
Eli- Preiss (Photo: Camille Blake)
Vom 25. bis zum 30. August gab es in ganz Europa vermutlich keinen anderen Ort, an dem mehr kulturelle Vielfalt herrschte als beim Pop-Kultur Festival in Berlin . Großartige Musikacts der unterschiedlichsten Art beeindruckten mit originellen Shows, dazu gab’s noch einmalige Commissioned Works und ein ultrasympathisches Publikum, das vor allem Bock hatte und neugierig war.
An den ersten beiden Tagen konnte ich leider nicht vor Ort sein, was ich ziemlich schade fand, weil ich vor allem gerne die Talks mit Maik Brüggemeyer (Rolling Stone) zum Thema musikalischer Leidenschaft und Bazazzian (Musikproduzent, unter anderen Haftbefehl) zum Einfangen magischer Musikmomente gesehen hätte. Ich kam dann am Mittwoch an und stellte fest, dass das Pop-Kultur Festival in diesem Jahr nicht nur in der Kulturbrauerei stattfand, sondern unter der Woche auf verschiedene Orte verteilt wurde. Mittwoch ging’s also zum silent green im Wedding. Vor allem draußen war der Vibe hier supertoll, Leute tanzten, grinsten, so soll’s sein. Wofür das Pop-Kultur Festival ja ebenfalls perfekt ist: Leute treffen. Und so kam es, dass ich auch in diesem Jahr wieder tolle Gespräche führen konnte.

ATNA (Photo: Paula Gierhardt)
Nach guten Gigs von Güner Künier und Anika war vor allem ÄTNA ein musikalisches Highlight des Tages. Das deutsche Duos (bestehend aus Sängerin/Multiinstrumentalistin Inéz Schaefer und Schlagzeuger Demian Kappenstein) ist wirklich großartig, elektronische Einflüsse werden mit Dancehall vermischt, immer mit einem avantgardistischen Ansatz. Besonders toll war, dass ÄTNA hier mit dem ensemble reflektor Orchester aufgetreten sind. Das war wirklich eine herausragende Mischung. Die wilden Lead-Drums und „Yeezus“-esquen Synths ergänzten sich ganz wundervoll mit den Streichern. Beide Parteien war völlig in sync. Dadurch haben die Tonartwechsel im ohnehin sehr guten Song „Try“ noch stärker gewirkt.

Charlotte Colace (Photo: Camille Blake)
Am Donnerstag fand das Pop-Kultur Festival wiederum im Festsaal Kreuzberg statt. Auch hier wieder: tolle Location. Der Label-Market, bei dem verschiedene Indie-Labels eigene Stände hatten und sich austauschten, gab dem Ganzen außerdem eine Networking-Ebene. Als musikalisches Highlight ist hier vor allem die Soulsängerin Charlotte Colace zu nennen. Diese Art von Retro-Soul geht immer, vermutlich auch für immer; ich würde einiges dafür opfern, in so einer Band spielen zu dürfen. Colace hatte ihre Gruppe komplett unter Kontrolle, zählte die Musiker*innen ein und führte das Ganze eindeutig an. Und dann diese Stimme… Darin schwingt einiges mit: Etta James, Aretha Franklin, Amy Winehouse. Zum Schluss coverte sie natürlich noch „Respect“, einen der besten Songs aller Zeiten.
Ein gelungenes DJ-Set von Staatsakt-Legende Maurice Summen und Jörg Heidemann rundete den Abend ab.

Maurice Summen & Jorg-Heidemann (Photo: Camille Blake)
Freitags ging’s dann in die Kulturbrauerei, wo das Festival auch die letzten Jahre stattfand und die als Location schlichtweg nicht zu toppen ist: Toll aufgebaut ist das Ganze, jede Venue hat ihren eignen Touch und einen guten Klang – was will man mehr? Ganz besonders toll fand ich an diesem Abend Die Heiterkeit. „Schwarze Magie“ heißt das aktuelle Albums des Musikprojekts von Stella Sommer, und im Live-Kontext waren die Songs auf dieser Platte sogar nochmal schöner. Natürlich fühlt man sich an Legenden wie Joni Mitchell erinnert, doch diesmal erinnerten mich die Melodien und Arrangements komischerweise an Simon & Garfunkel. Ganz tolles Songwriting und ganz tolle Frontfrau, die das alles zwar total ernst meint, dabei aber extrem sympathisch rüberkommt.
Im Laufe des Abends ging’s irgendwann rüber zu Eli Preiss, die als Performerin tatsächlich so talentiert ist, wie alle immer sagen. Das Publikum hüpfte, jubelte, feuerte die stilsichere Wienerin an. Ihre Songs sind in dem Moment perfekt gewesen, das konnte später auch Apsilon nicht mehr toppen.

Die Heiterkeit (Photo: Marie Lehmann)
Der letzte Tag war dann tatsächlich nochmal am gelungensten. Hier fand dann auch mein diesjähriger Favorit unter den Commissioned Works statt. Das von der PK-Kuratorin Pamela Owusu-Brenya initiierte „AFRO x POP Unplugged“-Projekt war ebenfalls großartig und stellt einen knappen Platz 2 dar, doch am allerbesten fand ich dieses Jahr Saeko Killy und ihr „Club Mirage“-Projekt. Die aus Japan stammende, in Berlin lebende Musikerin nahm uns gemeinsam mit ihrer fantastischen Band mit auf eine traumhafte Reise voller atmosphärischen Flächen und plötzlichen Überraschungen. Die elektronischen DJ-Elemente ergänzten sich so gekonnt mit Gitarre und Drums, dass man sich das gar nicht anders vorstellen könnte. Dazu gab’s wirklich toll gemachte Visuals, die das ganze noch hypnotisierender machten. Warum können DJ-Sets nicht immer so kreativ und organisch sein? Psychedelisch war das – und nichtmal für eine Sekunde langweilig.

Los Bitchos (Photo: Marie Lehmann)
Los Bitchos waren ebenfalls ein Highlight und brachten das Kesselhaus mit einer (größtenteils) instrumentalen Mischung aus Surf-Rock – immer wieder fühlte man sich an Tarantino-Soundtracks erinnert – und lateinamerikanischer sowie orientalischer Musik zum kochen. Vor allem die Lead-Gitarristin Serra Petale hatte eine energische Ästhetik, die komplett ansteckte. Sie hat etwas Cartoon-mäßiges und spielte sich die Seele aus dem Leib, bleib aber stets elegant und übertrieb nicht. Diese gelungene, ultradiverse Musik bewegt sich sehr nah an der traditionellen Musik unterschiedlicher Kulturen, ist dabei aber trotzdem immer modern und vor allem: punkig.
Toppen konnte das am Ende nur noch die beste Band, die Deutschland zu bieten hat: Die Nerven. Wie großartig ihre Mischung aus Noise, Punk und Metal – Shoutout an den besten aller Drummer, Kevin Kuhn – ist, muss ich vermutlich niemandem mehr sagen. Hier hat’s gekracht, gewummert. Der perfekte Abschluss für eine perfekte Festivalwoche.

Die Nerven (Photo: Yvonne Hartmann)






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