objekt klein a in Dresden: „Es ist nicht mehr alles so Punk“
Das objekt klein a (OKA) ist Dresdens erste Adresse für linke Clubkultur. Der Club ist hochpolitisch – und gleichzeitig ein Raum für Rausch und Realitätsflucht. Doch die Krisen in der „echten Welt“ machen auch an der Tür vom OKA nicht halt. Kaput-Autorin Vicky Hytrek war vor Ort und hat mit Amina Adamu und Josie Went darüber gesprochen, warum es nach schwierigen Jahren nun langsam wieder bergauf geht. Fotos: Vicky Hytrek

Amina Adamu & Josie Went (Photo: Vicky Hytrek)
Auf einem Trampelpfad betreten wir das Clubgelände. „Es ist ein Wunder, dass sich hier noch niemand den Fuß verstaucht hat“, sagt Amina Adamu und zeigt auf die großen Wurzeln, die aus dem Boden ragen. Amina, bekannt als DJ unter dem Namen goldie, ist eine der Residents im OKA und hat schon viele Parties mitorganisiert.
Am Gemäuer nagt der Zahn der Zeit, aber das macht nichts. Bunte Fenster kaschieren auf verspielte Art, dass die Halle nie kernsaniert wurde. An den Türen und Wänden schmieren alte und neue Graffiti. Hier, zwischen Holzpaletten und Aschenbechern aus Konservendosen, komme ich langsam an, in der selbstorganisierten Utopie.
Seit 2017 gibt es den kollektiv geführten Technoclub in Dresden. Das objekt klein a hat sich in diesen neun Jahren über seine Stadtgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Er gilt als erste Adresse für alternative, linke Clubkultur in Dresden und steht musikalisch auf Augenhöhe mit Clubs in London, Brüssel oder Berlin. Letztes Jahr wurde er mit dem APPLAUS-Award 2025 ausgezeichnet und gewann den Hauptpreis in der Kategorie „Beste Livemusikspielstätten“.
Der Preis wird seit 2013 von der Initiative Musik vergeben. Der bundesweite Kulturpreis ehrt besondere Verdienste von kleineren und mittleren Musikclubs. Mit den Preisgeldern von bis zu 40.000 Euro sollen „Investitionen in die Zukunft“ getätigt werden. „Die Auszeichnung hat uns sehr stolz gemacht“, sagt Josie Went. Sie kümmert sich um die Geschäftsführung und ums Booking im OKA. „Wir haben so viel Anerkennung bekommen – nicht nur in Dresden, sondern auch in Sachsen und darüber hinaus. Es ist schön, dass unsere Arbeit gesehen wird.“
Die Arbeit, das ist zum einen der reguläre Clubbetrieb mit 15 Veranstaltungen im Monat. Darüber hinaus gibt es politische Events, Filmvorführungen, Lesungen und vieles mehr. „Wir wurden ausgezeichnet, weil wir uns als Kollektiv treu bleiben und trotzdem offen gegenüber Neuem sind“, sagt Josie. „Wir arbeiten gut mit der Stadt und mit den Menschen zusammen, die hier wohnen. Wir achten sehr auf ein diverses Line-up und auf Barrierefreiheit. Wir finden, dass alles politisch ist, auch Clubkultur.“

„Das OKA ist ein Anker für ganz viele Leute in Dresden. Wenn du so einen Ort suchst, dann kommst du zu uns.“ (Amina Adamu)
Bevor die Party losgeht, laufe ich mit Amina über das leere Gelände. Sie kam vor acht Jahren ins Team und hat an der Bar angefangen. Mit der Zeit kamen immer mehr Aufgaben dazu. Damals ging es ihr einzig allein darum, „Teil von diesem Club“ sein zu wollen. Hier gibt es keine Designer-Möbel und keine Investoren. Das OKA ist einer dieser linken DIY-Orte, die vom Ehrenamt und von dem Engagement der Leute leben, die an ihn glauben.
„In Dresden gibt es nicht viele linke Räume im Vergleich zu anderen Großstädten“, sagt Amina. „Das mag auch daran liegen, dass wir hier in Ostdeutschland und in Sachsen sind.“
Damals wie heute bietet das OKA einen Raum für junge Menschen, die sich politisch orientieren wollen. Mittlerweile findet ein Generationenwechsel statt: Seit etwa drei Jahren engagieren sich vermehrt 18- und 19-Jährige im Kollektiv. „Das gab es früher so nicht“, sagt Amina.
Was hat sich noch seit der Eröffnung 2017 verändert? „Der Club hat eine krasse Professionalisierung durchgemacht“, sagt Josie. „Wir haben wahnsinnig viel mehr Veranstaltungen. Früher waren wir drei Personen in Anstellung, heute sind wir 65.“

„Früher hing die Nase etwas höher, welcher Sound reingelassen wird.“ (Josie Went)
Am Anfang gab es nur zwei Partys im Monat, auf beiden Floors lief Techno und House. Heute bedienen 15 monatliche Partys jegliche Genres von Gabba bis Trance. Das sei aber eher eine Zwangsmaßnahme, gesteht Amina. Man müsse die junge Generation erreichen und den Laden vollkriegen. „Das ist nichts, was jemals geplant war.“
Die Pandemie hat auch im OKA ihre Spuren hinterlassen: Eine gewisse Existenzangst gehört mittlerweile zum Alltag. Daher ist der Club heute mehr denn je darauf angewiesen, mit lokalen Kollektiven zusammenzuarbeiten. Das sei teilweise schwierig, erklärt Amina: „Wir sind im Kern verschiedene Communities. Nicht nur musikalisch, sondern auch von der Art und Weise, wie man ausgeht und was man von so einer Nacht erwartet. Aber irgendwann mussten wir einsehen, dass wir uns anpassen müssen. Sonst verlieren wir da eine Generation, die halt mit einer ganz anderen Musik groß wird als wir.“

Amina Adamu
„Wir kämpfen mit dem Vorurteil, dass wir ein exklusiver Club sind. Aber wenn man sich drauf einlässt, merkt man, dass das gar nicht so ist.“ (Amina Adamu)
Es sind noch zwei Stunden bis zur Party. Amina und Josie zeigen mir den Außenbereich. Der Bereich wurde damals vom Palais Palett-Kollektiv gebaut und ist wirklich ein Traum aus Paletten. In der Mitte wachsen junge Birken in Hochbeeten, ein paar Sonnensegel spenden Schatten und verleihen dem Ort ein gewisses Festival-Flair. Seit ein paar Jahren gehört sogar ein ausrangierter Wagon der Dresdener Straßenbahn zum Inventar, für die „kollektive Entgleisung“.
„Das Preisgeld vom APPLAUS hat uns ermöglicht, dass wir im Frühjahr das Außengelände renovieren konnten“, sagt Josie und zeigt unter anderem auf eine große Bar aus massivem Holz. „Leider waren die 25.000 Euro schnell aufgebraucht.“ „Wir hätten auch gerne neue Technik gekauft, die wir dringend brauchen“, ergänzt Amina. „Aber wir mussten erstmal Löcher stopfen.“
Teilweise wurden von dem Geld auch Löhne gezahlt. Das sei doch auch eine Investition in die Zukunft, sagt Josie. Denn oft genug werden Zeit und Arbeit nicht vergütet. Gerade zwischen den Veranstaltungen, außerhalb des laufenden Betriebs. „Hier fließt viel kreative Energie. Und das muss auch irgendwann mal entlohnt werden. Auch wenn es nur ein bisschen ist. Das hält die Motivation und man muss sich nicht noch einen Nebenjob suchen.“
Diese Entwicklung hat das objekt klein a auch einem stabilen Netzwerk zu verdanken. Das OKA pflegt nicht nur gute Kontakte zur Stadt, sondern auch zu lokalen Institutionen zur Stärkung von Clubkultur. Partner:innen sind unter anderem das Clubnetz Dresden, die Live Initiative Sachsen (LiSA), das Live Kombinat Leipzig und die Club Commission Berlin. „Es ist heute viel schwieriger geworden, einen Laden zu betreiben als noch vor zehn Jahren,“ sagt Josie. „Da fehlt auch oft Verständnis, auf vielen Ebenen. Es ist eben nicht mehr alles so Punk und Rock ’n’ Roll wie es sich damals angefühlt hat.“
Finanziell waren die Jahre nach Corona eine Gratwanderung. Doch es geht wieder bergauf: Seit letztem Winter hat sich die Lage etwas stabilisiert. „Es hat sich eingependelt und hält sich auch“, sagt Amina.
Ob die positive Entwicklung mit dem Applaus zusammenhängt? Vielleicht. Jedenfalls hat die Auszeichnung das OKA für ein paar Monate deutschlandweit ins Rampenlicht gerückt. Besonders die Preisverleihung im letzten November hat dem Club eine Bühne geboten, weit über Dresden hinaus. „Es gab sogar einen Artikel in der Wochenzeitung DIE ZEIT“, sagt Josie. „Der kam auch bei uns im Team sehr gut an.“

„Es gibt einfach nicht so viele Orte, die auch so eine gerade politische Linie fahren. Und die fahren wir halt hier im OKA einfach.“ (Amina Adamu)
Politische Musikclubs wie das OKA bieten vor allem jungen Menschen eine Möglichkeit, sich gegen Rechtsextremismus zu organisieren. In Dresden, wo die AfD stärkste Kraft und die Neonazi-Szene offen rechtsextrem ist, stellen sich linke Organisationen gegen Hass und Hetze und fördern Vielfalt, Toleranz und Offenheit. „Bei uns kommt ja erstmal jede Person rein – außer sie ist zu drüber oder trägt rechtsextreme Symboliken“, sagt Amina. „Eine Chance kriegst du immer, und das ist auch total wichtig, egal ob du jetzt ein Partyatze, ein Mephie, ein Tekkie oder sowas bist.“
Es geht nicht darum, dass alle immer dieselbe Meinung haben müssen. Sondern um den Diskurs. Das OKA ist auch ein Raum, um Diskussionen zu führen und über politische Themen zu reden. Aber genauso ist dieser Club ein Raum, wo man die Sorgen des Alltags auch mal vergessen darf: „Ich als Schwarze Frau in Sachsen muss mich oft mit irgendwelchen politischen Themen auseinandersetzen“, sagt Amina. „Und dann darf das bitte hier auch der Ort sein, wo ich das nicht muss. Das ist auch politisch. Ich will auch einfach mal Spaß haben und befreit davon sein, wenn ich durch diese Tür trete.“

Am Vorabend unseres Gesprächs hat sich das beliebte Trance-Kollektiv Sachsentrance für sein Sommerfest eingemietet und den Laden vollgemacht. Trotz Regen. Solche Abende spülen zwar Geld in die Kassen, aber sie spiegeln nicht das Wesen des objekt klein a wider. Das Programm vom heutigen Abend trägt dagegen schon eher die Handschrift des Clubs: Die Partyreihe „creatures of the night“ wird von den Zombies in Miami gehostet. Gemeinsam mit der Resident-DJ PAU PAU, DIANA und Nizar Sarakbi (Naket Groove Records) gestalten die Mexikaner:innen based in Berlin einen musikalisch diversen Abend und bedienen sich dabei der vielen Spielarten des House und Techno. Auf dem Dancefloor entsteht eine intime Atmosphäre, wie bei einer großen WG-Party. Der Abend bietet Raum für zufällige Begegnungen und neue Bekanntschaften, also jene Momente, die eine Clubnacht so magisch machen.

Der APPLAUS-Award macht die Vielfalt der Club- und Livemusikkultur sichtbar und würdigt die Menschen, die sie mit ihrer Arbeit und ihrem Engagement prägen. Ausgezeichnet werden herausragende Livemusikspielstätten und Konzertreihen in sechs Kategorien mit bis zu 40.000 Euro Preisgeld. Fachjurys berücksichtigen bei der Bewertung auch zentrale Aspekte einer zukunftsfähigen Club- und Veranstaltungskultur, wie Engagement in den Bereichen Awareness, Inklusion und Nachhaltigkeit.
Mit einem Gesamtpreisgeld von rund 1,5 Millionen Euro zählt der APPLAUS-Award zu den höchstdotierten Bundeskulturpreisen. Der APPLAUS-Award wird aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) finanziert und seit 2013 von der Initiative Musik, der zentralen Fördereinrichtung des Bundes für die Popularmusik- und Jazzszene, umgesetzt. Die 13. Verleihung findet am 24. November 2026 im Waschhaus Potsdam (Brandenburg) statt; der Austragungsort wechselt jährlich.
KAPUT – Magazin für Insolvenz & Pop freut sich, den APPLAUS 2026 als Medienpartner der Initiative Musik zu begleiten und damit die Orte, Menschen und Strukturen sichtbar zu machen, die die Livemusikkultur in Deutschland prägen.
APPLAUS 2026
24. November 2026
Waschhaus Potsdam, Brandenburg
13. Verleihung des Bundeskulturpreises für Livemusikspielstätten und Konzertreihen
Moderation: Kathrin Wosch










