Anne Imhof „Wish You Were Gay“
Anne Imhof
„Wish You Were Gay“
(PAN)
Die Rezeption von „Wish You Were Gay“, dem neuen, dritten Album von Anne Imhof, das – wie bereits das Debüt „Faust“ und der Nachfolger „Sex“ – beim Berliner Avantgarde-Imprint PAN erscheint, beginnt beim opulenten Booklet. Darin inszeniert sich Imhof als subkulturelle Protagonistin; Stil und Setting der Bilder erinnern an die Lower-East-Side-Ästhetiken der 80er-Jahre, geprägt von Regisseuren und Fotografen wie Nick Zedd und Richard Hell und performativ aufgeladen durch Lydia Lunch – jenes künstlerische Powerhouse im Schnittfeld von Musik, Poetik, Performance und selbstermächtigtem Porn. Lunch hatte stets die volle Kontrolle – über Kontexte ebenso wie über männliche Charaktere. Sie war und ist vollendete Coolness.
Betrachtet man nun die von Imhof erstmals allein – also nicht mehr gemeinsam mit Billy Bultheel und Eliza Douglas, die bei den bisherigen beiden Alben maßgeblich beteiligt waren – geteilten Bilder und Sounds, fühlt man sich eher als Beobachter einer Inszenierung denn als Zeitzeuge gelebter Wirklichkeit. Und das, obwohl die Ausstellung „Wish You Were Gay“ im Kunsthaus Bregenz, auf die sich das Release bezieht, eigentlich das Gegenteil intendierte: eine Art Coming-of-Age-Dokumentation in Form einer Retrospektive, bestehend aus neuen Skulpturen, Gemälden, Klangarbeiten und einer Serie von sechs Videoarbeiten, für die Imhof Material aus den Jahren 2001 bis 2021 verarbeitete.
Doch weder ihre bildende Kunst noch die musikalische Verlängerung dieser Position ist auch nur annähernd so abgründig, von Begehren oder Leidenschaft durchdrungen wie etwa das Lunch-Universum. Dabei hätte es durchaus Möglichkeiten gegeben, das unsägliche Balenciaga-Biotop, das für mich das Prinzip Imhof charakterisiert, zumindest für einen Moment hinter sich zu lassen und – ganz realpolitisch – die Erlebnisse der eigenen (sicherlich nicht immer leichten) Queer-Sozialisation sowie die im Rahmen der Ausstellung erfahrene Queerfeindlichkeit auch musikalisch zu verarbeiten. In der Nacht auf den 23. Juli 2024 wurden die großflächigen Billboards mit dem Ausstellungstitel geschändet; Unbekannte schnitten jeweils das Wort „Gay“ heraus.
Stattdessen wirkt „Wish You Were Gay“ ebenso flach, wie es das Wortspiel des Titels bereits vermuten lässt. Man hört artifiziell lo-fi klingende Melangen aus Industrial, Lo-Fi-Grunge-Folk und 80er-Nihilismus – okay genug für Videosounds und Ausstellungsklangteppiche. Aber ein Album?
Thomas Venker








