Rotte "Gaffa, Farbe und Zustimmung" – Videopremiere

Am 8. März 2022 zwischen 18:45 und 22:15 Uhr hat Max von Frischvergiftung das Video zusammengeschustert.

Christian Rottler (Text und Gesang) und Jörn Elling Wuttke (Elektronische Klangerzeuger) sind zusammen Rotte. Ihr Debüt, das auf Pudel Produkte – dem Label unser aller Hamburger Lieblingsclub Golden Pudel – erscheint, trägt den vielversprechend kryptischen Titel „Gaffa, Farbe und Zustimmung“.

Wir freuen uns sehr über die Videopremiere auf kaput und dass die beiden sich die Zeit für ein paar Fragen genommen haben.


Christian, die Platte trägt den Titel „Gaffa, Farbe und Zustimmung“ – bei Gaffa und Farbe bin ich sofort bei dir, was aber sucht die Zustimmung in der Aufreihung? Geht es dir um ein Dabeisein? Und bei wem oder was?

Christian: Lass mich mit Martin Walser antworten: „Ich bewundere Menschen, die wenig Zustimmung brauchen.“ Die meisten Menschen wollen wahrgenommen werden, egal wie unnahbar und autark sie sich geben. Natürlich kann man im stillen Kämmerchen vor sich hin sinnieren, ohne dass niemand was mitbekommt. Doch sobald man seine Gedanken teilt, zielt dies ja zwangsläufig darauf ab, eine Reaktion zu erhalten. Eine Freundschaft, geschweige eine Liebesbeziehung sind ohne ein Mindestmaß an gegenseitiger Zustimmung undenkbar.

Christian, du arbeitest ja sehr intensiv mit Text – kannst du deinen Ansatz ein bisschen transparent machen? Gibt es ein oder mehrere Role Models? Wenn ja: wen und warum?

Christian Rottler (Photo: Philipp Köhler)


Christian:
Mein Ansatz lautet: Führe Tagebuch, immer und überall. Dieses Credo beherzige ich schon sehr lange. Meine erste Punkband H-Milk – liebe Grüße – hatte ich 1992 als 14-Jähriger, da mussten Texte her. Mit 20 hab ich mein erstes Gedichtband veröffentlicht – das hat übrigens der Frischvergiftung-Max, der jetzt das Gaffa-Video realisiert hat, gestaltet. Irgendwann habe ich angefangen, Hörspiele zu produzieren und bin beruflich in den Journalismus abgerutscht. Textarbeit ist ja ein weites Feld, sie umfasst pubertäre Weltschmerz-Lyrik und schnörkelloses Handwerk gleichermaßen. In jedem Genre gibt es Frauen und Männer, die ich aus recht unterschiedlichen Gründen verehre. So gesehen reichen meine Role Models von Jochen Distelmeyer und Schorsch Kamerun, über Jörg Fauser und Thomas Bernhard bis hin zu Iris Radisch und Dietmar Dath.

Christian, du kommst, wie ich dereinst aus Stuttgart. Erzähl mir was in meiner ehemaligen Home Town so los ist. Bist du happy mit der lokalen Szene und den Möglichkeitsräumen?

Christian: Wie du sicherlich weißt, wird Stuttgart als größtes Dorf der Welt bezeichnet. Hier finden sich die Leute zwangsläufig. In den Bereichen Bildende Kunst, Theater und Videokunst passiert hier sehr viel. Das Studio von Ralv Milberg ist musikalisch eine, wenn nicht die treibende Kraft der Stadt. Ralv hat beispielsweise Die Nerven und Human Abfall produziert. Für meine Rockband – wir heißen nach einigen Wirrungen nun Rottler und nicht mehr Lenin Riefenstahl – sind die Milberg-Studios identitätsstiftend. Für mich persönlich ist das Merlin ein ganz wichtiger Ort, auf keiner Bühne bin ich öfters gestanden. Zudem sind die Wagenhallen, das Goldmark‘s oder auch die Manufaktur in Schorndorf prägende Locations. Aber klar: So was wie den Pudel oder das About Blank haben wir hier nicht. Die Stuttgarter Clubs sind in der Regel für die Twentysomething-Generation angelegt, was ich aber prima verschmerzen kann. Kurzum: Stuttgart ist lebendiger als sein Ruf und bietet viele Nischen, wird wohl aber trotzdem immer das größte Dorf der Welt bleiben.

Wie kam es zur Achse Stuttgart-Frankfurt? 


Jörn: Peter Armster, den ich von seiner Arbeit beim ehemaligen Neuton Vertrieb in Offenbach kenne und der sich früher unter anderem um den Verkauf unserer Playhouse und Klang Elektronik Veröffentlichungen kümmerte, schickte mir vor drei Jahren einen Song von Christians Band Lenin Riefenstahl. Der Song „Epizentrum“ gefiel mir sehr gut. Es folgten lange Telefongespräche, bei denen wir viele gemeinsame Interessen feststellten: Gretsch-Gitarren, Poptheorie, Rave, Noise, Hamburger Schule, toxische Beziehungen, schwarze Kleidung und vieles mehr. Ich masterte einige Remixe seiner Songs, beispielsweise die von Estroe und Ruede Hagelstein. So gesehen lag der Schritt, gemeinsam Musik zu machen, nicht fern. Seit vergangenem Jahr betreibe ich, zusammen mit Oliver Bradford, dass Projekt Thee Church Ov Acid House und wir veröffentlichen unsere Sachen bei Pudel Produkte. Wir versuchen elektronische Musik wieder in einen spannenden und irritierenden Kontext zu bewegen – weg von der glatt produzierten Business-Techno-Klangtapete, zurück zu einer porösen 12Bit / 4Track-Studio-Klangästhetik. Wir verstehen das als einen Akt der Selbstvergewisserung sowie der Manifestation von Gegenöffentlichkeit und wollen so an die Pionierzeiten elektronischer Musik anknüpfen. Ich stellte fest, dass unser Ansatz sehr gut mit Christians Texten und seiner bizarren Beat Poetry fusioniert. Wir schickten die Tracks zu Ralf Köster von Pudel Produkte. Er war gleich begeistert und bereit etwas zu veröffentlichen. Und wenn man wie wir eine Kirche gründet, darf man auch schwierigen Themen – die „Gaffa, Farbe und Zustimmung“ zweifellos behandelt – nicht aus dem Weg gehen. Letztlich darf der Track auch als Statement zur politischen Wetterlage verstanden werden.

Christian: Ursprünglich war geplant, dass Jörn sich ausschließlich um das Mastering kümmert. Das hat dann aber eine andere Dynamik angenommen. Grundsätzlich ist das Projekt Rotte offengehalten. Wir haben noch Tracks in der Schublade, bei denen andere Produzenten an den Regler waren. Mehr sei nicht verraten. Nur so viel: Jörn kümmert sich auch hier um das Mastering.

Was könnt, was wollt ihr zu Eurem Clip sagen? 


Christian: Am 8. März 2022 zwischen 18:45 und 22:15 Uhr hat Max von Frischvergiftung das Video zusammengeschustert.

Was bedeutet der Pudel in Hamburg für Euch? 


 Jörn Elling Wuttke (Photo: Patrick Raddatz)

Jörn: Ähnlich wie der Robert Johnson Klub in Offenbach, ist der Pudel keine normale Diskothek, sondern eine Institution. Eine Keimzelle des Underground und von anarchistischem Humor. Helge Schneider, Diedrich Diederichsen, Die Lassie Singers und Tocotronic hatten hier ihre ersten oder ganz frühe Auftritte. Schon im alten Pudel zelebrierten wir einige Playhouse Allnighters, an die ich mich sehr gerne erinnere. Letztes Jahr spielten wir im Pudel beim „Corona Non Grata Festival“ mit Thee Church Ov Acid House, zusammen mit Plaid und erlebten eine rauschende Partynacht, die morgens um 6.30 Uhr in totaler Andacht endete. Ralf Köster, der Kapitän und Steuermann beim Pudel, ist übrigens auch ein begnadeter DJ.

Aktueller Lieblingstrack von jedem von Euch? 


Christian: Tyson: „G Phunk“ (Thee Church Ov Acid House Whistle Mix)

Jörn: Rottler: „Tavor“ (Tom Liwa Version)

 

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