Timo Blunck "Die Optimistin" – Interview

Timo Blunck : In meiner Familie nennen wir das „blunckern“.

Timo Blunck (Photo: Elliot Blunck)

Alles stimmt, aber nichts ist wahr: Auf diese Kurzformel ließe sich Timo Bluncks zweiter Roman „Die Optimistin“ bringen – aber eine „Kurzformel“ funktioniert bei diesem 350-Seiten-Ritt kreuz und quer durch die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht. Bluncks Heldin Charlotte „Charlie“ Keller ist eine grandiose Lügenbaronin, eine Pseudologin par excellence, in deren Erinnerungen sich Jean Cocteau, Ringo Starr, Ulrike Meinhof und Elvis Presley die Klinke in die Hand geben. Charlie Keller immer mittendrin, ob beim Trümmerräumen in Hamburg mit den Elefanten aus Hagenbecks Tierpark, oder mit den Rockstars der Sechziger in Marokko. Schüchterne Einwände und Nachfragen ihres Zuhörers Toygar Bayramoglu, Berliner Popkultur-Nerd und gerade von seiner eigenen arrangierten Hochzeit abgehauen, wischt Keller mit einem entschiedenen „papperlapapp“ beiseite. Als Ringo Starr zum Schluss leibhaftig zu Charlie Kellers Geburtstagsparty erscheint, kommt Toygar ins Grübeln… hat Charlie Keller doch immer recht gehabt?

Timo Blunck ist Musiker (Palais Schaumburg, Die Zimmermänner) und Schriftsteller und lebt in Hamburg.

Mit deinem ersten Roman „Hatten wir nicht mal Sex in den Achtzigern?“ hatte ich so meine Probleme… das war mir too much of everything. Deshalb bin ich skeptisch an „Die Optimistin“ rangegangen.

Timo Blunck: Das kann ich gut verstehen. Aber ich bin nicht mehr derselbe Typ, der das „Sex“-Buch geschrieben hat. Ich hatte eine lange Talfahrt mit Drogen und gesundheitlichen Problemen hinter mir, meine Ex-Frau hatte unsere drei gemeinsamen Söhne mit in die USA genommen. Bei einem Konzert mit den Zimmermännern hatte ich auf der Bühne einen lebensbedrohlichen Darmdurchbruch. Danach war ich echt geläutert und habe mit dem Schreiben angefangen, das war 2016. „Sex in den Achtzigern“ ist ein kathartisches Buch, Selbsttherapie sozusagen.
Und es ist ja keine „echte“ Autobiographie – es hat viele fiktive Elemente, und das, was wirklich passiert ist, habe ich enorm erhöht und übertrieben. In meiner Familie nennen wir das „blunckern“.

Wie ist es, wenn dich jemand „anblunckert“? Kommst du mit alternativen Wahrheiten klar?

Ich komme immer gut damit klar, wenn mir jemand eine Story mit leichten ‘Anreicherungen’ erzählt – ich habe nicht nur in der Familie, sondern auch im Bekanntenkreis einige große Geschichtenerzähler. Vor allen Dingen meine amerikanischen Freunde haben es nicht so mit der Wahrheit, da geht im Zweifelsfall immer der Unterhaltungswert vor. Was ich aber nicht ab kann, ist, wenn Leute nicht nur ein bisschen ‘blunckern’, sondern alternative Realitäten entwerfen, an die sie auch noch selbst glauben. Es gibt nichts schlimmeres, als wenn sich Menschen selbst belügen. Mit verzerrten Selbstbildern kann ich nichts anfangen!

Apropos Familie: Deine Söhne sind ja ins Keller-Projekt eingebunden (Fotos, Grafik) – läuft die Zusammenarbeit harmonisch oder gibt es Reibereien?

Mit meinen Söhnen gibt es immer Reibereien. Ich arbeite ja hauptsächlich mit den zwei jüngeren, die wohnen in Berlin, der älteste ist noch in Louisiana. Nic und Elliot sind schon lange erwachsen und haben beide ganz ordentliche Egos, genau wie Papa. Da streiten sich dann drei Künstler, die Jungs haben mindestens so starke kreative Visonen wie ich. Hinzu kommt die Vater/Sohn-Dynamik, das ist oft schwer zu trennen. Wenn ich’s könnte, würde ich mit anderen Designern und Filmemachern arbeiten, aber leider kenne ich keine besseren als meine Boys 😉

Charlie Keller (Photo: Elliot Blunck)


Auch wenn „Die Optimistin“ ein ganz anderes Buch als „Sex“ ist – zumindest ein Stilmittel nutzt du weiterhin, nämlich dass die Hauptfigur jemand anderem seine/ihre Lebensgeschichte erzählt. In „Sex“ war es die Konstellation Therapeutin – Patient, in der „Optimistin“ strandet Toygar Bayramoglu in einem Seniorenheim und trifft zufällig auf die knapp achtzigjährige Charlotte „Charlie“ Keller, die in der DDR eine berühmte Sängerin war…

Die Hauptfigur muss zum Reden gebracht werden! Mein Stil ist der Dialog – im Präsens liegt einfach mehr Direktheit und Authentizität. Man erklärt sich nicht in Gedanken, finde ich: „er dachte, er sagte…“ hat keinen Flow. „Die Optimistin“ ist im Grunde ein Filmskript über achtzig Jahre. Ich hatte mal das Angebot, für ein Netflix-Projekt Dialoge zu schreiben. Drehbuchautor fände ich einen interessanten Job – aber das funktioniert ganz anders als Bücherschreiben. Das kommende Hörbuch zur „Optimistin“ ist auch eher ein Hörfilm mit zwölf Schauspieler:innen – Barbara Krabbe spricht Charlotte Keller!

Wir wollen an dieser Stelle ja nicht zu viel spoilern, nur so viel: In deinem Buch trifft ein Kindersoldat auf seinem langen Nachhauseweg einen sonderbaren Typ, der ihn eine Weile begleitet – und womöglich Adolf Hitler war…

Mein Agent Lars Schulze-Kossack hat mir dringend geraten, diese Figur nicht zu sympathisch zu zeichnen – die Story ist natürlich ein bisschen vom Film „Jojo Rabbit“ beeinflusst, und von den Erinnerungen meines Vaters, der als Elfjähriger in eine Napola („Nationalpolitische Lehranstalt“) am Bodensee kam und nach dem Ende des Krieges zu Fuß zurück nach Hamburg gelaufen ist. Auf dem Weg sind ihm einige seltsame Leute begegnet… aber auch mein Vater hat gerne „geblunckert“, und Charlotte Keller erzählt politisch keinesfalls korrekt. Wobei ich sehr gut recherchiert habe! Ich habe mich immer an Fakten längs gehangelt!

Hattest du manchmal Bedenken, dass dir die Geschichte entgleitet – zum Beispiel bei der Ausgestaltung der türkischen Hochzeit, wo sogar ein Dromedar aufgefahren wird?

Ich habe zu Recherchezwecken jede Menge türkische Komödien geguckt und auf Berichte einer türkischen Bekannten zurückgegriffen. Das Hochzeits-Dromedar zum Beispiel taucht im Film „Eyyvah Eyvah 2“ auf. Auch die Episode mit Gilbert O’Sullivans Auftritt in „Ein Kessel Buntes“ ist exakt so passiert. Und es stimmt tatsächlich, dass die Elefanten aus Hagenbecks Tierpark 1945 zum Trümmerräumen in Hamburg eingesetzt wurden. Ach, ich habe noch fünfmal so viel Material übrig! Ich wollte die großen deutschen Nachkriegsthemen anpacken, zum Beispiel die spießigen Wirtschaftswunder-Jahre mit Heinz Ehrhardt als Kontrast zu Elvis Presley – übrigens war Göttingen in den Fünfziger Jahren sowas wie das deutsche Hollywood, dort wurden irrsinnig viele Filme gedreht. Oder, dass Homosexualität erst seit 1969 nicht mehr strafbar ist – in meinem Buch ermutigt Ulrike Meinhof ja Charlottes Ehemann Hasso Keller, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen…

Ist denn schon ein neues Buch in Sicht?

Ich habe Stoffe für mindestens vier neue Bücher im Kopf, an die ich aber anders rangehen würde. Nicht mehr historisch.

Und die Musik?

Ich sehe mich inzwischen mehr als Autor – die Musik macht mir keinen echten Spaß mehr, außer das Songtexten. Meine Texte zum Beispiel für Die Zimmermänner waren schon immer viel zu lang, es war echt hart für mich, wenn Detlef (Diederichsen) dann gnadenlos gekürzt hat (lacht). Aber aus diesen Songtexten ist dann letztlich die Idee für „Sex in den Achtzigern“ enstanden.
Ich habe das Gefühl, dass ich als Musiker in kreativer Hinsicht schon alles gemacht habe, das fixt mich nicht mehr so an wie das Geschichtenerzählen. Die Musik ist seit vielen Jahren eher ein Job für mich (TB ist CEO einer Hamburger Audio-Produktionsfirma / Anm. cm). Hin und wieder mixe ich ja auch die Platten anderer Leute wie zum Beispiel Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen oder letztens Van Dyke Parks.
Wobei es echt anstrengend ist, ein Buch rauszubringen – das ist harte Arbeit! Schon allein die Promo in Netzwerken wie Lovelybooks oder bei Instagram… ich war zwischenzeitlich so erschöpft, dass ich schon keine Lust mehr hatte… Meinem Literaturagent vertraue ich aber total und höre auf seinen Rat. Ich brodele nicht mehr im eigenen Saft, sehe mich schon lange nicht mehr als das Maß aller Dinge.

Zu „Sex“ und der „Optimistin“ erscheint jeweils auch die passende Musik – gehören Buch und Musik für dich immer zusammen?

Ja, das war schon anfangs ganz klar. Und Charlotte war ja ein Schlagerstar in der DDR, da lag es nahe, ihre Musik herauszubringen…

Könntest du dir für „Die Optimistin“ noch andere Formate vorstellen?

Ich bin offen für alles – ich mache ja selbst gerade ein Hörspiel zu dem Buch, mit zwölf Schauspielern, Musik und Sounddesign. Wie man allerdings ein Theaterstück daraus macht, weiß ich nicht so recht, die Rückblenden springen ganz schön durch Zeit und Raum. Wir hatten übrigens für »Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?« 2019 eine Spielstättenzusage vom Kampnagel-Sommerfestival, aber haben dann keine Förderung bekommen. Als Film kann ich mir »Die Optimistin« gut vorstellen, allerdings würde es ebenfalls an der Förderung scheitern, ohne die man so ein Projekt in Deutschland nicht realisieren kann. Ich kenne diese Prozesse aus meiner Zeit als Filmmusiker, da hat mein Roman keine Chance, zumal er eine Komödie ist. Zusätzlich bin ich als Autor im momentanen Klima sowieso nicht relevant für eine Filmförderung, egal wie gut der Stoff ist.

Wie bist du mit Charlie Kellers Stimme Franziska Herrmann zusammengekommen?

Franziska habe ich auf Facebook gefunden! Sie ist wahnsinnig gut, zum Beispiel beherrscht sie Passaggio, also den Wechsel von Brust- zu Kopfstimme wie in dem Lied „Sigmund Jähn“. Übrigens erscheint Mitte Juli Charlie Kellers Platte „Die ganze Welt dreht sich im Kreis“ auf Amiga – Life imitates Art! 
Auf dem Album ist eine Coverversion von Elvis Costellos „Shipbuilding“ („Wir könnten auch Schiffe bauen“), da musste ich natürlich um Erlaubnis fragen. Aus dem Büro von Elvis Costello kam dann eine Mail, „Mr. Costello likes your version“.

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Nachspielzeit: Timo Blunck schickte mir als Beleg seiner Recherchearbeit einige Erläuterungen zu Szenen im Buch:

– Seite 277: Hansi Bloch zuckt mit den Schultern. »(…) Ich würde sie ja unter Vertrag nehmen, meinetwegen kann sie auch über Afrika singen, aber dann bitte sowas wie ›Ich höre das Echo der Trommeln in der Nacht‹ oder ›So wahr sich der Kilimandscharo gleich dem Olymp über der Serengeti erhebt‹.« → Das ist eine Übersetzung von Toto, »Africa«

– Alles, was George Harrison sagt, sind Direkt-Zitate aus Wikipedia-»Artikel des Tages«.

– Den Schal, den Charlotte um den Hals trägt, gibt es wirklich. Raimund Harmstorf hat ihn meiner Mutter gestrickt, er hängt immer noch bei ihr an der Garderobe.

– Ringo Starr malt wirklich Bilder mit MS Paint, es gibt auch eins, das »Yer Baby« heißt.

– Seite 282: Walter Mylius stimmt sein durchsichtiges Plexiglas-Schlagzeug. Wiederholt schlägt er auf das Hängetom, der dumpfe Klang hallt durch den Saal, erzeugt eine Rückkopplung. Er rümpft die Nase. »Wer hat diesen Schuppen bloß zusammengekloppt? Da hat bestimmt kein Akustiker mitgewirkt. Furchtbarer Sound. Was haben die hier eigentlich als Dämm-Material verwendet?« Moodies-Sänger Herbert »Dampfwalze« Dürr antwortet: »Soweit ich weiß, nur Top-Zeug aus der Weltraumforschung. Asbest oder so. Hier wurde an keiner Decke gespart.«
Mylius nickt anerkennend. »Na ja, wahrscheinlich wird es besser, wenn hier erstmal Leute drin sind.«

→ Walter Mylius und die Moodies basieren auf Gunther Wosylus und den Puhdys. Gunther ist der Original-Drummer der Puhdys und war, nachdem er sich in den Westen rübergebracht hatte, in den frühen 2000ern mein Untermieter. Er hatte zu dem Zeitpunkt auf Akustiker umgesattelt und mein Studio gebaut. Von ihm weiß ich alles über die Puhdys und ’ne ganze Menge über DDR-Rock in den 70ern. Der Asbest-Joke erklärt sich wohl von selbst.

– die Beatles waren krasse Autodidakten. Laut George Martin wussten die tatsächlich nichts über Musiktheorie, nicht mal, was ein 3/4tel-Takt ist. Die waren komplett intuitiv, was sie ja eigentlich nur noch besser macht!

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Timo Blunck „Die Optimistin“  (Heyne Hardcore, 978-3-453-27291-0)

 

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