Record of the Week

THOM YORKE “ANIMA” (XL RECORDINGS)

THOM YORKE
“ANIMA”
(XL RECORDINGS)

„Traffic“, das erste Stück des dritten Soloalbums von Thom Yorke, vermittelt umgehend ein Freiheitsgefühl, wie man es so von ihm bis dato nicht kannte. Ein Hauch von House Music liegt in der Luft, es kribbelt geradezu euphorisch unter der Haut. Doch statt gen Discolichter zieht das Stück, bedingt durch den nervöse Unterton und genährt von einer seltsamen Weltmusikartigkeit, die „Traffic“ leicht eiern lässt – Musikwissenschaftler_innen entschuldigen mir diese banale Ausdrucksweise, ich bin mir sicher, es gibt eine akuratere Beschreibung für dieses raffinierten Stilmittels – letztlich doch weg vom Licht. Passend singt Yorke auf „Traffic“ davon, dass er keine Luft bekommt, dass er nicht atmen könne. Er singt noch mehr, aber wie zumeist verlieren sich die konkreten Worte hinter dem alles schluckenden Duktus – man hört Yorke meistens zu ohne ihm wirklich zuzuhören. Dann klatscht es rhythmisch, eine Eule nimmt Besitz von seiner Zunge, und „Traffic“ endgültig von mir. Ein einnehmender, ein berührender Auftakt.

„Last I heard (…He Was Circling The Drain)“ bricht dann mit den Gefühlswallungen von „Traffic“. Das Stück ist merklich weniger optimistisch, deutlich dissonanter, viel näher an Radiohead – wobei auch hier gewieft Rave-Signal-Sounds als Gegenpol zur choralen Grundstimmung eingebaut sind. Ja, so kennt man Thom Yorke, stets gepeinigt auf der Suche nach der Erklärung der Welt im eigenen Körper und Geist. Selten passte ein Titel so gut zu einem seiner Songs, man sieht ihn geradezu sich selbst dabei zusehen, wie er mit dem Strudel nach unten geht.

Wogegen, „Twist“ danach wie eine Skizze anmutet, die Yorke in Ableton angelegt hat und bei der Produzent Nigel Godrich nur ein bisschen poliert hat. Was per se nicht schlecht sein muss. Aber im Abgleich mit dem, was sonst auf „Anima“ passiert, fällt der Song etwas ab, beziehungsweise erfüllt mehr die Funktion eines emotionalen Interludes.

Thom Yorke by Alex Lake

„Dawn Chorus“ zeugt von Thom Yorkes zuletzt kultivierten Klavierkompositionen. Man fühlt sich ihm sehr nah, ungewöhnlich nah. Es ist eine jener raren Momente, wo er den ihn zumeist leitenden Impetus der Scheue unterdrücken kann und sich klar offenbart – er spricht davon nicht gehen zu wollen, er gesteht Defizitgefühle ein, auch wenn er nicht weiß, was es ist, was ihm da fehlt, und er hadert mit der Angst, verlassen zu werden.
Es sagt viel aus, dass man plötzlich alles versteht, was er da zu teilen bereit ist, ja verstehen möchte. Wobei „Dawn Chorus“ ein Ballanceakt ist, stetig am Abgrund zum zu Prätentiösen. Dass das Stück nicht kippt, liegt bei mir daran, dass mich der eine Chord an „Born Slippy“ von Underworld denken lässt. Was sicherlich das Absurdeste ist, was man aus dem Stück wohl raushören kann. Aber auch das ist die Magie von Musik, sie öffnet Welten, die manchmal nur eine Person verstehen kannn.

„I Am A Very Rude Person“ dürfte all jenen am meisten zusagen, die Radiohead auf „Anima“ suchen, da es von diesem so typisch-hängengebliebenen Duktus getragen wird. Für mich hat das ja immer etwas von zu großer Hitze, die alles träge macht, schleppend, vielleicht liegt es aber auch daran, dass just so eine Hitze gerade herrscht während ich das tippe. Und lustigerweise ertappe ich mich dann auch noch dabei, wie sich plötzlich Daman Albarn über das Stück und Thom Yorke legt, so Fata Morgana-mäßig.

Mit „Not The News“ drängen sich wieder Dance Music Sounds in den Vordergrund. Diese hellere Ästhetik steht Yorke gut. Sofort klingt seine Nachdenklichkeit nicht mehr so isoliert, sondern mutet wie der Versuch eines Dialogs an. Lediglich ein reizvolles Gedankenspiel oder Intention des Musikers? Zumindest fraglich, wenn es etwas gibt, was man leitmotivisch mit Thom Yorke verbindet, dann ist es seine Angst vor den sozialen Austauschprozessen mit den Menschen um sich herum.
Während das Stück zum xten Male läuft, wunderbar aufgehangen an einer Soundkette einzelner perlender Klänge und sich daran reibenden Bassmotiv, Flächen und Stimmwirrwarr, wünscht man ihm, dass er seinen Schutzschild doch mal öfters deaktivieren würde. Ansätze dazu finden sich auf „Anima“ einige. Doch Paradigmen lassen sich nie so einfach ad acta legen, schon gar nicht solche an der Schnittstelle von sozialen und genetischen Determinationen.

Davon erzählt „The Axe“ in seiner sphärischen Verlorenheit. Ein Hauch von „2001: Odysee im Weltraum“ weht durch das Stück, dessen noisig-dronige Soundscapes wiederum eigenartig außer Takt laufen (wie schon bei „Traffic“). Man fühlt sich zugleich schwerelos und schwindelig beim Hören von „The Axe“; während Yorke irgendwas mit Soldaten singt und über nicht eingehaltene Absprachen. Hadern mit dem Weg der Menschheit ist so einfach in diesen Tagen. Die Lösungen für zumindest einige der Probleme scheinen dabei so logisch und klar vor uns zu liegen, doch wenn uns die letzten Jahre eins gelernt haben: Offensichtlichkeit ist kein Garant für das Eintreten von Entscheidungen/Handlungen/Ereignissen. Leider ist eher das Gegenteil der Fall. Insofern: Es ist zu diesem Zeitpunkt schon genug gesprochen worden auf „Anima“, man will diesen sich für uns in Dauerreflektionsquarantäne isolierten Protagonisten nur noch den Finger auf die Lippen legen, eine E in den Mund stecken und ihn eng an sich heranziehen. Die Welt macht es einem nicht leicht, aber loslassen tut uns allen hin und wieder gut.

Was soll danach kommen? „Impossible Knots“ fängt gut an in seiner verspielten Rythmik, verliert sich dann aber in musikalischer Geste ohne dass es richtig wo hinführt. Nicht mein Stück. Ich passe und skippe.

Ganz anders „Runwayaway“, das als Skizze bereits in einer Kooperation von Yorke mit em Modelabel Rag & Bone auftauchte, ist ein wunderbares Schlusstück für „Anima“. Thom Yorke gelingt mit ihm perfekt der Bogen zum Opener „Traffic“. Der Song ist ähnlich experimentell-offen angelegt, strahlt eine einladende Wärme aus, funkelt in opulenter Farbigkeit – und kommuniziert mit a different tongue, was den versöhnlichen Charakter unterstreicht. „Is this it?“, liegt als Frage im Raum. Ja: „This is it!“ Alles rotiert, das Herz pocht , ja es klopft. Glück ist keine rare Chance mehr, es ist für einen Moment eingetreten. Und dann ist es still.

Postscript:
In der Titelgeschichte „Daydream Nation“, die Crack Mitherausgeber Thomas Frost anlässlich der hundersten Ausgabe des Magazins Thom Yorke gewidmet hat, gibt dieser selten so offen gelesene Einblicke in seine Welt(sicht). Für all jene, denen der sehr empfohlene Longread zuviel ist, hier in aller Kürze ein paar Pasaegn, die für das Verständnis von „Anima“ hilfreich sein könnten:

„We watched Flying Lotus in the early years on tour with us, and we watched him with his live set-up performing all his loops and thought, ‘Well that’s interesting,’ because it’s a live performance, he’s improvising. We suddenly realised this is a new way to write stuff. I would send [Nigel Godrich] completely unfinished, sprawling tracks and he would focus in on the bits and pieces that he thought would work, build them up into samples and loops, and then throw them back at me, where I would start writing vocals.“

„If you suffer from anxiety it manifests itself in unpredictable ways, some people have over-emotional reactions. [For] some people the roots of reality can just get pulled out, you don’t know what’s happening. Then eventually reality comes back. For some reason I thought a really good way of expressing anxiety creatively was in a dystopian environment. I had so many visual things going on at this point. Another one was where everybody was travelling to work but their bodies were telling them that they wouldn’t do it anymore. They were refusing to cooperate, so they were doing these involuntary movements.

„I think we’ve got to this crisis point because we’ve allowed our social system and the way that society functions, the way that it looks at economic borders, travel, politics – we’ve allowed it to drift. It was my generation that did it. ‘Cause we grew up with Thatcher and Blair and just went, ‘Alright, well they’re just a bunch of fucking losers living in a bubble.’ And in doing that, we left the losers in charge. Michael Gove as Prime Minister? Are you fucking kidding me?“

„I was a daydreaming, idealistic 20-year-old, 30-year-old. We were still refusing to accept that something more fundamental needed to change as a society and our trajectory was essentially unsustainable in a million different ways. That’s why I find it wonderful seeing now, my son is studying politics, and to realise how much [the younger generation] consider it something important, to be lying in the streets and getting involved – thank fuck. Because our generation just gave up. We left losers in charge and assumed they’re gonna do it right.“
„What my partner has taught me as a theatre actress is that she can’t do what she does if she isn’t completely in the moment. It’s so obvious when you’re not. But also I’ve got to think about the machinery cues. I’ve got to run back to the desk, turn the modular on, change the tempo on this tune, change the vocal loops, make sure to change the patch for the next synth sound, while I’m doing all that.“

Parallel zum Album erscheint der gleichnamige Kurzfilm vom Paul Thomas Anderson auf Netflix, in dessen vierzehn Minuten sich drei Songs des Albums ausbreiten.

Thom Yorke live:
02.07.19 Köln, Palladium
03.07.19 Frankfurt, Jahrhunderthalle

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