25 aus 2000-2025

meisterhafte Popsongstrukturen: Junior Boys “So This Is Goodbye”

Montreal im Schnee, 2025 (Photo: Thomas Venker)

Junior Boys
“So This Is Goodbye”
(Domino)

Schon als die Promo-CD, die mir die Spex-Redaktion im Sommer 2006 zugeschickt hatte, das erste Mal bei mir lief, wusste ich, dass es sich hier um ein Album handelte, das eine Art von Magie für sich beanspruchen kann. Ich fand die Platte damals ausgesprochen „richtig“, weil sie zeitgemäß und auf unheimliche Weise vertraut klang.

Den Junior Boys gelingt es auf diesem, ihrem zweiten Album, den Klang von House in meisterhafte Popsongstrukturen zu überführen, die eine diffuse 80er-Anmutung auszeichnet – wie Hall & Oates ohne Posen und produziert von Larry Levan. Ein Sound, der subtil blubbernde Blasen zu produzieren scheint – konturiert, aber fragil und schwebend. Es gibt Bezüge zur Dub-Ästhetik, die sich in echoartigen Texturen offenbaren. Dabei kommt die Musik ohne Hall aus, ist stets komprimiert und verdichtet, allerdings mit weichen Rändern.

“So This Is Goodbye” bietet keinen Widerstand, passt sich in bester Ambientmanier seiner Umgebung an, ruft aber gleichzeitig Bilder verlassener Winterlandschaften hervor – „close the windows in my room, it gets so cold at night“ singt Jeremy Greenspan in „Like A Child“. Temperatur spielt wiederholt eine Rolle in den Lyrics; sie markiert die Grenze zwischen innen und außen. Dies ist eine potenzielle Einigelungsplatte, vielleicht weil man die Innentemperatur selbst bestimmen kann: „I keep it warm / at 34“ („Count Souvenirs“).


Unterschwellig geht es hier auch um die Gefühle, die einem unterkommen, wenn man heranwächst: die Euphorie, mit der man zum ersten Mal Ausprägungen von Popkultur begegnet („you’re like a pre-teen, chasing all the latest news“), die man immer wiederholen möchte – weshalb man anfängt, Schallplatten zu sammeln, stets das Gleiche in Varianten aneinanderreiht, serielle Leidenschaft kultiviert – „painful hobbies that linger on“, heißt es hier.

Indem die Texte Orte des Übergangs wie Shopping Malls und Hotels thematisieren, spiegeln sie den Schwellenzustand des Heranwachsens auf der Raumebene. Dieser Umstand verleiht dem Album eine flüchtige Ausrichtung, bei der immer schon zurückgeblickt wird, was sich augenfällig bereits im Albumtitel andeutet. Dennoch ist das Tempo hier keineswegs rauschhaft, sondern vielmehr zurückgenommen; die drei Up-Tempo-Stücke scheinen eher eine Alibifunktion hinsichtlich der Annahme zu erfüllen, dass elektronischer Musik der Nullerjahre auf natürliche Weise das Tanz-Diktum eingeschrieben sei.

“So This Is Goodbye” ist grundsätzlich entschleunigt, versucht in der Rückschau markante Momente aus der Erinnerung zu erhaschen – „back at home / we fix old radios“ – diese Zeile hat mich schon 2006 beim ersten Hören fasziniert und verwirrt. Aber vielleicht entspricht das Reparieren von Radios einem Moment des Beisichseins, der Ruhe schafft (und das Radio als Gegenstand ist auch ein Träger von Erinnerung, ein Souvenir eben). Tatsächlich mutet der Sound der Platte an, als würde er das dissonante Grundrauschen des Lebens und/oder kaputter Radios in eine Art Vakuum überführen – der Eindruck von Leere, den die Musik vermittelt, übersetzt sich als positiv konnotierte Aufgeräumtheit nach dem Chaos (vielleicht würde die Platte auch Marie Kondō gefallen?).

Dem Ansatz von oberflächlicher sweet harmony wohnt immer auch das tiefenstrukturelle Gegenteil inne. Die scheinbare Gegenläufigkeit von Distanz/Nähe und Kälte/Wärme löst sich auf in der fluiden Synthese, die elektronische Popmusik zu leisten imstande ist. „When No-One Cares“, ein Frank-Sinatra-Stück, klingt hier völlig unessentialistisch und anti-identitär – nicht nach dem alten Blauauge, sondern wie ein Song, den die Junior Boys geschrieben haben könnten.

Ich erinnere mich daran, dass ich Anfang 1987 in meinem Jugendzimmer am Schreibtisch sitze, um mich auf eine Geschichtsklausur vorzubereiten. Draußen schneit es, und die Bäume und Dächer sind voller Schnee. Dadurch ist alles gedämpft und still. In dieser Atmosphäre schaffe ich es, mich völlig mühelos auf den Augenblick zu fokussieren. So klingt dieses Album.

Montreal im Schnee, 2025 (Photo: Thomas Venker)

 

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop | Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput Supporter
Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop dankt seinen Supporter_innen!