Kim Gordon “PLAY ME” & Robyn „Sexistential”
Kim Gordon
“PLAY ME”
(Matador Records)
Robyn
„Sexistential”
(Konichiwa Records / Young)
Zwei der aufregendsten Alben des Jahres 2026 stammen von Künstlerinnen, die – aus verschiedenen musikalischen Richtungen kommend – seit Jahren für avantgardistischen Eigensinn und Innovationen stehen. Die jüngere begann ihre Karriere als schwedischer Kinderstar und Teenie-Pop-Hoffnung, bis sie beschloss, selbstbestimmte Wege zu gehen; die ältere wurde nach ihrem Kunststudium Mitglied der Avantgarde-Punkband schlechthin: Sonic Youth. Wobei sich Kim Gordons schöpferische Kraft erst nach dem (nie ganz eindeutig bestätigten) Ende von Sonic Youth erst so richtig zu entfalten scheint, und das obwohl sie schon während ihrer Zeit als „Girl In A Band“ (so der Titel ihrer Autobiographie) Seitenprojekte wie Free Kitten verfolgte, in Filmen mitspielte und Kunstinstallationen schuf.
Mit „PLAY ME“ veröffentlicht Gordon ihr drittes Soloalbum innerhalb von sieben Jahren, erneut in Kooperation mit dem kalifornischen Producer Justin Raisen, der unter anderem mit Charli XCX zusammenarbeitet, aber auch für Trap-Rapper wie Lil Yachty und Playboi Carti. Raisens zersplitternde, nervöse Beats bilden auch dieses Mal die perfekte Entsprechung zu Gordons Cut-Up-Lyrik, und doch ist auf „PLAY ME“ einiges anders. Sie habe bei den Aufnahmen eine neue Stimmlage an sich bemerkt, so Gordon. Nuancen, die ihr früher verborgen waren, treten nun hervor und machen die Vocals variabler, wie im titelgebenden Opener, in dem Gordon zu swingendem, jazzy Trip-Hop-Groove die Titel von Spotify-Playlists aufzählt. Die nach Anlässen und Emotionen vorsortierte Darreichung von Musik sei faszinierend, aber auch beleidigend und abwertend, so Gordon, die in den neuen Tracks sehr konkret politische Themen, Internet-Hypes und -Trends aufgreift wie in „Square Jaw“: Übertriebene Macho-Männerbilder führen zu Gewalt und Rape-Culture, „put your lips together, baby, blow“, sprechsingt Gordon, „I sucker punch you“.
Auch in „Dirty Tech“ geht es um die (Über-)Macht von Technik und KI, die letztlich einsam macht: „talk to me, dirty tech“, heißt es zu trügerisch entspannten Sounds, überhaupt ist die Musik auf „PLAY ME“ ungewohnt eingängig, zugänglich, teilweise fast poppig – wären da nicht die irritierenden Störgeräusche wie im aus tanzbaren Steeldrums aufgebauten, scheinbar gut gelaunten „Girl With A Look“, die immer wieder verdeutlichen, dass es keinen Grund für glatte, leicht konsumierbare Konfektionsmusik gibt. Besonders eindrucksvoll: Die verschobenen Beats und glitchy Synthies in „No Hands“, die eine bedrohliche Stimmung erschaffen, noch verstärkt durch Gordons Lyrics über ein fahrerloses Auto, das manche für technischen Fortschritt halten. „Busy Bee“ behandelt ironisch den Social-Media-befeuerten Zwang zur Selbstoptimierung, dem schon kleine Kinder verfallen, musikalischer Gast und Co-Autor dieses Tracks ist Dave Grohl, dem vermutlich der wuchtige Rock-Einschlag zu verdanken ist. Eine interessante Selbstreferenz packt Kim Gordon an den Schluss des Albums: „BYEBYE25!“ ist ein Remake des Songs „BYE BYE“ vom letzten Album „The Collective“ mit neuem Text, der sich angewidert mit den Machenschaften des aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten auseinandersetzt. Keywords wie TRANSGENDER oder MEXICO genügen, um die beschämende Schreckensherrschaft Trumps bloßzustellen.
Robyns Ansatz wirkt dagegen erstmal sehr privat – doch wie die schwedische Produzentin und Sängerin mit Themen wie Sex in der Schwangerschaft oder Begehren als Single Mom umgeht, bricht gesellschaftliche Tabus. Auf „Sexistential“, das gut acht Jahre nach ihrem letzten Album „Honey“ erscheint, geht es in fast jedem Track um Sex. Meistens explizit wie im vorab veröffentlichten Song „Talk To Me“, in dem Robyn ihre*n Partner*in bittet, mit ihr zu reden, damit sie nicht so schnell kommt. Der überdrehte Titeltrack, in dem die Beats so heftig bouncen wie die Hormone im Körper einer Schwangeren, macht klar, dass man auch mit Baby im Bauch sexuelle Gelüste verspürt, die nicht mit Apps zu befriedigen sind.
Im Lauf der Jahre hat Robyn immer wieder ihre persönlichen Parameter justiert, ohne sich komplett „neu zu erfinden“; Robyns Output und Outfits blieben stets erkennbar, oder besser: entwickelten sich zu Trademarks.
Mit ihrem eigenen Label Konichiwa Records gönnt sich die frühere „Königin der traurigen Banger“ („Dancing On My Own“, „Show Me Love“) die Freiheit, Platten erst dann herauszubringen, wenn sie selbst entschieden hat, dass es an der Zeit ist. Ihre konsequent selbstbestimmte Arbeit brachte Robyn so viele Awards und Nominierungen ein, dass es einen eigenen Wikipedia-Artikel nur für ihre Auszeichnungen gibt. Mit „Sexistential“ wird sie diese Serie fortsetzen: Robyns unverwechselbarer Mix aus optimistischem Discopop, avantgardistischer Elektronik und Karaoke-tauglichen Refrains leuchtet von innen heraus und holt alle dazu, die noch zögerlich am Tanzflächenrand stehen.
Beide Künstlerinnen gehen auf Tour, um ihre neue Musik vorzustellen: Kim Gordons Europa-Tour mit Halt in Berlin beginnt im April, vor Robyns Solo-Tournee im Spätsommer stehen ihre Support-Auftritte bei Harry Styles‘ Shows in Amsterdam an.
Christina Mohr
Kim Gordon
“PLAY ME”
(Matador Records)
Lasst uns mal über das Altern reden – prägt schließlich unsere Kultur und damit auch die Popkultur. Ich bin 57. Ich fühle mich manchmal wie 27, 37, 77 oder 127. Bei „Spotify Wrapped“ bin ich 19. Kim Gordon war irgendwie (fast) immer da. Also vielleicht noch nicht, als ich Kiss mit Schlümpfen nachspielte oder nicht genau wusste, ob ich lieber die AC/DC-Box oder ein Queen-Live-Doppelalbum wollte. Oder als ich – später – Fischer-Z, Ultravox und dann deren John Foxx entdeckte. Alles Männer. Noch so ein Ding mit der (Pop-)Kultur.
Direkt nach den Sisters of Mercy, Throbbing Gristle, This Mortal Coil und Laibach kamen dann schon die sehr noisigen Sonic Youth – gemeinsam mit Steve Albinis Big Black und den von David Yow kongenial geprägten Scratch Acid bzw. später The Jesus Lizard. Inmitten all dessen bleibt Sonic Youths „Daydream Nation“ von 1988 ein Solitär – und (nicht nur) meine absolute Inselplatte.
Deren Kim Gordon wurde zum Role Model: die coole Bassistin, Sängerin und Makerin zwischen den zwar auch, aber eben nicht immer ganz so coolen Jungs. Das hat sie selbst 2015 in ihrem Buch „Girl in a Band“ beschrieben.
Gordons drei Soloalben haben es mir mehr angetan als ihre bildend-künstlerischen Arbeiten oder das musikalisch sehr experimentelle Projekt Free Kitten. Nun also „Play Me“.
Gordon hat ihre frühen Einflüsse – etwa die legendären britischen Post- und Art-School-Punker der Swell Maps um Jowe Head sowie die Brüder Nikki Sudden und Epic Soundtracks – ebenso wiederentdeckt wie den New Yorker Krach. Dazu kommen aktuell immer stärker Hip-Hop, Trap, Ill Hop und beinahe Industrial. Damit begeistert sie halbjunge wie halbalte Fans gleichermaßen.
Everybody’s darling – auch wenn dieser Ausdruck schief wirkt angesichts der stets hochrelevanten Sperrigkeit von Gordon, ihren Haltungen und Ausdrucksformen. Sie rechnet ab mit den Phrasen und Unverschämtheiten des Trumpismus („ByeBye25“), bezieht politisch Stellung, tut das aber eher latent, künstlerisch vermittelt: über Klänge, Samples, Collagen, Lyrics sowie ihre eigene, mitunter bewusst wackelige, schreiende oder brüchige Stimme und Präsenz. Daraus ergibt sich – vor allem auf „Play Me“ – eine fulminante Wall of Sound. Vielleicht besser: eine Wall of Stance.
Gordon war und ist Teil der „anderen“ USA, die wir bewundert haben – und weiter bewundern können. Dazu passen der Titelsong, „Girl With a Look“, „Dirty Tech“ („Boss, hey boss“, sing-spricht sie atemlos), das sich über Selbstoptimierung lustig machende, schleppend-stolpernde, zugleich humorvolle „Busy Bee“, der heimliche Hit und zugleich die erste Single „Not Today“ (mit einer tatsächlich singenden Gordon) sowie das komatöse „Post Empire“ hervorragend. Das hier ist sperrig, anti-künstlich und zugleich keines Authentizismus verdächtig. Hier wird zwölf Tracks lang – meist zwei bis drei Minuten kurz, nur scheinbar fies, tatsächlich charmant-rau – in mehrfacher Hinsicht grossartig gespielt.
„Play Me“ arbeitet mit Schnipseln, Feedback, Schlaufen, Wiederholungen und Disruptionen, aus denen frische Luft und neue Möglichkeiten entstehen – vielleicht sogar Utopien aus Dystopien.
Produziert wurde das Album erneut von Justin Raisen (u. a. Yves Tumor, Charli XCX, Sky Ferreira).
Ich bin hypnotisiert, in Gordons Stücken verloren. Immersion galore. Immer wieder und immer weiter.
Ich glaube, Kim Gordon kann zusammen mit Peaches und den Sleaford Mods die Hütte hiphoprocken – und vielleicht sogar die Welt ein kleines Stück verändern. Believe me.
Kim Gordon ist für mich mit „Play Me“ nun endgültig im besten Sinne zeitlos geworden: vorläufig ewig aktuell, historisch wie ahistorisch zugleich – also immer noch, irgendwie, dem No Wave und seinen Attitüden verpflichtet.
Wow. Fulminant. Auch – und vielleicht gerade – für weniger indiepopsozialisierte und stärker sorgengeplagte Hörer:innen.
Christoph Jacke










