Kristin Hersh „Sugar On Blackstone” (Fire/Cargo)

Kristin Hersh
„Sugar On Blackstone”
(Fire/Cargo)
Was waren wir einst indiestarverliebt zwischen Noise, Grunge, Garage, Swamp Blues, Shoegaze und Jangle: Sylvia, Polly, Elizabeth, zweimal Kim, Hope, Anita, Lydia und eben auch Tanya Donelly und ihre Stiefschwester Kristin Hersh von den Throwing Muses, einer Art private Blaupause für die Pixies. Dann entglitten mir Donelly und Hersh über die Jahre, kamen (und gingen) andere Lieben. Bis ich vor ein paar Jahren im Programmkino meines Vertrauens in der sagenhaften Doku „Rock Chicks“ (2023) saß und sich Kristin Hersh in ihrer superkraftvollen Zartheit und Gebrochenheit (nicht nur) bei mir wieder einschrieb.

Kristin Hersh (Photo courtesy of Fire/Cargo)
Kein Wunder also, dass ich neugierig auf ihr nunmehr erschienenes „Sugar on Blackstone“ wurde. Und das hat sich gelohnt, die Songs hauen mich ziemlich weg und lullen mich ein. Unterstützt von alten Band-Companeros wie Rob Ahlers (50 Foot Wave) und Pete Harvey (Throwing Muses) reißt einen Kristin Hersh in einen Gefühlsstrudel. Gleich zu Beginn kracht es auf „Dark Eyed Junco“, bevor es auf „Pink Nightgowns“ ambienter und verhuschter auf „Ticking“ wird. Hersh singt, flüstert, schreit, klingt zögerlich, verzweifelt, beobachtend und dann voller Power nach vorne fast-schreiend. Ihre Stimme packt einen immer noch und wieder. Da ist sie wieder, diese glamouröse, nur scheinbare Schwäche und das daraus resultierende melancholische Feuerwerk. Hersh selbst beschreibt die neuen Songs als zwischen kalifornischen Waldbränden, Stachelrochen und Highways im heimlichen Providence auf der anderen Seite der USA entstandene Stücke. Verlorene Wege, verlassende Seelen, verstorbene Freunde, rastloser Geister, Hersh versammelt sie alle in ihrer Musik und ihren Lyrics. Die Blackstone-Strecke scheint voller Kuren und Umwege. Hersh lässt all das aufleben, voller Hoffnung und Traurigkeit zugleich. Mit Violine, geräuschvollen Klangflächen und ach Feedback und Gerumpel.
Spätestens bei „101 Run“ sind sie alle zurück, die Erinnerungen, doch zeitgleich in die Zukunft gerichtet. Als Basis, als Quelle. Nicht gestrig, sondern morgig. Auf der Suche nach vielen Heimaten, um festzustellen, dass wir diese ja doch bereits haben, flatteriges Mottendasein hin oder her („Moths“).
Ich bin sehr tief berührt, ohne nun immer genau zu wissen, woher Hersh kommt und wohin sie will. Im Grunde ruht sie unruhig und souverän in sich selbst. Wie viele von uns zwischen tiefer Sorge und großer Liebe. Hersh erwähnt die „Hope Street“, last uns ihr behutsam folgen. Blitzverliebt ist ja schön und gut, aber wirklich essentiell ist dann doch langzeitliebend. Letzteres kann ja aus ersterem folgen.








