Dienstag, 16.07.2019
über Macht und Herrschaft, Sichtbarkeit und Repräsentation, und über Intersektionalität im Pop

Ain’t I a Human?

Illustration: Yella Roth


Ain’t I a Human?

Ganz im Sinne von slow journalism geben wir uns in diesem Monat nicht dem nächsten und neusten Hype hin. Stattdessen nehmen wir uns Zeit und hören genauer hin, suchen die explizit feministische Perspektive auf Popkultur.

Im dritten Text der von Aida Baghernejad kuratierten Reihe denkt sie selbst laut nach über Macht und Herrschaft, Sichtbarkeit und Repräsentation, und über Intersektionalität im Pop.

Im Sommer 1991, schrieb eine junge Kathleen Hanna Regeln für ihre feministische Agenda auf: “THESE ISSUES MUST BE INCORPORATED FROM THE BEGINNING: anti-racist, … [anti]-heterosexist, [anti]-classist work cannot be ‘written in’ the margin, they MUST BE CENTRAL.”

Fast 30 Jahre sind vergangen, Bikini Kill begibt sich dieses Jahr sogar auf eine kleine Reunion-Tour – aber Hannas Notizen haben noch nichts von ihrer Relevanz eingebüsst. Im Gegenteil, auch wenn die Gesellschaft sich in vielen Aspekten weiterentwickelt hat, erleben wir doch gerade gleichzeitig einen Backlash gegen progressive Ideen im Allgemeinen und gegen Minderheitenrechte im Besonderen. Im Zeitalter von AfD, Trump, Brexit, Orban, “Fake News”, “Lebensschützern” und “Asylkritikern”, von “Identity Europe” und “Nipstern” müssen alle, die nicht einer wie auch immer implizit oder definierten Norm entsprechen, vorsichtig sein: online droht Sifftwitter, offline brennen Geflüchtetenheime und in Südneukölln werden zivilgesellschaftliche Aktivist*innen bedroht und angegriffen, nur zwei Beispiele von unendlich vielen.

Ebenfalls dreißig Jahre alt wurde gerade der Begriff der intersectionality, den die Böll-Stiftung gerade erst vergangenes Wochenende mit einer Geburtstagsgala feierte. Intersek-was?
Die Juristin und Aktivistin Kimberlé Crenshaw entwickelte dieses Konzept der Intersektionalität, um, kurz gesagt, zu erklären, dass Unterdrückung nicht nur ein- sondern mehrdimensional sein kann, sondern dass sich verschiedene Formen der Unterdrückung – zum Beispiel Sexismus und Rassismus – auch überkreuzen und so gegenseitig verstärken können. “There is no such thing as a single-issue struggle because we do not live single-issue lives”, schrieb Audre Lorde 1982.
Nicht alle nicht cis-männlich definierten Menschen erfahren Unterdrückung auf die gleiche Weise, nicht alle nicht-weißen Menschen erfahren Unterdrückung auf die gleiche Weise, und nicht alle nicht-straighten, nicht-alle bodied, nicht-reichen, nicht-xyz Menschen erfahren Unterdrückung auf die gleiche Weise. Intersektionale Diskriminierung ist damit ein besonderer Fall der Mehrfachdiskriminierung – das Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen gleichzeitig hat eine andere Qualität als jede einzelne für sich genommen. Es ist keine Additionsrechnung, es ist eine Multiplizierung.

Aber was hat das alles mit Pop zutun? Ist Pop nicht diese wunderbare Utopie, in der wir alle zufrieden miteinander in den Sonnenuntergang tanzen? Ist Pop nicht dieser mythische Ort, an dem ebony and ivory […] in perfect harmony leben können?

Ach. Wäre es so einfach. Was eine schöne Welt es wäre. Wessen Körper, wessen Stimme, wessen Geschichte darf im Pop repräsentiert werden? Pop ist doch für uns alle da – eigentlich. Aber gleichzeitig ist Unterdrückung schon in der DNA von Popkultur verankert: Man nehme nur Sister Rosetta Tharpe als Beispiel. Bis vor kurzem fast vergessen, 2017 dann doch noch in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen, gilt sie eigentlich als die Erfinderin von Rockmusik. Als eine der ersten Künstler*innen nutzte sie verzerrte Gitarren, prägte den Sound, auf dem Popkultur fußt. Chuck Berry gab sogar zu, dass seine gesamte Karriere eigentlich nur eine Nachahmung dieser Pionierin war. Und trotzdem – ihr Name verschwindet hinter Little Richard und Chuck Berry, so wie deren Namen hinter Elvis verschwinden. Könnte es daran liegen, dass Ms Tharpe nicht nur Schwarz war, sondern auch eine Frau, und noch dazu eine queere Frau? Die 1915 im Süden der USA geboren wurde, in relativer Armut? Wessen Geschichte wird erzählt, an wessen Geschichte wird erinnert, wessen kreative Arbeit wird gewertschätzt?

Aber wir brauchen gar nicht so weit zurückzublicken, eine kurze Reise nach 2015 reicht auch schon, um die gleichen Mechanismen der Sichtbarmachung und Repräsentation offenbar zu machen. Damals gab es eine fast lächerlich anmutende Kontroverse um die MTV Video Music Awards und Nicki Minaj, deren Musikvideo zu “Anaconda” in den Monaten zuvor nichts geringeres als ein cultural moment war. Man kann das Video geschmackslos finden, übertrieben sexualisiert, man kann Minajs Agency als Künstlerin in Zweifel ziehen, schließlich ist nie ganz klar, wer nun wirklich die Strippen zieht im globalen Mainstream-Pop. Fest steht aber: In jenem Jahr kam man an diesem Musikvideo als popkulturelle Referenz kaum, nein, eigentlich gar nicht vorbei. Es war eines der meistgeschauten Musikvideos, es wurde remixed, in Memes verwurstet, diskutiert.

Was passierte aber? Anaconda war weder für die beste Choreography, noch als bestes Video des Jahres nominiert. Und wir reden nicht von einer E-Kultur-Veranstaltung, sondern von den MTV Music Video Awards. Nominiert war Minaj mit Anaconda zwar schon, allerdings nur in den Kategorien Beste Female und Best Hip Hop – was seine eigene Problematik aufweist. Die Künstlerin machte ihrer Wut auf Twitter Luft:

Was zu einer enttäuschten Antwort von Taylor Swift führte. Diese war mit einem Video nominiert – eines, in dem sie neben ihren Modelfreundinnen auftritt. Swift fühlte sich angegriffen und schrieb entrüstet, dass Frauen sich nicht gegen andere Frauen stellen sollten, vielleicht habe ja einer der männlichen Künstler “ihren Platz” weggenommen.
Und da sind wir schon beim Hauptproblem: Wo Swift nicht die Kritik am System sieht, sondern es persönlich nimmt, alles auf die Frage des Geschlechts herunterbricht und im Grunde bedingungslose Solidarität zwischen Frauen* fordert, geht es eigentlich um etwas anderes: Minaj ist nicht nur eine Frau, sondern auch eine Schwarze Frau, und ist noch dazu in einem Genre aktiv, dass vor allem von Männern bedient wird und dass mit seinen eigenen rassistischen Zuschreibungen zu kämpfen hat. Das Spielfeld ist von vornherein nicht ausgeglichen. Und dass das Werk dazu eine Schwarze Frau in den Vordergrund stellt, die ihre Sexualität zumindest dem Anschein nach selbstbewusst kontrolliert, brach immer noch ein unausgesprochenes Tabu. Denn der Körper, die (kulturellen) Praktiken, die Erzählungen und die Verhaltensweisen nicht-weißer Frauen* dürfen ruhig Hintergrund, Thema oder Ressource für andere Künstler*innen sein – doch wenn diese als eigenständig Handelnde auftreten, wird es kompliziert.
Halbnackte, twerkende Frauen* in Musikvideos von Männern? Klar, normal.
Cornrows auf den Köpfen von weißen Menschen? Edgy Fashion.
Die margins, die marginalisierten Menschen, beeinflussen den mainstream – den Profit aber, den machen andere. Das zeigt sich auch in Protestbewegungen: #MeToo wurde von einer Schwarzen Frau* gestartet – die dann vergessen wurde, der Women’s March von einem Schwarzen Kollektiv, die Liste könnte endlos weitergehen – das Ergebnis ist jedoch immer wieder ähnlich: Diese Menschen geraten in den Hintergrund, das intersektionale im Kampf gegen Oppression verschwindet hinter vermeintlich “einfacheren” Einzelanliegen, das nicht durch das Einbeziehen von Faktoren wie Klasse, race, Gesundheit, Gender und so weiter verkompliziert wird.
Keine neuere Entwicklung übrigens, schon 1851 fragte die Abolitionistin und Frauenrechtlerin Sojourner Truth (angeblich): Ain’t I a Woman? Oder haben dieses Recht nur privilegierte Frauen? Heute sind wir vielleicht insofern weiter, dass die ein wachsender Teil der Menschheit anerkennen kann, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt. Doch in der Sache an sich sieht es schlecht aus.

Denn auch in der kontemporären Popkultur gibt es genug Beispiele für die Aneignung kultureller Codes durch Mitglieder der dominanten Gesellschaftsgruppen. Diese kulturellen Codes und Symbole werden dann ihrer kulturellen Relevanz entleert als Kommerzprodukte wiedergeboren. Ein gutes Beispiel ist da Gwen Stefani: ihre Karriere ist gezeichnet von cultural appropriation – von den Bindis auf ihrer Stirn in den Neunzigern bis hin zu der Japan-Fetischisierung in ihrer Solokarriere in den Nullerjahren, wo sie jahrelang mit einer Riege stummer japanischer Tänzer*innen reiste. Sie als weiße Frau hat die Freiheit mit Symbolen zu spielen, sie aus dem Kontext zu reißen und als Dekoration für ihren Auftritt zu nutzen. Frauen*, die in diesen Kulturen aufwachsen, verfügen nicht über das Privileg des Spielerischen – sie werden eingeordnet, zugeordnet, in Schubladen gepackt. Traditionelle Kleidung zu tragen, beispielsweise, bedeutet für nicht-weiße Frauen* ihren Status in von white supremacy, Kapitalismus und Patriarchat geprägten Gesellschaften des Globalen Nordens, wie es bell hooks benennt, weiter zu marginalisieren und zur Zielscheibe von Zuschreibungen zu machen.

Das zeigt sich gerade auch in der Debatte um die Contemporary Muslim Fashions-Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt. Hijab und modest fashion sind zweifellos in der Popkultur angekommen, mit Hijabi-Frauen* als Youtubestars, Models mit Hijab in der Swimsuit Issue der Sports Illustrated, bei H&M, Nike oder als neue Heldinnen am internationalen Boxer-Himmel. Eine selbstbewusste Generation junger muslimischer Frauen* entwirft ihre eigenen Stil, ob nun mit oder ohne Kopftuch und diese Ausstellung, die in San Francisco für Furore gesorgt hatte, bildet dieses neue Selbstbewusstsein ab – doch die deutsche Presselandschaft war entrüstet. Muslimische Mode in einem Museum? Das kann doch nur den Islamismus verharmlosen, so war, etwas überspitzt, der Tenor. Muslim*innen mit oder ohne Kopftuch haben nicht zu sprechen – über sie wird gesprochen. Besonders mit dem Kopftuch als sichtbares Symbol ihrer Zugehörigkeit erfahren diese Frauen* potenzierte Diskriminierung, ihnen wird agency, eigenmächtiges Handeln, abgesprochen. Über sie wird geredet – doch zu wenig mit ihnen, zu selten schaffen es ihre eigenen Worte durch den Lärm. Dabei haben sie verdammt viel zu erzählen und der Diskurs wäre wesentlich produktiver, würden sie abends bei Anne Will und Co. sitzen statt die ewiggleichen üblichen Protagonisten.

Gerade der als weiblich gelesene Körper wird eben in allen Formen und allen Bedeckungsgraden als Diskussionsobjekt gesehen und gilt in gewisser Weise als vermeintliches “Gemeingut”. Hijabi-Frauen* oder Menschen, die sich den impliziten (und manchmal expliziten) Normen verweigern, lehnen sich damit gegen ein System auf, das Widerstand gegen sich mit weiterer Diskriminierung und Unterdrückung begegnet. Und genau deswegen ist popkulturelle Repräsentation so wichtig: sie wirkt gegen die Individualisierung, die mit Diskriminierung einhergeht. Sie zeigt: Du bist nicht allein.
Eine Künstler*in wie Lizzo zum Beispiel, die intersektionalen Feminismus nicht nur lebt, sondern auch verbalisiert, ist da ein Vorbild. Oder wie sie selbst sagt, “I represent black ppl, black women, feminism, intersectional feminism, big girls, big black girls, on a daily basis […].”

In Arbeiten wie ihrer oder von Solange Knowles wird die Befreiung von der white supremacist capitalist patriarchy selbst zum popkulturellen Thema – und löst das Versprechen von Pop als Befreiung vielleicht auf ganz andere Weise ein, als es das Rock’n’Roll-Klischee mal versprach. Das macht es aber nicht minder relevant – sondern eigentlich nur um so wahrer.
Die Riot Grrrl-Bewegung, die damals in den Neunzigern von der Musikpresse totgeschwiegen wurde, heute würde könnte sie vielleicht durch Social Media, Bandcamp und Co. in ihrer Nische überleben und Menschen erreichen, die sich früher isoliert fühlten und mit allein mit der gesamten Wucht des unterdrückenden Systems fertig werden mussten. Denn auch wenn es manchmal so wirkt, als würde die Gesellschaft eher ein paar Schritte rückwärts machen statt vorwärts, und als ob Facebook, Twitter und Co. den Untergang nur beschleunigen, müssen wir gleichzeitig sehen, dass diese Tools uns auch verbinden können im gemeinsamen Kampf gegen Strukturen, die in Wirklichkeit niemandem einen Vorteil verschaffen und viele, viele Menschen unterdrücken. Künstler*innen wie Lizzo können sich freier ausdrücken, ihre Fanbase entwickeln und bedienen, marginalisierte und intersektional diskriminierte Menschen ihre eigenen Strukturen schaffen, in denen sie sich organisieren können und für eine gerechtere Welt kämpfen. Dieser Kampf ist aber nicht die Aufgabe jener, die sowieso schon mit alltäglicher Unterdrückung fertig werden müssen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, besonders und gerade privilegierterer Gruppen. Denn eigentlich ist es ganz einfach, wie ausgerechnet ein weißer Mann, und zwar der von den Nationalisozialisten ermordete Dichter und Anarchist Erich Mühsam, schon vor sehr langer Zeit schrieb: Niemand kann frei sein, solange es nicht alle sind.

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