Electronic Beats im va:gn mit VTSS, Miguel Ángel und Noxy

„Wir können uns auf niemanden verlassen außer auf uns selbst“ – va:gn in Bonn

Deep in Techno: VTSS in Bonn (Photo: Timo Wagner)

 

Elektronische Musik ist heute präsenter und ökonomisch erfolgreicher denn je. Doch jenseits der großen Festivals und Metropolen bedeutet diese Sichtbarkeit keineswegs automatisch Teilhabe. Gerade in kleineren Städten scheitert das Versprechen der Clubkultur oft an ganz profanen Voraussetzungen: Es braucht einen geeigneten Raum, eine ausreichend große und engagierte Community, einen sozialen Resonanzkörper. Und schließlich müssen auch jene Gagen finanziert werden, die in den vergangenen Jahren nahezu explosionsartig gestiegen sind.

Der klassische Ausweg aus diesen strukturellen Frustrationen heißt seit jeher: DIY. Wie das konkret aussehen kann, lässt sich in Bonn exemplarisch erleben – bei va:gn, einer kleinen, bewusst untergrundigen Kellerlocation, die alle drei Wochen von einem Kollektiv leidenschaftlicher Bass-Music-Enthusiast:innen bespielt wird. Der Ort wurde eigenständig erschlossen, ohne Fördermittel finanziert, und entsprechend kümmert sich das Team um alles selbst: von der Anlagenlogistik über die Tür bis hin zur Bar. Das Booking bleibt dabei bewusst lokal verankert – mit DJs aus den eigenen Reihen sowie Gästen aus dem erweiterten Einzugsgebiet Köln–Düsseldorf. Kein Szenetourismus, sondern Netzwerkpflege.

Der klassische Ausweg aus diesen strukturellen Frustrationen heißt seit jeher: DIY. Wie das konkret aussehen kann, lässt sich in Bonn exemplarisch erleben – bei va:gn, einer kleinen, bewusst untergrundigen Kellerlocation, die alle drei Wochen von gleichnamigen Kollektiv bespielt wird. Der Ort wurde eigenständig erschlossen, ohne Fördermittel finanziert, und entsprechend kümmert sich das Team um alles selbst: von der Anlagenlogistik über die Tür bis hin zur Bar. Das Booking bleibt dabei bewusst lokal verankert – mit DJs aus den eigenen Reihen sowie Gästen aus dem erweiterten Einzugsgebiet Köln–Düsseldorf. Kein Szenetourismus, sondern Netzwerkpflege.

An diesem Dezemberabend kurz vor Heiligabend jedoch ist vieles wie immer – und doch spürbar anders. Denn die Bonner Nachbarn von Telekom Electronic Beats haben sich anlässlich ihres 25-jährigen Jubiläums beteiligt und einen besonderen Gast mitgebracht: die polnische DJ Martyna Maja, besser bekannt als VTSS. Bevor die Nacht beginnt, treffe ich jedoch zunächst Miguel Ángel und Tina Paulick aka Noxy, um mit ihnen über ihre Wege zur elektronischen Musik, über regionale Szenen und über die Ambivalenzen des DJ-Business zu sprechen.

Wenn man in Bonn etwas aufbaut, blickt man notgedrungen über den Stadtrand hinaus um sich inspirieren zu lassen. Seid ihr viel unterwegs? Wart ihr beispielsweise schon im Open Ground in Wuppertal? Einem Club, dem es ja gelungen ist, eine sagen wir es doch direkt Provinzstadt auf die internationale Landkarte zu bringen.

Miguel Ángel an den Reglern (Photo: Timo Wagner)

Miguel Ángel: Ich war da, ja. Ich bin ganz gezielt hingegangen, um mir den Laden einfach mal anzusehen. Bei mir hat sich das über die Jahre massiv gewandelt. Früher, in meinen frühen Zwanzigern, bin ich oft rein zweckgebunden für bestimmte Acts irgendwohin gefahren. Da war das Line-up das einzige Kriterium. Heute ist das anders. Heute geht es mir viel mehr darum, Communities zu erleben, Leute zu treffen oder Clubs zu sehen, die eine eigene Vision verfolgen und mich dadurch inspirieren. Deshalb hat mich das Open Ground so angezogen. Es geht um den Raum und was er mit den Menschen macht.

Das heißt, du schaust heute eher mit dem Auge des ortformenden Menschen darauf? Du überlegst dir, was du für dein eigenes Projekt mitnehmen kannst, und achtest weniger darauf, wen man als Nächstes für Bonn buchen könnte?*

Miguel Ángel: Es ist ein bisschen von beidem. Aber beim Booking ist es bei uns aufgrund unserer begrenzten Mittel ohnehin so, dass wir uns sehr gerne in Köln und in der direkten eigenen Bubble bedienen. Aus meiner Perspektive macht es beim Booking einfach Sinn, in Sphären unterwegs zu sein, die für uns realistisch sind. Wir können keine Luftschlösser bauen. Wenn man sich in der Nachbarschaft bewegt, wächst ein Geflecht an echten Kontakten. Daraus entsteht eine Vertrauensbasis, aus der heraus man auch mal ganz unkompliziert fragen kann: „Hey, hast du nicht Lust, mal bei uns zu spielen?“ Das ist organischer als jede Agentur-Anfrage.

Nehmt ihr es als Defizit wahr, dass ihr in diesem begrenzten regionalen Pool fischen müsst, oder seht ihr das vielleicht sogar als einen strategischen Vorsprung?

Miguel Ángel: Man muss ganz klar sagen: Die Qualität ist heute extrem hoch. Es gibt so viele Menschen, die fantastisch auflegen können, dass man fast schon ein Überangebot hat. Gerade in Köln schwimmt wahnsinnig viel Talent herum, das oft gar nicht die Plattformen bekommt, die es verdient hätte. Natürlich ist es rein objektiv ein Nachteil, wenn man sich die Acts nicht völlig frei aussuchen kann, einfach weil das Geld für die ganz großen Namen oft fehlt. Wir sind schließlich ein ehrenamtliches Projekt, wir machen das nebenher. Aber andererseits ist es super schön, auf einer ganz anderen, viel persönlicheren Ebene mit den Acts zu connecten. Das schafft eine Loyalität, die man mit Geld nicht kaufen kann.

Tina Paulick aka Noxy

Noxy: Wir sind mittlerweile wirklich gut vernetzt, besonders mit den Kölner Kollektiven wie Katana, phonovision oder Nonchalance. Man kennt sich einfach, man begegnet sich auch ständig auf denselben Veranstaltungen. Daraus ergibt sich vieles von selbst. Es ist weniger ein „Fischen“ in einem Pool, sondern eher ein ständiger Austausch in einer großen Familie. Man unterstützt sich gegenseitig, man tauscht Tipps aus, und am Ende profitieren alle davon.

Heute habt ihr in Zusammenarbeit mit Electronic Beats VTSS zu Gast. Alles andere als ein lokales Booking natürlich. Ist sie eine der Djs auf Eurer Traumliste?

Miguel Ángel: Das ist eine längere Geschichte. Ich bin tatsächlich schon 2018 extra für sie nach Berlin gefahren. Damals hatte sie noch einen ganz anderen musikalischen Ansatz, viel roher, viel mehr Industrial-Einflüsse. Es ist für uns extrem interessant zu beobachten, wo die Reise hingeht, wenn man in dieser riesigen Industrie immer weiter nach oben kommt. Wenn mir vor ein paar Jahren jemand die Frage nach dem „Freifischen“ gestellt hätte, wäre sie auf jeden Fall eine der ganz wenigen gewesen, bei denen ich gesagt hätte: Die müssen wir unbedingt mal holen. Mittlerweile muss man aber auch ehrlich sagen, dass sie voll in diesem „Game“ angekommen ist, in dem man fast nur noch auf den ganz großen, kommerziellen Bühnen spielt. Ich kann absolut verstehen, dass man den Sound dann ein Stück weit anpasst, auch wenn es vielleicht nicht mehr zu hundert Prozent das ist, was uns als Kollektiv ursprünglich mal ausgemacht hat.

Du sagst das sehr diplomatisch. Du meinst damit, dass ihr Sound glatter geworden ist?

Miguel Ángel: Ja ein bisschen schon. Es ist jetzt wohl für die breitere Masse ansprechender geworden. Das ist die logische Konsequenz, wenn man vor tausenden Leuten auf Festivals spielt. Man muss die Leute abholen, und das funktioniert oft über bekanntere Strukturen oder eingängigere Melodien.

Noxy: Ich würde das gar nicht bewerten wollen, ob das jetzt gut oder schlecht ist – das bleibt am Ende ja immer subjektiv. Aber es ist ein Fakt, dass es jetzt einfach viel mehr Leute anspricht. Für uns als Kollektiv ist es natürlich eine Chance, durch so einen Namen auch Menschen in den Club zu ziehen, die uns sonst vielleicht gar nicht auf dem Schirm hätten. Es ist eine Gratwanderung zwischen dem eigenen Anspruch und der Notwendigkeit, auch mal eine Hütte vollmachen zu müssen.

VTSS (Photo: Timo Wagner)

Wie fühlt es sich denn an, dass eine Marke wie Electronic Beats bei Euch anklopft?

Miguel Ángel: Ich versuche das gerade einzuordnen, ohne in Pathos zu verfallen. Man muss verstehen: Für uns alle ist Electronic Beats nicht irgendein Blog. Es ist das Archiv unserer Sozialisation. Die Plattform existiert seit 25 Jahren – ich bin jetzt 30. Das bedeutet, meine gesamte bewusste Wahrnehmung elektronischer Musik wurde durch dieses Fenster zur Welt gefiltert. Dass wir jetzt Teil dieses Narrativs werden, ist surreal. Es validiert die These, dass man auch abseits der Metropolen Relevanz erzeugen kann, wenn die Qualität stimmt.

Noxy: Man darf die psychologische Komponente nicht unterschätzen. Es gibt diese übergeordneten Plattformen, die als Gatekeeper fungieren. Ihre Aufmerksamkeit motiviert ungemein, die ganze „Drecksarbeit“ im Hintergrund zu erledigen. Ich sage das ganz nüchtern: Als wir nach Bonn kamen, war das die implizite Wette. Wir stecken den Schweiß rein, wir akzeptieren die widrigen Umstände, in der Hoffnung, dass die Mechanismen der Szene noch funktionieren und Qualität irgendwann erkannt wird. Das war das Ziel am Horizont. Dass es jetzt passiert, bestätigt uns darin, dass wir nicht verrückt waren.

Miguel Ángel: Man muss das im Kontext sehen. Damals, als wir starteten, gab es hier Telekom Events wie Sven Väth im Bikini Beach unter dem Electronic Beats Label. Ich stand da und dachte: „Das kann nicht die einzige Definition von elektronischer Kultur in dieser Stadt sein, Electronic Beats hat doch auch den Anspruch, das Unkonventionelle abzubilden.“ Dass sie jetzt auf uns zukommen, sehe ich als Chance, das Bild von Bonn geradezurücken. Wir müssen uns nicht verbiegen. Wir liefern den Content, sie die Plattform. Das ist der Deal.

Wenn wir über die Region sprechen: Gibt es eigentlich immer noch diesen gewissen Snobismus der Kölner:innen gegenüber Bonn, oder funktioniert das mittlerweile wirklich auf Augenhöhe?

Miguel Ángel: Ich habe das starke Gefühl, dass wir gerade aktiv etwas daran ändern. Sicherlich gab es diesen Snobismus lange Zeit, und er war vielleicht auch nicht ganz unbegründet, weil Bonn über viele Jahre hinweg kulturell einfach nicht besonders viel für unsere Szene zu bieten hatte. Eines unserer erklärten Ziele ist es, der Stadt und vor allem der Community hier etwas zurückzugeben. Es soll nicht mehr automatisch heißen: „Wenn du in Köln wohnst – was um Himmels Willen verschlägt dich dann nach Bonn?“ Wir wollen zeigen, dass wir hier eine eigene Energie haben, die man in Köln in dieser Form vielleicht gar nicht mehr findet, weil dort alles schon viel gesättigter und kommerzialisierter ist.

Noxy: Wobei man auch fairerweise sagen muss, dass man als Kölner:in auch den eigenen Clubs gegenüber oft extrem skeptisch ist. Es gibt in Köln mittlerweile so viele Abende, an denen man sich das Ausgehen eigentlich hätte sparen können, weil alles nach Schema F abläuft. Für mich persönlich ist Köln manchmal auch nur eine etwas größere Provinzstadt. (lacht)
Nur weil die Stadt mehr Einwohner hat, heißt das ja nicht automatisch, dass die Kultur dort innovativer ist. Oft ist das Gegenteil der Fall: In der Nische, in der wir uns in Bonn bewegen, ist man gezwungen, kreativer zu sein.

Das führt uns zum Kern eurer Arbeit. Was zeichnet für euch ein gutes Kollektiv aus? Ist es die gemeinsame musikalische Vision oder eher die soziale Komponente?

Miguel Ángel: Authentizität ist für mich das A und O. Ohne die geht gar nichts. Das Kollektiv ist für uns aber auch eine Art Schutzmantel. Es macht Dinge möglich und leichter, für die man alleine vielleicht gar nicht den Mut oder die Kraft hätte – zum Beispiel so ein riesiges Event wie heute Abend zu organisieren, mit all dem finanziellen Risiko, das daran hängt. Die anderen Mitglieder geben einem die nötige Sicherheit. Wenn man weiß, dass da zehn Leute hinter einem stehen, die im Notfall mit anpacken, traut man sich viel mehr zu.
Noxy: Wichtig ist mir vor allem, dass man auf dem Boden bleibt. Dass man sich nicht über andere stellt oder sich als das „krassere“ Kollektiv inszeniert, nur weil man jetzt mal einen bekannten Act gebucht hat. Man sollte grundsätzlich miteinander arbeiten, nicht gegeneinander. In einer Szene, die ohnehin mit vielen äußeren Widerständen zu kämpfen hat, ist interne Konkurrenz das Letzte, was wir brauchen.

Gab es in eurer Geschichte einen spezifischen Moment, in dem ihr besonders glücklich über diesen Zusammenhalt wart? Einen Moment, in dem das Kollektiv sich bewähren musste?**

Miguel Ángel: Oh ja, da gibt es einige. Wir haben früher sehr viele Outdoor-Raves in unserer alten Heimat gemacht. Das war alles sehr DIY, sehr improvisiert. Einmal kam die Polizei schon um acht Uhr abends, weil sich irgendein Anwohner beschwert hatte – und das, obwohl direkt daneben ein offizielles Weinfest stattfand, das um ein Vielfaches lauter war als unsere Anlage. Das war pure Willkür. Aber wir haben es tatsächlich geschafft, mit den Beamten so ruhig und sachlich zu verhandeln, dass wir die Erlaubnis bekamen, bis zehn Uhr weiterzumachen. Innerhalb einer lächerlichen halben Stunde haben wir dann den kompletten Spot abgebaut und sind mit der gesamten Ausrüstung ein paar hundert Meter weiter oben in die Weinberge gezogen, um dort wieder neu aufzubauen. Das haben wir nur geschafft, weil wir eine eingeschworene Gruppe von Leuten waren, die voll dahinterstanden. Keiner hat gemeckert, jeder hat angepackt. Das war ein unglaubliches Gefühl von kollektiver Selbstwirksamkeit.

Das klingt wunderbar romantisch. Vielleicht ein guter Moment, um die Realität in Form von „Insolvenz und Pop“ reinzubringen. Wie stemmt ihr eigentlich die monatliche Miete und die laufenden Kosten als Kollektiv in einer Stadt wie Bonn?

Miguel Ángel: Um es kurz zu machen: Leicht ist es absolut nicht. Bei uns geht fast jeder Cent, den wir irgendwie einnehmen, direkt wieder in die Fixkosten. Es gibt Monate, da sitzen wir zusammen und wissen ehrlich gesagt nicht, wie wir die Miete für unsere Räumlichkeiten bezahlen sollen. Das ist der Moment, in dem die Leidenschaft auf die harte Realität trifft. Deshalb sind wir auch extrem dankbar, wenn die Stadt Bonn oder andere offizielle Institutionen mal einsteigen und Projekte fördern. Aber unsere Unabhängigkeit ist uns eben heilig. Wir wollen uns nicht verbiegen müssen, um in irgendein Förderraster zu passen.

Wie muss man sich eure Team Meetings vorstellen, wenn es um solche existenziellen Entscheidungen geht? Wie „schlimm“ wird es, wenn Geld und Vision aufeinanderprallen?

Noxy: (lacht) Er kann sehr lange reden, das kann ich dir sagen. Das kann sich schon mal ziehen, bis die Sonne wieder aufgeht.
Miguel Ángel: Das stimmt wohl. Meine Aufgabe als Vorsitzender ist es eben, alle unterschiedlichen Strömungen und Meinungen zusammenzubringen. Ich sehe mich da oft in der Rolle des Mediators. Wir suchen immer den Dialog, auch wenn es anstrengend ist. Wenn bei uns etwas entschieden wird, dann muss die Begründung für alle im Team nachvollziehbar sein. Wir wollen keine Top-Down-Entscheidungen. Deshalb dauern die Sitzungen manchmal bis zum bitteren Ende, bis wirklich jeder gehört wurde und wir einen Konsens haben, mit dem alle leben können. Das ist gelebte Basisdemokratie, mit all ihren Vor- und Nachteilen.

Wechseln wir mal vom va:gn Meeting ins Internet. Stichwort Selbstdarstellung. Wie nehmt ihr den Status Quo des Instagram-Games wahr? Hat sich dadurch die DNA der Clubkultur verändert?

Noxy: Es ist ehrlich gesagt nicht schön anzusehen, wie sich das gewandelt hat. Früher fühlte sich alles viel „echter“ an, viel unmittelbarer. Jetzt ist Techno endgültig im Mainstream angekommen, und man hat plötzlich diese Unmengen an Selbstdarsteller:innen, die eigentlich nur in den Club kommen, um sich selbst zu feiern und das perfekte Foto für ihr Profil zu schießen. Die Musik wird da oft zur Nebensache, zum bloßen Hintergrundrauschen für die eigene Inszenierung. Dafür stehen wir als Kollektiv absolut nicht. Wir wollen, dass die Leute wegen des Vibe kommen, wegen der Musik und wegen der Gemeinschaft. Wir wollen, dass man auf dem Boden bleibt.

Miguel Ángel

Miguel Ángel: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Reichweite über Social Media ist einerseits natürlich gut und notwendig, um die Hütte vollzubekommen und wirtschaftlich zu überleben. Aber die Authentizität bleibt oft auf der Strecke, wenn Bookings in der Branche nur noch nach Follower:innen-Zahlen und Klickraten gemacht werden. Das verzerrt den Markt komplett. Hinzu kommt, dass es durch die Corona-Zeit eine ganze Generation von Clubgänger:innen gibt, die nie gelernt hat, wie man sich in einem geschützten Raum wie einem Club eigentlich verhält. Da fehlt oft das Gespür für die Etikette, für den Respekt gegenüber den anderen Gästen und den Künstlern. Das ist eine traurige Entwicklung, gegen die wir versuchen, mit unserer Awarnesspolitik und unserer Kommunikation anzusteuern.

Zurück zum heutigen Abend. Füllt ein großer Name wie VTSS in einer Stadt wie Bonn automatisch das Haus, oder ist das trotzdem ein Risiko?

Noxy: Man darf Bonn nicht unterschätzen. Wir leben hier in einem der am dichtesten besiedelten Ballungsgebiete Europas. Das Einzugsgebiet ist riesig. Dass VTSS heute hier bei uns in diesem fast schon intimen Rahmen spielt, ist ein Momentum, für das die Leute gerne auch von weiter her anreisen. Es ist etwas Besonderes, sie nicht auf einer riesigen Festivalbühne aus 50 Metern Entfernung zu sehen, sondern hier, wo man den Schweiß fast riechen kann.

Das ist ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch.

Goin Nuts in Bonn

Beim gemeinsamen Dinner vor der Clubnacht gilt es zunächst, VTSS und ihrem Team – bestehend aus Management, Booker und Tourmanager – zu erklären, warum wir uns ausgerechnet in Bonn versammeln. Und dass es sich hierbei um die ehemalige Bundeshauptstadt handelt. Martyna Maja ist gerade einmal 30 Jahre alt, Teile ihrer Crew sogar noch jünger; entsprechend abstrakt wirkt die Geschichte einer Stadt, die durch Krieg und Nachkriegsordnung für Jahrzehnte zum unwahrscheinlichsten Machtzentrum deutscher Politik wurde. Umso aufmerksamer wird zugehört.

Zwar spielt Maja mittlerweile überwiegend in den globalen Metropolen – und lebt nach Stationen in Berlin und London inzwischen auch in New York –, doch Auftritte in kleineren Städten sind ihr keineswegs fremd oder gar befremdlich. Ihr Weg führte sie prägend langsam aus der polnischen Techno-Subkultur über Jahre in Berlin auf das internationale Plateau, und so kennt sie die unterschiedlichen Maßstäbe von Dancefloors und weiß sie zu schätzen. Dass sie in einem so intimen Raum wie dem va:gn spielt, liegt allerdings schon eine Weile zurück.

Nach einem atmosphärisch präzisen b2b-Set von Miguel Ángel und Mxmin, das den Raum behutsam auflädt und die enge Verbundenheit der Bonner Community mit ihren Protagonist:innen spürbar macht, ist es bemerkenswert zu erleben, wie Maja binnen Sekunden das Energielevel noch einmal verschiebt. Der Raum kippt, fokussiert sich, verdichtet sich. Die Reaktion des Publikums ist reine, ungefilterte Euphorie – eine jener kollektiven Erfahrungen, die daran erinnern, warum diese Form von Clubkultur jenseits aller Marktlogiken weiterhin notwendig ist.

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