Arab Strap „Half-Told Tales” / Immersion „What Is Lost Will Return”
Arab Strap
„Half-Told Tales”
(Rock Action/PIAS/[INTEGRAL])
Immersion
„What Is Lost Will Return”
(Swim/Cargo)
Popmusik als Erinnerungsanker und Innovation: Ende der Neunziger, Berlin-Kreuzberg, einmal in einer WG in der Muskauer, einmal bei meiner damaligen Partnerin in der Köpenicker liefen mir diese beiden sehr unterschiedlichen und dennoch im Geiste nicht ganz unverwandten Acts über den Weg. Colin Newman und Malka Spigel waren mir freilich bereits zur Schulzeit schon als Wire und Minimal Compact im Umfeld von Post Punk sowie New, Art und No Wave begegnet – und natürlich berufsjugendlich, weil auch noch als Twen, pogend zu Wires „1-2-X-U“.
Aber im Berlin der Beinahe-Jahrtausendwende schwangen da noch viel mehr persönliche Transformationen mit: Die Musik- und Medienindustrien winkten, weg aus der westfälischen kleinen Großstadt und hinein ins weltoffene, chaotische und vor allem billige Postwende-Berlin. Da eilte dem schottischen Duo Arab Strap der Ruf voraus, ihre Konzerte würden oftmals abgebrochen, heavy drug abuse usw. Gleichzeitig spielten Aidan Moffat und Malcom Middleton eine derart niedergeschlagen-erhabene Indiemusik, dass der manchmal rastlose Geist seine vorübergehende Ruhe zu finden schien. Demgegenüber das bereits damals schon ‚elder statescouple‘ Immersion auf ihrem eigenen Label „Swim“ mit einer Fusion aus allem, was die sympathischen, mir nur aus einem Biergartengang mitsamt meiner damaligen Partnerin, die sie promotete, bekannt waren. Spigel und Newman waren unglaublich nahbar, berichteten von ihrer Begeisterung für die Berliner Szenen um u.a. Tarwater herum – wenig überraschend.
Und nun, gut 25 Jahre später, kommen das auch schon wieder dritte Album von Arab Strap nach ihrem Comeback und das erst zweite Album des Spigel/Newman-Projekts Immersion innerhalb kurzer Zeit (nach „WTF?“ aus 2025) zeitgleich heraus und begeistern mich – wieder, immer noch und sowieso.
Arab Strap hadern und zetern weiterhin, aber sie scheinen nicht ehr so katastrophal desaströs wie noch seinerzeit. Wer singt schon stampfend und grummelnd und immer auch ein stückweit augenzwinkernd vom Leidwesen das Augenbrauenhaareausreißen bei alternden Männern und nennt das auch noch als Songtitel „Glamour Magick“? Das ist ja – nicht nur bei Männern – ebenso wie Lesebrille, Nasen und Ohrenhaarentfernung sowie Atemlosigkeit auf dem normalen, nicht-elektronischen Fahrrad offenbar unumgänglich. Nur Arab Strap verlächerlichen sowas im selben Atemzug wie sie es auch irgendwie denn doch ernst nehmen. Höre zum Thema Mannwerdung auch „Be a Man“. Auf den 14 Songs wird ein weites Spektrum aufgespannt zwischen Tod, Krankheit und Wellness- und Achtsamkeits-Industrien, das sie sich ätzend vornehmen. In der Mitte stehen Vergänglichkeit, Genese, Sorgen und immer wieder politische Extremisten als das Übel schlechthin.
Ich habe das Gefühl, dass Moffat und Middleton sich nach vielen Arten von eventuellen Therapien und nach den bereits sehr großen letzten Alben „I’m Totally Fine With It Don’t Give A Fuck Anymore” (2024) und „As Days Get Dark” (2021) mittlerweile etwas freigeschwommen haben, ohne deswegen nun ein Act der Fröhlichkeit oder des Sonnenscheins zu werden. Aber der bittere und schwarze Humor ist noch präsenter geworden, siehe auch die wunderbar-kruden Musikclips dazu. So erklären sich auch Einsätze von schillerndem Saxophon auf „I Get Noise“ oder Gothic-Italo-Disco-Rhythmen und -Klängen „You You You“. Arab Strap feiern ihr 30-jähriges – nun ja – ‚Bühnenjubiläum‘ voller Ecken und Kanten und Moffat murmelt weiterhin wunderbar-düster schottisch akzentuiert. Ihre Geschichten sind eben erst halb erzählt. Ein luzider Unter- und Werdegang.
So wie man konstatieren darf, dass es wohl keine Fontaines DC ohne Arab Strap geben würde, so haben Arab Strap bestimmt seinerzeit Bands wie Colin Newmans Wire wahrgenommen oder sogar gemocht. Dessen Projekt Immersion mit Malka Spigel bringt ebenso das Zeitliche auf den Punkt, hier aber nicht anhand unfertiger Storys als vielmehr im Glauben an Wiederkehr nach temporärem Verlust.
Während Arab Strap weiterhin angenehm verbittert wirken, spielen zwar Stimmen und Akzente auch bei Immersion eine Rolle (etwa besonders auf „Nephology“), fließen die Songs nicht ganz so ironisch, sondern eher sehr gelassen durch Electronica, Indietronics, Drone, Kraut (das sehr geschmeidige „Breaking Free, Diversity, Evolution“), Psychedelia (das blubbernd-organische, instrumentale „Megafauna“, auf dem ich gar eine durchgeknallte Blockflöte meine herumirren zu hören und das in „What Is Lost Will Return“ quasi übergeht) sogar etwas HipHop und Noise und Post Punk, höre etwa den ausgiebigen Titeltracksong. Auch Immersion beobachten ihnen bedenkliche überflüssige gesellschaftliche Entwicklungen wie Verstarrungen, Dauervalidierungen, Verführungen, Illusionen und Overloads an Influencing, (Selbst-)Vermarktungen und Vernetzungen. Spigel und Newman tun das aber ganzheitlicher. Freundlicher. Wenn auch auf eine gewisse, leuchtende Art und Weise minimalistisch wie Arab Strap. „Radio Signals“ von Immersion mal in der melancholischen Ecke der Indie Disco mit „You You You“ von Arab Strap mischen, passt super.
Die groovenden Narrative von Arab Strap und Immersion sind wohl noch lange nicht auserzählt und können immer wieder kathartisch zu Rate, zum Sinnieren und auch zum Indie-Tanzen hinzugezogen werden. Vielleicht betreten wir hier auch gemeinsam langsam, zentnerschwer von Geschichten und federleicht vor Hoffnungen, schlingernd, stolpernd, hüpfend, schwofend einen Raum der Zeitlosigkeit.










