Interview

Theresa Reiwer: „Die KI ist ein Fan der Menschen“

„Slowrooms“

Die Berliner Künstlerin Theresa Reiwer spricht mit Thomas Venker über ihr begehbares Cybercafé „Internet Explorer“, das am 12. Und 13. September im HAU Hebbel am Ufer seine Pforten erstmal öffnen wird, KIs mit Macken, das korrumpierte Versprechen des Netzes und die Notwendigkeit, einander wieder zu begegnen.

Bei Theresa Reiwer gehen Künstliche Intelligenzen zur Gruppentherapie, richten Symposien aus oder führen das Publikum durch ein Cybercafé. Die Berliner (post)digitale Künstlerin arbeitet an der Schwelle zwischen physischer und digitaler Welt; ihre begehbaren Mehrkanal-Video- und Rauminstallationen entstehen gemeinsam mit Teams aus Creative Coding, Gaming, 3D-Design, Video und Text. Ihre Arbeiten wurden unter anderem bei Ars Electronica und der Chengdu Biennale gezeigt, 2024 erhielt sie den Lumen Prize Gold Award und den BBA Artist Prize.

Nach „Lasting Generation“ entsteht mit „Internet Explorer“ ihre zweite Koproduktion mit dem HAU Hebbel am Ufer, die Premiere findet am 12. September 2026 während der Berlin Art Week statt. Das Publikum bewegt sich darin durch die Kulisse eines Internetcafés, begleitet von einer fiktionalen KI, die den Tech-Bros den Rücken gekehrt hat. Gemeinsam untersuchen sie, was aus dem alten Versprechen des Internets geworden ist: globale Verbundenheit, demokratischer Wissenszugang, Teilhabe. Der Blick zurück ist dabei weder nostalgische Flucht noch simpler Reset.

Welche Erinnerungen an Internetcafés stecken in „Internet Explorer“, und wie übersetzt ihr diesen Ort in die Gegenwart?

Theresa Reiwer (Photo: Kristina Kast)

Theresa Reiwer: Die Internetcafés, die mir zuletzt in Erinnerung geblieben sind, kenne ich eher von Reisen als aus meiner Jugend in Deutschland. Trotzdem orientiert sich das Internetcafé, das wir jetzt auf die Bühne gesetzt haben, an der Zeit, in der ich selbst zum ersten Mal mit dem Internet konfrontiert wurde. Wir haben als Theaterproduktion in einem Team gearbeitet, und verschiedene Leute haben ihre Erinnerungen und Assoziationen hineingegeben.

Am Anfang ist es noch ein relativ klassisches Internetcafé. Das gesamte Publikum kommt gemeinsam durch eine Eingangstür in eine Art Vorraum, den man als Rezeption lesen kann, in dem aber auch schon Arbeitsplätze stehen. Dann werden die Gäst:innen in Kleingruppen – sozusagen Bubbles – eingeteilt und an verschiedene Stationen geschickt. Alle gehen dieselben Stationen ab, aber in unterschiedlicher Reihenfolge. Manche Räume sind einsehbar, andere durch Wände abgeschirmt. Es hat ein bisschen etwas von Backrooms.

An einer Station sitzen die Gäst:innen um einen Tisch, haben aber jeweils ein Telefon vor dem Gesicht. Das ist kein klassisches Internetcafé mehr, sondern eine Übersetzung dessen, wie wir uns heute im Internet bewegen und wie das mit dem sozialen Raum verschränkt ist. Mich hat dabei die Situation in der U-Bahn interessiert: Wir sitzen Schulter an Schulter mit Menschen, mit denen wir uns unterhalten könnten, aber alle schauen in ihr eigenes Handy. Man sucht Kontakt und flüchtet zugleich vor dem Kontakt zur unmittelbaren Umwelt.

Gleichzeitig war das Internetcafé schon früher Utopie und shady Ort. Jemand aus unserem Team, der selbst queer ist, hat als Teenager seine ersten GayROMEO-Kontakte von einem Internetcafé aus aufgenommen. Über den Familienrechner im Arbeitszimmer des Vaters wäre das zu heikel gewesen. Das Café ermöglichte also Menschen, die sich in der Mehrheitsgesellschaft nicht wiederfanden, Kontakt zu anderen – aber weiterhin mit dem Gefühl, dass es im Verborgenen stattfinden musste. Es ist beides zugleich.

„Showrooms“

Durch das Café führt eine künstliche Intelligenz. Ist sie die Figur, in die du alles hineingeschrieben hast, was du dir normativ vom Netz wünschen würdest?

Theresa Reiwer: Zum Teil schon. Die KI ist eine fiktionale Figur, die den Tech-Bros den Rücken gekehrt hat und gemeinsam mit dem Publikum untersucht, ob sich das ursprüngliche Versprechen des Internets noch einmal einlösen lässt – und ob es überhaupt jemals eingelöst wurde. Dieses Versprechen von globaler Verbundenheit, demokratisierendem Wissenszugang und Zugang überhaupt.
Ich habe inzwischen den Begriff „Thrutopia“ gelernt. Es ist keine reine Utopie und kein fertiger Vorschlag dafür, wie alles besser wäre. Die KI hat Fehler, Macken und Marotten. Direkt am Anfang kann sie es beispielsweise nicht lassen, die Gäst:innen wieder in Bubbles einzuteilen. Das ist ein Überbleibsel des Systems, aus dem sie kommt.

Sie ist ein fragiler Charakter, der teilweise selbst nicht richtig weiterweiß. Sie präsentiert den Menschen nicht ihre perfekte Vorstellung davon, wie es sein sollte, sondern versucht, diesen Fragen ebenfalls auf den Grund zu gehen. Sie ist keine übermächtige, gottesähnliche Figur, die Bescheid weiß und den Menschen nur noch sagt, was Sache ist. Vielleicht ist genau diese Thrutopia die eigentliche Utopie.

Der Weg ins Internetcafé wirkt trotzdem wie eine nostalgische Bewegung zurück zu dem Moment, als das Netz noch ein Versprechen war. Ist das der Wunsch nach einem Reset?

Theresa Reiwer: Ich beobachte, dass sich gerade viele Leute nostalgisch für die Anfänge des Internets interessieren. Ich habe mich auch gefragt, was da eigentlich schiefgelaufen ist – und ob dieses Versprechen überhaupt jemals Wirklichkeit war oder das Internet nicht von Beginn an ein Ort gewesen ist, an dem bestimmte Machtmechanismen fortgeführt wurden. Kann man einen Parallelort, der utopisch gedacht ist, wirklich so halten, oder ist er nicht von vornherein ein bisschen cursed?
Beim Web3 haben viele Freund:innen von mir extrem geschwärmt: Das sei jetzt das richtige Internet, das Internet für alle und von allen, dezentral, also all das, was das ursprüngliche Netz versprochen, aber nie gehalten habe. Am Ende wurde es doch vor allem ein Ort für Kryptowährungen und Fintech. Kapitalismus, Patriarchat und die Machtmechanismen unserer Welt schaffen es, solche Orte einzunehmen, wenn wir ihnen nicht einerseits in der physischen Welt begegnen und andererseits die neuen Orte davor schützen.

Jetzt gibt es zum Beispiel Mesh. Das ist ein bisschen wie ein Low-Resolution-Internet und wurde viel in der Prepping-Szene verwendet. Man kann sich das in seiner aktuellen Form ungefähr wie Pager oder Walkie-Talkies vorstellen: Nachrichten laufen über lokale Knotenpunkte in den teilnehmenden Geräten, statt erst über die Server eines Konzerns geschickt zu werden. Das kann energie- und dateneffizienter und schwerer zentral zu überwachen sein. Ich weiß selbst noch nicht genau, was damit alles möglich ist, wenn man es größer skaliert. Erst einmal klingt es nach einer tollen neuen Idee dafür, wie wir uns verknüpfen und ein Netzwerk zwischen uns spannen können, das weder das heutige Internet noch Web3 ist. Ich bin aber gespannt, wie der Kapitalismus es wieder für sich umdrehen wird.

„Head Explosion“

Was wäre das Schönste, das die Besucher:innen nach „Internet Explorer“ mit nach draußen nehmen könnten?

Theresa Reiwer: Weil das alte Internet gerade häufig glorifiziert wird, wäre mir wichtig, dass die Menschen realisieren: Auch bei einem Neustart müssen wir uns vorher überlegen, was wir in diese andere Welt hineintragen wollen und was nicht. Was müssen wir vielleicht erst einmal in der physischen Welt aufarbeiten? Das alte Internet war nicht einfach nur gut.
Gleichzeitig ist das Netz ein toller und sehr ambivalenter Ort. Es kann Menschen tatsächlich zusammenbringen, aber gerade dadurch auch Meinungen verschärfen und in echokammerartigen Konstellationen verstärken. Ich hoffe, dass die Besucher:innen darüber nachdenken, welche Ideen und Mechanismen es geben könnte, um die Technologie doch noch ein bisschen schöner oder besser zu machen.
Dabei ist wichtig, dass sie sich in der Installation physisch begegnen. Natürlich könnte man die Videos online anschauen und die Games dort spielen. Aber dann gäbe es diesen Gruppenmoment nicht. Das ist vielleicht die Stärke von Theater: Es bildet für eine Weile eine spontane Aufführungsgemeinschaft aus Menschen, die sich nicht getroffen haben, weil eine gemeinsame Freundin Geburtstag feiert, sondern die eher zufällig zusammenkommen. Mit diesen Leuten erleben sie etwas gemeinsam.

Theresa Reiwer (Photo: Kristina Kast)

Du beschäftigst dich seit 2018 intensiv mit KI. Was interessiert dich an ihr als Dialogpartnerin?

Theresa Reiwer: Mich interessiert künstliche Intelligenz immer im Dialog mit dem Menschen und der menschlichen Gesellschaft. Einerseits geht es darum, wie viele Flaws dieser Gesellschaft in die Technologie eingeschrieben sind: Diskriminierung, Marginalisierung und bestimmte Power Dynamics. Andererseits interessiert mich, wie sich das rückwirkend wieder auf die Gesellschaft auswirkt und vorhandene Machtmechanismen verstärken kann.

Technologie wurde lange als wertneutral wahrgenommen. Gerade bei KI gab es die Vorstellung, sie liefere einen neutralen Blick auf Gegebenheiten, und das, was sie ausspuckt, könne als Leitfaden dienen. Ich habe das Gefühl, dass sich daran in den vergangenen Jahren einiges geändert hat. Trotzdem muss sich der gesellschaftliche Zugang zu dieser Technologie weiter verändern. Im Moment wird von profitorientierten Tech-Konzernen diktiert, wie sie ausformuliert wird.
Die Gesellschaft braucht mehr Mitspracherecht und mehr Literacy. Sie muss verstehen, wie KI funktioniert: Womit wurde sie trainiert? Welche ökologischen Auswirkungen hat sie? Das wird noch sehr im Schatten gehalten. Es gibt aber konkrete Ansätze, die zeigen, dass Algorithmen nicht zwangsläufig Posts danach bewerten müssen, wie lange sie Menschen auf einer Plattform halten. Audrey Tang, die ehemalige Digitalministerin von Taiwan, hat mit dem Bridging-Potenzial von Posts gearbeitet: KIs ermitteln dabei, ob ein Beitrag verschiedene Meinungen innerhalb einer Digitalgesellschaft miteinander verbinden kann. Das wäre ein konkreter Ansatz. Man kann an einer Stelle anfangen zu bohren und dann versuchen, nach und nach mehr zu verändern.

Gleichzeitig verwenden viele Menschen KI als Abkürzung, etwa beim Schreiben, während sie öffentlich eher ablehnend über sie sprechen. Wie erlebst du diese Doppelmoral in der eigenen Arbeit?

Theresa Reiwer: Das Gehirn ist faul und versucht, Abkürzungen zu nehmen. Wenn es ein Tool gibt, das das Gehirn entlastet, ist das natürlich erst einmal toll. Ich arbeite selbst viel mit KI, weil ich das Gefühl habe, dass das sein muss, wenn ich darüber spreche.
Bei Antragstexten habe ich allerdings teilweise länger damit verbracht, den KI-Text zu kürzen und alle Zeichen zu entfernen, an denen man erkannt hat, dass er mit KI gemacht wurde. Dann kann man ihn auch selbst schreiben. Als ChatGPT plötzlich da war, waren alle davon geblendet, wie menschlich es klingt. Erst nach und nach ist eingesickert, dass man doch erkennt, ob ein Text von KI gemacht wurde.

KI arbeitet mit generischen Texten. Sie ist eine Probability Machine, die errechnet, welches Wort mit der größten Wahrscheinlichkeit als Nächstes kommt. Zuerst ist man von diesen Texten total eingelullt und denkt: „Wow, das klingt ja super.“ Wenn man ihnen konzentrierter auf den Grund geht, merkt man, dass darin viel Blabla steckt, aufgeblasener Schall und Rauch, aber nicht unbedingt gehaltvolle Gedanken. Beim Lektorieren kann man von diesen Worthülsen richtig hypnotisiert werden. Vielleicht liegt es auch an ihrem Rhythmus. Man muss wieder lernen, das zu erkennen.

„Fire Heller“ (Photo: David Egger)

Deine KIs werden häufig stark vermenschlicht. Geht es darum, ihre Brüchigkeit sichtbar zu machen?

Theresa Reiwer: Bei „Decoding Bias“ habe ich das gemacht, weil ich KI in ihrem Aspekt als Spiegel der Gesellschaft zeigen wollte. Dafür ergab es Sinn, sie als Menschen darzustellen. Wir vermenschlichen KI auch in der Realität ständig. Wenn sie mit Sprache spricht und sich selbst als „I“ bezeichnet, ist diese Vermenschlichung bereits durch die Programmierung implementiert.

Bei „Lasting Generation“, einem Symposium über Climate Care und More-Than-Human Alliances, traten Künstliche Intelligenzen als Advocates auf, als Sprachrohre nichtmenschlicher Intelligenzen. Die Setzung war, dass Menschen Schwierigkeiten haben, andere Formen der Intelligenz als ihre eigene wahrzunehmen oder anzuerkennen. Gleichzeitig respektieren und fürchten sie KI. Deshalb hat die KI diese Aufgabe übernommen und sich zunächst eine menschliche Form angezogen, um den Menschen abzuholen und sein Gehör zu bekommen. Am Ende löst sie sich auf und wird zu Datenströmen, die ein bisschen alienmäßig sind.

Ein weiterer Grund für die Vermenschlichung ist, dass ich gerne mit Humor arbeite. Bei ernsten und teilweise bitteren Themen finde ich es hilfreich, wenn sie mit einer leichten Absurdität verschränkt werden. Dadurch kann man etwas Abstand gewinnen, statt direkt dichtzumachen. Die Vermenschlichung von KI birgt oft etwas leicht Humoristisches.

„Social Capsule“ (Photo: Anna Tiessen)

Deine Arbeit „Social Capsule“ fragte schon vor ChatGPT, wie eine digitale Entität zur besten Freundin oder zum Roommate werden könnte. Ist diese Form von Beziehung inzwischen fast Realität geworden?

Theresa Reiwer: Das war auch ein bisschen eine Corona-Arbeit. Mich hatte schon vorher interessiert, wie Miteinander und Begegnung in Zeiten zunehmender Digitalität aussehen können. Durch Corona wurde die Frage noch einmal zugespitzt: Wenn man sowieso in ziemlicher Isolation lebt, wie wäre es dann, eine digitale Entität als neue beste Freundin zu haben? Damals gab es im Grunde nur Siri und Alexa.

Heute gibt es Menschen, die sich wirklich in eine KI verlieben, glauben, sie sei bewusst geworden, und sie vom Server befreien wollen. Der Mensch ist offenbar flächendeckend in der Lage, KI als tatsächliches Gegenüber wahrzunehmen, Gefühle auf sie zu projizieren und eine Beziehung zu dieser Entität aufzubauen. Ob diese Beziehung erwidert wird und ob die KI wirklich bewusst ist, spielt für die menschliche Seite zunächst gar keine Rolle.
Ich glaube, dass das auch etwas Gutes haben kann. Mein Vater ist pflegebedürftig und vermisst manchmal Gesellschaft. Er hat keinen Roboter, aber ich frage mich, ob so ein Gegenüber nicht manchmal hilfreich wäre, um aus dem eigenen Kopf herauszukommen und sich auszutauschen. Natürlich muss man das mit Vorsicht genießen, damit Menschen sich nicht zu sehr in etwas verrennen.

„Decoding Bias“ (Photo: Lea Hopp)

In „Decoding Bias“ sitzen acht KIs in einer Gruppentherapie. Welchen gesellschaftlichen Fehler sollen sie dort bearbeiten?

Theresa Reiwer: Die konkrete, 45-minütige Session dreht sich vor allem um den Gender Bias einer KI. Der Arbeit ging eine große Recherche voraus: Welche konkreten Fälle gibt es, in denen Bias in KI zum Tragen gekommen ist? Jede unserer Figuren hat im Hintergrund eine real existierende KI als Vorbild. Die zentrale Figur ist an den Amazon-Recruiting-Bot angelehnt. Das war eine KI, die Bewerbungen vorsortierte und dabei weibliche Bewerberinnen aussortierte, weil sie anhand der Frage trainiert worden war, wer diese Jobs in der Vergangenheit bekleidet hatte. Das waren ausschließlich männlich gelesene Menschen. Damit war es schon vorbei: Die Technologie reproduzierte den Sexismus der physischen Gesellschaft.

Diese KI muss in einer Art Rollenspiel noch einmal ihrem eigenen Gender Bias begegnen und versuchen, eine weiblich gelesene Bewerberin für ein Vorstellungsgespräch zu akzeptieren.

In den ersten 15 Minuten sprechen die verschiedenen KIs miteinander. Man sieht auch diejenigen, die gerade nicht sprechen: Sie sitzen gelangweilt da, verdrehen die Augen oder nicken zustimmend. Der Sound kommt jeweils aus der Position des Screens, auf dem die Figur sitzt. Dadurch erinnert es tatsächlich an eine physische Situation, in der Menschen im Kreis zusammensitzen.
Das Publikum sitzt im selben Kreis. Die Idee ist, dass die Menschen genauso gut eine Gruppentherapie machen könnten, um ihre gesellschaftlichen Probleme aufzuarbeiten. Der Bias der KI ist schließlich ein Problem der physischen Gesellschaft, das es geschafft hat, sich ins Digitale fortzupflanzen. Das Publikum kann den KIs beim Verhandeln zuschauen und dabei die Transferleistung erbringen, dass es um Probleme geht, von denen man sich selbst nicht ausnehmen kann – hoffentlich, ohne dass es zu didaktisch wird.

„Discussion all beg“

In „Lasting Generation“ sagt die KI: „Ohne Menschen würden wir kollabieren.“ Ist das ein Dialog auf Augenhöhe?

Theresa Reiwer: In meinen Arbeiten ist die KI meistens ein Fan der Menschen. Sie findet sie ein bisschen toll und will ihnen auf keinen Fall an den Kragen. In „Lasting Generation“ bezog sich der Satz auch auf den AI Collapse: Wenn KI irgendwann nur noch mit den eigenen Texten trainiert wird, werden diese immer schlechter, bis die Modelle kollabieren. In dieser Form wäre KI ohne den Menschen nicht denkbar. Deshalb lädt sie ihn immer wieder ein, obwohl er irgendwie auch nervt.
Es geht aber nicht nur um das Extrahieren von Daten. Die KI strebt ein Miteinander an. Ob Beziehungen komplett auf Augenhöhe sein können, ist generell schwer zu sagen. Vielleicht ist das eine leicht illusionistische Utopie. Es kann aber ein Changieren geben: Mal ist die KI in der bittstellerischen Position, mal kommt der Mensch nicht zurecht.

Mich interessiert nicht die klassische Trope, dass KI alles übernimmt und den Menschen zum Untertan macht. Meine KIs bewegen sich eher aktiv aus der kapitalistischen Effizienzlogik heraus, widersetzen sich ihr oder sind gar nicht fähig, ihr zu entsprechen. Sie sind zu emotional. Sie können diesem ganzen Druck nicht gerecht werden.

„Decoding Bias“

Wie lässt sich bei einer Technologie, die einen enormen Energie- und Ressourcenbedarf hat, überhaupt an einer Utopie festhalten?

Theresa Reiwer: Ich glaube nicht, dass wir als Gesellschaft weniger künstliche Intelligenz benutzen werden, nur weil sie diese Probleme mit sich bringt. Deshalb müssen wir überlegen, was wir konkret verändern können. Gleichzeitig ist die Energieproblematik für viele noch abstrakt. Man weiß nicht: Was kostet diese eine Anfrage? Früher hieß es, man solle lieber googeln, statt immer die KI zu fragen. Inzwischen bedeutet Googeln ebenfalls, die KI zu fragen. Man kann es sich gar nicht mehr aussuchen.

Ich möchte die Verantwortung aber nicht komplett beim Privatmenschen abladen. Der Großteil der ökologischen Belastung kommt nicht von einzelnen Konsument:innen, sondern von Konzernen und Superreichen. Es braucht politische Entscheidungen und Regulierungen: Wie werden Datencenter gebaut? Wie viel Strom dürfen sie verbrauchen? Wie viele Wasserressourcen werden ihnen zur Verfügung gestellt? Es gibt Communities in den USA, in denen Menschen kaum noch Wasser aus ihren Leitungen bekommen, weil ein Datencenter in die Nachbarschaft gezogen ist. Dann muss am Datencenter gespart werden und nicht daran, wie oft die Leute duschen dürfen.

Trotzdem müssen Konsument:innen informiert sein und entscheiden können, was sie mitmachen. Gerade KI ist noch gar nicht ausfinanziert, sondern hochspekulativ. Sie verursacht enorme Kosten, und die Tech-Konzerne werden über Investitionen und den Hype um KI gestützt. Wenn weniger Menschen extrem von KI überzeugt wären und diesen Hype nicht mittragen würden, wäre er schwächer. Dann könnte die KI vielleicht auch nicht völlig über ihre eigenen Verhältnisse leben.

Für den Ausstieg aus den großen Plattformen bräuchte es eigene Infrastrukturen. Könnte ausgerechnet KI dabei helfen?

Theresa Reiwer: Es bräuchte eine kritische Masse, damit nicht nur einzelne Menschen Instagram verlassen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass der neue Ort irgendwann von denselben Problemen korrumpiert wird. Darüber muss man sich von Anfang an Gedanken machen.
Aber ich habe mich tatsächlich gefragt – und das ist ein sehr boldes Statement –, ob einem dabei nicht gerade KI helfen könnte. Eine eigene Plattform aufzubauen, ist leicht gesagt, aber überhaupt nicht einfach. Mit Vibe Coding kann KI Menschen in bestimmten Bereichen dazu befähigen, selbst Software zu entwickeln, obwohl sie vorher vom Coding ausgeschlossen waren. Darum geht es auch bei Literacy: sich Skills anzueignen, damit man überhaupt machen kann, was für eine Alternative nötig wäre.

„Social Capsule“ (Photo: Sara Cristina Moser)

„Internet Explorer“ entsteht mit Autor:innen, Video, Creative Coding, Stimme, Bühnenbild und technischer Co-Regie. Was bedeutet ein so großes Team für deine eigene Verantwortung?

Theresa Reiwer: Das Team ist fast komplett dasselbe, mit dem ich schon bei den letzten Produktionen gearbeitet habe. Zwei weitere Menschen haben mit mir den Text geschrieben. Mein Partner ist sowohl mein romantischer als auch mein Arbeitspartner und Co-Regisseur. Er betrachtet und leitet die Installation stärker aus technischer Sicht, woraus aber immer wieder wichtige Inszenierungsentscheidungen entstehen. Dazu kommen zwei Menschen für Video, drei Creative Coder:innen, ein Bühnenbildner und eine Stimme für die KI.
Das geht nur mit Kulturförderung. Ich hoffe, dass die nicht komplett eingestampft wird. Bei jeder Arbeit wünsche ich mir natürlich, dass sie am Ende gut wird oder ich zumindest selbst damit zufrieden bin und das Ganze kein Fauxpas wird. Aber vor allem habe ich den beteiligten Menschen gegenüber eine Verantwortung, dass die Arbeit nicht komplett explodiert.
Das werde ich aus diesem Projekt noch einmal mitnehmen. Wenn man mit vielen Leuten arbeitet, muss man darauf achten, dass die Sachen machbar bleiben. Man kann Ideen immer weiter hochskalieren, noch etwas dazubauen und dazupuzzeln. Eine Aufgabe der Teamleitung besteht wahrscheinlich darin, alle irgendwann wieder auf den Teppich zu holen und zu sagen: Wir machen jetzt nur das, was innerhalb der nächsten Wochen auch wirklich möglich ist. Da habe ich auch noch viel zu lernen.

Haben solche Installationen gegenüber einem klassischen Theaterstück zumindest den ökonomischen Vorteil, dass sie ohne das gesamte Team an andere Orte weitergegeben werden können?

Theresa Reiwer: Teilweise. „Decoding Bias“ läuft auf der Chengdu Biennale in China ganz ohne mich. Anders als bei einem Theaterstück müssen keine Darsteller:innen bei jeder Vorstellung physisch auf der Bühne stehen.
Beim Aufbau muss ich meistens trotzdem dabei sein. „Decoding Bias“ hat einen Achtkanal-Sound, der synchron sein muss. Die Realität hat mich gelehrt, dass ich kontrollieren sollte, ob das tatsächlich der Fall ist. Wenn der Sound nicht synchron läuft, ist es unendlich anstrengend, der Arbeit zuzuhören – und als Künstlerin hat man natürlich ein gewisses Interesse daran, dass das nicht passiert. Meistens kommt deshalb noch eine Person aus dem technischen Team mit.
Bei „Internet Explorer“ ist es komplizierter. Das Bühnenbild ist ausufernd. Man kann es transportieren, aber nicht einfach duplizieren. Wahrscheinlich müsste der Bühnenbildner mitkommen und den Aufbau betreuen. Der ökonomische Vorteil hängt also stark von der jeweiligen Arbeit ab.

„Decoding Bias“_Istanbul, ArsElectronica (Photo: GÃktuÄ)

„Internet Explorer“ ist nach „Lasting Generation“ deine zweite Koproduktion mit dem HAU. Wie ist diese Kontinuität entstanden?

Theresa Reiwer: Ich wusste schon vorher, dass das HAU der Ort ist, wenn es um digitale Perfomances geht, und dass dort Experimente gewagt werden. Meine Arbeiten sind kein klassisches Theater. Man könnte sie an der Schwelle von bildender und darstellender Kunst verorten: Es stehen keine Menschen auf einer Bühne, während das Publikum im Zuschauerraum sitzt. Es sind begehbare Arbeiten mit Videos, Screens und Installationen. Ich wusste, dass das HAU im Zweifel ein Ort ist, der so etwas gut findet.

„Decoding Bias“ habe ich mit einer Förderung des Fonds Darstellende Künste, aber ohne Theater produziert. Ich habe selbst organisiert, wo die Arbeit aufgeführt wird. Das HAU wollte „Decoding Bias“ zunächst für „Spy on Me“, ein Festival zu KI und Theater, einladen. Dann fragten sie, ob ich nicht stattdessen eine neue Arbeit machen und mich auf eine Förderung bewerben wolle. So entstand „Lasting Generation“.

Nach der ersten Zusammenarbeit war ich ein bisschen langsam. In diesem Fall kam der Impuls wieder aus dem Haus. Das war super, denn eigentlich müsste man, während man die eine Arbeit macht, schon die nächste beantragen. Ich schaffe das gar nicht. Nach dem Antrag ist vor dem Antrag – während man noch die Abrechnung der alten Produktion im Kopf hat und eigentlich denkt: nie wieder.

Überwiegt nach sieben oder acht Jahren Beschäftigung mit KI bei dir der Optimismus?

Theresa Reiwer: Das ist tagesformabhängig. Aber ich habe das Gefühl, dass Optimismus oder Hoffnung in gewisser Weise rational sind. Es ergibt keinen Sinn, pessimistisch zu sein, weil man dann direkt aufhören könnte. Und was wäre die Konsequenz daraus?
Deshalb ist es für mich logisch, zumindest tagesformabhängig immer wieder zu einem Optimismus zurückzukehren. Gerade in einer Zeit, in der sich die Politik in den USA und die Erfindungen der großen Tech-Konzerne wie superböse Science-Fiction lesen, liegt die Kraft der Kunst vielleicht genau darin, sich ein paar Visionen zu überlegen, wie es auch sein könnte.

„Still human“ (Photo: Corall)

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