Freitag, 20.09.2019
Jugendkultur Jetzt Teil 3

Die jungen Superqueeros kommen

Are the kids alright? Und sind wir es auch? Im August denken drei Autor*innen über aktuelle Phänomene der Jugendkultur nach – und was sie für die Gegenwart bedeuten.
Im letzten Teil der Reihe beschäftigt sich STEFAN HOCHGESAND mit Queerness, Coming of Age und Outings im Pop. Queere Jugendliche wie Lil Nas X und Halsey haben sich in den letzten Jahren ihren Platz in der Popkultur erobern – nicht nur in der Nische, sondern auch mitten im Mainstream. Ist die Regenbogenwelt nun perfekt? Illustrationen: RONJA SEIFERT

An der Spitze der Charts: ein schwuler schwarzer Teenager. Was klingt wie eine queere Utopie (oder wahlweise: wie der Weltuntergang für queerphobe Rassist*innen), ist Fakt im real existierenden Sommer 2019: Lil Nas X, geboren 1999 in Atlanta, Georgia, ist so jemand, den man den Sänger der Stunde nennen könnte – würde seine „Stunde“ nicht schon so lange währen. Am 5. April (da war Lil Nas X gerade noch 19) kam die chartsstürmende zweite Version seines Songs „Old Town Road“ heraus, der die konventionell abgesteckten Grenzen zwischen Country und Hip Hop geflissentlich ignoriert. Der Song steht von jener Woche an bis heute, während ich diese Zeilen schreibe, auf Nummer 1 der US-Single-Charts. Kein anderer Song war jemals so lang auf dem Spitzenplatz in den USA. Am 30. Juli hat die vormalige Rekordhalterin, Pop-Charts-Kaiserin Mariah Carey, bei Instagram ein Glückwunsch-Foto gepostet, auf dem sie Lil Nas X die Fackel weiterreicht. Lil Nas X, ein queeres Sommermärchen. Ein Zeichen der Hoffnung, für alle queeren Teenager, von Harlem bis Halle. Hoffnung, dass alles möglich ist, auch wenn sie dich jetzt auf dem Pausenhof noch „Schwuchtel“ schimpfen.

Der Chartssturm durch Lil Nas X (oder Montero Lamar Hill, wie er abseits der Bühne heißt) ist ein besonders beeindruckendes, aber längst nicht das einzige Beispiel dafür, dass sich queere Jugendliche in den letzten Jahren ihren Platz in der Popkultur erobern – nicht nur in der Nische unter „ferner liefen“, sondern auch mitten im Mainstream, wo ihre Reichweite und Wirkung auf ein Maximum geht: Während Lil Nas X schon an der Chartsspitze thronte, gab es im Juli in der dritten Staffel der stilprägenden Netflix-Mystery-Serie „Stranger Things“ zwei jugendliche Coming-Outs: ein lesbisches und auch ein angedeutetes, wenn auch umstrittenes schwules. Auch in den erfolgreichen Streaming-Serien „Tote Mädchen lügen nicht“, „Sex Education“, „Élite“ und „Riverdale“ tauchen wie selbstverständlich junge Queers auf, die an der Schule geoutet sind. Nicht bloß als Deko, sondern in zentralen Rollen.

Filme mit schwulen Teenagern in den Hauptrollen haben 2017 und 2019 Oscars abgeräumt: „Moonlight“ beziehungsweise „Call Me By Your Name“. In  der Literatur wurde der autobiografische Roman „Das Ende von Eddy“ (fr. 2014, dt. 2015) von Édouard Louis über sein Leben als schwuler Junge in der französischen Provinz ein Bestseller. Aktuell zeichnet sich beim gerade auf Deutsch erschienenen „Auf Erden sind wir kurz grandios“ des in Vietnam geborenen Ocean Vuong ein ähnliches Phänomen ab.

Im jungen Chartspop sind die nicht-heterosexuellen Äquivalente: Sam Smith, der 2015 gar den oscarprämierten Titelsong zum traditionell übertrieben heterosexuellen „James Bond“ beisteuern durfte; Halsey, bisexuelle Woman of Color, die mit ihrem Album „Hopeless Fountain Kingdom“ 2017 auf Nummer 1 der US-Album-Charts war; die Band Years & Years mit ihrem schwulen Sänger Olly Alexander, die 2015 mit „King“ Nummer 1 im UK erreichte, dem Mutterland der Popmusik; und der australische, jüdische Sänger Troye Sivan, der 2015 mit seinem Coming-Out-Video auf Youtube Millionen von Klicks bekam – und 2018 auf seinem zweiten Album mit Überstar Ariana Grande duettierte.

„Na und“, könnte man jetzt einwenden, „ist das nicht alles längst egal in unserer schönen toleranten Welt? Sind sie halt queer, who cares?“ Doch so schön tolerant ist diese Welt oft nur, wenn ihnen die Queers auf Abstand bleiben. Das zeigt auch eine aktuelle Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vom März 2019: Während sich 83 Prozent der Deutschen (abstrakt) für die Ehe für Alle aussprechen, fänden es (konkret) 39,8 Prozent „eher“ bis „sehr unangenehm“, wenn die eigene Tochter lesbisch wäre; 40,8 Prozent, wenn der eigene Sohn schwul wäre. Vier von zehn jungen Queers haben also, während Lil Nas X die Charts stürmt, Eltern, denen die queeren Kinder aufgrund ihrer sexuellen Identität, ihres Strebens nach Glück, peinlich sind. Die Selbstmordversuchsraten sind bei queeren Teenagern über dreimal so hoch wie bei ihren heterosexuellen Peers. Vom super-empathischen Schlussmonolog des von Michael Stuhlbarg gespielten Vaters in „Call Me By Your Name“ könne viele junge Queers nur träumen, nach wie vor. Oder von der vergleichbaren Ansprache durch Jennifer Garner in „Love, Simon“ (2018) als Mama des schwulen Simon. Oder von Nicole Kidman in „Der verlorene Sohn“ (2019), die dem fundamentalistisch-christlichen „Therapeuten“, der ihren Sohn mit psychobrutaler Methodik hetero machen will, ein aufrichtiges „Shame on you!“ an den Kopf knallt – spät, aber nicht zu spät, immerhin.

In diesem Licht betrachtet, kann der Ruf nach mehr Repräsentation queerer Jugendlicher in der Popkultur nicht als abgehobenes Intello-Blabla abgetan werden. Die Probleme sind handfest. Die Frage, ob zwischen all den Geschichten von Romeos und Julias ab zu und auch mal eine Geschichte von Romeo und Julian für erzählenswert befunden wird – sie entscheidet darüber, ob sich queere Jugendliche okay fühlen dürfen, wie sie sind. Ob sie Rollenmodelle finden, die sie ermutigen, selbstbewusst mit ihrer Identität umzugehen. Und auch für Heteros ist es wichtig, queeren Liedern zu lauschen, queere Geschichten zu lesen, zu sehen – nicht bloß, wenn sie queere Kinder, Verwandte, Freund*innen haben: „Eine gute Geschichte hilft uns, die Welt außerhalb von uns selbst zu sehen“, hat Barack Obama jüngst auf Instagram geschrieben. „Sie hilft uns, Solidarität füreinander zu empfinden.“ So schaut’s nämlich aus.

Ich weiß noch, wie ich mir, zwölf Jahre alt, den englischen Coming-Out-Film „Die erste Liebe – Beautiful Thing“ (1997), im Nachtprogramm von Vox aufgezeichnet habe. Er handelt von zwei Jungs von derselben Schule, die sich ineinander verlieben. Ich erinnere mich auch daran, wie ich anderen Kram vor den Recorder gestellt habe, damit meine Eltern auf keinen Fall merken, dass ich was Schwules aufnehme. Der Recorder fing nämlich immer hell zu leuchten wenn, wenn er anlief. Ich weiß auch noch, wie wichtig mir 2001 Jack McPhee (Kerr Smith) war: der schüchterne, schwule High-School-Schüler in der damals besten Jugendserie „Dawsons’s Creek“. Der erste schwule Teenager im US-Fernsehen in einer wichtigen Rolle. Es war auch fast schon die Zeit, als ich zum Avant-Pop von Patrick Wolf tanzte, der zwei Jahre älter als ich war und damals noch nicht geoutet – aber trotzdem schon diesen queeren Vibe und Zauber hatte. Viel mehr gab’s damals aber auch nicht an etwa gleichaltrigen Role Models in der Popkultur.

Ich hab mich ziemlich allein gefühlt mit vielem, was in mir tobte. Rückblickend muss man allerdings sagen, dass Künstler wie Patrick Wolf, Perfume Genius (der 2012 ein Liebesduett mit seinem festen Freund veröffentlichte) und Ezra Furman aus der Indie-Nische heraus der Queerness im Mainstream Vorschub geleistet haben. Nun schließt sich der Kreis, indem Indie-Superqueero Ezra Furman 2019 jeden zweiten Song zum Soundtrack der queer-gewahren Netflix-Serie „Sex Education“ besteuert, über die noch zu sprechen sein wird.

Am 30. Juni also schrieb Lil Nas X auf Twitter: „Einige von euch wissen es schon. Einigen wird es egal sein und einige werden nun nix mehr mit mir zu tun haben wollen. Aber bevor dieser Monat endet, möchte ich, dass ihr alle aufmerksam c7osure hört.“ Gefolgt von einem Regenbogen-Emoji und einem strahlenden Smiley. Dieser Monat Juni, also traditionell Pride Month in den USA, anlässlich der Stonewall Riots im 1969, dem Schlüsselereignis des Queer Rights Movement.  Der Lil-Nas-X-Song „c7osure“ handelt zwar davon, selbstbestimmt zu leben, aber lässt doch viel Raum offen für Interpretation. Nachdem das Gemunkel losgegangen war, legte Lil Nas X also nochmal nach mit einem zweiten Post: „Ich dachte, ehrlich gesagt, ich hätte mich klar ausgedrückt“, diesmal mit Close-Up des EP-Covers, das einen Cowboy mit Pferd zeigt – vor einer im Regenbogenfarbspektrum bestrahlten Skyline.

Die Geschichte von Lil Nas X ist auch deshalb so inspirierend, weil er zudem musikalisch ein Grenzgänger ist: Billboard, die Company hinter den US-Charts, hatte vorab entschieden, dass Lil Nas X mit seinem Song nicht in die Country-Charts darf – weil er zu wenig Country sei. Freilich würde niemand von offizieller Seite zugeben, dass das irgendetwas mit seiner Hautfarbe zu tun haben könnte. Rückblickend kann man sagen: Wozu die Country-Charts, wenn man die Haupt-Charts stürmen kann? Manche meinen, dass ein Schwuler nicht Hiphop, dass ein Schwarzer nicht Country sein kann. „Can’t nobody tell me nothin’“, singt der junge schwarze Cowboy Lil Nas X derweil in seinem Hyperhit. Frei übersetzt: „Erzählt mir nix vom Pferd!“

Viele (junge) Queers sind gefangen in einer Zwickmühle aus Unsichtbarsein versus Hypersichtbarsein. Entweder sie sprechen nicht darüber, in wen sie sich verlieben – und kaschieren damit, psychisch anstrengend, einen nicht unwichtigen Teil ihrer Persönlichkeit; oder sie tun es doch, wodurch ihnen fast unweigerlich eine anormale und in Teilen negative Aufmerksamkeit zuteilwird. Es scheint paradox, aber: Wer sich mittelfristig eine Welt wünscht, in der Coming-Outs gar nicht mehr nötig sind, sollte sich auch mit dem Gedanken konfrontieren, dass eine solche Welt niemals wahr wird, indem man schon heute auf Coming-Outs verzichtet.

Solange nicht jedem Mensch bewusst ist, dass er in seiner Familie und seinem Freundeskreis geliebte Menschen hat, die queer sind, so lange wird es Hass auf Queers geben. Coming-Outs sind das wirksamste Werkzeug im Kampf gegen queerphobe Ignoranz. Und sowieso ein Akt der Selbstachtung. Der Unterschied zwischen „Normalos“ und Promis ist freilich, dass „Normalos“ oft nicht nur das eine Coming-Out haben, sondern sich immer wieder Situationen ergeben, in denen sie sich aufs neue outen (müssen). Bei Promis ist es, etwa mit einem Post, ein- für allemal erledigt. Dass Coming-Outs nun in der Mainstream-Popkultur vorkommen, ist von unschätzbarem Wert. Und doch sind sie, wie wir sehen werden, auch umstritten.

Im August hat Lil Nas X dem Time Magazine, das ihn aufs Cover hievte, dann auch erzählt, was ihn zum Coming-Out bewogen hat: „Im Juni hab ich überall Pride-Flaggen gesehen. Paare, die sich küssten.“ Sichtbarkeit macht Mut zu noch mehr Sichtbarkeit. Die Kunst imitiert die Realität, und die Realität imitiert die Kunst. Die Gegenreaktionen, die freilich auch folgten, nimmt Lil Nas X sich nicht so sehr zu Herzen, sagt er. Dabei kam eine sogar aus unerwarteter Richtung: Remix-Partner Young Thug meinte im Juli: „Meinem Gefühl nach hätte er es nicht der Welt verraten sollen.“ Ausgerechnet Young Thug, der Darling vieler Indie-Musiker, die an ihm bewundern, dass sein höchst eigenwilliger Rapstil allen Konventionen trotzt – und der auch schon mal spontan auf einen Haute-Couture-Laufsteg springt, um einem (männlichen) Model Karl-Lagerfeld-like die Robe zu richten. Ausgerechnet dieser Young Thug sagt nun, das Coming-Out von Lil Nas X sei ein Fehler gewesen.

Gewissermaßen ist Young Thug damit der Philipp Lahm des Rap: Auch der Fußballstar Lahm gibt sich stets homofreundlich – um dann im nächsten Atemzug zu betonen, er könne das keinem Fußballer ernsthaft raten, sich zu outen. Konservatismus unter dem Deckmantel der Progression. So kommen wir nicht weiter. Aber während Männerfußball wohl tatsächlich die letzte Bastion der Heteronormativität bleiben wird, hat Popkultur die Chance, der Gesellschaft vor Augen zu halten, wie diese Welt auch aussehen könnte.

Doch leichter gesagt als getan. Wie macht man das als junger Popstar dann wirklich, sich zu outen? Ich habe einen gefragt, der es wissen muss: Olly Alexander, 29, schwuler Sänger und Songschreiber der Synthie-Pop-Band Years & Years, die unlängst mit den Pet Shop Boys im Studio war. Olly Alexander singt als junger Mann auch über Liebe zu anderen Männern. Wie also hat er den Mut aufgebracht? „Wir haben das ohne Fanfaren getan“, hat mir Olly Alexander gesagt. Er habe definitiv Angst davor gehabt. „Denn ich habe ein bisschen Scham verinnerlicht – darüber, schwul zu sein“, hat er gesagt. „Das war schon eine Hürde. Ich habe versucht, nicht allzu viel darüber nachzudenken. Und dann wurde es doch ein großes Ding – eben deshalb, weil in der Popmusik nach wie vor kaum über gleichgeschlechtliche Liebe gesungen wird. Da gibt es einen Mangel.“

Deshalb versuche er nun, umso mehr queere Frequenzen auszusenden. „Und wann immer ich ein bisschen Angst davor hatte, wollte ich es gerade deshalb umso mehr. Das war geradezu Benzin aufs Feuer.“ Da liegt der Verdacht nahe, dass ihn Leute im Popbiz ausbremsen wollten. War es so? „Vorbehalte und Zurückhaltung gab es auf jeden Fall“, meinte Olly Alexander. „Ich weiß, dass manche Leute glauben, dass nur Gays etwas mit einer gleichgeschlechtlichen Liebesgeschichte anfangen könnten. Ich persönlich glaub das nicht, also: fuck them!“ Er lacht herzlich. „Ich bin Songwriter, niemand könnte mich je dazu zwingen, meine Texte abzuändern.“

Auch Troye Sivan, 24, habe ich gefragt, wie er damit umgeht, über Liebe zu Jungs zu singen. „Meine heterosexuellen Kollegen im Pop-Business dürfen ganz selbstverständlich andersgeschlechtliche Leute küssen in ihren Videos“, hat mir Troye Sivan gesagt. „Und Pronomen wie ‚er‘ oder ‚sie‘ singen. Ich fragte mich: ‚Warum sollte ich das nicht dürfen?‘ Also habe ich es einfach gemacht und durchgezogen.“ Troye Sivan meinte auch, dass es ihn fertig macht, wenn er andere junge Queers nicht direkt aus ihrer misslichen Lage befreien kann. „Alles, was ich tun kann, ist, ihnen ein Hoffnungsschimmer zu sein“, sagte er mir. „Hoffnung darauf, dass es irgendwo draußen Leute gibt, die sie akzeptieren werden.“

So „einfach“ gemacht hat er das also mit den Pronomen, wie etwa auch die bisexuelle R’n’B-Sängerin Halsey, ebenfalls 24, in ihrem Song „Bad At Love“ von ihrem jüngsten Album von 2017. Darin singt sie in beschleunigtem Mid-Tempo davon, warum es mit diesem oder jenem, dieser oder jener nicht geklappt hat – und sie, so kokettiert Halsey, es folglich in Sachen Liebe nicht draufhabe. Man könnte dem Song vorwerfen, dass er das Verliebtsein in ein Mädchen nicht direkt an den Anfang stellt, sondern erst in die dritte Strophe verfrachtet.

Tatsächlich aber ist das ein sehr guter Schachzug gegen Bi-Erasure, also das Phänomen, dass Bisexualität noch unsichtbarer ist als Homosexualität – weil sowohl viele Heteros als auch viele Homos nicht glauben wollen, dass jemand „wirklich“ bi ist. Und andererseits viele bisexuelle Menschen auch lieber ungeoutet bleiben. Nicht so Halsey. In ihrem besagten Song ist  der Boy in Strophe 1, der nach Alk schmeckt, sie eine Bitch nennt und sowieso bekloppte Freunde hat, genauso ein Problem wie der Boy in Strophe 2, der sie am liebsten hinterm Herd sieht, wie das Girl in Strophe 3, das sich in Lines aus Kokain verknallt hat: „Got a girl with California eyes / And I thought that she could really be the one this time / But I never got the chance to make her mine / Because she fell in love with little thin white lines.“

Zum einen: cool, wie Halsey es hier nicht den Beach Boys überlässt, California Girls anzuschmachten. Sie darf und kann das nämlich auch. Zum anderen: wird natürlich jeder schmachtende Fanboy und jedes schmachtende Fangirl von Halsey zu der Conclusio gelangen, dass mitnichten Halsey „bad at love“ ist – sondern sie bloß einfach noch nicht den oder die richtige gefunden hat. Sehr schön.
Dass all dies wirklich erst in den letzten paar Jahren möglich wurde, wird einem auch erst wieder klar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die schon genannte High-School-Dramödie „Love, Simon“ (2018) der erste von einem Major-Hollywoodstudio produzierte Film war, dessen Hauptfigur ein schwuler Teenager ist. 2018! Zwölf Jahre nach „Brokeback Mountain“. (Alle anderen Filme, die einem jetzt als vermeintliche Gegenbeispiele einfallen würden, sind Indie-Produktionen, auch wenn sie teilweise, wie „Call Me“ letztlich von Majors, hier Sony, aufgekauft wurden – nachdem sie schon Festivalpreise abgesahnt hatten.) Das Buch zu „Love, Simon“ basiert auf einem Roman von Becky Albertalli, die zuvor als psychologische Beraterin gearbeitet hat – auch mit queeren Teenagern. Regie geführt hat Greg Berlanti, der schon Showrunner bei der erwähnten Serie „Dawson’s Creek“ war, die queere TV-Geschichte geschrieben hat.
Der in Cannes gekrönte, frankokanadische Autorenfilmer Xavier Dolan, 30, eher bekannt für seine kongenialen Arthouse-Bilder als für seinen Applaus für Maintreamfilme, hat „Love, Simon“ einen Liebesbrief auf Instagram geschrieben: „Ich habe als Kind so viele LGBTQ-Filme gesehen, auf der verzweifelten Suche nach Antworten, eingeschlossen in meinem Zimmer. Die meisten davon waren brillant und bestärkend für den jungen Künstler, der ich sein wollte – aber sie ließen den jungen Mann aus, der ich war, und der auf wenig hoffen konnte. Selbstmord, Herzbruch, Bullying, Gay-Bashing. ‚Love, Simon‘ hingegen mit all seiner Ernsthaftigkeit, all seiner Normalität, zeigt den Struggle des Coming-Outs, aber mit einer inspirierenden Schlussfolgerung für Teenager.“ Das Happy-End, bei dem Simon mit dem bis dahin nur unter dem Pseudonym „Blue“ chattenden Highschool-Kameraden Riesenrad fährt, ist ein Riesenschritt. „Und vielleicht“, fährt Dolan fort, „kann uns das als Industrie eine Lehre sein, LGBTQ-Rollen nicht mehr auf Nebenrollen zu reduzieren, die bloß für die Lacher sorgen.“

Ein wunderbares Beispiel dafür, dass ein schwuler Teenager als vermeintliche Nebenrolle startet, aber dann die heimliche Hauptrolle der Serie wird – das ist Eric Effiong (gemimt von Ncuti Gatwa) in der 2019er Netflix-Erfolgsserie „Sex Education“. Am Anfang hält man ihn bloß für den schwarzen besten Freund der offiziellen (weißen) Hauptfigur. Eric reißt die richtigen Jokes und trägt die coolsten T-Shirts. Na toll. Doch im Lauf der Staffel erhält er so viel Raum, zurecht, dass man allerlei über seine Konflikte erfährt und wie er sich selbst behauptet, auch gegen die Homophobie in der Familie – und er letztlich trotzdem, nein, umso mehr, ein cooles Role Model für Teenager ist.

Doch nicht alles ist Heiterkeit: Wirbel gab es jüngst im Juli um eines der beiden unverhofften Coming-Outs bei „Stranger Things“, der Serie schlechthin, die man gesehen haben muss, um beim popkulturellen WG-Partytratsch nicht ganz dumm dazustehen. Die ersten beiden Staffeln der subtilen Serie, die Horror und ruhige Momente perfekt balanciert, gaben keinerlei Hinweise auf Queerness. Und dann gleich zwei Teenager-Coming-Outs in Staffel 3? Was geht?!
Eines davon geschieht auf einem Drogentrip. Robin (gespielt von Maya Hawke, der Tochter von Uma Thurman und Ethan Hawke), erzählt ihrem charmant verpeilten Kollegen von der Eisdiele, Steve, dass sie in der Schule wahnsinnig eifersüchtig auf ihn war – weil Tammy ihn immer angestarrt habe. Sie, Robin, habe zuhause vor lauter Eifersucht in ihr Kissen geheult. „Aber Tammy Thompson ist ein Mädchen“, kontert Steve und kapiert nichts und eine Sekunde später alles. Steve ist schockiert: „Aber die singt doch wie ein Muppet!“ Das größte Problem am Umstand, dass ein Mädchen in ein Mädchen verliebt ist, ist also: dass eins davon nicht singen kann. Das Leben ist schön. Maya Hawke sprach später im Interview darüber, dass sie selbst auf diesen Plot-Twist hingewirkt habe. Bravo! Vorgesehen war klassisches Girl-loves-Boy.
Das andere Coming-Out der dritten „Stranger Things“-Staffel hingegen warf viele Fragen auf: „It’s not my fault you don’t like girls“, schleudert Mike Wheeler (Finn Wolfhard, 16, der übrigens auch in einer Band schrammelt) Will Byers entgegen. Vielleicht der größte Gänsehautmoment der Serie, als Will, tränenüberströmt, anschließend das Gartenhaus der einst innig verbundenen Teenagergang kleinhackt, in dem viele seiner Erinnerungen lagerten. Ohnehin war Will Byers ja das traumatisierte Kind der Serie, schon von Anbeginn der ersten Staffel. Er hatte am meisten mit den Dämonen zu kämpfen.
Man muss nicht, aber man kann einige dieser Monstergeschichten auch als Angst vor dem Coming-Out interpretieren. Nachdem die Fans wild losspekuliert hatten, sagte Will-Byers-Darsteller Noah Schnapp, 14, besagter Satz („Ich bin nicht Schuld dran, dass du keine Mädchen magst!“) müsste nichts, aber auch gar nichts mit der Sexualität seiner Figur zu tun haben. Hauptdarsteller Finn Wolfhard hingegen sagte in einem Interview, man habe verschiedene Versionen der Szene gedreht. Einmal habe der Satz „It’s not my fault you don’t like girls yet“, gelautet – was eher suggeriert hätte, dass Will halt in seiner Entwicklung bisschen zurückhängt und bloß noch keine Mädchen mag. Am Ende haben sich die Serienmacher aber für die Version entschieden, die eher nahelegt, dass Will gar nicht auf Mädchen stehen könnte. Dass Noah Schnapp dagegenruderte, hat vielleicht auch damit zu tun, dass man immer noch trennen muss: zwischen einem*r Popsänger*in, der*die queer ist und das selbstbewusst kundtut – und einem*r Schauspieler*in, der*die immer noch Angst hat, sein Leben lang auf queere Rollen festgelegt zu sein.

Olly Alexander von Years & Years hat es mir so gesagt: „Wir erleben gute Zeiten für queere Artists in dem Sinne“, meinte er, „Ein paar Leute haben den Durchbruch gepackt. Aber drei junge, kommerziell erfolgreiche Künstler bilden noch keine soziale Bewegung. Und wir haben es ja mit einer so diversen Community zu tun. Es muss noch viel passieren im Pop, um das angemessen zu repräsentieren.“ Repräsentation in der Popkultur, das ist kein luftiges Gerede. Es geht asphaltfest und betonhart (so kuschelig wie der Schulhofsboden, auf den deine Wange knallt, während andere „Schwuchtel“ schreien) darum, wessen Lebensgeschichten für wert befunden werden erzählt und von anderen gehört zu werden. Und welche nicht.
Der exorbitante Erfolg von Lil Nas X weist in die richtige Richtung. Countrysänger Billy Ray Cyrus, der dem Song die dritte Strophe für die chartsstürmende Version hinzufügte und sang, meinte zum Time Magazine letzte Woche, der Song habe viele Mauern eingerissen: „Viele Künstler da draußen können draufgucken und sagen: ‚Hey Mann, die Ampel leuchtet nun grün.“ Das wäre wohl die überfällige Lektion, die ein schwuler schwarzer Teenager im Sommer 2019 der Popindustrie verklickert hat.

Text: Stefan Hochgesand // Illustrationen: Ronja Seifert // Redaktion: Julia Lorenz

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