Michael Kerkmann – „York Blvd.“ – Interview

„Eine Begegnung mit sich selbst in fremder Umgebung“

Michael Kerkmann (li) mit Olaf Karnik bei der Ausstellungseröffnung zu „York Blvd.“ bei Mauer, Köln. (Foto: Valerie Stahl von Stromberg)


„In der Dämmerung färbte sich der Himmel blutrot, und speziell hier, am oberen Ende des Hollywood Blvds, erschien plötzlich alles wie inszeniert. Jemand verließ die kleine Bar neben dem ‚Starbucks‘, und einen Moment lang drang Musik nach draußen: , …and then he kissed me…’, ein paar Sekunden, und für den Rest des Abends hingen nicht nur die Strophen dieses Songs dauerschleifenhaft in meinem Kopf, sondern auch Erinnerungen an die großen Tage des Pop…“


Mit seinem Buch „York Blvd.“ (erschienen bei Strzeleckibooks) dokumentiert Michael Kerkmann seine Los Angeles Reisen der vergangenen Jahre mit Fotos und einem kurzen gehaltenen Text und fügt ihnen zudem jedoch über von ihm in Gemälde und Aquarelle überführte Erinnerungen auch eine künstlerische Interpretation hinzu. So entsteht ein sehr persönlicher Blick auf eine Stadt, die im vergangenen Jahrzehnt massiven Gentrifizierungsprozessen ausgesetzt war, die aber trotz all der negativen Nebeneffekte dieser noch immer vermag, einen mit ihrer Magie zu verführen und auf eine Zeitreise in unbeschwerte Tage mitzunehmen.

Michael, meine erste Frage zielt gleich auf das Leitmotiv des Buchs hin: den York Blvd. Warum hat es dir gerade diese Straße
angetan?

Das ganze Projekt verdankt sich eher einem Zufall. Ein Bekannter, der seit einigen Jahren in Los Angeles lebte, fragte mich, ob ich nicht für ein paar Wochen sein Haus und seinen Hund hüten könnte. Zufällig hatte ich Zeit und Lust und verbrachte dann den Sommer 2015 allein in einem Haus in Highland Park, im Nordosten der Stadt. Morgens fuhr ich zum Café de Leche auf dem York Blvd., einer der Hauptstraßen von Highland Park. Die Gegend ist traditionell mexikanisch und el-salvadorianisch geprägt.

Dies war zunächst nicht das Los Angeles, das ich erwartet hatte, der „Sehnsuchtsort“, den ich aus Filmen und aus der Popmusik kannte. Die Gegend war null urban, ein flacher, ländlicher Raum mit Bergpanorama ohne große Besonderheiten. Letzteres sollte sich in der Folgezeit massiv verändern. In der Gegend hatten sich einige Künstler angesiedelt, Leute, die sich die Mieten in New York nicht mehr leisten konnten oder vielleicht dachten, Los Angeles könnte das neue Berlin sein (so ging jedenfalls die Rede). Dies führte dazu, dass das York Blvd. sich innerhalb weniger Jahre als eine Art „Hipster-Meile“ neu erfand, mit Bistros, Kaffee-Röstereien, Barbieren, Deko-Shops etc. Viele der Alteingesessenen verkauften ihre eher schlichten Immobilien, wahrscheinlich zu Preisen, von denen sie bisher nur träumen konnten. Sinnbild für diesen Übergang waren all die vergitterten Ladenlokale, die mittlerweile schickeren Läden gewichen sind. Angeblich ist das York Blvd. heute die „hipste“ Straße in ganz LA. – Ich nahm das alles mehr oder weniger interessiert zur Kenntnis, irgendwie diente mir die Geschichte dann als Aufhänger für das Buch, ein starting point für meinen generellen Blick auf die Stadt. Es war auch eine Art Spurensuche, eine Begegnung mit sich selbst in fremder Umgebung.


Was reizt dich denn generell an Los Angeles?

Wen reizt es nicht, mal in Los Angeles zu sein? Dafür ist die Stadt pop- und filmkulturell einfach zu prägend. Für mein persönliches LA-Feeling war vor allem das Zusammenspiel von Filmbildern und der wirklich außerordentlichen Architektur entscheidend. Begleitet hat mich dabei das wunderbare Buch von Kevin Vennemann, „Sunset Boulevard“, in dem er die Geschichte der Stadt anhand von Filmen und Bauten nachzeichnet. Mir macht es auch nichts aus, einen Großteil der Zeit im Auto zu verbringen. Natürlich ist das ein Klischee, aber es gehört nun mal mit zum Lebensgefühl. Gerade vom Auto aus gibt es eine Menge zu sehen.

Deine Ausstellung zum Buch zeigt keine Fotos (von den beiden bearbeiteten mal abgesehen), sondern Gemälde und Aquarelle. Im Buch finden sich dagegen vor allem Fotos. Insofern würde mich schon interessieren wie du das Verhältnis der Fotos zu den Bildern empfindest?

Das Buch ist kein Fotokunstband. Die Fotos sind nicht als Einzelwerke gedacht, die dann als solche gerahmt in einer Ausstellung hängen. Ihre Wirkung soll sich vielmehr im Zusammenspiel entfalten, so wie es im Buch angelegt ist. Ich benutze gern den Begriff „visueller Essay“, auch um die Nähe zum Geschriebenen zu halten. Ursprünglich war York Blvd. ein längerer Text über meine Zeit in LA, der dann von den Fotos immer mehr verdrängt wurde. Die Fotos entwickelten eine Dynamik, mit der die Schriftsprache irgendwann nicht mehr Schritt halten konnte.

Wenn man in LA fotografiert, produziert man automatisch Fiktionen, Illusionen. Jedes Foto erzählt in dem Moment, in dem es entsteht, bereits eine Geschichte. Womit die Frage der „Wahrheit“ immer irgendwie mit auf dem Spiel steht. Vom Text geblieben sind letztlich nur die beiden Absätze am Anfang. Die Gemälde und Aquarelle wiederum fügen sich, wie ich finde, ganz gut in die Sequenz der Fotos ein. Außerdem sorgen sie dafür, dass der vermischte, hybride Charakter – Fotos, Gemälde, Text – des Bandes erhalten bleibt.
Im Gemälde oder Aquarell wird auch eine andere Art von Aneignung praktiziert. Die Häuser auf den Bildern gibt es alle tatsächlich, auf den Gemälden gewinnen sie aber ein spezielles Eigenleben. Die fotografische „Fiktion“ wird quasi noch ein weiteres Mal fiktionalisiert und mit persönlichen Vorlieben aufgeladen.

Im Buch hast du ja ein paar deiner Auto-Routen abgedruckt. Was ist denn dein persönlicher Lieblingscruise durch Los Angeles? Und warum?

Spontan fällt mir die kurze Strecke vom Sunset Blvd. über den Laurel Canyon Blvd. und den Mulholland Drive in die Hollywood Hills ein. Allein was für Namen! Hier hatte ich immer das Gefühl, auf verschlungenen Wegen ins Herz der magischen Laurel-Canyon-Welt einzudringen.

Was ist dein persönlicher LA-Song? Und warum?

Den einen LA-Song hab ich nicht, dafür gibt es einfach zu viele. Es gibt einige Alben, die mich geschmacklich früh geprägt haben und die ich immer noch gerne höre, zum Beispiel „Aja“ von Steely Dan. Donald Fagen hat sich ja immer über die verführerische Stupidität des kalifornischen Lebens lustig gemacht. Seine Texte sind dabei, anders als in Singer-Songwriter-Songs üblich, weniger als Ausdruck eigener Befindlichkeiten verfasst, sondern zumeist anderen in den Mund gelegt. Daher dieser ständige Eindruck von Ironie und Distanziertheit, der sich auch auf die Musik überträgt. Eigentlich weiß man nie, worum es geht und wie es gemeint ist. Als ich den Song „Aja“ zum ersten Mal hörte, war mir schleierhaft, wovon da gesungen wird, und das ist noch heute so. Dass dies ein beabsichtigter Effekt sein könnte, kam mir nicht in den Sinn. Letztlich war es auch egal. Für mich verkörperten Steely Dan die kalifornische Lebensart par excellence: eklektisch, verspielt, sophisticated, aber mit dem absoluten Ja zum Vergnügen um des Vergnügens willen – was sie natürlich sogleich wieder hinterfragen und als Cliché abtun, ohne es zu negieren. Man vergnügt sich und sieht sich zugleich dabei zu.

Dann mag ich „Hejira“ von Joni Mitchell, noch so ein Spätwerk der Laurel-Canyon-Aristokratie, das erste Album von Rickie Lee Jones und natürlich „Rumours“ von Fleetwood Mac.
Alle Mitte, Ende der 70er-Jahre erschienen, als sich eine bestimmte High-End-Studioproduktion etabliert hatte, die noch den Geist der Gegenkultur atmete, zum Teil aber schon ins Seichte abglitt. Aber nicht nur die Lichtstimmung und Weite von LA und Umgebung sorgen dafür, dass man diese über 40 Jahre alte Musik immer noch wie eine Folie über den eigenen Eindruck von der Stadt legen kann. Ich denke, das könnte auch daran liegen, dass der damalige „Westcoast-Sound“ das langsame Verschwinden einer Ära begleitete. Man meint eine entsprechende Melancholie herauszuhören, der man sich dann auch selber so gerne hingibt. Die Stadt wirft dich in eine Dauerschleife der Illusion. Gerade das kann auch etwas Befreiendes haben.

Michael Kerkmann, „York Blvd.“, Mauer, Gereonswall 110, Köln
Ausstellung bis zum 7. Mai verlängert – Termine auf Anfrage (mkerkmann@web.de)

 

 

 

 

 

 

 

 

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