Vorabdruck des Interviews von Maxi Broecking gibt es in dem von Markus Müller herausgegebenen Buch „Globe Unity 60“ (FMP 2026)

Alexander von Schlippenbach – Der improvisatorische Impetus

Alexander von Schlippenbach, FMP Studio 1990, Foto/Photo: Dagmar Gebers/FMP-Publishing (courtesy of FMP-Publishing)

Der jetzt 88-jährige Pianist Alexander von Schlippenbach über 12-Ton-Musik, die Bedeutung des Swing für den Free Jazz und das 60-jährige Bestehen seines Globe Unity Orchestra

Von Maxi Broecking

 

Alexander von Schlippenbach, geb. 1938 in Berlin, studierte in Köln und spielte dort zunächst als Pianist in Bebop-Bands. Mit seiner Verbindung von Zwölftonmusik und freien improvisatorischen Formen gilt er als einer der Gründerväter des deutschen und europäischen Free Jazz, der eine eigene musikalische Sprache entwickelte. Sein 1966 gegründetes Free-Jazz Orchester „Globe Unity“ feiert in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen.

 

Alexander von Schlippenbach, 1966 erhielten Sie von Joachim Ernst Berendt, dem damaligen Leiter der Berliner Jazztage, einen Kompositionsauftrag für ein Streichquartett mit zwei Jazzsolisten. Damals waren Sie 28 Jahre alt. Wie wurde daraus die Gründung Ihres bis heute bestehenden Globe Unity Orchestra?

Alexander von Schlippenbach: Mir gefiel damals die Idee von Berendt nicht und ich schlug ihm stattdessen vor, unsere neue Art des Free Jazz in einer größeren Besetzung auszuprobieren. Der Kern war eine Doppelformation des Manfred Schoof Quintetts und des Peter Brötzmann Trios.

Wie kam es zu dem Namen Globe Unity?

Alexander von Schlippenbach: Der Name Globe Unity beruhte auf meiner Faszination für Bernd Alois Zimmermanns Gedanken der Kugelgestalt der Zeit: Einer ästhetischen Vorstellung, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Einheit bilden und sich alle Entwicklungen und alle Arten von Musiken gleichzeitig in einem großen kreisförmigen Gebilde darstellen. Diese Vorstellung hat mich sehr fasziniert und deshalb habe ich dann erstmal das Wort „Kugel“ ins Englische übersetzt. Und „Unity“ war eine Inspiration von Cecil Taylor, der immer von einer „Unit“ gesprochen hat, einer Vereinigung der Musiker. Der Name der Komposition hat sich dann als Name für das Orchester etabliert.

Wie sind sie damals an die Idee herangegangen, für ein Free Jazz Orchester zu komponieren?

Alexander von Schlippenbach: Schon während meines Studiums bei Bernd Alois Zimmermann hatte ich mich intensiv mit der Wiener Schule beschäftigt, mit Schönberg, Berg und Webern und wie man Atonalität für den Jazz nutzen kann. Es gab dann zwei verschiedene Grundelemente: Einmal den kompositorischen Teil, basierend auf der Zwölftonreihe als Hintergrund für einen Solisten und andererseits ganz freie Passagen. Das ist manchmal mehr oder weniger optimal gelaufen, aber jedenfalls war so das ganze Stück aufgebaut.

Wie haben Sie dirigiert? Gab es Handzeichen?

Alexander von Schlippenbach: Es gab Handzeichen und auch bestimmte Signale. Wir hatten damals die Perkussion erweitert und ich hatte mir Röhrenglocken bestellt, weil ich die so schön und interessant fand. Ein großes Tamtam, das weiß ich noch, mit Riesenbecken und Gongs.
Da musste ich nicht unbedingt Dirigierzeichen gegeben, sondern da genügte manchmal schon ein signifikanter Schlag auf ein bestimmtes Instrument. Dann wussten die Kollegen schon Bescheid.

War Lautstärke wichtig?

Alexander von Schlippenbach: Lautstärke geht ja vom dreifachen Fortissimo bis ins dreifache Pianissimo und allem, was dazwischen ist. Das war bei uns ziemlich offen. Meistens ging es aber eher heftig zu. Es gab auch den sogenannte „Generalcluster“, als Tutti-Akkord für die gesamte Klaviatur gleichzeitig. Das war ein Brett, dass übereinandergeschichtet so konstruiert war, dass es genau gepasst hat im Griff. Damals haben wir viel experimentiert, auch mit Materialien. Das mache ich heute nicht mehr so sehr.

Welche Rolle spielten der Performance-Gedanke und auch die Kleidung?

Alexander von Schlippenbach: Das ist eine gute Frage. Bei unserem ersten Konzert mit Globe Unity sollten alle noch, wie es hieß, auf der Bühne einen „Qualitätsanzug“ tragen und natürlich auch Krawatten und so weiter. Das änderte sich dann aber sehr schnell, um auch durch die Kleidung dem bürgerlichen Habitus etwas entgegenzusetzen. Dann hieß es plötzlich nicht mehr “dress up when you go to stage”, sondern die Devise war “dressing down”. Wir haben die Smokings nicht mehr angezogen und wir sind auch nicht mehr im Anzug aufgetreten.

In den 1970er Jahren haben Sie gemeinsam mit Globe Unity und Peter Kowald eine Reihe von Workshop-Konzerten in Wuppertal gegeben. Es spielten auch europäischer Musiker im Orchester, wie Enrico Rava, Tomasz Stanko, Han Bennink und Evan Parker. Später auch amerikanische Jazzavantgardisten wie Anthony Braxton und George Lewis. Wie kam es dazu?

Alexander von Schlippenbach: Wir haben in Chicago im Club „The Empty Bottle” gespielt, da haben wir viele von den Chicagoer Musikern, auch der AACM (Association for the Advancement of Creative Musicians) kennengelernt, der auch Anthony und George angehörten. Vor allem mit George Lewis gab es dann noch eine Reihe von Konzerten und Aufnahmen.

Wie würden Sie Ihre Musik beschreiben?

Alexander von Schlippenbach: Als Free Jazz. Ich kann es nicht anders beschreiben.

Möchten Sie damit den Bezug zur Tradition betonen?

Alexander von Schlippenbach: Ja und das mache ich auch heute noch. Es gibt diesen großen, weiten Begriff der improvisierten Musik. Das kann alles Mögliche sein, aber muss nicht unbedingt vom Jazz herkommen. Die Haltung des Jazzmusikers ist eine ganz andere als die von denjenigen, die ausschließlich frei improvisierte Musik machen. Free Jazz muss „jazzmäßig“ sein, muss swingen und sich nach vorne bewegen. Free Jazz hat einen bestimmten Impetus, den es nur in dieser Musik gibt, auch aus der ganzen Tradition heraus.

Sehen Sie Free Jazz in der Tradition des Swing?

Alexander von Schlippenbach: Swing ist ein fundamentales Element dieser Musik, wodurch sie sich von anderer Musik vollkommen unterscheidet. Swing ist ein Phänomen, das für den Zuhörer eine Bewegung spürbar macht. Das hat etwas Beglückendes und geschieht durch das Zusammenkommen von Musikern, die aus derselben Haltung arbeiten und spielen. Das geht aber nur dann, wenn es funktioniert. Wenn es nicht funktioniert, kann es auch eine Strafe sein.

Globe Unity ’60 + ’70

Jetzt gibt es das Globe Unity Orchestra seit 60 Jahren. Wie hat sich die Musik verändert?

Alexander von Schlippenbach: Eine wichtige Veränderung war, dass wir ab den 1980er Jahren hauptsächlich nur noch frei improvisiert haben. Aus dem „Improvisatorischen Impetus“ heraus, wie ich das nenne. Das ist mir auch heute noch ganz besonders wichtig, dass dieser sich ungebremst entfalten kann. Denn schon in dem Moment, wo man eine Verabredung trifft, konditioniert sich bereits die Improvisation im Kopf des Spielers. Jetzt könnte man denken, jeder spielt einfach, was er will. Das ist jedoch nicht so. Es kommt auf das Zusammenspiel an, das ist wichtig.

Wie wird es bei Ihrem Auftritt im November sein? Ihnen zu Ehren wird George Lewis noch einmal Posaune spielen und auch ihre Frau, die Pianistin Aki Takase, wird dabei sein.

Alexander von Schlippenbach: Da möchte ich jetzt noch nicht allzu viel verraten, aber es wird höchstwahrscheinlich der letzte Auftritt von Globe Unity sein. Da wollen wir eine Art Bilanz ziehen. Von allem, was wir gemacht haben, von unserer gesamten Erfahrung.

Haben Sie bei Auftritten mit Globe Unity schon einmal ein Scheitern erlebt?

Alexander von Schlippenbach: Es war nicht immer dieselbe glückliche Resultat, aber das ist das Risiko des freien Spielens und auch die Schönheit daran.

Die lange Version des Interviews von Maxi Broecking gibt es in dem von Markus Müller herausgegebenen Buch „Globe Unity 60“ (FMP 2026)
Book Launch: Cafe Oto, London, 5. November 2026

 

„Globe Unity 60“ (Herausgeber Markus Müller) ) erscheint am 11. November 2026 FMP-Publishing e.K. erschienen – Signierte Exemplare sind am Sonntag im Rahmen des Jazzfests erhältlich. 

 

 

Auftritte des Globe Unity Orchestra:
1. November 2026 JazzFest Berlin
3. – 5. November 2026 Cafe Oto London

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