Twin Noir „Chapter 3”
Twin Noir
„Chapter 3”
(Twin Noir Records/Odyssey Music Network)
Toll, also das ungenervte „Toll“. Treibend. Dunkel. Verdrängung. Liebe. Loslassen. Ab hinunter in den wunderbar düsteren Strudel der Hoffnungslosigkeit. Das kann dann letztlich kathartisch wirken. Musik eben gerade wieder als Hoffnung. Für die einen immerwährend. Für die anderen neu. Für die dritten wieder neu: Die vor allem frühen und mittleren Achtziger zwischen Acid Rain, „Atomkraft, nein danke!“, Kaltem Krieg – und dem innovativen Einsatz deutscher Sprache. Neoliberalismus/Neokonservatismus und eine ihrer innovativen musikalischen Seiten im Einzugsbereich von New Wave, Post Punk, Gothic und Synthie Pop.
„An die Alten denkt doch keiner mehr“, singt-spricht Cody Barcelona auf „Stimmen“ featuring Kuhglocken des jubilierenden Untergangs und trifft den Ton. Mal werden die Jungen (Luschis), mal die Mittelalten (Boomer), mal die Alten (Schnarchis) vergessen. Hauptsache beleidigt, könnten wir denken. Aber weit gefehlt, denn auch das Berliner Duo/Trio Twin Noir zieht auf seinem Drittling Energie daraus und schafft neue Musikwelten für alle diese Rezipierenden, ob mit oder ohne Cure und Joy Division im digitalen oder analogen Zuhause. Und lösen zumindest bei mir aus, intergenrationell ins Gespräch zu kommen. Wie jüngst geschehen im abgelaufenen Seminar zu New Wave etc. mit den sehr motivierenden Gästen Gudrun Gut (Malaria!, Mania D., Ocean Club, „Monika Enterprise“, Jan Frohne (Düsenjäger) und Markus Kavka.

Twin Noir (Photo: Alina Bakiev-Stimmen)
Da hätten Songs wie „Fliegen“ bestens mit reingepasst, denn zahlreiche jüngere Bands arbeiten seit geraumer Zeit das popmusikkulturelle Anti-Erbe von Bands wie den genannten, früher NdW mit kleinem „d“, EA80 oder Xmal Deutschland auf. Dabei sind Twin Noir ein Stückweit näher am Gothic, Dark Wave oder EBM als etwa vor ihnen (teilweise nur zunächst) die eher postpunkigeren oder auch mal psychedelischeren Candelilla, Friends of Gas, Messer, Die Nerven, Exchampion, Suzan Köcher’s Suprafon, oder Karies. Stets kurz vor dem mir zu Zitathaften oder Überpathetischen, biegen Barcelona, Ian Volt (und Lina Avair, die das eigentlich Duo vervollständigt) aka Twin Noir zwischen Mexiko City und Berlin wieder ein auf die berührende Verzweiflungsdynamikstraße. Und machen genau deswegen Spaß.
Etwas Bauhaus, The Sisters of Mercy (erste Variante bis 1985), Siouxsie & The Banshees, The March Violets und vielmehr Red Lorry Yellow Lorry, The Chameloens und ganz viel Killing Joke. Nicht umsonst haben Twin Noir schon mal DAF (gibt’s nicht mehr), Men Without Hats (gibt’s noch?) und Billy Idol (nun denn) supportet. Iggy Pop liebt sie und hat sie in seiner BBC-Show gespielt. Also ganz unbegründet scheinen die Anspielungen wahrlich nicht zu sein. So spricht auch der britische, (lebens-)künstlerisch-journalistische Tausendsassa Mark Reeder auf „Niemals nie“.
Aber siehe oben, Referenzen weg, Twin Noir rein, ich fühle ihren Puls und ihr Getriebensein – durch und durch. Warum nicht auch mal von dieser Seite auf die Tanzfläche schlingern und fallen lassen. Jeans schwarz, aufgerissen, grumpy Blick, sich suhlend in der Unzufriedenheit, die aber schon auch ein bisschen weh tun kann oder betäubt werden will. Wenn das allzu stampfend-metallisch und sehr keyboardlastig wird, geht es mir ähnlich wie bei den späten Sisters oder den technoiden Momenten bei Gewalt oder Laibach, ist das nicht mehr ganz so meins. Wir nannten das auch mal Plastik-Wave. Doch wenn das Stampfen in Jagen übergeht, wie hier auf „Hinterste Ecke“, wird es doch gleich wieder interessant. Bitte nicht falsch verstehen, Twin Noir haben sich sehr angenehm festgebissen in meinem inneren Ohr und durch die vielen guten, ambivalenten und auch negativ-kritischen Assoziationen hindurch.
Vielleicht doch mal wieder vor- und zurück-schreitend tanzen. Oder es den Jüngeren überlassen. Und weiter Seminare geben, während am Ende des dritten Kapitels mit „Eule“ noch ein richtig kleiner großer Wave-Disco-Hit seine Aufwartung macht. Zurück. Zum. Anfang. „Luft für dich“. Schon. Toll. Eben. Mach‘ mir den düsteren Flieger, meine Liebe des Lebens.








