Danielle De Picciotto & Friends in Conversation w/ Diáne Zillmer

Diáne Zillmer: „Was bedeutet es, wenn keine Perspektive in Sicht ist? Wie lebt ein Künstler, wenn ihm die Bühne, die Arbeit genommen wird?“

Diáne Zillmer


Ich habe Diáne Zillmer auf einem Musikfestival in Berlin vor einen paar Jahren kennen gelernt. Sie war in Begleitung von Daniel Miller und Gareth Jones. Beide Musik Legenden. Wir saßen am Tisch einer vollen Fähre, die uns von dem Festival auf das Festland brachte und Diane schwieg im Wirrwarr der vielen Stimmen. Sie beobachtete. Meine Nichte, die gerade nach Berlin gezogen ist, meinte neulich: „ Hier sprechen alle nur über sich selber“. Das stimmt und Diane war eine Ausnahme. Sie hatte keine Ambitionen laut über sich zu sprechen. Im Gegenteil, Ihr Beobachten war so intensiv, dass Ihre Augen und Schweigen die Geräuschkulisse übertönten.
Diane ist Fotografin. Sie beschäftigt sich hauptsächlich mit Portraits, denn sie interessiert sich für Menschen, ungewöhnliche Charaktere und deren Höhen und Tiefen. So sehr, dass sie neben der Fotografie in die Pädagogik und Sozialwissenschaft ging und 2019 mit Daniel Miller die „miller zillmer“ Kulturstiftung“ gründete. Darin fördern sie Projekte, die nachhaltig sind, die Bildung schaffen und gleichzeitig einen Mehrwert für die Allgemeinheit haben. Die faszinierende Mischung von intensiver Kreativität und sozialem Bewusstsein strahlt Diane unentwegt aus und ich freue mich sehr mit Ihr über Ihre Arbeit und Stiftung hier heute sprechen zu können.

Photo: Diáne Zillmer


Danielle de Picciotto: Könntest du mir kurz deinen persönlichen Werdegang schildern? Du bist einerseits erfolgreiche Fotografin, hast Dich andererseits immer sehr für soziale Projekte interessiert.

Diáne Zillmer: Kunst und Theater spielten von Kind an eine wichtige Rolle in meinem Leben. Damals eher als Flucht aus der Realität, heute als Ausdruck. Die Pädagogik und sozialen Projekten kamen später. Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen. Dort herrschte ein autoritäres Schul- und Erziehungssystem. In der Literatur und im Theater fand ich meinen Ausgleich. Kunst und Kultur waren für viele die Nischen, aller politischen Zensierung zum Trotz, eine Flucht aus dem Alltag. Gleichzeitig habe ich sehr früh sogenannte „gesellschaftliche Normen“ in Frage gestellt und versucht die sozialen Hintergründe zu verstehen. Nach der Wende bin ich sehr jung nach Hamburg gezogen. Mein Traum einer Schauspielausbildung blieb, aus finanziellen Gründen, damals ein Traum. Ich kam zum Rechtswesen und stand mit meinen jungen 16 Jahren im Rock und Schneider in einer Anwaltskanzlei in Hamburg. Die westliche Welt erschien mir noch abstrakter als die Ostdeutsche. Es waren lehrreiche Jahre. Mehr durch Zufall als geplant kam ich im Anschluss in die Pädagogik. Dort nahm ich an einer Weiterbildung teil, die mit Jugendlichen in Untersuchungshaft arbeitete. Über ein Jahr begleitete ich die Jugendlichen dort. Diese Zeit hat mich tief geprägt. Die Geschichten, die Gesichter.. Dort begann ich die Kamera in die Hand zu nehmen.
In den kommenden Jahren gab es für mich keine Trennung. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und die Kamera, die diese und auch meine Empfindungen dokumentiert. Ich wusste, dass das Portrait, die persönliche Auseinandersetzung mit Deinem Gegenüber, in der Fotografie mich am meisten interessierte. Ähnlich wie in der sozialen Arbeit. Dann ging ich für einige Jahre ins Ausland, es kamen die Aufträge, ich eröffnete eine Galerie und koordinierte gleichzeitig soziale Projekte. Irgendwie habe ich immer versucht beide Wege miteinander in Einklang zu bringen. Beides bedingt einander. Mein Interesse ist der Mensch und seine Hintergründe.

Wie kam es dazu, dass Du mit deinem Partner Daniel Miller die Miller-Zillmer Stiftung gegründet hast?

Daniel und ich kommen aus der auditiven und visuellen Welt. Wir hatten nicht nur über gemeinsame Projekte sondern oft auch darüber gesprochen, was mit unserem Equipment in der Perspektive einmal passiert, Film, Fotos, Synthesizer, Kameras… Es stellte sich heraus, dass wir innerhalb unseres Freundeskreises nicht die einzigen mit dieser Frage waren. Ich arbeitete damals gerade an meinem Master mit der These zur Notwendigkeit von audio- und visueller Bildung im digitalen Zeitalter. Wir leben in turbulenten Zeiten, gesellschaftlich wie politisch. Da war er vermutlich, der Grundstein der Stiftung. Unser Netzwerk ist weit gefächert und international. Wir wollten einen Teil dazu beitragen etwas positiv gesellschaftlich zu verändern.

Was ist das Ziel der Stiftung? Was möchte sie bewirken? Wen spricht sie an? Nach welchen Maßstäben sucht Ihr die Künstler aus? 

Ziel der Stiftung ist es Audio und visuelle Kunst in Form von Bildungsprojekten international zu vermitteln und ein zugängliches Archiv mit zeitgenössischen Instrumenten aufzubauen. Das elitäre in der Kunst aufzulösen und Zugang insbesondere auch für diejenigen zu ermöglichen, die nicht in der sogenannten Mitte der Gesellschaft stehen. Mit dem Aufbau des Archivs möchten wir auch nachfolgenden Generationen Zugang zu zeitgenössischen und insbesondere auch analogen Instrumenten ermöglichen. Die Technologie bewegt und verändert sich in einem kaum vergleichbaren Maße. Instrumente, ob in der Musik, Fotografie oder Film von heute, werden durch neue, schnellere von morgen ersetzt. Vielleicht auch ein kleiner Appell an die Langsamkeit. Mit unserer Arbeit sprechen wir alle an, die sich mit aktuellen sozialen Notwendigkeiten interdisziplinär auseinandersetzen, gesellschaftskritisch Themen Audio/visuell hinterfragen und eine größere Reichweite zulassen. Ich denke unsere aktuellen Projekte reflektieren den Weg sehr gut.

Treffen sich die unterschiedlichen Künstler*innen in Berlin oder London oder sind die Begegnungen eher virtuell?

Nach unserer Gründung brach nur einige Monate später die Pandemie aus. Wir waren quasi von Beginn an gezwungen, neue Formen der Zusammenarbeit zu finden. Diese basierten teils ausschließlich auf digitaler Ebene. Eine Herausforderung aber auch eine Chance. Die Künstler*innen leben in Italien, Großbritannien, Brasilien, Canada, Indien, Rumänien, um nur einige zu nennen. Die digitale/virtuelle Begegnung kann eine reale zwar nicht ersetzen, erlaubt aber die Arbeit über Ländergrenzen hinweg.

Photo: Diáne Zillmer

Eine Stiftung zu leiten bedeutet bestimmt viel Einsatz, bleibt auch Zeit für Deine eigene Kunst? Oder sind die unterschiedlichen Bereiche zu einem geworden?

Künstlerisches Schaffen ist immer eine persönliche Sicht auf die Welt, ein Ausdruck der vermutlich in alle Bereiche fließt mit denen man sich befasst. Die Stiftungsarbeit nimmt viel Raum ein und natürlich rücken eigene Projekte erst einmal in den Hintergrund. Alles braucht seine Zeit. Solange man weiß wofür man etwas tut und mit Herz dabei ist, hat alles seine Richtigkeit.

Wie erlebst Du die Situation von Musikern/Künstlern während der Pandemie? Denkst du, dass Künstler*innen während dieser Zeit genügend unterstützt werden?

Eine schwierige Zeit ausnahmslos für alle. Wie jedoch mit der Kunst- und Kulturbranche umgegangen wurde, ist ein trauriges Zeichen der Zeit.
Etablierte Künstler*innen hatten zwar eine gute Chance auf staatliche Unterstützungen, aber was bedeutet es, wenn keine Perspektive in Sicht ist? Wie lebt ein Künstler, wenn ihm die Bühne, die Arbeit genommen wird? Von den (noch) nicht etablierten Künstler*innen ganz zu schweigen, dort gab es weder Geld noch Bühne. Um Deine Frage zu beantworten, nein. Aber ich hoffe auf einen scharfen gesellschaftskritischen Blick aus der Kunst an den Missständen dieser Zeit.

Es ist in den Letzen Jahren viel Arbeit gegen Diskriminierung initiiert worden.  Altersdiskriminierung scheint die einzige zu sein über die sehr wenig gesprochen wird. Bei Ausschreibungen werden oft Altersgrenzen genannt. Wie steht ihr zu diesem Thema?

Wie Oskar Wilde damals sagte, die Tragödie des Alters ist nicht, dass man alt ist, sondern das man jung ist. Alter findet im Kopf statt. Im Alter merkt man, wie wenig man doch eigentlich weiß, je mehr Wissen man sich aneignet. Das Wissen was man hat im besten Fall mit Ruhe, Gelassenheit einsetzt. Während junge Menschen der Verantwortung, ja Bürde ausgesetzt sind, ihren Ideenreichtum mit der Weisheit eines „alten“ Menschen umzusetzen und in die sich markant und rasant bewegende Geschäftswelt einzubringen. Ich vermute, dass ist ein hoher Druck, der jede Kreativität zunichte macht. Wir leben noch immer die Normen einer Industrial- und Produktionsgesellschaft, obwohl sich diese in seinen Facetten bereits aufgelöst haben. Die Gesellschaft heute ist weitaus diverser. Wenn wir nicht in der Lage sind diese Normen aufzulösen, können wir nicht voneinander lernen. Es funktioniert so nicht. Für die Stiftung gibt es keine Altersgrenzen weder personell noch in Ausschreibungen. Die generationsübergreifende Arbeit hat grosses Potential.

Woran arbeitest du gerade?
An der Stille. Buch, Fotografie und Schrift.
Danach. Projekte, die aufgrund der Pandemie lange liegengeblieben sind wieder aufzunehmen.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Wer kann in diesen turbulenten Zeiten Pläne machen?
Langfristige Planungen erscheinen gerade wenig realistisch. Mein Wunsch ist, dass unsere Stiftung in den kommenden Jahren weiter wachsen wird, ihre Projekte und Netzwerk und ich meine kreative Arbeit fortsetzen kann.

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