#Festivalbericht c/o pop

„Wir füttern einmal an mit dem Wort „Musik“. Wenn sie mehr wollen, müssen sie zahlen.“

DJ Hundefriedhof

Fünf Tage lang, vom 15. bis 19. April, stand das Kölner Viertel Ehrenfeld wieder im Zeichen der c/o pop. Das Stadtbild zeigt sich bunt. Die Venloer Straße ist umsäumt von Festivalfahnen in Neonfarben, dazwischen junge Szenemenschen, die von einem Club zum nächsten ziehen, die umliegenden Bars und Cafés bevölkern oder es sich mit Flaschenbier vom Kiosk auf dem Parkgelände vor dem Bürgerzentrum Ehrenfeld (BüzE) gemütlich machen.

Das verzweigte Festivalgeschehen verteilt sich auf knapp 20 Locations. Inhaltlich wird ein Schwerpunkt auf Newcomer*innen und Diversität gelegt – über 50 % des Lineups sind FLINTA*-Acts vorbehalten. Teil des Programms ist auch die zweitägige c/o pop Convention, eine Plattform zum Austausch und Networking für die Musikbranche. Auch hier ist das Angebot breit gefächert: 180 Speaker*innen, 90 Programmpunkte, 1.200 Delegates aus 20 Ländern. Ich bin nur einen Tag dabei und möchte mir nicht zu viel vornehmen: eine Show, ein Vortrag, drei Konzerte – das muss reichen.

 

Rosalie Ernst & Melanie Gollin

Los geht’s mit „Alles, was du nie über Musik wissen wolltest“ von Rosalie Ernst und Melanie Gollin. Die beiden Musikjournalistinnen verbinden in ihrer Liveshow Quiz und Unterhaltung mit kritischem Diskurs. Nach einer Bewerbungsrede für das Amt des Kulturstaatsministers folgt der Mitmachteil. Hier widmen sich die Macherinnen von ZWISCHEN ZWEI UND VIER dem Phänomen „Interpolationen“. Darunter sind Songzitate zu verstehen, die sich nicht gleich als Cover zu erkennen geben. Also ein Fall von „Das kenne ich doch von irgendwoher“. Im Kontext von Reels und im Kampf um Aufmerksamkeit werden Interpolationen verstärkt als Marketing-Tool eingesetzt. Neu ist das Phänomen nicht und kann den Hörenden wie bei DJ Ötzi auch schon einmal mit dem Holzhammer eingetrichtert werden. Die Beispiele, die unter dem Motto „Erkenne das Original“ präsentiert werden, verbreiten gute Laune. Zugleich transportieren die Moderatorinnen eine pädagogische Botschaft: nicht auf den erstbesten Zug aufspringen, sondern zuhören und Newcomer*innen mit ihren eigenen Kompositionen eine Chance geben.

Konsequent auf Botschaften, weniger auf Unterhaltung setzt der Vortrag von Matthias Hornschuh unter dem Titel „Brandbeschleuniger KI, Demokratie und das kreative Ökosystem“. Dieser wird passenderweise, während draußen die Sonne scheint, in einem dunklen Kinosaal gehalten. Zwar versucht der Musiker, Journalist und Urheberrechts-Interessenvertreter Hornschuh seine Keynote mit eingeblendeten Comiczeichnungen etwas aufzulockern, seine Themen aber bleiben ernst, die Perspektive düster. Der 45-minütige, auf Englisch gehaltene Redebeitrag spannt den Bogen von der ausbeuterischen Verwertungslogik in der Musikbranche bis zu Fragen der digitalen Souveränität angesichts der Monopolstellung von Tech-Giganten wie Meta, Microsoft & Co. Mit Demokratie, Transparenz und Fairness hat all das offensichtlich nichts zu tun, wir steuern sehenden Auges, so das ernüchternde Resümee, dem Abgrund entgegen. Hornschuh und sein Gesprächspartner, der Kölner Medienwissenschaftler und Autor Martin Andree, verharren dann aber doch nicht nur im resignativen Schulterzucken, sondern geben auch Anregungen und Rezepte mit auf den Weg, wie man sich von den Konzernen, die unseren Alltag bestimmen, ein Stück weit weniger abhängig machen kann. Wenn nicht jeden ersten Sonntag im Monat, wann dann?

Zeit fürs erste Konzert: Um 17 Uhr eröffnet Horizontaler Gentransfer (HGT) das neu ins Programm integrierte Format c/o pop non stop, das mit Konzerten, DJ-Sets und Performances in der BüzE stattfindet. Im Vergleich zu den anderen Showteilen des 24-Stunden-Events – Laser Pole Dance, Ü70 DJ Kollektiv oder Late Night Prayer mit Drag-Artist Ludi und einem queeren Pfarrer – bewegen sich HGT im konventionellen Bandsetting. Dennoch lebt ihre Performance primär von der Kunst. Sängerin Mizi Lee und ihre Mitmusikerinnen tragen weiße Longshirts mit blauen DIY-Batikmustern, präsentieren sich also schon rein optisch als Einheit. Die Songs werden dabei – wie auf ihrem Debütalbum „Ereignishorizont“ – von Lees Moderationen zusammengehalten, in denen die Texte erläutert und für das Publikum eingeordnet werden. Der interkulturelle Blick der überwiegend südkoreanischen Band auf das baden-württembergische Alltagsleben („Schinkencroissant, Butterbrezeln und Seelen mit Kümmeln / Das kriegst du in der BBB / Dem besten Brezelbäcker in Stuttgart“) erweist sich als genauso erhellend wie die textlichen Referenzen. Die Braut haut ins Auge und Die Goldenen Zitronen werden explizit genannt, ebenso wie die Autoren Thomas Bernhard und Walter Benjamin. Das mag einen bei jungen Menschen aus fremden Kulturkreisen überraschen, bei einer Kunsthochschulabsolventin wie Mizi Lee, die ihr Diplom unter Beteiligung des Prüfungsbeisitzers Schorsch Kamerun erworben hat, nicht. „Wir sind alle Akademiker“ entschuldigt sich die Sängerin beim Publikum und verweist fürs weitere Quellenstudium auf das selbstgestaltete Songbook am Merchstand. Ich werde dabei so neugierig, dass ich noch am nächsten Tag viele Fragen habe und mich schließlich mit ihr zum Interview verabrede. (Lest es bald in diesem Magazin).

Ich pilgere weiter zum Club Bahnhof Ehrenfeld (CBE), denn dort gibt es einen Act aus Wien zu sehen: Laurenz Nikolaus. Erst vor wenigen Tagen bin ich in die Musikszene der österreichischen Hauptstadt eingetaucht, habe unter anderem das Efeufestival besucht und mir dort neben den Gastgebern EFEU auch Anda Morts angehört. In der Arena Wien traten diese noch unter falschem Namen auf (Die Donautaler Hiadl Fetzer), später am heutigen Abend werden sie hier in Köln ebenfalls auf der Bühne des CBE erwartet. Nun aber erst einmal Laurenz Nikolaus. Die Band hätte „ein paar Geschichten aus Wien mitgebracht“, sagt der blondgelockte Sänger namens Laurenz Ölliger, der enge Jeans und Schnauzbart trägt. Schnell wird deutlich: Allzu offensichtlich orientieren sich Musik und Ölligers Erscheinungsbild an bekannten Vorbildern aus der österreichischen Heimat. Voodoo Jürgens kommt einem unweigerlich als erstes in den Sinn. Zumindest textlich ist die Kluft aber groß: Die Sprachbilder wirken abgegriffen („Du bist die erste Tschick am Tog / Und des letzte Bier auf d‘ Nocht“), der anbiedernd als Hit angelegte Song „Malediven“ verkommt zur Mitgrölnummer für die Mallorca-Sommerparty: „Ich will auf die Malediven / Da gibt’s Vino und Oliven / Ich will nächtelange Liebe, oho!“. Deutlich besser gefällt mir „Annemarie“ – das Stück sei, heißt es in der Ansage, verantwortlich dafür, „dass es diese Band gibt.“ Diese Energie aus den Anfangstagen scheint leider irgendwann verloren gegangen zu sein.

Laurenz Nikolaus

Habe ich gerade von Energie gesprochen? Mein persönlicher Festivalmagnet DJ Hundefriedhof hat mehr als genug davon – wie er nicht nur in zahlreichen seiner Insta-Reels, sondern auch in dem gleichnamigen Song unter Beweis stellt. Hier und heute wird jedoch nicht die Energie des heiligen Frosches, sondern die Kraft der Pilze heraufbeschworen. Dies geschieht unter maßgeblicher Schirmherrschaft des Pilzsachverständigen Tristan Jurisch (aka pilzaddicted), der begleitet von tranceartrigen Hundefriedhof-Klängen unterschiedliche Pilzsorten aus seinem Weidekorb zaubert und die betreffenden Exemplare beim Namen nennt. Ausgewählte Exemplare werden für das Publikum zum Verzehr freigegeben. Die mit angekündigte Sängerin Lexia Starnia, kann dem Pilzhappening mit ihren – wie es der Konzertankündigung heißt – „goldenen Stimmlippen“ leider nicht beiwohnen. Sie ist krank, was auch der Grund dafür ist, dass mein Interviewtermin im DJ Hundefriedhof-Van (Fabrikat: Laserhome) kurzfristig abgesagt werden musste.

Stattdessen gelingt es mir spontan zwei andere Comedians für ein Straßeninterview zu gewinnen: die Böhmermann-Autoren Caro Worbs und Miguel Robitzky. Mit ihrem Podcast „too many tabs“ sind sie Teil des Festivalprogramms und Freitagnachmittag zu Gast beim Radiosender COSMO, der live aus dem Ain Café von der c/o pop berichtet. Als sie das Lokal Richtung Venloer Straße verlassen, erwische ich sie.

DJ Hundefriedhof

Interview mit Caro und Miguel von “too many tabs”

Was war bisher euer schönster Festivalmoment – hattet ihr schon Gelegenheit, euch was anzusehen?

Miguel: Wir kommen ja beide aus Köln. Deswegen waren wir in den letzten Jahren schon sehr häufig hier und freuen uns, dieses Jahr Teil des Programms zu sein. Aber da wir das natürlich vorbereitet haben, konnten wir bisher noch nichts sehen.
Caro: Das ergibt sich hoffentlich morgen. Dass wir noch ein paar Acts mitnehmen können.

Habt ihr was auf dem Zettel stehen?

Miguel: Ich freue mich auf LGoony. Der spielt direkt nach uns im Club Bahnhof Ehrenfeld. Da werden wir dann direkt rübergehen.

Morgen präsentiert ihr euren Podcast „too many tabs“. Wenn ihr jetzt nur noch einen Tab offenlassen dürftet, alle anderen müsstet ihr schließen. Welcher wäre das?

Miguel: Bei mir sind immer die gängigen Social Media Plattformen offen. Aber von den Themen her, da ist es schon ganz gut, dass wir die jede Woche schließen. Deswegen machen wir das ja. Dann hat man das aus dem System.
Caro: Ich würde mich mein Leben lang gerne mit Druiden beschäftigen.
Miguel: Bei mir ist es der Sexdelfin.

Angenommen ihr wäret Festivalleitung: Welchen Act würdet ihr gern noch fürs Wochenende ins Programm aufnehmen?

Caro: Wir sollten da gar nicht aus dem Indie-Bereich heraus denken, sondern welcher Major-Popstar sollte jetzt hier mal über die Venloer Straße laufen? Das wäre die Frage…
Miguel: Lady Gaga.
Caro: Ja, Lady Gaga hier im BüzE, das würde ich auch gerne mal sehen.

Letzte Frage: c/o pop – Untertitel. Ihr seid kreativ, denkt euch einen Festival-Slogan aus. Welcher fällt euch spontan ein?

Miguel: Das ist ja unser Beruf. Das würde der c/o pop ganz viel Geld kosten, wenn wir diese Idee jetzt kostenlos ausplaudern würden. Aber einige sind da, Anfragen nehmen wir jederzeit entgegen.
Caro: Wir füttern einmal an mit dem Wort „Musik“. Wenn sie mehr wollen, müssen sie zahlen.

Sehr gut, so hätte ich es auch gemacht an eurer Stelle. Vielen Dank. Können wir noch schnell ein Selfie machen. Umsonst?

Caro, Miguel und Marc

 

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