Kersty Grether & Sandra Grether: "Patti Smith. 100 Seiten Biografie der Punk-Ikone"

„Das Publikum war euphorisch. Alle fühlten, dass das neue Ding jetzt passiert.“

Märchenwesen auf der Bühne des Pop-Kultur Festivals in Berlin: Kersty Grether & Sandra Grether

100 Seiten über Patti Smith? Kaum eine musikjournalistische Offerte könnte mich, ehrlich gesagt, weniger interessieren. Das gilt allerdings nur so lange, bis sich die Namen der Autorinnen Kersty Grether und Sandra Grether aus dem Tanz der Triggerwörter auf dem Cover der neuesten Veröffentlichung in der „100 Seiten“-Reihe des Reclam Verlags in meine Wahrnehmung schieben.

Denn wo Grether draufsteht, ist dringliche Autorinnenleidenschaft bis zur völligen Erschöpfung drin – da spielt die eigentliche Protagonistin bisweilen fast schon eine Nebenrolle.

Zumal es in diesem Buch natürlich auch um die vielen Zeitgenossinnen, Orte der New Yorker Subkultur der 70er-Jahre und all die Nebenwege geht, die mir selbst sehr viel bedeuten. Und überhaupt: Bin ich natürlich auch nicht der heilige Gral der Popkritik. Dafür aber ein Redakteur, der sich den beiden Autorinnen und den vielen Kaput-Leser:innen verpflichtet fühlt, deren Herz beim Namen Patti Smith wild hüpft. Also wurde einmal mehr alles in Bewegung gesetzt, um einen Vorabdruck eines Buchs der Grethers einzutüten.

Unser Dank gilt dem Reclam Verlag, der uns freie Kapitelwahl aus „Patti Smith. 100 Seiten – Biografie der Punk-Ikone“ gewährt hat. Entschieden haben wir uns für folgendes Kapitel: 

 

 

Grenzgänger:innen zwischen Poesie, Musikjournalismus und Musik

In den 70er Jahren verschwammen die Grenzen zwischen Musikjournalismus und aktiver Musikszene. Während Lester Bangs aus Detroit (vom Magazin Creem) einen radikal subjek-tiven, oft aggressiven »Gonzo-Stil« kreierte und damit den kritischen Rahmen für die aufkommende Subkultur schuf, agierten Patti Smith, Tom Verlaine und Richard Hell als Grenzgän-ger:innen zwischen Poesie, Journalismus und Musik.

Smith veröffentlichte Rezensionen für Creem und Rolling Stone. Ihre journalistische Arbeit und ihre Lyriklesungen im Umfeld des Musikclubs CBGB halfen dabei, die intellektuelle und literarische Basis für den New Yorker Punk zu schaffen.

Hell und Verlaine schrieben unter dem Pseudonym »Teresa Stern«. Lester Bangs würde später mit Hilfe des Patti-Smith-Schlagzeugers Jay Dee Daugherty Lester Bangs and the Delinquents, seine eigene melodisch-melancholische Rockband, gründen und Richard Hell bald die Zeitschrift People ins Leben rufen.

1974 schrieb Hell ein prophetisches Essay für Hit Parader, in dem er feierte, dass »Bowie, Ferry, Smith und Springsteen, die Rock-’n’-Roll-Stars der Stunde« ihr eigenes Image sorgfältig selbst entworfen haben. In Victor Bockris legendärer unautorisierter Biographie erfahren wir auch, dass er die damals als Musikerin noch unbekannte Smith schon mal frech in den Kanon aufnahm:

Sie haben sich alle wahrscheinlich in erster Linie als Stars aufgefasst, dann erst als Musiker, Sänger oder Texter, und erkannt, dass es ihr größtes Talent ist, die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen. Ich denke, das ist phantas- tisch […]. Der Rock-’n’-Roll-Beruf ist mittlerweile so reizvoll – er ist ein Ventil für Leidenschaften und Ideen, die für jede andere Form zu radikal sind.

Und Patti Smith schrieb in der Zeitschrift Rock Scene über Tom Verlaine von Television: »Wie er daherkommt, wie ein verdreckter Farmer und ein Prinz. Ein gelangweilter Junge mit der verwirrten Grazie eines Kindes im Paradies. Ein Typ, der es wert ist, dass du deine Jungfräulichkeit an ihn verlierst.« Richard Hell, seines Zeichens Rhythmusgitarrist von Television, sagt: »Alle wussten, dass Patti total verschossen war in Tom, aber ich denke, Tom war ambivalent. Er wollte von niemandem geschluckt werden. Das war aber ohnehin nicht Pattis Style. Sie redeten immer über ihre Karrieren und über Haltungen.« Obwohl Patti und Tom ein Paar wurden – Patti machte aus ihrer Dreierbeziehung mit Allen Lanier (Blue Öyster Cult) und eben Tom Verlaine keinen Hehl – schrieb sie trotzdem über Television. Sie platzierte noch einen zweiten Artikel über ihren Freund in der Oktoberausgabe von Rock Scene. Unter dem Titel »Lernen, nackt dazustehen« – ein Bezug auf eine Zeile in Bob Dylans »It’s alright, Ma (I’m only bleeding)«.

Anarchie & Liebe

Es ist die Rock-’n’-Roll-Regel, dass irgendwo irgendeiner nackt dastehen muss. In den Sechzigern hatten wir die Sto- nes, die Yardbirds, Love und Velvet Underground. Sie versteckten sich nicht hinter einem Image. Sie Waren das Image. Und wieder hat eine neue Gruppe einen Angriff gestartet. Von Grund auf, mit vollständig gereckten Hälsen. Eine Gruppe, die Television heißt und sich weigert, ein latentes Image zu sein […]. Das Bild, das sie rüberbringen, ist schockierend ehrlich […] und der Sänger Tom Verlaine (mit den Initialen T. V.) hat den schönsten Hals im Rock ’n’ Roll. Er spielt Lead-Gitarre mit einer kantigen, invertierten Leidenschaft wie tausend kreischende Bluebirds. Wie hoher Sopran, versteht ihr. Und wie Todd Rundgren ist er mit langen, geäderten Händen gesegnet, die an den großen Würger-Poeten Jack the Ripper erinnern.

Der Zusammenschluss mit Television festigte schließlich Patti Smiths Number-one-Status in der New Yorker Szene. Höhepunkt dieses Sommers war ein mehrtägiges Engagement im Max’s Kansas City. Das Publikum war euphorisch. Alle fühlten, dass das neue Ding jetzt passiert. Nicht lange nachdem Patti und Robert hier für ein paar Cents stundenlang an einem Kaffee genippt hatten.

 

 

Kersty Grether & Sandra Grether

„Patti Smith. 100 Seiten – Biografie der Punk-Ikone“

(Reclam Verlag)

 

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