich um Teilnachlässe, schreibt Biograf Michael Töteberg im „Schreibheft“. Manche Lücke lasse sich schließen, da Brinkmann noch lebender Freund Ralf-Rainer Rygulla – den Brinkmann auf seiner letzten Reise in London besuchte – seinen Vorlass ebenfalls Marbach überlassen habe. „Noch ist dieser Nachlass nicht erschlossen…in dieser Ausgabe des Schreibheft, werden erstmals Nachlass-Texte aus verschiedenen Schaffensperioden veröffentlich und soweit möglich, kommentiert:“ Wird der Nachlass auch dazu aussagen, wie Brinkmann als Vater, mit Frauen, gewesen war?

(10) Aus „Schreibheft“ Nr. 106, fotografiert von Andreas Bach, 2026.

 

Brinkmann waren Vater und Mutter, schreibt er, sehr „fremd“. So dichtete er an die Mutter, da bereits tot:„…die Fleischsäcke vorne, bei deren Anblick ich nicht denken konnte, jemals daran gesogen zu haben, niemals, Trockenmilch, die vorne herunterhingen, schlaff meine Mutter, die unvorhergesehen neben mir aufgetaucht war, der Schatten, bedrohend, wie es schon damals in Moorstedt gewesen war, unter dem ich hingekümmert hatte, schon lange tot, noch ehe ich herausgepreßt wurde…“. Eigentlich wollte er segeln gehen, der Autor, doch im Text besuchte ihn, schön bad getimt, zur Unzeit die Mama, er hatte vor, im coolen Cafe Overbeck abzuhängen, mit ..“Heino und zwei Mädchen, Inga und Heike.“. Rummachen, herumsitzen wollten sie und fingen paar Zeilen weiter grade damit an: „..wir saßen eine Zeitlang schon da, blödelten vor uns hin, redeten über nichts besonderes, Jazz, modern, Charlie Mingus, Monk, Ornette Colman, Jacke wie Hose, wie immer…“ (alle Textstellen aus „Ein langer Sonntag“, Schreibheft Nr. 106) Hinweis: Coleman wird wie im Originaltext ohne „e“ zitiert – Schreibheft Nr. 106, Seite 24: ohne „e“ im nicht korrekt geschriebenen Namen.

So hart er sich las, so sensibel, eine sanfte, im Grunde softe Maschine, muss Brinkmann gewesen sein. Zäh, kompromisslos dabei, ohne Rücksicht auf Verluste, um so schreiben zu können. Quasi rund um die Uhr seines Lebens tätig, schrieb er schon in Vechta, kurz nach Wiederbewaffnung, bis hin zum Radikalenerlass und weiter. Er und paar andere, nicht die späten Endsiebziger, ist der Erfinder, Kreateur, first mover, von, unangenehmer Begriff, „Popliteratur“. Aber, eh schon wurscht. „Ich kann mit diesem Begriff, mit solchen Einordnungen, nicht viel anfangen.“, so Wehr ruhig, im Café, bei Kakao, auf Nachfrage.

Norbert Wehr, der Hubert Fichte kannte, den ein Jahr vor seinem Tod traf, den lebenden Brinkmann aber nie hat treffen können, „Wie auch, da war ich zu jung, als der noch in Essen lebte, aber ich kenne seine Wege, die er ging in der Stadt, die er beschrieb, die Orte, die alten Kinos, ich bin das alles nachgegangen, später. Diese Essener Spuren von Brinkmann habe ich dann auf Roberto Di Bellas Brinkmann-Blog „wildgefleckt“ publiziert.“ Wehr hat dort eine Buchhandlung namens „Proust“, das Geschäft erfreut sich guter Gesundheit, regelmäßig finden lohnende literarische Veranstaltungen statt. Wie 2026 im Lauf des Frühjahrs eine mit dem FAZ-Redakteur, Autoren und langjährigem Zuarbeiter des „Schreibheft“, Paul Ingendaay, „…den ich übrigens entdeckt habe…“ (Wehr). Darauf ist er stolz, es ist ihm wichtig, die Guten wann immer möglich gefördert zu haben. Das verweist, bei allen reklamierenden Verdiensten, auf ein echtes „mehr“. Wehr, der Pötter, der Kümmerer. Mehr als der 70jährige ist, noch aufrecht, vital, kaum zu machen.

(11) Brinkmann, Literaturfestival Cambridge, April 1975, Schreibheft Nr. 106, rechts: Buchtitel „Standphotos“, Rowohlt, 1980, Fotos: Andreas Bach.

 

1975, Norbert Wehr war neunzehn, raffte sich Brinkmann, bereits fünfunddreißig, nach Jahren der Schaffenspause, unter Geldsorgen, pleite eigentlich, mit neu gefasstem Schwung wieder auf. Er las, sich nicht viel davon versprechend, im April auf einem Festival in Cambridge, konnte in London den engen Freund besuchen, hatte mehr Spaß als erwartet. Sein Auftritt, seine Texte, wurden gefeiert (Zu jener Lesung in Cambridge gibt es eine Audio-Veröffentlichung, wie der „Deutschland-Funk“ berichtet). Und „Westwärts1&2“, endlich fertig, stand zur Veröffentlichung. Brinkmanns Horizont war nicht mehr dunkel. Doch wie aus heiterstem Himmel der Unfall. Vielleicht war doch alles zu flugs wieder zu heiter, ging zu schnell, und er wurde leichtsinnig. Niemand kann es seriös nachzeichnen. Die Popmusik, Brinkmanns erwiesene Verbündete, rief nach seinem Tod nur einen Monat später im Mai 1975 unüberhörbar „S.O.S“. Der Hit von ABBA belegt wochenlang die Position Nummer eins im Brinkmann – zwangsbefreiten Deutschland. Sogar im assassinen UK erreicht „S.O.S“ unerwartet die Top Ten, macht in England Platz sechs, in den bereits von post Nixon-Acid-Zeiten gezeichneten USA immerhin Platz 15. In Europa wurde der Song nach „Waterloo“ Abbas größter Hit. Was sollte die Welt nun tun, nach dem Abgang des Autoren von „Standphotos“, „Rom, Blicke“ und bald „Westwärts 1&2“? Der mit seinem Freund Rygulla gemeinsame Herausgeber der meist selbst übersetzten überragenden Anthologie „Acid“, mit der deutschen Öffentlichkeit nun zugänglicheren Top-Texten aus den vor allem von englischer Sprache dominierten Kulturräumen? Beat. Pop. Hippies. Underground. Acid. 1969 / 1975: Die Zukunft, jetzt tot? Anders, neu! Wenig später macht die Hamburger Band „Abwärts“, neben anderen, im „Computerstaat“ mit grandiosen Texten zum „Deutschland, Deutschland – Katastrophenstaat“ nach Brinkmann weiter. Die Neue Deutsche Welle knüpfte an, versuchte es, mit Platten und Readern a la „AmokKoma“, weiterzumachen, wo RDB Anfang, Mitte der 70er Jahre nicht mehr weiterkonnte, wollte, gewaltsam gestoppt wurde. Sah er schreibend das Unheimliche schon lauern, hinter dem scheinbar lieben, vordergründig himmlischen Azur das grausame Schwarz? Düsteres superblack eines frostigen Universums, Star Wars up and coming? Er wusste es, hat immer im hier und jetzt gelebt, deutete Zeichen der Zeit wie kaum ein zweiter. Bedrohungen und Gefahren ausweichen? Ein seichtes Leben führen in gefaktem Blau? Niemals. Das wäre gleichsam im Himmel und auf Erden gröbste Täuschung. Dafür war Brinkmann nie zu haben. Nach ihm Jürgen Ploog, Johannes Ullmaier („testcard“), Jörg Fauser, Wolfgang Rüger, einige schon in frühen 70er Jahre noch nicht „Fanzine“ genannten Textsammlungen wie „Gasolin 23“, später in „AmokKoma – ein Bericht zur Lage“, neben anderen Erzeugnissen, das spätestens seit München „1972“ (Gruß an Tom Holert, Franz Dobler) zunehmend kalte, ernüchternde Terrain, irgendwann „..zwischen Pop, Punk und Post-Moderne“ (Lutz Hagestedt), auch hiervon ist im neuen „Schreibheft“ zu lesen. „Leben heißt Überleben“, konstatierte Jacques Derrida, nüchtern wie noch eben beseelt, bevor er, wie alle, letztlich gehen musste, zwangsläufig „… tiefer ins Alleinesein…“ hinein (Distelmeyer)

Brinkmann also doch Pop, Lesart, die ausspricht, dass sein Schaffen ohne Musik, Blues, Jazz, vor allem Popmusik, neuem Film aus Amerika und Europa (auch dem alten), ohne Medienrezeption und injizierte Kommunikationstheorie von Frankfurter Schule bis McLuhan sich nicht hätte erschaffen können. Das Werk saugte alle verfügbaren Pop-Künste auf und haute den Input neu geschnitten (cut up) seitenbewehrt wieder raus. So entstand eigener Duktus, der berühmte, nicht meine Worte, sound/vibe. Nicht nur seiner, der vibe gehörte ihm nicht allein. Weil Brinkmann nicht nur sich selbst, sondern von Bukowski, Burroughs, Ginsberg, Kupferberg, Ed Sanders bis Warhol alle mit in sein und alle anderen übersetzendes Boot reinnahm. „Acid “ und in den 60ern entstandene Gedichtbände wie „Die Piloten“ und „Standphotos“ (in namensgleicher Edition früher Poems bei Rowohlt 1980 republished), und anderes, waren bis 1970 erschienen, hatten den Mann mit dreißig berühmt gemacht. Rygulla, sagt Norbert Wehr, wäre eigentlich derjenige gewesen, der besser englisch gekonnt hätte als Brinkmann. Rygulla hat auch den linkischen englischen Verkehr besser überlebt.

 

WARUM BIN ICH SO KLEIN? ICH MUSS DIE SONGS IMPORTIEREN

 

USA, England. Musik, Musik, Musik. „When the music´s over, turn out the lights“, so die Doors in einer von Brinkmann nicht nur einmal zitierten Textpassage. Und Beatles. Cohen. Who. Hendrix. T. Rex. Lyttelton, Bad Penny Blues. Miles Davis. Chuck Berry. Coleman. Monk. Mingus. Und Poeten. Maler. Künstler. Literaten ohne Ende. Rimbaud. Film, so vieles. Godard. Romy Schneider. „Verboten“ von Sam Fuller gesehen, steht es in: „:Manchmal denke ich“ im Schreibheft, datiert 1972/73, und dass er mit sechs, sieben Jahren in der Schule in Vechta geschlagen wurde, so heftig mit dem Rohrstock auf die Finger, bis sie rot geschollen waren. Später, nach der Schule, wurde es nicht leichter: „…Muss ich …ein Leben lang bezahlen, damit ich wohnen darf… Velvet Underground Musik von 1969 im elektrisch beheizten Zimmer, meine Fotos zum Träumen, ein Schluck Wein, Hammelbraten mit grünen Bohne, was fehlt?““ (In „Lied am Samstagabend in Köln“, Westwärts 1&2, 2025, S.161).
Poems wie „Einige sehr populäre Songs“ lesen sich wie ein mehrliedriger Rap, „Hearing the News Today“ wie „A Day in the Life“ von Lennon/McCartney. „Die Songs müssen importiert werden…“, stellt RDB in „Bruchstück Nr.1“ fest. Die verschiednen „Bruchstücke“ und „Westwärts Nr.2“ gehören zum Beeindruckendsten, was in „Nachkriegsdeutschland“ – noch ist das ein Nachkriegsdeutschland – bis heute entstanden ist. Das „Gedicht“ auf Seite 61 endet mit den von Jochen Distelmeyer Ende der 90er Jahre in Blumfelds „1000 Tränen Tief“ wiederbelebten Worte „…in ein anderes Blau.“ Wie Brinkmann sich hat inspirieren lassen, wurde der Inspirierte wieder zum Inspirierenden, alle Tage wieder. „And every day I like/an egg and some tea“ texteten The Soft Machine 1969 im kaum zwei Minuten langen Stück „Why am I so small“ auf ihrer ersten Platte, damals noch mit dem bestimmten Artikel vor dem Bandnamen. Die Erlaubnis zur Verwendung des Namens hatte sich Gitarrist Daevid Allen von William Burroughs offiziell geben lassen. Sein Roman war bereits zehn Jahre zuvor erschienen. Brinkmann nimmt die Songzeilen im Text/Gedicht „Kälte“ (Westwärts 1&2, S.26) auf, schließt an den Soft Machine-Text direkt an: „Musik, ..nachdem ich aufgestanden bin, ist das, was mich bewegen könnte, mich nicht an den Tisch zurück zu setzen, wie gestern, wie letzte Woche, letztes Jahr, vor zwei Jahren.“

 

KEIN FRIEDLICHES LEBEN IM REALEN KAPUTTEN

 

Rolf Dieter Brinkmann hat das Leben um ihn ununterbrochen beschrieben, aber würde er im Geschriebenen auch physisch zuhause sein wollen? Nein, sagt Frank Witzel, nicht. Negativ sei seine Transzendenz. Seine Gegenwart – mehr Alptraum als Traum. Mehr bad trip als Befreiung. Leben, bloß nicht als Kleinfamilie, nicht in diesem Nachkriegsdeutschland, nicht mal 1974. Dystopie statt Utopie scheint auf, wie in Magrittes „Drohendes Unwetter“ (1928, wie Brinkmann zitierend vermerkt, Wikipedia sagt 1929), aller Kultur, Kunst, Pop zu Trotz. Brinkmann analysiert (auch sich) in Westwärts 1&2, Seite 264: „..die Sprache wird heute von Massenmedien bestimmt, von Verwaltungen, Ämtern, den sogenannten Kulturinstituten wie Schulen und dem Geschäft…Immer das Amtliche, Technische, die Formulierung, Nummern, aber ich bin so, dass mich ein Feld mit Blaukohl rührt, die langen Reihen, eine Stille, und die intensive Vorstellung eines alltäglichen, friedlichen Lebens, die es hervorruft…ich bin Kein Kritiker: Tatsächlich interessiert mich Kritik nicht. Hinter jeder negativen Formulierung steht tatsächlich eine lebendige Erfahrung, aber der sprachliche Ausdruck ist mit negativen Konstruktionen und Erzählungen überlastet. Ich bedauere, dass so wenig die lebendigeren und lustvolleren Momente in diesen Geschichten deutlich sind. Habe ich es nicht gelernt? In überwiegendem Maße ist Sprache negativ, jedenfalls trifft das auf die Zeit zu, seit ich in diesem Land lebe.“

 

BRECH/T/MITTEL, IN REVERSE, ENVERS, ENFER

 

Man kann sich in Brinkmann, seinen Kontexten, Zitaten, seinen Verweisen verlieren, heißt auch, man kann sie flanierend, zeitlos, genießen. Texte, als gewollte Überschreitung der Armut dieses Planeten zu lesen. Wem er darin alles begegnet: Elie Faure. Godard. Pasolini. Jean Paul. Naked City. Star Trek. Henry James. Ellington. Alfred Korzybsky. Michel Butor, über dessen Nouveau „Roman der Suche“ RDB einen Rundfunkessay für den WDR geschrieben hat (1974), darin er von Blechtrommel über Katharina Blum bis Name sei Gantenbein namhafteste deutschsprachigen Nachkriegsautoren von Böll, Grass bis Frisch verreißt – bis auf Uwe Johnson. Und überhaupt, er bevorzuge Nathalie Sarraute und „..selbst Marguerite Duras..“ und Robbe-Grillet, Celine sowieso. Das Etikett – „Neuer Französischer Roman“ – lehnt er ab. Im Westen hat sich, so Brinkmann, anders als bei den Deutschen, „…Denken von seinen alten Voraussetzungen…bereits zu lösen vermocht. Es spielt eben nicht immer noch Außen und Innen, Dichtung und Realität gegeneinander aus.“ Bei etwa Butor oder Sarraute gäben sich Sprache in Romanform mit Wirklichkeit wirklich ab und benutze diese nicht zur Markierung von Positionen, die sich über sie erhaben fühlen.“ Brinkmanns Erhabenes resultiert nicht aus einer kritischen Haltung. Es wächst aus den vorgefundenen, gegebenen Konstellationen über sich selbst hinaus, geht heraus aus dem zwangsweisen in sich Sein in der Welt, bricht alte Sprache, alten Blick, produziert Bruch wie Aufbruch, wohin immer es geht, wird man dann schon sehen. Vielleicht nicht heute, dann Morgen. Übermorgen sind wir es, die weitergehen. Irgendwann ist Schluss, für alle, dann geht es nicht mehr weiter, dann sind wieder andere dran: „..was waren diese Geschichten wert? Leben? Wohl kaum)/:Die Zimmerdecken waren eingebrochen, der Eingang vermauert, zerschlagen, Fensterglas, Latten, Gesteinbrocken, Glasscherben, ich wies dahin und sagte, „kaputt“/Ich bot dem Kind ein Eis an, vielleicht als Ersatz für das „Kaputt“ umher. Der kaputte Dreck im Blick, der versüßt wird) Und so vermengte sich Freude mit „kaputt“. Es war zum Heulen. Oder dir frische Wut sprang aus mir über den Verrott des Tiermenschen/Ich stand hilflos vor dem Ringsum, das mehr und mehr „kaputt“ ging und ich sah das „Kaputt“, was half das? Mich abwenden, Eisessen, kostete 30 Pfennig, ich holte mir Pommes Frites von der Türkenbude gegenüber, so Eis essend und Pommes Frites kauend gehen wir in einem langsamen Tempo die kaputte Straße entlang zu dem kleinen, verrotteten Park(:jede Einzelheit, durch die man sich bewegt, möchte einem das Herz brechen, ist es da nicht weise, wenn viele bereits mit versteinertem Herzen geboren werden?)/;oder noch weiser: als Tote?)/verfinsterte Gedanken, während der Körper lebendig ist geht, sich bewegt..“

(12) Aus „Westwärts 1&2“, 2025, fotografiert von Andreas Bach, 2026

 

Manches schriebe wörtlich heute keine Person auf in exakt diesen Worten. Anderes hat sich ausdrücklich kaum verändert. Was wir essen, wie wir hausen, in überteuerten, trashigen Materialien, gebaut schäbiger, billiger denn je. Brinkmanns Frau/Witwe Maleen hat vor Jahren mal paar Häuser weiter neben Clara Drechsler gewohnt. Brinkmanns allererster Verleger, Klaus Willbrand, soll dort ebenfalls gelebt haben. Drechsler, Spex-Gründerin, Autorin der ersten Stunde, Übersetzerin, Texte damals wie heute einmalig, siehe Heft zum unlängst in Köln gerockten „Soulful Shack“ 2026, siehe Thomallas Anthologie „Kid P.“, siehe „Gegenwart machen“-Zitatsammlung usw., bestätigt die Anekdote mit dem Haus in Köln. Die Michael Kerkmann erzählte, ebenfalls Spex-Autor, bevor er voller Vorfreude in ein Brinkmann-Stück im Schauspiel Köln, „Die Wörter sind böse“ (1974) gehen wird. Damals hat der WDR für derartige Textarbeit noch gutes Geld bezahlt. Heute hat altes Fernsehen, der uralte Hörfunk, kein Geld mehr für solche Jobs. Heute heißt es: ´cause television is over, turn out the lights.“ Musik, Worte, Film, Text – RDG müsste sich über andere Plattformen zu Geld machen, um überleben zu können. Poetry Slams, www, Blogs, Podcasts, Stand Up, Abfall für alle, Verlagswesen, Abwandern in etablierte Printmedien, wäre das ein Weg? Er hätte es wohl an Universitäten versucht, wie in Austin/Texas 1974. Auf den dort gemachten Fotos in „Schreibheft“ Nr. 106 sieht er zufrieden aus.
Wie Norbert Wehr, zufrieden sitzend, trotz Termindruck, im Café im Kölner Süden. Ausgabe steht, er wirkt gelöst, der absolute Stress ist vorbei. Im „Schreibheft“ zählen Wort, Bedeutung, Aussage, weniger Wirkung, Kontext, „Pop“. Frank Witzel, Michael Töteberg, Johannes Ullmaier schreiben auch darüber. Wehr hat seit 1983 auch über „neue US-Literatur“ Mengen an Lesenswertem publiziert, zum auch davon inspirierten Fichte viel, zu Brinkmann nicht ganz so viel, denn er verfügte nicht über: Rechte. Jetzt klappt es. Ob Brinkmann bis 1975 Fichte gelesen hat? – vorstellbar. Und umgekehrt, später? Hubert Fichtes stärksten Einfluss Hans Henny Jahnn kannte Brinkmann werksmäßig. Den Nachweis liefert „Schreibheft“ Nr.106, dort treffen Fichte und Brinkmann aufeinander. Ein Wort, ein Name reicht, es steht in „:Manchmal denke ich“, darin klingt vieles, wenn nicht alles an, was Brinkmann ausmacht, geschrieben 1972/73: „..sie scheißen und pissen vor der Tür, schwarze ausgelaufene Ölflecken auf dem Asphalt, „aus Wut“, sagte die kühle schöne klare Frau, die mir gegenübersaß/Blitze/und wir sprachen über Literatur, Büchern, und mir fiel auf, daß Schwule immer nur ein Thema haben, den Tod, Burroughs, Jahnn, Genet, ich dachte an den Film Orpheus von Jean Cocteau, den ich nachmittags im Kinosaal gesehen hatte, in dem nur 6,7 Personen anwesend waren/ich hatte dort aufatmen können, ähnlich wie in Kirchenräumen, aber dann zog ich lieber doch das Kino vor/und plötzlich heftig aufbrechender Vorfrühling, Ausgetrocknetes ringsum und gelbe Forsythien, blaue kleine Blumen niedrig am Boden, und weiter dürre Trockenheit, so daß ich mich selber ausgetrocknet spürte(wer bosselt da sinnlos am Wetter rum?)/Trank ein Bier und zwei Korn, dachte an das leuchtende intensive Gelb der Forsythien/nebenan hupten Autos/mitten im Dreck an gelbe Blumen denken/Blüten sind Geschlechtsteile, nicht wahr?

 

ANGST DES VERGESSENS / VERS, GIB MIR DIE ANGST

 

Rolf Dieter Brinkmann, Prachtexemplar eines Multimedia-Künstler-Produzenten-Menschen. Schlingensief, Pollesch, Farocki fallen einem ein, wieder Fichte, der nochmal anders arbeitend, manchmal (ungeplant?) feldforschend wie Margaret Mead, Gregory Bateson. Brinkmann hat in fast allen Bereichen gewirkt, wusste dabei, wie relevant es ist, Rechte zu halten (seine Witwe wusste es so auch, darum kriegen wir das alte Zeug peu a peu erst jetzt, via Literatur-Archiv Marbach, falls sich jemand dort mal weiter an die Arbeit macht). „Bruchstücke“, „Westwärts“, Texte da lesen sich mitunter wie Raps von Kendrick Lamar (z.B. „Mother I Sober“). Die schiere Anzahl der in seinen Texten Erwähnten aus aller Welt, geht wohl in die hundert +xy. Wer Brinkmann liest, wird auch kulturhistorisch bereichert. Wer das „Schreibheft“ liest, wird reich am großen Gemeinsamen der unter Norbert Wehrs Obhut sich dort seit langem sammelnden, ob roh oder fein: Textdiamanten.

(13) Fotos: Schreibheft-Titel, Exemplare von Andreas Bach

 

So ist das stets weitermachende Leben vielleicht doch ab und an schön. Brinkmann macht weiter, Distelmeyer macht weiter. Kermani tanzt den „Soulful Shack“, schreibt, liest, sich widersprechend oder nicht, weiter. Norbert Wehr, Diedrich und Detlef Diederichsen machen weiter („Böse Musik“, gute Kolumne in der taz), das kaput.mag macht weiter. „Die Geschichtenerzähler machen weiter…die Regierungen machen weiter…die Sonne geht auf, sie Augen gehen auf…der Mund geht auf, man spricht, man macht Zeichen…“ (Rolf Dieter Brinkmann, Vorbemerkungen zu Westwärts 1&2, 2025).
Weitermachen. An sich fragwürdig wie unstoppable. Ambivalent, nachteilige Apparate, Systeme, Strukturen fütternd, Brinkmann deutet es an. Clara Drechsler macht schon länger nicht öffentlich weiter, weil, gerade keine Zeit. Besonders ihr möchte ich von dieser Stelle aus für Anregungen und schöne Zeiten und noch schönere Texte voll fett grüßen. Ihre Wohnung ist dermaßen vollgestellt mit Platten und Büchern, das können Sie sich nicht vorstellen, klatsche ich Norbert Wehr, dem Drechsler von ihren Foster Wallace- und American Psycho-Übersetzungen her ein Begriff ist. Wehr lächelt sanft, weil er sich das bestimmt sehr gut vorstellen kann. Doch wer gibt Clara ein neues „Schreibheft“, falls dieses schnell vergriffen sein wird? Kann passieren: fast alle alten „Schreibheft“ – Nummern bis runter zu Nummer 22 sind schwer zu finden. So viele Hefte, prächtiges Text-Zeug mit und über Melville, Pynchon, Hugo Claus, Italo Svevo, Cees Noteboom (R.I.P.), Clarice Lispector, Kathy Acker, Foster Wallace, Thomas Kling, Esther Kinsky, Orson Welles, T.S. Eliot, Wolfgang Welt, Melville, Reznikoff, Bolano, Proust, Prigow, Ashbery, kaum zu zählende tolle Menschen aus aller Welt mehr, die nicht mehr erwähnt werden können.

Denn irgendwann ist leider Schluss, für alle. Niemals darf deshalb vergessen werden, dass für einige dieses „weiter/machen“ bis zu ihrem ganz persönlichen Schluss in unseren gegebene Strukturen nicht schön ist oder nie sowas wie „cool“ gewesen war. Diese gezwungenermaßen Weitermachenden – in Alt-Schatten jener blühenden Legenden, die den unerbittlichen All-Time-Jobs dauerimaginierender Mythos-Maschinen unterliegen – bleiben unbekannt, meist ohne Bedeutung, außer für ihre Nächsten. Und dies, obwohl sie mit den überhöhten Mythisierten eng, über reale Nachkommen sogar unauflöslich verbunden sind, wie Maleen Brinkmann und ihr schwerkranker Sohn Robert.

Ob in diesen Schatten jungalter Mythen-Künstler-Kasten von einer Mehrheit gegenwärtiger Kulturschaffender ein gemeinsames Soziales imaginiert werden möchte, sogar wird? Schwer vorstellbar. Eine kulturell universell gerechte Wirklichkeit (welche?), für die sich und das auch noch gemeinsam zu kämpfen lohnt (wie?), bleibt Theorie. Jeder Künstler, jede Künstlerin ist sich zuerst „Ich“, so am nächsten. Etwas wie eine umfassende tragfähige Gemeinsamkeit in unübersichtlichen Kunstwelten oder notorisch strittiger „Popkultur“ zu erarbeiten, zu leben, nicht nur zu imaginieren, dazu sagen bestimmt viele: Nicht mein Ding, i´m out, no fun, keine Lust, keine Zeit, für „mich“, „uns“, sind da keine tragenden Allianzen in Sicht.
Noch ein Nachschlag über die Angst des Vergessens im ewigen Leser. Jener entdeckt nach einem Nachhören in Blumfelds „Alles macht weiter“, erschöpft vom unablässig tobenden Referenzorkan des großen B., unruhig schon vorher, einen zuvor überblätterten Verweis auf Hans Henny Jahnn in „Westwärts1&2“, Seite 283, nach Nennungen von u.a. Noam Chomsky, Benn, Lewis Carroll, Tieck und Lenin, aber noch vor Robert Creeley und dem Pop-Verweis auf blühend darke Zukünfte via Zager & Evans´ „In The Year 2525“, und Brinkmann fragt sich: „Wie frei ist der freie Vers?“ und antwortet selbst: „…nur noch Fetzen, Fragmente..“; hieraus schließt er, mit der Legende Hans-Henny Jahnn (dazu auch „Schreibheft“ Nr. 25) das rohe Unbewusste vorschiebend, auch der Traum sei für uns vom Leben Gequälte kein Zufluchtsort mehr. Was bleibt, wenn nach Jahnn, Fichte und Brinkmann gilt: „…Träume, Blutgerinnsel der Seele“?

„Wir“, strittige Nichtgruppe, unvereinbare Nichtklasse, wie sollen wir in mies bezahlten Zeiten aufscheinender, wenig widersprochener Unkultur weitermachen? Nicht so „wie immer“? Unter Umständen gar nicht? In diesem Sinne: #motherfuckinghood, Überväter! Ja, Theaterstück! Clara, du kannst die Vorabdrucke vom „Schreibheft“ gerne haben.

P.S./ Anmerkung: Alle Schreibweisen in alter Rechtschreibung wurden vom Autoren unverändert übernommen.

Andreas Bach

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