Kaputte Malakas, schöne Bilder, gutes Kino

Babylon Berlin (Photo: Courtesy Autor)
Vom 25. Bis 29. März 2026 fand das elfte Greek Film Festival im Babylon Berlin statt. 31 Filme zeigten einen Querschnitt durch die gegenwärtige griechische Filmlandschaft. Von Geldproblemen über Erinnerungskultur bis hin zu Fantastischem war alles dabei.
Machen wir’s kurz zum Anfang: Ich habe mir 11 Filme auf diesem schmucken Festival verabreicht und erzähle hier ein bisschen über meine Eindrücke. Die Filme waren in verschiedene Tracks aufgeteilt und zumeist auch in einen Wettbewerb eingebettet. Unter der Emerging Greeks Competition liefen Erst- oder Zweitfilme von aufstrebenden griechischen Filmemacher*innen. Dokumentarfilme wurden in der Documentary Competition zusammengezogen. Kurzfilme liefen in der Short Films Competition. Eröffnungs- und Schlussfilme waren außer Konkurrenz und ein Fokus-Segment lag auf der Schauspielerin Angeliki Papoulia („The Lobster“, „Dogtooth“, uvm.).
Für die Aufarbeitung macht am meisten Sinn, thematische Schwerpunkte zu setzen, worunter sich mehrere Filme versammeln lassen. Natürlich verhandeln die Filme viele thematische Facetten. Aber die großen Überschriften bilden den Klebstoff, der diese Filme verbindet. Ich war bisher kein großer Kenner des gegenwärtigen griechischen Kinos. Eher bin ich just a guy, der vor kurzem eine Woche in Athen verbracht hat und ziemlich schockverliebt nach Berlin zurückgekehrt ist. Dann habe ich gemerkt, dass das nicht nur ein vacation high war, sondern irgendwo tiefer berührt hat. Da fiel mir das Greek Film Festival über die Füße. Und weil ich ein bisschen mehr über das Land und die Kultur lernen möchte bin ich da flux hin.
Ich habe das Festival genutzt, um zu erfahren, wie gesellschaftliche und kulturelle Themen im Allgemeinen aber eben auch durch diese griechische Linse verhandelt werden. Als Medienkulturwissenschaftler beschäftige ich mich im Hinblick auf Film gerne mit ästhetischen und formalen Aspekten und zum Beispiel mit Fragen, wie Bedeutungen durch filmästhetische, zeichenhafte Äußerungen hervorgebracht werden. Das habe ich bei den gesichteten Filmen immer wieder mitbedacht. Es kann allerdings bei der Fülle des Materials nicht im Zentrum stehen und wird nur da gestreift, wo es inhaltlich wirklich Sinn macht. Die einzelnen Filme werden außerdem in unterschiedlichen Intensitäten besprochen, nicht jeder kann gleich ausführlich behandelt werden.
Jedenfalls habe ich die Filme in vier Pakete aufgeteilt: Paket #1 nennt sich schlicht „Diktatur“. Was darunter zu verstehen ist, nunja, das erfahrt ihr weiter unten. Paket #2 habe ich „Geld, Arbeit, Zoff“ genannt. Paket #3 nennt sich „Aufwachsen in die Männlichkeit“. Zuletzt versammle ich die Filme, die nicht so ganz in 1-3 gepasst haben als Paket #4 „Ein Kessel Buntes“. Also dann.
Paket #1: Diktatur
1967 putschte sich das Militär in Griechenland an die Macht. Bis 1974 herrschte eine Militärjunta. Zwei Filme aus der Documentary Competition behandelten das Thema mal mehr mal weniger intensiv und vordergründig: „Lo“ (Thanassis Vasiliou, 2025) und „Who was here?“ (Evi Stamou, 2025). „Dogtooth“ (Yorgos Lanthimos, 2009) wiederum verhandelt das Thema parabelhaft. Der Film lief in der 4K remastered Version außer Konkurrenz im Fokus auf Angeliki Papoulia.
Der Regisseur Thanassis Vasiliou („Lo“) kehrt ein Jahr nach dem Tod seiner Mutter in ihre Athener Wohnung zurück. Er ist dort aufgewachsen und muss sich jetzt mit der Erbschaft auseinandersetzen. Sein Vater hatte die Familie früh verlassen. Zum Zeitpunkt der Produktion des Films hatten beide seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr.
Die erste Einstellung des Films zeigt Nahaufnahmen einer Fähre, die an Land anlegt. Langsam schiebt sich die metallene Rampe aus dem Wasser auf den hellen Beton, Hafenarbeiter vertäuen das Schiff, Fußgänger*innen und Autos verlassen die Fähre. Vasiliou zoomt hier so nah es geht heran, geht auf die Details des Geschehens und sagt im Voice-Over es seien wohl die besten Bilder, die er bisher gefilmt habe. Sie geben gleichzeitig einer Frage Form, die der Filmemacher ständig verhandelt: Komme ich an oder gehe ich? Vasiliou lebt in Frankreich und bündelt in dieser Frage das Hin und Her zwischen Orten und Identitäten, zwischen Erinnerung und Gegenwart, die der Film eindringlich durch die Linse einer Geschichte von Mutter, Vater und Sohn erzählt. Was diese ersten Bilder auch verdeutlichen: Der Regisseur nimmt sich Zeit für seine Einstellungen. Man wisse nie, was es zu entdecken gibt.
Im Athener Viertel Galatsi liegt die Wohnung der Mutter. Sie ist noch mit den alten Möbeln ausgestattet, der Kleiderschrank ist leer, das Bett abgezogen. Elektrik hängt an schiefen Kabeln, in manchen Ecken blättert der Putz. Vasiliou filmt die Eigenschaften dieses individuellen Wohnraums intim ab. Er filmt nach draußen, die Nachbarschaft, er filmt den Flur, die Lobby und ihre Briefkästen und Blumentöpfen. Später wird er in der Stadt die Orte Filmen, an denen er oft mit seiner Mutter war. Allerdings will er auch herausfinden, warum seine Mutter ihm Schulden hinterlassen hat. Dabei stößt er auch auf Bücher, die sich mit der Militärdiktatur in Griechenland (1967-1974) befassen. Das wirbelt Fragen auf, warum niemand über seinen Vater sprechen wollte.

Blick aus der Wohnung in das Athener Viertel Galatsi. (Photo: Courtesy Greek Film Festival)
Wir erfahren: Als Kind erlebt Vasiliou, wie sein Großvater einen Schlaganfall erleidet und dabei wirr etwas von seinem Vater erzählt. Er habe für die Junta gefoltert. Ab diesem Moment verwebt sich die Geschichte zwischen Vater, Mutter und Sohn mit dieser dunklen Zeit im Nachkriegsgriechenland. Wir sehen Tourist*innen, die mit Audioguides das Panathinaiko-Stadion begehen. Wie sehen auch, wie die Obristen 1968 in diesem Stadion das einjährige Jubiläum ihres Putsches feiern, mit absurden pseudoantiken Aufführungen der olympischen Spiele. Wir sehen Plätze in der Stadt, das Archäologische Museum, Statuen, die still schauen, quergeschnitten mit Menschen, die ihre Meinung zur politischen Situation nicht sagen wollen oder einfach der Junta zustimmen, in schwarz-weiß. Hier zeigt sich die universelle Erfahrung der Repression, partikular eingefangen in diesem spezifischen Zeitfenster.
Mitten im Wohnviertel baut die Junta ein Foltergefängnis. Die Anwohner*innen machen die Vorhänge zu. Der Film zeigt, dass diese Erinnerung immer wieder hergestellt werden muss, dass sie Arbeit ist – gerade in einem Land, in dem „Lo“, also „Pssst!“ das Erinnern eintrübt. „Pssst!“ sagte auch Vasilious Großmutter, als sie mitbekommt, wie der Großvater im Anfall auf diesem Balkon etwas Wirres über den Vater sagt. An einer Athener Straßenecke erinnert eine Plakette an einen Studierenden, der im Vorfeld des Coups bei Protesten von der Polizei getötet wird. Das Straßenschild um die Ecke sagt „Edouardou Lo“. Sogar hier wird die Erinnerung mit dem Schweigen zumindest symbolisch verbunden.
„Lo“ ist ein ruhiger Film, der über starke Bilder und die erzählerische Verdichtung sanfte Wucht aufbaut. Nie wird die Geschichte zu einer wehmütigen Nabelschau. Hier wird ein Thema der griechischen Geschichte, das hierzulande unterbeleuchtet ist, eindrücklich bearbeitet. Was steckt hinter der Vergangenheit des Vaters? Wie sprechen die Notizen der Mutter zu ihrem Sohn, als er sie nach ihrem Tod erstmalig entdeckt? Wie ist Erinnerung in den Stadtraum eingelassen und verbindet sie sich mit den Menschen, die ihn durchqueren? Vasiliou geht diesen und anderen Fragen behutsam nach, er gibt ihnen und seinen Bildern Zeit. Auf ca. 70 Minuten komprimiert ist „Lo“ ein kleines iPhone-gefilmtes Filmjuwel geworden.
Der Preis in der Documentary Competition ging an „Who was here?“ (Evi Stamou, 2025). Die Autorin und Regisseurin forscht der Geschichte ihres Vaters nach, der auf dem Land als Lehrer tätig war und mit den politischen Umwälzungen, dem Militärputsch und dem Aufkommen der Junta wieder in den Militärdienst eingezogen wird. Vor und während seiner Zeit im Militär ist der Vater sehr aktiv im Austausch mit Freund*innen und Verwandten. Man tauscht sich per Brief über die eigenen Angelegenheiten aus, man verschickt Fotos. Mit dem Ende der Junta nimmt diese Aktivität des Vaters jedoch ein abruptes Ende.
Da der Vater nicht über seine Zeit im Militär spricht, versucht Stamou auf anderem Wege herauszufinden, was ihr Vater in dieser Zeit wohl erlebt haben mag. Sie geht dieser Frage mithilfe verschiedener KI-Modelle auf den Grund. Zum Einsatz kommen Modelle, die auf large language models basieren, wie ChatGPT 4. Sie nutzt aber auch KI-Funktionen gängiger Bildbearbeitungssoftware wie Adobe. Heraus kommt eine visuelle Erzählung, die auf Fotos basiert, zumeist sind das schwarz/weiße Abbildungen ihres Vaters und ihrer Familie. Der Vater ist in Schuluniform zu sehen, in Zivilkleidung, mit anderen Soldaten beim Militär. Aber auch Orte sind zu sehen, die menschenleer überall in Griechenland hätten aufgenommen werden können – fast, erfahren wir mithilfe der KI.
Stamou füttert die KI mit einem Materialkorpus, den sie über die Zeit vor und während der Junta zusammengetragen hat. Es handelt sich um Korrespondenzen ihres Vaters, um Fotos und um andere Zeitdokumente, die der KI zu einem Kontext werden, in dem sie fortan Vermutungen über den Werdegang des Vaters anstellt. Die Regisseurin prompted die KI auf Grundlage dieses Korpus mit Fragen über die Kultur der Zeit, über das Aufwachsen auf dem Land, über die Gepflogenheiten des Verheiratet-Werdens, über das Schweigen der Militärangehörigen.
Als Zuschauende werden wir am Ende allerdings nicht viel schlauer. Da der Vater nicht spricht oder zu Wort kommt, verbleiben wir mit den Vermutungen der KI, die sie anhand ihres Trainingsmaterials anstellen kann. Die KI kann recht genau einordnen, welchen Hut der Vater auf einem Foto trägt, im Rahmen einer traditionellen Festlichkeit. Sie kann uns sagen, dass diese großblättrigen Blätter in einem menschenleeren Innenhof vermutlich auf die Vegetation im Norden Griechenlands hinweisen. Sie kann allgemeine Vermutungen über spezifische Erfahrungen im allgemeinen Kontext der Zeit und ihrer Daten anstellen. Sie kann aber keineswegs klare Aussagen treffen.
Das wird nur möglich, wenn der Mensch interveniert und selbst ins Detail geht, Daten in Archiven auftut oder mit anderen Menschen spricht. Im Prinzip zeigt der Film genau das: LLM-basierte, konversationale KI kann keine Verbindlichen Aussagen über Dinge machen, die ihr selbst nicht zur Datengrundlage gemacht werden. Sie kann als Werkzeug an der Entstehung eines Films teilhaben aber keine wirkliche inhaltliche Agency entwickeln. Es ist eine Leistung dieses filmischen Experiments, dass es genau diesen Punkt macht. Einerseits ist es eine interessante Herangehensweise, die Begrenztheit von Modellen wie ChatGPT filmisch zu erarbeiten. Gleichsam fühlt sich der Film an wie eine Self-Fulfilling Prophecy: Die KI ist nicht in der Lage verbindliches zu sagen, weil ihre Datengrundlage auch kein vollständiges Bild des Vaters zeichnen kann. Ein Hinweis, dass KI also nicht erinnern kann? Hier bleibt noch einiges zwischen den Zeilen zu lesen.
Kommen wir zu „Dogtooth“. Der Film zeigt eine Familie, die abgeschottet von der Außenwelt in ihrem Haus auf großem Grundstück lebt. Vermutlich wäre der Begriff „Compound“ hier angemessener: Hohe Zäune, hohe Hecken, wenig Sicht nach draußen, ab und zu fliegt ein Flugzeug im Himmel. Die erwachsenen Kinder wissen nur das von der Welt, was ihre Eltern zulassen und das ist verquer. Sie spielen seltsame Spiele (mit verbundenen Augen im Pool schwimmen und der Stimme der Mutter folgen, die irgendwo im Garten herumsteht). Abweichendes Verhalten wird brutal bestraft, Inzest akzeptiert und gefördert, bei Vaters Geburtstag tanzen die erwachsenen Frauen wie kleine Mädchen, und so weiter.
Ohne viel mehr über den Film zu erzählen, werden hier Mechanismen aufgezeigt, wie sich Diktaturen an der Macht halten. Sprache wird verdreht, Desinformation wird verbreitet, Menschen werden kleingehalten und im Territorium eingezäunt, Abweichung wird heftig bestraft und die Herrschaft ist eine patriarchal-männliche. Das Zuhause ist eine totale Institution, wie Erwing Goffman es nennen würde. Es gelten hier nur die der Institution eigenen Regeln, die „Insassen“ sind von der Außenwelt völlig isoliert. Nur ihr „Direktor“, der Vater, geht noch seinem Beruf nach, fährt in die Fabrik und zurück. Gleichzeitig ist der „Compound“ ein Nirgendwo. Es gibt kaum Marker, die das Grundstück verortbar machen, Außenseiter*innen, die zum Geschlechtsverkehr mit dem erwachsenen Sohn dorthin gebracht werden, müssen eine Augenbinde tragen.
Der Film zeigt das Absurde im Normalen und umgekehrt und ist gleichzeitig ein Beleg dafür, warum es das Greek Film Festival als richtig erachtete, einen Fokus auf Angeliki Papoulia zu legen. Krasse Rolle.
Paket #2: Arbeit, Geld, Zoff
„Broken Vein“ von Yannis Economides (2025) lief als Eröffnungsfilm außer Konkurrenz. Und so läuft das ab: Familienvater (hauptsächlich als „Malaka!“ beschimpft) lebt über seine Verhältnisse und ist ungefähr bei allen verschuldet. Will bei ungefähr allen Geld abpressen, um seine Schulden abzubezahlen. Kredithai, Bank, Sohn, alle sitzen ihm im Nacken. Geschäft – bankrott, Ehe – bankrott, Beziehung zum Sohn – bankrott, ungefähr alles eben – bankrott. Es wird viel geschrien in Dialogen, die oft penetrant auf sehr nahe Nahaufnahmen gehen. Es wird auch viel gefahren, im zu teuren Benz, im zu teuren Anzug, in zu teure Bars, zu zu teuren Liebschaften. Manchmal ist das Tragische hier auch witzig. Aber letztlich ist es halt auch einfach tragisch. Es gibt einen Moment, da blitzt auf, was mit dem gefailten Sanitäramaturenverkäufer und Badeinrichter eigentlich hätte werden können, was er im Kern vielleicht auch war – ein ganz guter Koch nämlich. Schade. Am Ende verlässt man den Film garantiert verblüfft.

„Broken Vein“: Vasilis Bisbikis spielt diesen Malaka ziemlich gut. (Photo: Courtesy Greek Film Festival)
Den Wettbewerb der Emerging Greeks Competition hat „Elenas Shift“ (Stefanos Tsivopoulos, 2025) gewonnen. Elena (Maria Dragus) ist von Bukarest nach Athen gezogen. Die studierte Soziologin sieht in Rumänien keine Perspektive für sich und ihren Sohn. In Athen arbeitet sie für ein ausbeuterisches Reinigungsunternehmen und putzt für knapp 600€ im Monat nachtschichtweise Metrostationen. Als ihr ein sogenannter „White Contract“ vorgelegt wird, den sie nie unterschrieben hat, wendet sie sich an die Gewerkschaft für Reinigungskräfte. Dort kennt man dieses Gebaren: Original unterzeichnete Verträge werden als nichtig erachtet und stattdessen Verträge zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses gefälscht. Für Elena beginnt ein Kampf gegen das fiese Unternehmen, sie engagiert sich zusehends bei der Gewerkschaft und verliebt sich in deren Anwältin Yota (Penelope Tsilika).
Wo „Broken Vein“ noch den stressigen Hustle des männlichen Losers zeigt, der nur an sich denkt, zeichnet „Elena’s Shift“ das Bild einer engagierten Frau, die sich mit den Verhältnissen nicht abfinden will. Der Film zeigt aber auch wie schwierig es für Migrant*innen sein kann, in Griechenland Fuß zu fassen und irgendwo Schwung zu nehmen für eine vermeintliche Aufwärtsmobilität – so wird Elena beispielsweise initial die Staatsbürgerschaft verweigert: Zwar schlägt sie sich beim Einbürgerungstest ganz gut. Die fragenden Beamt*innen bezweifeln jedoch, dass sie genügend Input in das kulturelle und gesellschaftliche Leben Griechenlands geben könne, als alleinerziehende Mutter, die die ganze Nacht schuftet.
„Elena’s Shift“ erzählt also Themen rund um Korruption, Ausbeutung, Marginalisierung und Gewalt (als Elena sich mit ihrer Geschichte an eine Zeitung wendet endet das in einem körperlichen Angriff). Es sind schöne Bilder und Momente dabei, doch manchmal hatte ich den Eindruck, dass der Film im Vergleich zu anderen etwas abfällt, was das Ensemble angeht und die Chemie der Darstellenden Figuren. Das ist jetzt recht oberflächlich und eben eher ein Gefühl als besonders elaborierte Kritik. Allerdings hatte dem Film etwas mehr Tempo gutgetan oder einfach 10-15 Minuten weniger Playtime, etwas klassischere Featurelänge also. All around war das aber alles doch ok so.
Der letzte Film, den ich diesem Zoff-Paket zuordne, heißt „Life in a Beat“ (2025) und wurde von Amerissa Basta gemacht. Die Geschichte dreht sich um die 20-jährige Lena (Elina Tsiorbatzi), die ungewollt schwanger wird. Aber eigentlich fängt die Story so an, dass bei ihrem Arbeitgeber – ein Supermarkt – etwas verändert: Die neue Chefin kommt mit Marketingsprech und Anglizismen an und angeblich solle niemand entlassen werden. Das ändert sich natürlich alles ruckzuck und nur weil Lena schwanger ist, darf sie ihre Stelle noch behalten. Das wiederum bringt andere Kolleg*innen in die Bredouille. Der übernehmende Konzern zwingt der Chefin und dem Laden mehr Effizienz auf was natürlich weniger Angestellte bedeutet. Lena lässt sich aber nicht lumpen und buckelt weiter, nur leider nun im Keller, wo sie viel und schwer heben muss.

Elina Tsiorbatzi (links) als Lena. (Photo: Courtesy Greek Film Festival)
Zuhause lebt Lena mit dem Vater, der Stiefmutter und ihrem Stiefbruder. Letzterer soll wohl zu einem richtigen griechischen Mann erzogen werden, weswegen ihn der Vater oberkörperfrei im heißen Athener Sommer zu Raufereien im Wohnzimmer nötigt. Dieses Spiel grenzt halt leider schon an häusliche Gewalt und natürlich blutet der Junge dann bald aus der Nase. Lena, auf dem Klo einen schwangerschaftstest machend, wird dann übergriffig aus dem Bad komplimentiert mit den Worten sie lebe hier ja nicht alleine.
Das klingt zwar alles beklemmend, steht aber auch im Kontrast zu Lenas Position als Quasi-Providerin im Haus. Denn auch hier ist der Vater, der Mann, ein Loser, der selbst kein Geld verdient und das bisschen, was er hat, lieber für einen Flatscreen-Fernseher ausgibt, um besser Fußball schauen zu können mit seinen Jungs. Kurzum: Man bleibt gerne dran an dieser Geschichte und beobachtet als Zuschauer*in, wie Lena mit der recht beschaulichen Gesamtlage umgeht. Aber auch hier wird es wieder hustlig, stressig und die Menners kommen zurecht wieder nicht gut weg bei dem Ganzen. Dazu passt Paket #3 das nun hier sofort folgt. Jassas!
Paket #3: Aufwachsen in die Männlichkeit
In der Kurzfilm-Competition konnte ich mir nur zwei Filme anschauen. Beide waren kurz gesagt ziemlich gut. Einer davon hat auch gleich mal den Preis in diesem Wettbewerb gewonnen: „Gekas“ von Dimitris Moutsiakas (2024) – ein kleiner Film über einen Jungen, dem sein Vater die Hasenjagd beibringen will. Allerdings ist der gute Mann ziemlich verbittert, weil seine Jägerkumpels sich vor seinem Sohn über ihn lustig machen, hat er doch schon länger keinen Hasen mehr erlegt. Jedenfalls steckt er dem jungen Vassilis (Pavlos Lagos) einen kleinen Jagdhund zu, eine Knarre und schleppt ihn halt mit in die sehr schönen Berge. Viel Geduld bringt er mit dem Jungen aber nicht auf und was dann noch so passiert wäre hier in kürzester Zeit ja direkt auserzählt. Von daher: Anschauen, wenn möglich. Jedenfalls ist der Junge in vielen Belangen schon reifer als sein Alter, das steht fest.
„Noi“ von Neritan Zinxhiria (2025) spielt neben diesem männlichen Aufwachsen auch wieder mit den Beziehungen zwischen Menschen und Tieren, wenn auch auf andere Art und Weise. Jedenfalls wächst hier ein Junge mit der Pferdehaltung auf, bis sein Bruder nach einem Unfall mit einem Hengst ums Leben kommt. Der Junge muss sich entscheiden, ob er das Tier jetzt bestrafen will oder nicht.
Beide Filme verhandeln Fragen des Aufwachsens mit (gebrochenen) älteren männlichen Figuren, hinein in männlich konnotierte Tätigkeitsfelder wie die Jagd oder die Pferdezucht und -abrichtung. Sie verhandeln auch die Frage, wie Menschen zu ihren Nutztieren stehen und welchen Bezug sie zur Natur unter Bedingungen des „Eigenbedarfs“ kultivieren. Beide Filme zeigen Jungen, die dem Bild des hartgesottenen Typen nicht entsprechen können oder wollen.
Paket #4: Ein Kessel Buntes
Hier kommt rein, was nicht ganz eindeutig in die Pakete #1-3 gepasst hat. Fangen wir an mit einem Film, der mich etwas ratlos zurückgelassen hat. Ob das jetzt gut oder nicht so gut ist, sei dahingestellt. Was hier keinesfalls abzustreiten ist, ist die Ambition des Regisseurs, zu schocken und das auf recht, sagen wir, eindringliche Weise. Vorwarnung und Spoiler vorweg: Die Beschreibungen hier sind schon etwas graphic und ich erzähle hier auch das Ende des Films, um die Absurdität abzurunden, den Höllenkreis zu schließen, sozusagen.
„Regan“ (Panos Katsimperis, 2025) beginnt mit einer Frau (Eirini Lafazani), die in einer etwas siffigen, kahlen, menschenleeren Klinik schreiend im Flur auf dem Boden liegt. Die Intensität der Szene kommt relativ nah an den Ekel und die Brutalität der Tunnelszene in Gaspar Noés „Irréversible“ (2002) heran und das will schon etwas heißen. Damit ist also der Ton gesetzt. Die Frau, die im Film nur „Das Mädchen“ heißt, ist eine ambitionierte Künstlerin, die es aber „nur“ zur Kunstlehrerin schafft und seit dieser Geburt quasi in zwei Dimensionen existiert. In der einen ist sie genervt von ihren Schüler*innen und ihren Studienkolleg*innen, die es vermeintlich weiter gebracht haben als sie. In dieser Welt existiert kein Kind. In der zweiten Dimension, die sich hauptsächlich in einer kargen Wohnung abspielt, existiert eben dieses Kind. ‚Missgebildet‘ liegt es in einer spartanischen Wiege und kreischt mechanisch vor sich hin. Das hat Body-Horror-Auswüchse à la „Videodrome“ (David Cronenberg, 1983) vermengt mit Querschnitten durch verschiedene Filme David Lynchs, think: „Inland Empire“ (2006) oder „Lost Highway“ (1997) vermengt mit ein bisschen Lynchscher Malerei.
Und dieser Lynch comes auch knocking in den finalen Szenen des Films, also Achtung, weil Spoiler: Auf einmal liegt kein ‚missgebildetes‘, sondern ein ‚normal aussehendes‘ Kind in der Wiege. Weird enough und an dieser Stelle überschreitet Katsimperis dann das lynchsche Moment und lässt „The Girl“ einfach das Kleine verspeisen. Grinsend und blutverschmiert sitzt die Mutter also rauchend da und scheint wieder schwanger zu sein. Das wiederum hat mich seltsamerweise an das Ende in Matias Faldbakkens Roman „Wir sind fünf“ (2022) erinnert, als ein Vater einen unkontrollierbaren Golem aus Ton in die Welt setzt, den er nur loswerden kann, wenn er ihm seine Tochter opfert. Letztlich hat „Regan“ auch einige Momente des Fantastischen, das nicht erklären, sondern die Zuschauenden ratlos hinterlassen will. Die ‚closure‘ der Einverleibung ist schließlich keine, die einen befriedigenden inhaltlichen Abschluss bildet, der die Paralleluniversen eindeutig verbinden würde.
Gehen wir etwas leichter weiter, mit zwei Dokumentarfilmen, die noch im Programm waren. „The Goals of August“ (Dimitris Koutsiabasakos, 2025) begleitet eine Dorfgemeinschaft in den Bergen des südlichen Pindos im Nordwesten Griechenlands. Das Dorf heißt Armatoliko und die Männer des Dorfes sind federführend bei der Organisation eines Fußballturniers, bei dem sich jeden Sommer die Dörfer der Umgebung miteinander messen. Die Alten treiben Ziegen, machen Pies und Käse oder pflücken Kräuter und Tee, die jüngeren ackern auf Baustellen oder bereiten den Platz für das Turnier vor und die ganz Jungen lassen sich von allen anderen zeigen, wie all das so geht. In Armatoliko jedenfalls werden die Leute noch über 100 Jahre alt und spazieren stramm steile Auffahrten hoch oder scherzen mit einem schönen Lebenshumor mit den anderen Einwohner*innen.
Das Fußballturnier dominieren natürlich die jugen bis mittelalten Männer. Zwar ist das ziemlich Kreisklasse B aber der ein oder andere gute Kicker ist sicherlich auch dabei. Gerade Armatolikos Trainer war mal ein vielversprechender Jungprofi. Jedenfalls lässt sich Regisseur Koutsiabasakos nicht lumpen und schnallt dem Schiri eine Bodycam um, die die Pöbeleien und aufbrausenden Temperamente in schwarz-weiß erfasst: „Sag deinem Jungen er soll aufhören, sonst stelle ich ihn vom Platz“. Rote Karten sind hier immer Verhandlungssache. Jedenfalls gewinnt am Ende die Heimmannschaft dieses wilde Turnier und der Regisseur schafft es, dieses Landleben nicht zu sehr zu romantisieren. Im Winter leben im Dorf nur wenige Menschen, viele von ihnen sind eben die ganz alten, die noch ausharren.

Jung und Alt auf dem Dorfplatz von Armatoliko (Photo: Courtesy Greek Film Festival)
Ein weiterer Dokumentarfilm lief am letzten Tag noch außer Konkurrenz: „Craftswomen“ von Gabriella Gerolemou (2025). Hier geht es um drei Frauen, die gemeinsam die Schreinerei eines pensionierten Schreiners übernehmen. Der Film thematisiert den Umzug von der alten in die neue Schreinerei. Damit geht auch die Entscheidung der Frauen einher, Holzarbeiten zu einer ernsthaften Verdienstquelle zu machen. Beide Werkstätten befinden sich in Athener Souterrains und so schwappt immer wieder das Leben von der Straße hinein. Der alte Besitzer besucht sie regelmäßig in ihrer neuen Werkstatt. Er kann und will noch nicht so recht loslassen. Und außerdem muss er den Frauen noch ein paar Dinge erklären. Das ist manchmal witzig aber die Frauen sind ab und an schon sehr genervt davon.
Dieser Film hat keine großartige Story, die uns erzählt, wie krass sich diese Frauen in einer vermeintlichen Männerdomäne behaupten. Wie sie krasse Aufträge gerade so schaffen, obwohl sie kurz vorm Scheitern waren und sich so den Respekt bierbäuchiger Kunden verschaffen. Nein, der Film zeigt vielmehr einfach Prozesse wie Maschinen bedient werden, wie Holz bearbeitet wird, wie Dinge repariert werden, wie Mittag gemacht wird und all das – ein schöner Ausschnitt in das Athener Alltagsleben.
Ende
Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich vom Besuch des Greek Film Festivals positiv überrascht war. Sicher konnte ich nicht alle Filme sehen und ich bin auch nicht mit einer besonders skeptischen Haltung dorthin, sondern mit Interesse und Offenheit. Letztlich haben mich alle Filme, die ich gesehen habe, irgendwo angesprochen. Der eine mehr, der andere weniger, klar. Durchweg habe ich hier aber ziemlich gute Dinge gesehen. Es tut sicher den Cinematograph*innen, den Kameraleuten, den Menschen im Schnitt und der Postproduktion, usw. etwas Unrecht, wenn ich nicht stärker auf Aspekte eingehe, die sie mit beeinflussen – viele davon wären ästhetischer Natur. Allerdings muss ich das Talent der Regisseur*innen und die bisweilen ziemlich eindrücklichen, ausdrucksstarken und teilweise krassen Leistungen der Schauspieler*innen und Casts hervorheben.
Es ist fies, aber wenn ich hier drei absolute Empfehlungen herauspicken müsste, dann wären das „Broken Vein“, „Lo“ und „Life in a Beat“. Ok, pssst, noch zwei dazu: „Gekas“ und ganz außer Konkurrenz und für diejenigen, die ihn noch nicht gesehen haben „Dogtooth“. Davon ganz abgesehen: Wenn ihr in Berlin seid und Kino mögt, dann gönnt euch dieses Festival nächstes Jahr. Darüber hinaus habe ich natürlich nur ein bisschen etwas von der Arbeit des Organisationsteams mitbekommen aber sie haben alles reingelegt und arg gewirbelt. Da spürte man die Leidenschaft für die Sache und das ist sehr schön.








