Christian Werner – Interview

Christian Werner: “Ich bin, was ich bin und tue, was ich kann. Schön, wenn es sich ausgeht.“

Christian Werner


Wer sich nicht nur für Bilder interessiert, sondern auch die Bildunterschriften wahrzunehmen weiß, dem ist der Name Christian Werner sicherlich schon sehr oft begegnet. Schließlich arbeitet der Berliner Fotograf für eine Vielzahl interessanter Medien (wie 032c, Monopol, Nowness, Das Wetter). Zudem publiziert er zuletzt immer häufiger auch Bildbände mit seinen Arbeiten, wie beispielsweise „Los Angeles“, die wahnsinnig tolle Hommage an die Westcoast Metropole mit Tom Kummer als Partner in Crime, erschienen im Korbinian Verlag und damals auch auf Kaput aufgegriffen.
Zuletzt erschien von Christian Werner bei Blake & Vargas der nach einer Silver Jews Textzeile betitelte Bildband „Everything so democratic and cool“, zu dem aktuell in Berlin auch eine Ausstellung mit Arbeiten von ihm zu sehen ist.

Thomas Venker und Christian Werner haben sich persönlich zuvor vergeblich per Post versendete Bücher übergeben und schriftlich Fragen und Antworten ausgetauscht.

„Papa“ (Delbrück, 2008)

Christian, weißt du noch, was dein erstes selbst gemachtes Foto war?
Nein, das weiß ich nicht mehr genau.

Wie bist du denn zur Fotografie gekommen? Stand am Anfang das Drauflosfotografieren oder der Traum vom Leben als Fotograf?
Es gibt bei mir nicht diese Geschichte: „als Kind vom Großvater die alte Leica geschenkt bekommen, auf den Auslöser gedrückt und gleich die pure Magie gespürt“. Ich hab mich in meiner Jugend vor allem für Pop-Musik interessiert – auch besonders für die visuelle Erzählung von Pop: Plattencover, Magazine, Bandfotos etc.. Das alles hat mich sehr in seinen Bann gezogen.
Ich habe zwar auch früher immer wieder mal Fotos gemacht, richtig angefangen hat es aber erst nach diversen Anläufen (Studium der Geisteswissenschaften in Berlin – abgebrochen –, Jobs beim Film und im Nachtleben, Grafik-Design…) während meines Studiums der Medien- und Kulturwissenschaften an der Bauhaus Uni in Weimar. Dort hatte ich Zugang zu dem fantastisch ausgestatteten Technikpool und Lehrangebot der anderen Fakultäten, wo ich mir das technische Wissen angeeignet, tatsächlich erstmal wild los fotografiert habe und alles selbst entwickelte, scannte und druckte.
Die erste Zeit habe ich mich vor allem auf aus dem Funktionszusammenhang gerissene Dinge konzentriert und immer eine Kamera in der Tasche gehabt. Später kamen Porträts und erste Magazinaufträge hinzu, bis ich schließlich wusste, dass ich Fotograf werden möchte. Ich wollte in die Magazine, wollte, dass mein Name unter meiner Arbeit steht – und wollte mich so einschreiben in den kulturellen Diskurs, der mein Leben bestimmt und meine volle Aufmerksamkeit bekommt.

Welche Fotograf_innen haben dich geprägt und warum?
Ach, das ist wenig überraschend, was da jetzt kommt: William Eggleston und Stephen Shore, weil sie Amerika und das Abseitige in schönsten Filmfarben gezeigt haben. Wolfgang Tilmanns, vor allem wegen seiner Präsentationsformen von Fotografie und weil er so gut über seine Arbeit sprechen und das Medium reflektieren kann.
Die Marc-Jacobs-Jahre von Jürgen Teller fand ich sexy! Beeindruckt haben mich auch Größen wie Diane Abus, August Sander oder auch Michael Schmidt. Aktuell schaue ich mir gern die Bücher von Gregory Halpern an, sie sind eye candy.
Aber es gibt Kollegen, die sich sehr viel besser auskennen mit den aktuellen Veröffentlichungen. Es gibt ja wahnsinnig viele tolle Fotografen, ich versuche mich davon nicht allzu sehr einschüchtern zu lassen.

La Clique (Dinard, 2019)

Was zeichnet für dich ein gutes Bild aus?
Das ist natürlich die Königsfrage. Neben allen technischen, kompositorischen und konzeptionellen Fragen, handelt es sich wohl dann um ein „gutes Bild“, wenn das Medium ganz zu sich selbst kommt. Wenn das zu Vermittelnde nicht besser hätte gesagt, geschrieben, gemalt oder gesungen werden können.

Aktuell ist von dir das Buch „Everything so democratic and cool“ (Blake & Vargas) erschienen, davor hast du mit Tom Kummer für das Buch „Los Angeles“ (Korbinian Verlag) kooperiert. Beide Publikationen machen – jede auf ihre eigene Art und WEISE – deine Verflechtungen mit anderen Künsten wie Popmusik und Literatur sichtbar. Inwieweit empfindest du Fotografie als vermittelndes Medium oder auch als Dialog-Katalysator? Und wie wichtig sind die Inspirationen aus den anderen Künsten für dich als Fotografen?
Ja, das stimmt, ich genieße den Austausch mit anderen Disziplinen sehr. Schon für meinen ersten Bildband „Stillleben BRD“ habe ich 19 Autor_innen dazu eingeladen, meine Bilder aus einem Haus, dessen Innenleben von Spuren der Nachkriegszeit und des Katholizismus gezeichnet war, mit kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen oder literarischen Miniaturen zu ergänzen.
Tom Kummer für mein Buch über Los Angeles zu gewinnen, war für mich ein besonderer Coup. Die Stadt ist mir eine Zeit lang so hart reingefahren, dass ich unbedingt etwas zu ihr machen wollte. Der Ansatz musste aber ein besonderer sein – ein dystopisches und menschenleeres Stadtbild, zwar mit silver lining, aber geprägt vor allem von Einsamkeit und den Spuren von übrig gebliebenen Dingen, die an eine an ihr Ende geratene freiheitlich-kapitalistische Lebensidee erinnern. Diese Bühne mit von Tom fingierten Figuren bevölkern zu lassen, vorgestellt in literarischen Interviews, besser ging es für mich nicht!

Untitled (Borrego Springs, 2019)

Kannst du generell einen bisschen was zu dem künstlerischen Prozess sagen, der dich an Themenfelder und Objekte und Subjekte der Fotografie heranführt?
Generell denke ich meine Themen nicht per se aus einem rein fotografischen Ansatz, sondern immer aus einem Diskurs heraus. Zum Glück klappt das auch umgekehrt und ich wurde ebenfalls schon einige Male von tollen Autoren dazu eingeladen, meine fotografische Position zu ihren Texten zu stellen.
Letztes Jahr habe ich gemeinsam mit dem von mir sehr geschätzten Autor und gutem Freund Joachim Bessing bei Matthes & Seitz in Berlin Teil 1 einer sehr persönlichen Städtereihe veröffentlicht: „Bonn. Das Atlantis der BRD“, in dem Joachim Bonn pars pro toto für seine Erzählung der eigenen Kindheit und Jugend in der Bundesrepublik nimmt und ich dazu ganz konkret das Bonn von heute mit seinen ehemaligen und stillgelegten Orten der Machtrepräsentanz zeige. Teil 2, nämlich „Hamburg. Sex City“ kommt noch in diesem Jahr.
Mit meinem Buddy und Leidensgenossen, dem großartigen Paul-Philipp Hanske habe ich für Suhrkamp die hiesige urbane Flora nach Blütestand innerhalb eines Jahres chronologisiert und beschrieben.
In Kollaboration mit der klugen und tollen Katja Eichinger ist Anfang des Jahres „Mode und andere Neurosen“ bei Aufbau erschienen. Und im kommenden Jahr geht es mit Florian Werner auf die Deutsche Raststätte.
Mein erstes Buch „Bauformen des Gewissens“ (erschienen bei Kröner) übrigens habe ich 2016 mit meinem Freund und ehemaligen Lehrer Markus Krajewski zu einem für dieses Magazin nicht uninteressanten Thema gemacht: zu Köln und den verkachelten Fassaden seiner Nachkriegsbauten.

Zum aktuellen Buch konntest du vor einigen Wochen endlich deine gleichnamige Ausstellung „Everything so democratic and cool“ bei Blake & Vargas eröffnen, die ursprünglich für April geplant war, aber Corona bedingt verschoben werden musste.
Für das Buch hast du ja Arbeiten der vergangenen Jahre gebündelt und neu kontextualisiert. Zum einen historisierst du damit ja dein Werk, andererseits nimmt es den Arbeiten auch den Druck der Aktualität, was sich gerade im Momentum des Aufschubs einer Ausstellung ja positiv auswirkt, da du nicht bangen musst, dass die Arbeiten an Dringlichkeit und Wirkungsmacht verlieren könnten.
Eine lange Anmoderation für eine kurze Frage: Wie hast du den Prozess des Ordens und Aufarbeitens und Verschiebens empfunden?
Ja, das war wirklich eine intensive Zeit. Dieses Jahr stand bei mir sowieso von Anfang an im Zeichen des Resümierens. Das fing bereits damit an, dass ich gleich im Januar gemeinsam mit Jens Lohwieser ein Video zum Song „Foucault’s Finger“ unseres Musikprojekts FELD veröffentlicht habe, das sich aus biografischen Fotos zusammensetzt – einige sehr frühe Fotos von mir, und auch einige alte Familienbilder.
Sarah Bernauer und Matthias Last hatten mich eingeladen, in ihrem schönen Kunstraum Blake & Vargas meine Arbeiten zu zeigen. Den Titel „Everything so democratic and cool“ hatte ich schon im Kopf und auch die Idee, darunter meine Arbeiten der letzten Jahre deutlich freier und assoziativer als in den vorigen Buchpublikationen zusammenzustellen.
Diesmal wollte ich eine größere Bandbreite zeigen, von dem, was ich mache. Ich arbeite regelmäßig für Magazine, mache viele Portraits, auch Modestrecken und Reportagen und bin dafür in den letzten Jahren recht viel unterwegs gewesen, an interessanten Orten, an denen ich auch immer für mich selbst mit fotografiert habe. Ich fand es sehr reizvoll, das alles einmal zusammenzubringen. Dass daraus allerdings ein so umfangreicher Rückblick meiner fotografischen Arbeit entstanden ist, habe ich dem Enthusiasmus und Feinsinn von Sarah und Matthias zu verdanken.
Anfangs war nur klar, dass es zu der Ausstellung eine begleitende kleine Publikation geben sollte. Doch die beiden haben es größer gedacht und gleich ein tolles Layout vorgelegt und mich so ermutigt, Bilder mit aufzunehmen, die ich selbst gar nicht mehr so auf dem Schirm hatte. Der Blick von Außen war also diesmal sehr entscheidend. Das Ordnen und Zusammenstellen der eigenen Arbeit kann ein sehr einsamer Prozess sein, hier war es eine intensive Zusammenarbeit. Ich freue mich sehr darüber, dass das Buch in dieser Form erschienen ist.

Monte Carlo Country Club (Monaco, 2019)

Wenn du dir deinen Werkkorpus anschaust, siehst du da denn einen ästhetischen Unterschied zwischen den Auftragsarbeiten und den selbst ausgesuchte Subjekten, Objekten und Motiven?
Nein – und ich unterscheide da auch nicht so stark. Das liegt zum Glück auch daran, dass ich in den letzten Jahren viele schöne Aufträge hatte. Zum anderen könnte ich das auch gar nicht, gewissermaßen zwei Fotografen-Identitäten zu haben, die eine kommerziell, die andere künstlerisch. Ich bin, was ich bin und tue, was ich kann. Schön, wenn es sich ausgeht.

Stichwort Geld – kann man alles und jeden photographieren wenn das Honorar stimmt?
Wenn es einem in erster Linie darum geht, möglichst viel Geld zu verdienen, wahrscheinlich schon. Für mich kann ich das aber mit einem ganz klaren „Nein“ beantworten. Weder würde ich für zweifelhafte Kunden Werbung fotografieren, noch beispielsweise rechte Politiker oder andere Arschlöcher für Magazine auf welche Weise auch immer ins Bild rücken. Vor Jahren bin ich einmal auf Anfrage einer großen Zeitung mit nach Schnellroda zu Götz Kubitschek gefahren, weil ich kurz dachte, dass das auf eine Art auch spannend sein könnte. Abgegeben habe ich letztlich nur ein Geisterbild. Eine Langzeitbelichtung, auf der er schemenhaft durch seine beknackte Ritterstube huscht. Das war irgendwie ok, aber fühlt sich immer noch schal an. Man tut sich keinen Gefallen mit so etwas, man sollte es lassen.

Bist du bereit Kompromisse ästhetischer Art einzugehen? Oder gilt die künstlerische definierte Grenze: “Der Kunde bekommt was ich als Fotograf abgebe.“
Kompromissbereit bin ich immer, verbiegen will ich mich nie.

Harun Farocki (Weimar, 2014)

Du bist seit den 1990er Teil der Berliner Subkultur zwischen Wedding und Mitte, warst früher unter anderem Barkeeper im Roten Salon der Volksbühne. Wie wichtig ist die Sozialisation in diesem Milieu für dich?
Mir ist seit frühester Jungend klar gewesen, das ich nach Berlin gehen muss. Ich gehörte zu den Kids, die sich durch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ nicht abgeschreckt, sondern regelrecht angezogen gefühlt haben.
Und so bin ich Ende der 90er Jahre direkt nach der Schule nach Berlin gekommen und habe da auch noch die letzten Züge einer jetzt fernen Stimmung und die verheißungsvollen Versprechungen diese Ortes mitbekommen und gelebt.

Du lebst und arbeitest noch immer in Berlin Mitte, mittlerweile eine ganz andere Welt als in den 90ern. Was ja aber nicht heißen muss, dass man sich a) nicht immer noch wohl fühlen kann dort und b) Inspiration und Austausch findet. Wie empfindest du das heutige Berlin im Abgleich mit dem der 90er.
Von dieser Aufbruchstimmung ist heute nicht mehr viel zu spüren. Ich fühle mich in Berlin zwar zu Hause, bin aber auch oft krass genervt von der Stadt und überhaupt nicht von ihr inspiriert. In Berlin kommt es mir tatsächlich nur noch selten in den Sinn, einfach mit meiner Kamera loszuziehen. Und klar, die Zuspitzung des Wohnungsmarkts haben wir kommen gesehen und leider verschnarcht.
Was mich aber natürlich hält und inspiriert sind die vielen tollen Menschen in meinem Umfeld. Ich habe viele sehr gute Freund_innen hier, es gibt weiterhin viel Austausch. Das ewige Gespräch wird weitergeführt.
Und wie alle genervten Berliner auch immer sagen: Wohin sonst? Obwohl, stimmt, Köln!

Gibt es ein Wunschprojekt, das du noch nicht umsetzen konntest?
Klar, sehr viele. Ich werde noch eine Weile weitermachen müssen.

Für deine Arbeiten spielt das Reisen und eine gelebte Internationalität eine große Rolle – denkst du, dass die aktuellen Beschränkungen sich auch längerfristig auf deine Photographie auswirken werden? Ästhetisch und strukturell gefragt.
Wie immer: hoping for the best but expecting the worst. Nein, ich hoffe wirklich sehr, dass sich die jetzt notwendigen Beschränkungen allmählich wieder lösen. Unterwegs zu sein, das ist elementar wichtig für mich und meinen Beruf.

Mit „Stillleben BRD“ hast du vor vier Jahren ja bereits ein Buch bei Kerber veröffentlicht, das sich den Dingen vor deiner Haustür widmet. Gibt es da, nicht zuletzt wegen Corona ein Anschlussprojekt?
Ist in Planung.

Da ich ja weiß, dass Musik für dich eine große Rolle spielt, „Everything so democratic and cool“ geht ja beispielsweise auf einen wunderschönen Silver Jews Song zurück, welche Platten und Songs hast du denn in den letzten Monaten gehört, um die Corona-Welt draußen stumm zu schalten?
Auch in Sachen Musik war dieses Jahr eine Reise zurück in meine popkulturelle Sozialisation. Ohnehin verfolge ich Neuerscheinungen längst nicht mehr so sehr wie noch vor zehn Jahren und höre meist ältere Sachen, aber dieses Jahr ging es bei mir tatsächlich auch noch einmal um eine musikalische Aufarbeitung der 90er Jahre. Und grundsätzlich sind es bei mir immer Songs, die wichtig sind: Lyrics and Music!

Christian Werner
„Everything so democratic and cool“
(Blake & Vargas)

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Thomas Venker & Linus Volkmann
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