Record of the week

Deutsche Laichen “Deutsche Laichen”

Deutsche Laichen
“Deutsche Laichen”
Zeitstrafe

Das mit dem Punk ist mittlerweile so eine Sache. Regelmäßig denke ich, dass es zumindest mit dem musikalischen Teil der Bewegung langsam aber sicher vorbei ist und leider nichts wirklich Mitreißendes mehr erscheint. Klar, es gibt einige Größen, die in regelmäßigen Abständen völlig okaye Alben releasen und live das ein oder andere schöne Fass aufmachen, aber die meisten Veröffentlichungen sind mir dann doch entweder einerseits zu poppig oder andererseits zu stadionrockig produziert. Wiederum anderes klingt musikalisch wie textlich gar unangenehm schlagerhaft oder, und das ist fast am traurigsten, es kommt der Schwenk ehemals grandioser Bands zum sogenannten Alt-Herren-Deutschrock, bei Bedarf mit einer extra großen Portion Pathos. Unschön.

Neue deutsche Bands hingegen – so scheint es – hören in der Regel beim Gründungstreffen erstmal die komplette und zugegebener Maßen grandiose Diskographie von Jens Rachut und/oder Turbostaat, bevor sie sich, davon selbstverständlich völlig unbeeinflusst, ans Songwriting machen und so immer wieder aufs Neue den Beweis antreten, dass Punkmusik und gähnende Langeweile durchaus in der Lage sind, eine Symbiose verschiedener Unannehmlichkeiten zu bilden, die sich am Ende aber dennoch irgendwie verkaufen lässt. Voll Punk, ey! Schade eigentlich.

Aber genug gewettert. Es geht nämlich glücklicherweise auch immer noch gänzlich anders, nämlich schmutzig, voller Energie und mit brachialer Wut und Wucht. Das bewiesen zum Beispiel im letzten Jahr eindrucksvoll die Youth Avoiders mit ihrem Album „Relentless“, das einem harten musikalischen Punch in die Magengrube gleicht, der dir erst wieder Luft zum Atmen gönnt, wenn der letzte Ton des letzten Songs verklungen ist und, jetzt ganz aktuell, der am vergangenen Freitag veröffentlichte self-titled Longplayer von Deutsche Laichen. Großartig! Echt jetzt!

Vorab veröffentlichte die in Göttingen ansässige Band auf Bandcamp einen Song namens „Emanzenlesbenschlampe“, auf den mich eine Freundin hinwies und den ich seitdem fast täglich mindestens einmal hörte. Schlicht verzerrte, schnelle Gitarren, holprige Drums und wildes Gepöbel, das so hervorragend unkonstruiert und spontan klingt, dass mir umgehend in Erinnerung gerufen wurde, warum ich irgendwann in den 80ern Punkrock zu lieben begann. Dementsprechend hoch war meine Erwartung das ganze Album betreffend und siehe da: Sie sollte nicht enttäuscht werden. Ganz im Gegenteil. Ich übertreibe keineswegs, wenn ich feststelle, dass jeder einzelne der 11 Songs für sich genommen ein Hit ist. Soviel ungestüme Energie hab ich schon lange nicht mehr auf einer Punkplatte aus Deutschland gehört. Da sind vermutlich Menschen am Werk, die Spaß am Pöbeln, Beleidigen und Anpissen haben und – so stelle ich mir zumindest den Songwriting-Prozess vor – im Proberaum wild drauf los spielen und gucken, was sich ergibt. Selbst wenn ich hier gnadenlos romantisiere und der Schaffensprozess der Band ganz ander aussehen sollte, drauf geschissen. Das ist definitiv Musik, die eine Ahnung davon vermittelt, wie das damals mit dem Punkrock losgegangen sein muss. Deutsche Laichen mussten – Achtung Floskel – das Rad nicht neu erfinden (hihi), um dennoch ganz, ganz weit vorne zu sein und sollte dieses Album jungen Musiker*innen als Inspirationsquelle dienen, können wir sicher sein, dass Punk lange noch nicht tot ist. Er ist nämlich nach wie vor wirklich wunderschön, wenn er hasst.

Zum Abschluss sei erwähnt, dass die letzte gesungene Zeile des letzten Songs „Deutschland ist scheiße“ lautet. Somit ist zumindest für meinen Teil die Liebe für dieses Album komplett.

Danke, Deutsche Laichen, danke! Ich weiß, was ich die nächsten Woche hören werde.

Text: Torsun Burkhardt

 

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