Bas Grossfeldt – Søren Siebel – Interview

“Wenn ich ehrlich zu mir bin, genieße das auch irgendwie, diesen krassen Stress”

Bas Grossfeldt (Photo: Amina Falah)

 

Am kommenden Mittwoch präsentiert der Kölner Künstler Søren Siebel seine neue Performance “The Body is nothing” im Kindl in Berlin. Parallel erscheint auf seinem eigenen Label Prince Madonna sein zweites Album “”WE ARE NOW”.  Kaput hat sich mit Søren über seine drei Faszination Körper, Sound und Raum unterhalten. 

Søren, du bist ein Mann der vielen Talente. Zumindest kenne ich wenige, die parallel zur Veröffentlichung eines Albums auch noch im Wochentakt Dance-Performances auf die Bühne bringen, oder wie es in der Ankündigung für die kommende Performance in Berlin im Kindl am 14.12. so schön heißt: “The Body of Nothing is a constellation of bodies, space and sound“.
Zunächst die strukturelle Frage: wie kriegst du das alles unter einen Produzenten Hut?

Søren Siebel: Das frage ich mich auch manchmal, ob ich nicht eigentlich völlig daneben bin, diesen Dreiklang aus Performance, Raum und Sound bedienen zu wollen, haha. Aber ist ja auch nicht immer so, da kommt jetzt einfach alles auf einmal zusammen und danach kommt dann sicher erstmal wieder eine große Lücke. Das braucht ja auch alles Zeit zur Vorbereitung und vor allem die Suche nach der berühmt-berüchtigten Muse.
Ich muss aber gestehen, dass mich diese Vielschichtigkeit auch sehr an meine Grenzen bringt, vor allem mental. Irgendwann macht der Kopf dann doch mal zu – und gerade wenn man da eh ein paar Herausforderungen im Bereich mental health zu begegnen hat, ist das nicht immer ganz easy. Deswegen bin ich auch sehr dankbar, dass ich doch recht viele Menschen habe, die mich auf die andere Art und Weise unterstützen – und die vieles von mir aushalten, nicht zuletzt meinen absolut überbordenden Perfektionismus, genauso aber auch das mein Kopf diese Perspektive nicht immer zulässt, das da eigentlich viel support drumherum ist. Das zieht sich von meinen Performer*innen, über Leute im Hintergrund oder auch einfach gewisse Freund*innen. Und irgendwie bin ich, glaube ich, einfach gewohnt viel zu arbeiten, zu hustlen im wahrsten Sinne des Wortes. Und wenn ich ehrlich zu mir bin, genieße das auch irgendwie, diesen krassen Stress, diese Höhen und Tiefen die damit einhergehen. Man spürt sich einfach. Andere springen von einem Berg um sich zu spüren, ich versuche so etwas wie intensive Erfahrungen über künstlerische Arbeiten zu schaffen, eben dann auch für die Rezipient*innen.

Wie hat man sich denn generell die Beziehung zwischen den (Club)-Track-Produktionen und deinen Klangkompositionen für die Performances vorzustellen? Wo siehst du Verbindungen und Einflüsse? Wo halten sich die beiden Bereiche eher auf Distanz?

Spannende Frage. Denn in erster Linie sind die ja gar nicht so weit weg voneinander, da die Performances ja auch vom Sound her sehr club-inspiriert sind. Wahrscheinlich sogar mehr als jetzt zum Beispiel mein Album “WE ARE NOW”, wo ich ja zumindest einen leichten Schritt weg vom Club-Kontext zum Listening Kontext mache. Ich glaube der größte Unterschied ist, dass in der Komposition für Performances die Musik und die Performance ineinander greifen sollten und einen gemeinsamen Raum aufmachen. Das kann dann auch einfach mal zehn Minuten der ewig gleiche Loop sein, der dann den Fokus eher auf die Bewegung lenkt beziehungsweise im Zusammenspiel was komplett abgespacetes (sagt man das noch;) macht – während nur der Sound-Loop alleine nach 30 Sekunden langweilig wäre.


Wie kommt es überhaupt zu diesen zwei Facetten in deinem Werk? Club und Performance-Art?

Ich komme ja aus der Bildenden Kunst eigentlich, habe immer eher installativ und skulptural gearbeitet. Dann hab ich irgendwann zeitgenössischen Tanz für mich entdeckt und mich komplett da rein begeben. Und dann hab ich relativ spät endlich mal angefangen Musik zu machen, obwohl ich ja schon ewig in der Szene unterwegs war. Und jetzt bringe ich eigentlich diese drei Faszinationen für Körper, Sound und Raum zusammen. Es sind also eher drei Facetten, ich rede da fast immer von Fetischen, haha. Am Ende geht es aber immer darum, eine Atmosphäre zu schaffen. Und da ich halt ein altes Club-Kind bin, das sich auch einfach immer noch mal gerne in die Mitte der Tanzfläche stellt, um sich komplett zu verlieren, beeinflusst das natürlich auch die weitere künstlerische Arbeit. Ich denke da nicht in Genres oder Kontext-Grenzen, sondern transdisziplinär, um mal das große Wort dafür zu benutzen.

Photo: Mathias Schmitt /Performer*innen: Ariel Hayun, Christoph Speit, Dimitrios Vasilakis, Helen Burghardt, Julia Asuka Riedl, Esther Moreno, Sofia Seta

„The Body of Nothing“ ist deine dritte Performances-Aufführung in diesem Jahr (wenn ich richtig mitgezählt habe). Die ersten beiden fanden im Blitz in München und im Gewölbe in Köln beide Male in Kombination mit Clubnächten statt, sozusagen als Kunst-Warm-Up. Diesmal hast du dich für einen reinen Kunst-Event entschieden.
Why?

Es ist die vierte Aufführung dieses Jahr, Du hast die Aufführung im Außenbereich des LVR Museums in Oberhausen in Mischa Kuball’s Lichtinstallation future_grid vergessen. Meine Arbeiten sind einfach immer darauf angelegt, dass sie in mehreren Kontexten stattfinden können. Ich finde da passiert dann einfach auch immer was ganz anderes und das ist super spannend. Ortspezifisch arbeiten heißt für mich auch Kontextübergreifend zu arbeiten, also eben im Ausstellungs- / Kunst-Kontext, genauso wie im Theater, im Club oder öffentlichen Raum.

Bas Grossfeldt (Photo: Amina Falah)

Dein neues Album „We are now“ erscheint auf deinem eigenen Label Prince Madonna, wo bislang eine Maxi des ebenfalls zwischen Clubkultur und Dance-Ensemble-Welt wandelnden israelischen Produzentens Ori Lichtik. Was kannst du uns zum Labelnamen und dem anvisierten größeren Soundbild des Labels erzählen?

Ich glaube ein Soundbild gibt es so noch gar nicht, das muss alles noch wachsen. Und ich finde welch passenderen Namen kann es für ein total unbekanntes, kleines Nischen-Label geben, als eine total platte Referenz auf zwei der größten Popstars aller Zeiten? Wir haben da aber auf jeden Fall noch ein paar spannende Sachen geplant, die auch das bisherige Soundbild vielleicht wieder brechen werden …

Nochmals auf die erste Frage zurück kommend: Du machst ja alles selbst: vom Anträge schreiben bis Team-Casting bis hin zur Produktionsleitung. Wie oft fragst du dich: Was mach ich da eigentlich?

Jeden Tag ungefähr dreieinhalb mal. Ich muss da auch noch einen besseren Weg finden. Bei der Größe meiner Produktionen bin ich ja auch auf Förderungen angewiesen und ich bin natürlich dankbar für jede Möglichkeit, die ich bisher bekommen habe diesbezüglich. Aber gerade für die Größe der Performances, auch um da für alle Beteiligten nachhaltig was wachsen zu lassen, ist es eigentlich noch deutlich zu wenig mit was wir da finanziell umgehen. Aber auch das muss ja eben wachsen und so ist das jetzt gerade eben Part of the deal, das man das meiste einfach selber machen muss – ich hoffe einfach nach dem was jetzt alles so passiert ist, auch in der qualitativ-künstlerischen Weiterentwicklung, bald da auch die nächsten Schritte machen zu können …

Da wir uns ja dem Jahresende nähern: Bester Track des Jahres und warum?

Hart. Baby Keem und Tyler, The Creator streiten sich ja meiner Meinung nach gerade um die Pop-Musical-Genius-Krone von Prince zu übernehmen. Aber der beste Track des Jahres ist definitiv „killstreaks“ von Baby Keem mit Don Toliver und PinkPantheress.

Die Drums, wie die wechseln, die Atmosphäre, wenn dann PinkPantheress gegen Ende den Track nochmal auf ein ganz anderes Level mit so einem minimalen Gesang hebt … Da krieg ich jedes mal nen Eargasm. Und darf ich noch einen Track von meiner Wenigkeit aufnehmen, so ganz shameless self-promo mässig?

Erklärung kommt jetzt: „I Am Transient Pink To Yellow“ ist einfach mein Darling vom Album. Der vereinigt den Nachhall der Euphorie und Melancholie einer Nacht, wenn man auf dem Nachhauseweg ist, egal ob vom Club, einem schönen Dinner oder was auch immer. Die dezenten Breaks, die im Hintergrund mäandern, das leicht abseitige, die Noises die einen noch so schön hin und her wiegen, die Meditative Monotonie. Und einfach weil ich den Track mit meinem lieben Freund Jas Shaw in seinem Studio in der Nähe von London aufgenommen habe. Es war zum Beispiel seine Idee, die Drums nur so im Hintergrund zu lassen und mit dieser Idee hat er dem Track seinen Charakter und seine Schönheit gegeben. Es ist also eigentlich von uns beiden und das finde ich einen schönen Gedanken …

Beste Nacht des Jahres und warum?

München. Caterina Barbieri im Haus der Kunst am Vorabend unserer Performance im Blitz. Einen Moment gehabt, an den ich immer noch zurück denke, immer wieder. Und der dann auch in unserer Nacht nachgehallt hat und der das auch immer noch tut.

Was ich dich schon immer mal fragen wollte: Der um ein S reduzierter Bass in deinem Techno-Imprint Bas Grossfeldt ist schon als Referenz auf den holländischen Konzept Künstler Bas Jan Ader zu lesen, oder?

Mist, ich dachte nicht das das so offensichtlich ist …

Photo: Mathias Schmitt / Performer: Christoph Speit

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