Der Kölner DJ und Produzent über sein sozialwissenschaftliches Studium, neoliberale Strukturen in der Clubkultur und die Befreiung vom Zwang zur Neuheit

Marcus Worgull: „Wer nicht „besonders“ ist, fällt hinten rüber“

Marcus Worgull legt seit Ende der 1990er Jahre regelmäßig auf und war ab Anfang der 2000er Jahre international unterwegs. Er spielte auf allen Kontinenten – in Clubs wie dem Fabric oder dem Berghain sowie auf Festivals wie der Fusion oder der Time Warp. Während der Pandemie, als Reisen und Auftritte ausfielen, schrieb er sich an der FernUni Hagen für Sozialwissenschaften ein. Aus dem geplanten Nebenbei-Projekt wurde ein Vollzeitstudium – auch bedingt durch die zunehmende coronabedingte Distanz zum Nachtleben und aus gesundheitlichen Gründen. Inzwischen arbeitet er am Politikwissenschaftlichen Institut. Diese neue Perspektive hat nicht nur seinen Alltag verändert, sondern auch seinen Blick auf elektronische Musikkultur.

In seiner wissenschaftlichen Arbeit über Andreas Reckwitz’ Begriffe der Singularisierung und Valorisierung untersucht Worgull, wie DJs von einer einst bewusst gesuchten und gepflegten Anonymität im Nebel und Strobolicht zu kulturell aufgeladenen Hauptprotagonist:innen wurden, gespiegelt in einer von sozialen Medien geprägten Selbstinszenierung.

Im Kaput-Talk mit Thomas Venker verbindet er Theorie mit eigener Erfahrung: dem Zwang zu Neuheit und Sichtbarkeit, messbarem Erfolg in sozialen Medien, Klassenunterschieden auf Festivals und dem Widerspruch zwischen Nachhaltigkeitsanspruch und internationalem Touring. Zugleich erzählt er, warum er heute lieber nach Gefühl auswählt, auch ältere Musik spielt und ein oder zwei Auftritte im Monat als Geschenk empfindet.

alle Photos zum Beitrag kommen aus dem Archiv von Marcus Worgull

Marcus, wir treffen uns heute, um ganz konkret über deine Hausarbeit „Inwiefern lässt sich die Entwicklung der DJ-Kultur seit Beginn des 21. Jahrhunderts als Ausdruck einer ‚Gesellschaft der Singularitäten‘ im Sinne von Reckwitz verstehen?“ zu sprechen. Bevor wir aber dazu kommen, würde mich erst einmal interessieren, was dein Interesse an den Sozialwissenschaften geweckt hat. Die meisten Kaput-Leser:innen kennen dich ja als DJ und Produzent.

Marcus Worgull: Ein oberflächliches Interesse bestand bestimmt schon vorher. Allein durch die Tatsache, dass die Mutter meines Sohnes Doktorin der Soziologie ist, war das immer ein Thema. Wenn du mich allerdings vor Beginn meines Studiums gefragt hättest, was genau Niklas Luhmann gemacht oder was Max Weber zur Soziologie beigetragen hat, hätte ich dir kaum etwas Fundiertes dazu sagen können.
Ohne Corona hätte ich das Studium sicher nicht angefangen. Wenn man vorher viel gereist ist und nur mit Musik zu tun hatte, war der Lockdown ein gezwungener Break. Ich bin damals in einen Tennisclub eingetreten und saß dort abends auf der Terrasse. Man unterhielt sich: „Was machen wir jetzt mit unserer Zeit?“ Mein Sohn studierte ebenfalls oder war fast fertig mit seinem Jura-Examen, und ich war der Einzige, der immer nur von Bassdrums und fetten Remixen erzählte.
Nach diesem Gespräch habe ich mich einfach an der FernUni Hagen eingeschrieben. Die dahinterstehende Frage war: „Was machen wir hier überhaupt?“ Man wurde plötzlich ganz anders mit Politik konfrontiert, weil man als Künstler unmittelbar betroffen war. Ich fragte mich ganz naiv: „Woher kommt dieses ‚Mehr‘? Wieso wollen wir immer mehr?“ Es war eigentlich eher metaphysisch.

Also hat dich die soziopolitische Lage quasi zur Soziologie geführt.

Marcus Worgull: So kann man das auf jeden Fall sagen. Ich habe angefangen und mich direkt für alles eingeschrieben. Ich dachte: „Klar, das mache ich nebenbei.“ Aber dann merkte ich, dass das kein Zeitungsartikel ist; man muss sich wirklich etwas merken (lacht). Meine erste Klausur in der Hauptsoziologie war auch nicht gerade berauschend. Ich musste das Lernen erst wieder lernen. Aber es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich es weiterverfolgt habe.
Dann kam noch ein Jahr hinzu, in dem ich gesundheitlich durch meinen zweiten Schlaganfall komplett aus dem Alltag raus war. Das hat natürlich meinen Blick auf mein Leben noch einmal verändert und die Frage in den Vordergrund gerückt: „Wie geht es jetzt weiter?“ Ich sagte mir, dass es in den Jahren vor Corona gut lief und ich es mir leisten kann, jetzt in Ruhe zu studieren. Das ziehe ich jetzt durch. Seit anderthalb Jahren arbeite ich auch als Hilfskraft an der Uni, allerdings nicht in der Soziologie, sondern in den Politikwissenschaften.

„Vollzeit“ bedeutet, dass du deinem Booker gesagt hast: „Ich will nicht mehr acht oder sechs Auftritte im Monat, sondern vielleicht nur noch zwei ausgewählte“?

Marcus Worgull: In einer idealen Welt wäre das so, ja. Aber die Richtung ist eher umgekehrt. Wenn man nichts veröffentlicht, auf Social Media nicht aktiv ist und sich nicht permanent zeigt, dann rücken sofort andere Acts nach, die auch gerne auflegen möchten. Es passiert also automatisch. Es ist nicht so, dass ich meine Agentur bremsen musste (lacht).
Ich habe die Agentur während der Corona-Zeit gewechselt und von Anfang an gesagt: „Pass auf, ich studiere. Wir schauen einfach, was passiert.“ Normalerweise erzählt man bei einem Wechsel: „Ich bringe dieses Label, jene Releases und diese Kampagnen mit.“ Ich sagte stattdessen: „Schauen wir mal.“
Letztes Jahr habe ich etwa dreißig Gigs gespielt, darunter natürlich auch viele lokale Sachen in Köln und Umgebung. Ich hatte so kalkuliert, dass es auch okay wäre, wenn so gut wie gar kein Einkommen durch das Auflegen reinkommt. Es war spannend und beängstigend zugleich. Es geht ja nicht nur um das Geld oder die Liebe zur Musik, sondern ehrlicherweise auch um die sehr lieb gewonnene Bestätigung. Ich mache das ja nun schon seit 30 Jahren.

Auf dem Level, auf dem du nicht zuletzt durch Innervisions lange gespielt hast, ist das ja auch ein spezielles Umfeld. Ich habe gestern ein Interview mit Mick Jagger gesehen – das ist natürlich eine andere Liga, aber ich bringe den Vergleich trotzdem mal an –, da ging es darum, was das Touren psychisch mit einem macht, wenn man die ganze Zeit „gepimpert“ wird. Beim DJing auf gewissem Level ist es ja fast noch extremer als bei Bands: Man wird am Flughafen abgeholt, geht ins Fünf-Sterne-Hotel, dann zum Dinner …

Marcus Worgull: Genau. Und das muss bitte auch so sein! (lacht) Wenn das Essen nicht schmeckt, ist es schon mal scheiße (lacht).

Das ist dann schon ein harter Bruch, wenn man plötzlich wieder im Lebensalltag auf Augenhöhe ankommt, oder?

Marcus Worgull: Das fällt einem schwer. Ich befinde mich da noch im Prozess. Ich bin glücklich, überhaupt ein bis zwei Gigs im Monat zu spielen; das empfinde ich als Geschenk. Ich habe mein Label Chorus Records auch wieder aktiviert. Erst hatte ich eine ablehnende Haltung, aber dann merkte ich, dass diese radikale Ablehnung fast schon pubertär ist. Jetzt ist es ein Mix. Gerade steht meine Bachelorarbeit an, an der ich bis Ende August sitze. Danach habe ich ein paar Remix-Projekte und weitere Produktionen zugesagt. Darauf freue ich mich nach dieser intensiven Theoriezeit nun sehr.

Wie haben Pandemie, Krankheit und Studium deinen Blick auf das Auflegen verändert?

Marcus Worgull: Beim Auflegen merke ich, dass mir die Vorbereitung ohne diese extreme Fixierung sehr guttut. Das hat auch mit dem Thema meiner Arbeit zu tun – der „Singularisierung“ und dem „Neuheitsregime“. Es ist mir nicht mehr so wichtig, durch ständig neue Musik zu glänzen. Ich weiß, da stehen oft Fans und Expert:innen, die darauf warten, dass ich sie mit Musik beeindrucke, die sie noch nicht kennen. Von diesem Diktat habe ich mich befreit. Ich frage mich heute: „Worauf habe ich wirklich Lust?“
Wenn ich meine Sammlung durchsehe, achte ich darauf, wo für mich Gefühl drinsteckt. Wenn das dann ein 18 Jahre alter Carl-Craig-Mix ist, dann spiele ich ihn eben an einem Sonntag im Park-Café in Köln. Vor der Pandemie wäre das vielleicht nicht so gewesen.
Musik wird oft nur noch über das „Neue“ definiert. Wir bewegen uns in diesem Vierviertel-Bassdrum-Ding. Zwischen diesen Schlägen gibt es Achtel, Sechzehntel, Zweiunddreißigstel, Vierundsechzigstel usw. Man kann dort Akkorde und Basslines setzen, aber eigentlich wurde dort schon fast alles einmal hingesetzt. Natürlich verändern neue Tools die Soundästhetiken. Was aber auffällt, ist dieser Wahnsinn an digitalen Promos. Das ist mittlerweile voll durchprofessionalisiert und fast schon wie ein Verwaltungsakt organisiert.

Es ist interessant, dass das im Kopf so eine Rolle spielt. Als normaler Clubgänger wünscht man sich oft diese alten, tollen Tracks und fragt sich, warum ein Set immer so viel Neues enthalten muss.

Marcus Worgull: Da kommen wir zur Soziologie: Das ist der Anspruch, der durchaus an einen herangetragen wird. Hätte ich das vor der Pandemie in meinem damaligen Umfeld so gemacht wie heute, wäre ich damit wohl nicht durchgekommen. Das ist heute eine andere Sportart.

Was hat die Soziologie an deinem Blick auf die Kulturwelt verändert?

Marcus Worgull:
Das DJing spielt dabei vielleicht gar keine so riesige Rolle, eher das Zusammenleben generell. Soziologie befasst sich auch viel mit Umverteilung und Ungleichheit. Mein Studium umfasst alle Sozialwissenschaften, also auch Politik und Verwaltung.
Es hat den Blick dafür geschärft, wie sich in unserer coolen Kulturwelt – gerade weil es dort oft keine festen Strukturen gibt – ganz zwangsläufig neoliberale Strukturen durchsetzen. Das geschieht völlig ungehemmt, oft unter dem Deckmantel der Kultur, der das Ganze weniger offensichtlich macht. Früher habe ich das vielleicht ignoriert. Mich hat die wissenschaftliche Ebene interessiert: Woher kommt dieser Drang, immer „mehr“ zu wollen?

Wie zeigen sich Distinktion und Klassenunterschiede in der elektronischen Musikkultur?

Marcus Worgull: Früher war das eine kleine Nische. Die Abgrenzung funktionierte über Distinktion. Die Speerspitze davon ist heute beispielsweise so eine Berghain-Türpolitik mit ihrer willkürlichen Auswahl: „Bist du cool oder nicht?“ Das beschäftigt die Leute weltweit. Wäre es nur eine Hinterhofhalle, wäre es vielleicht nicht so ein Thema.

Wobei im Berghain zum Glück das Aussehen (man könnte auch sagen die Klassen-/Tribezugehörigkeit) hinter der Tür keine Rolle mehr spielt.

Marcus Worgull: Aber eben davor, also vor der Tür. „Gehöre ich dazu? Bin ich ‚cool genug‘?“ Das ist ja auch eine Form von sozialer Schließung, die eben – anders als in VIP-Table-Clubs vor allem über Geld – eher über einen doch irgendwie recht willkürlich gewählten kulturellen Standard ausgemacht wird und dann eben doch an Äußerlichkeiten wie Habitus und auch Aussehen festgemacht wird. Es ist ein Spiel mit der Würde, die in diesem Fall über eine Art kulturellen Geschmack definiert wird. Niemand mag es – egal wo und in welchem Kontext – abgelehnt zu werden. Umgekehrt funktioniert dann fast im gleichen Maße das „Aufgenommen werden“ in einen sozialen Kreis von „Auserwählten“ positiv.

Generell ist es aber doch absurderweise eh so: Die Menschen haben die Sehnsucht, nicht aufzufallen, aber dabei trotzdem aufzufallen.

Marcus Worgull: Da nähern wir uns den vom Soziologen Andreas Reckwitz beschriebenen Singularisierungsprozessen, um die es in meiner Arbeit geht. Er beginnt seine Theorie mit einem Vergleich der industriellen Moderne mit der Spätmoderne, die auch kultureller oder kognitiver Kapitalismus genannt wird. Während eine Generation in den 50er bis 70er Jahren noch stark nach Konformität suchte, hat sich das heute umgedreht. Das Besondere wird honoriert. Wer nicht „besonders“ ist, fällt hinten rüber. Man sucht ständig nach dem Einzigartigen, dem Besonderen. Elektronische Musik ist heute ein Alltagsphänomen. Und da gibt es klare Unterschiede, die durch die Hervorhebung von Alleinstellungsmerkmalen, Sichtbarkeit und Präsenz beeinflusst werden und an die zugleich Erwartungen geknüpft sind.

Ein Festival wie das Dekmantel kostet heute einen dreistelligen Betrag im mittleren Segment. Dann kommen noch Reisekosten und teure Getränke hinzu. Als ich Anfang der 2000er nach Köln zog, kostete der Eintritt im Studio 6 Mark und ein Drink 6,50 Mark. Die Preise sind deutlich stärker gestiegen als die normale Inflation.

Marcus Worgull: Man muss außerdem schauen, wer profitiert. Es sind meist nicht die Leute, die dort die normale Arbeit machen. Auf Festivals zu arbeiten, wird oft als „Ehre“ oder Praktikum verkauft. Wer darauf angewiesen ist, in der Zeit echtes Geld zu verdienen, bleibt ausgeschlossen.
Es ist die übliche Einkommenspyramide: Wenige verdienen sehr viel, die breite Masse wenig.

Lass uns aber mal konkret über deine Hausarbeit sprechen: „Inwiefern lässt sich die Entwicklung der DJ-Kultur seit Beginn des 21. Jahrhunderts als Ausdruck einer ‚Gesellschaft der Singularitäten‘ im Sinne von Reckwitz verstehen?“ Wie lässt sich deine Hausarbeit in Kürze zusammenfassen?

Marcus Worgull: Andreas Reckwitz verfolgt die Praxistheorie: Was passiert genau in dem, was Menschen tun? Nicht nur als allgemeine Beschreibung, sondern in den alltäglichen, wenn man so will, habitualisierten Abläufen. Er hat festgestellt, dass wir uns seit Beginn der Spätmoderne, also ungefähr seit 1980, nicht mehr nur als Individuen individualisieren, sondern dass dies auch für Objekte, Orte und Ereignisse gilt. Das nennt er Singularisierung. Wir laden Dinge kulturell auf. Ein „fancy“ Restaurant könnte schlechtes Essen haben, wäre aber trotzdem „besonders“, weil wir uns Geschichten dazu erzählen.
Reckwitz hat auch das Buch „Die Erfindung der Kreativität“ geschrieben. Heute will jeder „kreativ“ sein – vom Büro über die Zahnarztpraxis bis zur Kita. Wir messen dem künstlerischen Anspruch an die Lebensgestaltung einen viel höheren Wert bei als früher. Ich habe in meiner Arbeit versucht, das auf die Entwicklung des DJing anzuwenden: vom Typen in der Ecke, der Musik abspielt, hin zu einer Person, die viel größer ist als das, was sie dort eigentlich tut.

Genau: Ein interessanter Aspekt ist das „Auffallen-Wollen“ der Künstler:innen, das heute die Szene prägt. Früher legten DJs wie angesprochen oft im Dunkeln auf, heute muss man performen, mittanzen – und sich parallel zudem ständig in den sozialen Medien inszenieren. Das Rollenverständnis hat sich komplett gewandelt.

Marcus Worgull: Ich komme noch damit durch, da zu stehen wie ein verkrampfter Heini und mich kaum zu bewegen, nennen wir es fairerweise „konzentriert“ (lacht), weil es auch so ist. Wenn man heute jung anfängt, stelle ich mir das schwieriger vor. Es wird erwartet, die Breaks und Highlights mitzuperformen, um zu zeigen, dass man die Musik verstanden hat. Ich wurde auch schon oft darauf angesprochen. Sogar Booking-Agenturen haben schon von mir verlangt, das zu ändern.
Ich beschwere mich nicht, ich beobachte es nur: Was passiert strukturell mit meinem Milieu? Im wissenschaftlichen Kontext an der Uni ist es irgendwie ähnlich. Man muss ständig produzieren, um relevant zu bleiben. Als Wissenschaftler musst du permanent in Fachjournals veröffentlichen, auch wenn es kaum jemand liest, weil es nur eine kleine Zielgruppe anspricht, die wiederum selbst damit beschäftigt ist, zu veröffentlichen. Zumindest ist das mein Eindruck. Wie bei den Musik-Promos ist alles institutionalisiert. Man misst den Wert an Zugriffszahlen und Zitaten – eine skalierte Aufladung von Werten.

Was bewirken weltweite Rankings und soziale Medien in diesem System?

Marcus Worgull: In der Theorie von Reckwitz sind das Valorisierungsprozesse. Wenn wir das aufs DJing übertragen, haben wir Skalierungseffekte. Man misst Erfolg beispielsweise in Instagram-Zahlen. Ein toller Mix auf SoundCloud reicht durch guten Inhalt nicht mehr unbedingt; Algorithmen beeinflussen, was relevant ist. Früher gab es die Resident-Advisor-Charts, die dann abgeschafft wurden – vielleicht, weil man merkte, was für ein „Biest“ man da erschaffen hatte. Aber auf anderen Plattformen geht das weiter. Erfolg wird messbar gemacht, und wir steuern unser Verhalten danach.
Von diesem Verhalten profitieren vor allem die Plattformen als solche. Wir arbeiten ja immer für all die Metas und Googles mit. Und das eigentlich Bemerkenswerte daran ist – auf diese Social-Media-Arbeit hat ja eigentlich überhaupt keiner Lust.
Diese Möglichkeit der kulturellen Aufladung sorgt einerseits dafür, dass sich Inhalte verschieben und andererseits dafür, dass nur wenige übrig bleiben. Reckwitz nennt das „Winner-takes-all“-Märkte.
Die Theorie macht dieses Verhalten durch Begriffe sichtbar. Die Menschen, die trotzdem gegen diese Regeln handeln und eine kleine Alternativparty organisieren, stellen in Zusammenhang mit dieser Theorie eher die Ausnahmen dar. Die Theorie beschreibt gesamtgesellschaftliche Phänomene. Der Idealismus Einzelner bleibt davon unberührt.

Wie hilft die Theorie beim Blick auf den Widerspruch zwischen Nachhaltigkeitsanspruch und internationalem Touring?

Marcus Worgull: In der Singularisierungstheorie von Reckwitz wird das, soweit ich weiß, nicht zentral thematisiert. Er hat aber vor kurzer Zeit ein Buch über „Verlust“ geschrieben. Darin geht es um Verlust als gesellschaftliches Phänomen, und er versucht einzufangen, was mit einer Gesellschaft passiert, die vor allem unter der Logik des Fortschritts funktioniert und mit dieser Logik nun spürbar an ihre Grenzen stößt – du merkst, ich bin Fanboy (lacht).
All diese Theorien sind ja immer eher eine Brille, um die Realität in einer anderen oder vielleicht auch neuen Perspektive einzuordnen. Das von dir angesprochene Phänomen des Widerspruchs im Umgang mit Nachhaltigkeit auf der einen Seite und internationalen Reisen, um sich zu zeigen oder Besonderes zu erleben und dieses dann zu zeigen auf der anderen Seite, ist im Umgang letztendlich eine Form von Ratlosigkeit und Ignoranz, die es zu diesem Thema überall gibt.
Ich bin letzte Woche für ein Zwei-Stunden-Set nach Kanada geflogen. 20 Stunden Reisen für zwei Stunden Musik. Und das war vor Corona für mich ja die Regel. Wirklich nachhaltig ist das nicht. Aber es muss einerseits vielleicht manchmal eben ein internationaler Name auf dem Plakat stehen. Andererseits freut es mich natürlich, wenn ich dort auftreten darf.

Was sagt der Aufstieg visueller Megashows über die Erwartungen an Künstler:innen aus?

Marcus Worgull: Dieses Phänomen findet im gesamten Pop ja schon immer statt. Die Leute erwarten die Show. Diese Veränderung ist in der elektronischen Musik aber schon eher ein Paradigmenwechsel und ging nun recht rasant vonstatten, denke ich. Andererseits kehren ja auch viele Orte zu einer No-Phone-Policy zurück beziehungsweise führen sie ein. Diese Orte werden aber – im Vergleich zu einer Show von Anyma – nicht unbedingt wachsen, um noch mal die besagten Winner-takes-all-Märkte anzusprechen.

Was wünscht du dir, was die Leser:innen aus deiner Arbeit mitnehmen?

Marcus Worgull: Ein Bewusstsein dafür, dass die kulturelle Aufladung von Ereignissen, Dingen und Orten einen realen, messbaren Wert darstellt, der sich über Begriffe wie „Kultur“ und „Kreativität“ definiert. Wir haben uns ein System aufgebaut, in dem diese Begriffe als eine Art Standard funktionieren, der nicht unbedingt mit Inhalt gefüllt sein muss. Dies wird in der DJ-Welt vielleicht besonders deutlich. Wenn wir verstehen, dass das unser Handeln bestimmt, ist viel gewonnen.

Danke für das offene und spannende Gespräch, Marcus.

Marcus Worgull: Ich habe zu danken, Thomas!

 

Link zu: „Inwiefern lässt sich die Entwicklung der DJ-Kultur seit Beginn des 21. Jahrhunderts als Ausdruck einer ‚Gesellschaft der Singularitäten‘ im Sinne von Reckwitz verstehen?“

 

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