Record of the Week

Ex:Re „Save As”

Ex:Re
„Save As”
(4AD/Beggars Group/Indigo)

Ich erinnere mich. Der Blick aus dem Fenster im Intercity nach Hamburg. Ein Sonntag. Voller Sehnsüchte und Hoffnungen. Etwas naiv. Dazu auf den Ohren Daughter. „Youth“ vom 2013er-Album „If You Leave“. Der Film lief. Ein Sonnentagträumen. Für einen Tag. Jahre später flammten Daughter wieder auf. Ein Konzert in Dortmund. Die Macht der Musik bei Nacht. Sind wir nicht immer wieder auch wild und rastlos und unendlich romantisch? Lasst uns die Zeit nutzen, unter den Glücklichen zu sein. Elena Tonra hat sich tief in die Emotionen eingeschrieben.

Nun die Rückkehr ihres anderen Projekts, Ex:Re, während draußen der Herbst aufzieht, der Nebel schwindet, (vielleicht gar nicht so) ominöse Typen oder Typinnen mit ins Gesicht gezogenen Kapuzen am Hochparterre vorbeischleichen. „Radio Station“ erklingt, Opener, Single, anders, mehr an akustischen Grunge oder unplugged Alternative erinnernd. Elena Tonra hat mit Sicherheit von den Altvorderen ‚ihre‘ gute 20 Jahre erfahrenere, energetisch-brüchige Kristin Hersh  und von den Mittel- bzw. Gleichaltrigen ‚ihre‘ zehn Jahre vor ihr geborene, brüchig-energetische Liz Harris (https://kaput-mag.com/critics_de/helen-lindas-head-kranky- cargo/ ) gehört und gefühlt. Bei Tonra sind es auch vorbeiziehende Landschaften, aufploppende Erinnerungen, wechselnde Radiosender. In mehrfacher Hinsicht schwankende Stimm(ung)en. Hypnotisch. Produzent und Schlagzeuger Fabian Prynn und eine begleitende Band aus Jethro Fox an Gitarre, Ben Reed am Bass, Jospehine Stephenson am Cello und Hinako Omori an den Synthies verkleidet Tonras reduzierte Songs kongenial und lässt sie zu schillernden akustischen Kammer-Erzählungen werden.

Sie klingt so unglaublich weise und ist doch noch relativ jung. Was hat sie alles schon erlebt oder lässt sie ihre Charaktere in den Liedern durchlaufen? Rumpeliger als bei Daughter, gleichwohl wirklich indiehitartig tanzen wir durch „Am I Even Real?“, halten melancholisch zu „Sleep“ oder „Two Chords“ inne, wissen zunächst gar nicht genau, warum, wo und wie. Doch Lyrics weisen uns den Weg zum Grübeln, zum Fliehen, ohne uns selbst hinter uns lassen zu können. Berührungen. Dazu schreitet ein wenig bekannter älterer Nachbar vorbei, seinen Einkaufstrolley hinter sich herziehend, gen Supermarkt, nehme ich an. Die Haare immer weißer und weniger. Habe nie mit ihm gesprochen. Denke dabei an die Unglücklichen. An Mamas und vorher auch Papas Trolley. Wo der jetzt wohl herumrollt oder auch nicht? „Save As“ lullt mich ein, tröstet, obwohl dort und hier die Welt gar nicht in Ordnung ist. Doch dann kamen die Polarlichter und Rotkehlchen und brachten Gutes. Ex:Re vertonen diese ambivalenten Welten bis tief in dunkle Nächte. Perfekt. Tatsächlich. Sozusagen. Hört doch mal „Frozen Aisle“. Selten einen schöneren eingefrorenen Gang gespürt. Halten wir doch einfach die guten Momente an und fest. Mit Elena Tonra. Und lasst uns einfach auch mal wieder deren ‚Lucky Ones‘ aus „Youth“ sein. Und Liebe spüren. Denn die ist überall. So auch hier auf 34 Minuten, die wie eine lange Zugfahrt, ein ausgefülltes Leben oder eine eben große Liebe wirken.

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