Record of the Week – Double-Review Christoph Jacke & Thomas Venker

Darkstar „Civic Jams“

Darkstar
„Civic Jams“
(Warp/Rough Trade)

Die ersten Momente von „Forest“ klingen vertraut-verloren nach Sendersuche im Maschinengeisterland.
Nur: Wer sucht hier was oder wen? Und wer ist die Maschine?
Alles ist nachdenklicher geworden bei Darkstar. Früher war alles lustiger und zielloser. Früher war alles auch irgendwie blöder. Halbfrüher war alles noch irgendwie cool. Doch nun herrscht Nachdenklichkeit.
Dann ertönt der Beat des Track-Songs „Text“ (inklusive scheinbarem Fahrradklingeln), einer der Hits des Albums. Wobei auch ein Hit bei Darkstar 2020 anders klingt als früher, zurückhaltender, erfahrener und auch bewusst stolpernder. Erinnerungen werden wach an „Aidys Girl Is a Computer”, einen der bis heute ganz großen Indietronics-Tanzboden-Schlager aus dem Repertoire von Darkstar; groß meint hier: schillernd – egal ob nachts, morgens oder was-weiß-ich-wann, und auch egal ob an den Atlantikklippen, in einem Berliner Keller oder einer Spelunke in Münster aufgelegt. Mein guter Freund Thomas (aka Bersarin Quartett, Jean-Michel) hat mich dieses Stück, diesen grandiosen Popentwurf, diesen Bewegungsdrang neulich wieder entdecken lassen. Nun schaue ich in meine digitale Audiothek und sehe, dass das Darkstar Album „North“, auf dem der Song sich befindet, vor zehn Jahren veröffentlicht wurde. Eine gefühlte Ewigkeit ist das, eine, in die zwei Alben und unzählige Kollaborationen Soundtrack-, Tanz- und Installationskollaborationen sowie Performances passten. Und auch in der Welt hat sich viel getan in dieser Zeit. Mittlerweile herrschen andere Autokraten (immer noch meistens Männer) und wüten andere Viren – und von beiden ist die Wirkung noch umfassender geworden, noch fataler.  Alles unendlich kompliziert. Und die Popmusik, wenn sie gut ist, dann ist sie noch immer der beste Compagnon, eine tröstende Freund_in.

Darkstar (Photo: Cieron Magat)

Aiden Walley und James Young bezeichnen „Civic Jams“ laut Infosheet ‚als Negativfolie eines Dance-Albums‘, als Umgang mit ‚dem alltäglichen Mist‘ – vom Brexit-Quatsch über nervende Akquise-Anrufe bis hin zu Mahnungen – und den andauernden negativen Umbrüchen unserer Gesellschaften. Der einzige Ausweg neben Im- oder Explosion: Kommunikation und Gemeinschaft. Denn durch diese kann man trotz ständiger Verlustzustände doch wieder Stärke und Zusammenhalt erschaffen. Und eben im Fall von Darkstar die gemeinsame Musik.

„Forest“, „Jam“ und „1001“ stecken direkt zu Beginn des neuen Albums das Feld ab zwischen Post-Synthie Pop, retro-trashigen oder auch hauntologischen Momenten sowie einfach – und deswegen eben eigentlich gar nicht trivial – nur wundervoll catchy club-elektronischen Mini-Ohrwürmern. „Wolf“ lässt seltsam entrückt-melancholisch sozusagen aus dem Untergrund bassig erklingend und doch auch gradlinig unabhängige Rave-Nächte wiederauferstehen. Eines Tages wird es wieder so weit sein. Der über die Jahre vermehrt in die Musik von Darkstar eingezogene Gesang hebt den Kellergang gleichzeitig in himmlische Gefilde. Man ist angenehm zerrissen. Das ist doch der Weltzustand: Zerrissenheit im Zusammenhalt, Zusammenhalt in der Zerrissenheit. Es folgt „Tuesday“ mit diesem seltsam-ewigen „dollar up“-Sample-Slogan. Federndes Auftreten. Geisterhafter Abgang.
Christoph Jacke

Darkstar (Photo: Cieron Magat)

Man kann Aiden Whalley und James Young nicht vorwerfen, dass sie sich keine Gedanken über die Welt und die eigenen Rollen in dieser machen würden. Im Gegenteil: Den beiden war es schon immer sehr wichtig, die äußeren und inneren Entstehungsbedingungen ihrer Musik zu reflektieren und einzubringen. Doch diesmal macht ihnen ein Virus einen Schnitt durch die Rechnung und lässt die sensibel konstruierte Storyline als geradezu absurd realitätsfern erscheinen.
Dabei war die Sache doch so klar: England, das Heimatland von Whalley und Young, taumelt angeschlagen durch das Brexit-Kontinuum, Besserung wirkt wie eine Fieberfantasie – was bleibt also als der sozialen Tristesse mit der bewährten individuellen Überlebensstrategie Eskapismus zu begegnen. So die Prämisse für viele Tracks auf „Civic Jams“: Ausgehen trotz deprimierender Nachrichtenlage, raven ohne Geld in der Tasche, da einem Vermieter, Bank und Staat gerade mal wieder die letzten Pennys abgenommen haben, oder aber hinaus in die Natur, das (zumindest teilweise) letzte Refugium vor dem Endzeitkapitalismus, wo in London selbst doch jede noch so dreckige Ecke drei mal durch gentrifiziert wurde. Doch alles passe, denn plötzlich kann man sich weder frei bewegen, noch darf man sich dem gemeinsamen Austausch von Gefühlen hingeben. 
So unpassend ist das alles als Szenario aber letztlich nicht für die Musik auf „Civi Jams“, denn euphorisch sind die meisten Stücke auf dem Album nun wirklich nicht, und auch nicht mehr so emotional positiv verträumt wie in der Vergangenheit oft bei Darkstar. Die Tempi sind langsam, die Melodien mollig dunkel, die Stimmen verhallt und distanziert. Eine traurige Grundstimmung zieht sich durch das Album. Lediglich ein Track wie „Tuesday“ sticht mit seinem hysterisch-aufgewühlten Hardcore-Sub-Rhythmus für einen Moment heraus, aber selbst dieser wirkt auf Dauer mehr als ein nostalgischer Nachhall aus besseren Zeiten als ein aktuelles Ausgehsignal.
Insofern liefern Aiden Whalley und James Young mit „Civic Jams“ das passende Statement zum globalen Momentum, fangen die Resignation, die die Welt angesichts der permanenten Einschläge (neoliberalistischer Arbeitsmarkt, Unternehmerfreundliche Niedrigzinspolitik, Existenzfeindlicher Wohnungsmarkt – und nun Corona) erfasst hat melodramatisch ein.
Thomas Venker

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