Talking Musikjournalismus: Linus Volkmann

Linus Volkmann “Ich möchte über Kultur Einfluss auf Diskurse und am liebsten auch auf die Gesellschaft nehmen”

Linus Volkmann

 

Kannst du dich an den ersten musikjournalistischen Text erinnern, den du gelesen hast?

Ich erinnere einen Text in dem Lifestyle-Magazin Tempo über die Lassie Singers. Ähnlich wie das ganze Magazin wirkte er wie das Tor zu einer Welt, deren Codes ich alle (noch) nicht verstand. Das habe ich als spannend erlebt. Der Text war Verheißung und Rätsel gleichermaßen. Mir ist dabei auch noch präsent, dass er mich nicht darauf gebracht hatte, die Band „auszuchecken“. Was bei einem obskuren Indie in der Prä-Internet-Zeit ohnehin nicht möglich gewesen wäre. Der Artikel selbst faszinierte mich. Das Schreiben, das Behaupten, das Konstruieren über Musik.

Gibt es ein Schlüsselerlebnis, das in dir den Wunsch geweckt hat, selbst musikjournalistisch zu arbeiten?

Mein erstes Fanzine habe ich tatsächlich damals angelegt, weil ich das bei einigen Bekannten gesehen habe, dass sowas irgendwie möglich ist. Ich habe mir schon immer gern Dinge ausgedacht und geschrieben – und wenn man ein Musikfanzine machte, dann bekam man gratis Platten zugeschickt. Das war nicht der einzige aber sicher ein wichtiger Anreiz.

Was reizt dich am Format Musikjournalismus? Was zeichnet für dich guten Musikjournalismus aus?

Ich persönliche liebe an Musikjournalismus, wenn er Sinn stiftet. Also Dinge in Kontext bringt. Reiner Faktenjournalismus hat sich in Zeiten von Wikipedia in der Kultur für mich völlig obsolet gemacht. Zum Glück ging es mir selbst nie darum. Kontext – und Unterhaltung. Ich möchte entweder schlaue Texte lesen oder welche, die einen entertainen. Im besten Fall natürlich beides gleichzeitig.

Gibt es einen Lieblingsbeitrag (von anderen Musikjournalist:innen)?

Der Startschuss zum Kaput-Mag von Thomas Venker. Das Interview mit Frank Spilker, in dem es zentral um die ökonomische Lage von Acts ging. Das wird in dem produktorientierten Journalismus immer ausgespart. Alles ist super und neu und besser als das Produkt zuvor. Überflüssig imho. Dahingehend fand ich dieses Interview dem restlichen Angang der Szene damals – wie heute – sehr überlegen.

Dieselbe Frage auch für dich selbst: welchen Beitrag aus deinem Werkskatalog ordnest du aktuell als deinen wichtigsten ein?

Ich schreibe ja bizarr viel, wie mir immer mehr auffällt. Auch weil man finanziell – oder ich zumindest – nicht qualitativ agieren kann, sondern man muss bei kleinen Honoraren eben viel machen.
Ich bin aber dennoch in der komfortablen Lage nichts schreiben zu müssen, was mich nicht interessiert und was auch nur unter ferner liefen gammelt. Zuletzt war sicher der Text, der Pop als weiteren Motor von Antisemitismus in der Welt outet, sehr zentral für mich.

Gibt es einen unveröffentlichten Beitrag von dir, den du schon immer gerne mal publizieren wolltest, es sich aber nicht ergeben hat? Kaput biete sich im Rahmen der Serie gerne dafür an. 😊

Habe zum Glück selbst die Zugangsdaten zur Seite.

Deine 3 Lieblings-Musikjournalist:innen?

– Julia Friese (sehr weitsichtige Kolumne im Musikexpress. Darin sortiert sie Ereignisse der Pop-Gegenwart unmittelbar ein: heißt „Gedanken zum Gegenwärtig*innen“)
– Wolfgang Zechner (unterhaltsamer Wiener, der gern gegen den Konsens anschreibt. Sein bekanntester Text richtete sich beim Rolling Stone seinerzeit gegen Wanda. Er hieß „Eine Fischvergiftung namens Wanda“. In Anspielung auf einen Film mit John Cleese)
– Aida Baghernejad (Allround-Genie)

Du bist selbst seit den 90er Jahren als Autor aktiv. Was sind die einscheidendsten Veränderungen in deinem persönlichen Berufsprofil über diesen Zeitraum?

Dass Musikmagazine als solche überhaupt keine Definitionsmacht oder Bedeutung besitzen. Abgelöst wurde das vom Web beziehungsweise Social Media. Hier gibt es wiederum für einzelne Player*innen die Chance, seinen eigenen Musikjournalismus sichtbar zu machen. Bis auf das Finanzielle eine gute Entwicklung. Ich bin nicht mehr so auf Redaktion oder das Wohlwollen von scheintoten Figuren beim Öffentlich-Rechtlichen angewiesen.

Und über den eigenen Horizont hinaus: wie empfindest du den Status Quo des Biotops Musikjournalismus im Jahr 2024 im Vergleich zu früher?

Ziemlich lost. Er wirkt nischiger denn je. Das finde ich natürlich schade.

Stichwort Karriere. Ab wann war Musikjournalismus für dich eine Berufsoption?

Mein Telefon wurde abgestellt, weil ich die Rechnung nicht zahlen konnte. Das war 1998 oder so. Dann bekam ich das Angebot, regelmäßig einen Part im Intro-Magazin zu betreuen. Und eben auch regelmäßig Geld für Musikjournalismus. Das hat sich seitdem nicht geändert. Dafür bin ich dankbar.

Bereust du die Berufswahl manchmal?

Nein. Ich würde gern was „Vernünftiges“ machen oder etwas, mit dem man stabiler und mehr Geld verdient. Aber ich wüsste nicht, was das sein könnte. Denn ich möchte mein Leben verbringen mit Dingen, die mich begeistern, ich möchte über Kultur Einfluss auf Diskurse und am liebsten auch auf die Gesellschaft nehmen. Für mich bleibt da nichts anderes als das, was ich mache.

Letzter musikjournalistische Beitrag, der dir so richtig gut gefallen hat.

Die Charts von Christian Ihle. Ein geiler Nerd mit Blick aufs Deutschsprachige. So eine lebende Liste könnte keine KI je nachbauen, Punkt.

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