Xul Zolar

Xul Zolar: „Das könnte auch Rihanna singen“

Nach neun Jahren Bandexistenz können Xul Zolar bereits auf eine ganze Reihe von Singles und EPs zurückblicken, zuletzt erschien Anfang 2018 dann auch endlich  ihr Debütalbum „Fear Talk“. Auf dem Weg zu dessen Nachfolger gönnen uns die Kölner nun mit „Nightfalls“ einen ersten Appetizer. Die dort versammelten drei neuen Songs zeugen von einer Band, die eine der wohl seltensten Disziplinen ihrer Branche mit Leichtigkeit beherrscht: Gleichmut.


„Dieser Luxus steht wirklich in keinem Verhältnis zur Band“.
Marin Geier, Gitarrist und eines von zwei Gründungsmitgliedern von Xul Zolar, steht mitten im Raum und zeigt mit breitem Grinsen und einladender Geste den großzügigen, lichtdurchfluteten Proberaum samt Maisonette und Garten. Gemessen an den muffigen Kellern, in denen die Mehrheit der Indie-Bands ihr Dasein fristet, ist herrschen hier paradiesische Zustände.

Die großzügigen Luft-, Licht- und Platzverhältnisse des Studios machen sich bemerkbar, „Nightfalls“ klingt noch  schwebender, als man es ohnehin von Xul Zolar gewohnt ist. Die Assoziationen sind entsprechend: Vergleiche mit Talk Talk, The Cure oder auch The Smiths begleiten die Band seit jeher – und werden mit dem gebotenen Respekt zur Kenntnis genommen, aber auch umgehend korrigiert: „Als wir angefangen haben, hatte ich Talk Talk überhaupt nicht auf dem Schirm“, erzählt Marin, „Ich kannte die Hits, hatte aber nie den Gedanken, auch solche Musik machen zu wollen.“ Sänger Ronald Röttel ergänzt: „Es gibt zwei Genres, deren Spuren sich bei uns finden: wir haben einen Wave-Touch, aber auch einen starken HipHop-Einfluss“.

Ja, richtig gelesen, Ronald Röttel hat HipHop gesagt!
Marin sieht sich zu einer Erklärung veranlasst: „Ich habe irgendwann gemerkt, dass in Sachen Rhythmik HipHop und die stark von HipHop beeinflusste Popmusik der heutigen Zeit für mich persönlich viel einflussreicher sind als beispielsweise The Cure. Natürlich machen wir keinen HipHop“, fügt er lachend hinzu, „aber beim Songwriting merke ich das schon. Es gibt im HipHop eigentlich keine Gitarren, darum geht es mir um die Rhythmik: Ich spiele schon sehr viele perkussive Patterns. Es ist ein gewisser Vibe, der vom HipHop ausgeht, auch wenn das den Hörer bei uns sicher nicht direkt anspringt“.
Drummer Dennis Hofmann nickt und fährt fort: „Da fällt mir zum Beispiel sofort “Soft Drones” (vom Album „Fear Talk“) ein, das geht Beat-mäßig sehr in diese Richtung“. Marin lacht: „Das könnte auch Rihanna singen“.
Stimmt! Irgendwie aber doch gut, dass sie es nicht tut.

Auffälliger als die Bezüge zum HipHop und auch typischer für die Band ist die oft verworrene, kryptische Lyrik, die Ronald mit wehmütiger Stimme vorträgt. Eine konkrete Deutung fällt da in der Regel schwer, das große Ganze benennt er jedoch sehr präzise: „Es gibt diese nie enden wollende Verbindung zwischen Popmusik und Liebe als Sujet, ich kann einfach nicht über andere Dinge schreiben. Immer wenn ich es versuche, fühlt sich das einfach nicht richtig an. Es sind immer Songs über Liebe und die Texte sind tatsächlich sehr unkonkret, weil ich keine Aussagen machen möchte, eher Angebote. Man kann das kryptisch nennen oder auch collagiert“.

Schließt sich hier möglicherweise der Kreis zum Namensgeber der Band, dem argentinischen Maler Oscar Solari alias Xul Solar? Dessen Werke sind geprägt von einer schier unüberschaubaren Fülle an Details und entziehen sich ebenfalls jedem Versuch einer Erklärung. „Das ist eher so ein ‚Werde, was du bist‘-Ding“, erklärt Marin diese merklich zu oft abgefragte Verbindung. „Der Name weckte Assoziationen, die mir gut gefielen. Das war nicht forciert, aber es hat sich dann so ein bisschen gefügt, glaube ich. Die Interpretationsoffenheit seiner Bilder und unserer Texte passen gut zusammen.“

Ein perfect match ist inzwischen auch die Band selbst. Nach einer Umbesetzung an den Drums und dem Einstieg von Dennis Enyan am Bass ist man nun zu viert. Eine gewachsene Verbindung, die man Sound und Songwriting anhört: „Ich glaube, dass aus unseren verschiedenen Ursprüngen ein interessanter, gemeinsamer Vibe entsteht“, erklärt Drummer Dennis Hofmann, „Wir nähern uns immer mehr einer comfort zone, in der jeder mit einer Idee kommt, mal mehr mal weniger ausgereift, an der dann im Kollektiv gefeilt wird.“ Marin ergänzt: „Im Vergleich zum Album haben wir für diese EP mehr Zeit zusammen mit den Songs verbracht als sonst. Das ist die erste Aufnahme, die wir zu viert machen, vorher waren es drei Leute, davor sogar nur zwei. Es wird immer breiter.“

Breiter Sound, breite Einflüsse: Kann, darf, muss man da überhaupt die Frage nach dem Genre stellen? „Caribbean Doom Pop“ lautet die Antwort von Drummer Dennis, ohne Zögern und mit unüberhörbar ironischen Unterton. Okay, man darf die Frage stellen, hätte es aber auch lassen können. Manches braucht oder will einfach kein Label – auch wenn natürlich allein die Vorstellung von „Caribbean Doom Pop“ als eigenem Fach im Plattenladen kaum zu toppen ist.

Auf dem Fach für Xul Zolar wird wahrscheinlich deutlich unkreativer bis auf Weiteres einfach „Indie-Pop“ stehen. Viel wichtiger ist sowieso der Inhalt und der punktet ohne Abzüge. Es spricht für eine Band, sich dem Druck der Branche, ständig liefern zu müssen, zu widersetzen und sich erstmal „nur“ für eine EP zu entscheiden. Schon den ersten Hype 2013 / 2014 ließen Xul Zolar mehr oder weniger ungenutzt verstreichen, um weitere vier Jahre an einem Debüt-Album zu schrauben, das den eigenen Standards gerecht wurde. Nun erneut die Ruhe zu bewahren und auf das eigene Tempo zu vertrauen, ist der richtige Weg. Für einen Schnellschuss war der Start mit „Fear Talk“ schlicht zu gut und zu rund. Profiteur dieser Gelassenheit ist einmal mehr der Hörer: „Nightfalls“ liefert drei von Raum und Zeit losgelöste Songs auf einem Level, das heimische Bands nach wie vor nicht alle Tage erreichen. Besonders der Titeltrack entpuppt sich als wirklich hartnäckiger Ohrwurm:„The worst comes when the night falls. It kills us in our sleep“. Caribbean Doom Pop steht eben nicht für halbe Sachen.

 

Xul Zolar auf Tour:

25.09.2019 – Köln / Bumann & Sohn *
26.09.2019 – Darmstadt / Schlosskeller *
27.09.2019 – Nürnberg / Club Stereo *
28.09.2019 – München / Heppel & Ettlich *
29.09.2019 – St. Gallen / Grabenhalle *
02.10.2019 – Berlin / Berghain Kantine *
03.10.2019 – Dresden / Groovestation *
04.10.2019 – Leipzig / Moritzbastei *
05.10.2019 – Hamburg / Nachtasyl *
10.10.2019 – Göttingen / Nörgelbuff
11.10.2019 – Frankfurt / Lotte Lindenberg

Tickets ab sofort überall im VVK.
(*Support: Magic Island)

„Nightfalls“ erscheint am 23.8.2019 digital und am 11.10.2019 auf Vinyl via Asmara Records.

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