Record of the Week

Seefeel „Sol.Hz”

Seefeel
„Sol.Hz”
(Warp/Rough Trade)

Was war vor zwei Jahren? Die Welt noch eine bessere? Im Persönlichen, im Privaten, im Dienstlichen, im Allgemeinen? In den digitalen Netzwerken – ob sozial oder asozial? Die Welt ist eben nicht nur das, was wir daraus machen, sondern auch von Presets im marxistischen Sinn bestimmt. Siehe die Veranwortungsdiskussion um die digitalen Plattformen und Netzwerke. Und wenn schon das Netzwerk-Wort zweimal, nein dreimal fällt, dann hat das auch mit den letzten zwei phantastischen E.P.-Lebenszeichen von Seefeel zu tun, die eben im Sommer vor zwei Jahren erschienen ist: „Everything Squared“ und das limitierte, nur digital erschienene und von Slowdive-Drummer Simon Scott gemasterte „Squared Roots“.

Seefeel (Photo: Jeff Pitcher)

Das letzte Album ist nunmehr 11 Jahre her. Seefeel waren immer irgendwie das produktive Dazwischen zwischen Shoegaze, Clicks’n’Cuts, Mille Plateaux und Warp Records, zwischen Cocteau Twins (die sie remixten und live supporteten) und Aphex Twin (auf dessen Label „Rephlex“ sie veröffentlichten). Für mich mehr Dance und Electronic Music (weit vor EDM oder IDM) als Dream Pop. „Quique“ ist ein Klassiker der postmodernen Indietronics, voller Dub-Anleihen, damals vor der Zeit und eben nun sogar schon 33 Jahre alt – ‚rave on‘. Hm.

Mist, dass ich heute nicht ins Wuppertaler „Open Ground“ fahren und mir Seefeel live anschauen und -hören kann. Naja, vielleicht dann mal auf dem Package mit Boards of Canada demnächst. Futuroretroistisch, also nicht damals die Zukunft erdacht, sondern Musik, als würden ‚future aliens‘ sich das Heute überlegen, in all seinen Klagen, Krisen und in all seinem Glanz. Durchgestaltet bis ins Coverdesign, ohne jemals glatt zu sein. Klar waren wir anders drauf, als wir mit Frank Bretschneider in den legendären Saal in der Nalepastraße lugten, wo schon Portishead, Depeche Mode oder Bersarin Quartett zugegen waren, alles schein wilder, selbst dann noch.

Das Bandkonglomerat um Mark Clifford herum schenkt uns nun also mit „Sol.Hz“ neun neue elektronische Indie-Dinger, die Ambient, Experiment, Tanz und Indie unnachahmlich vermengen, dramaturgisch aufbauen, überraschen und doch sehr im positiven Sinne durchgeplant scheinen. Bei Seefeel war das immer Programm und nicht Gewöhnung und Langeweile. Wobei letztere ja auch chronisch unterschätzt wird. Seefeel hingegen sind nie lang-, sondern eher tollweilig, wirbelweilig, rausweilig für mich, vom rauschenden „Brazen Haze“ über das verhuscht quietschig-zappelige, frickelbummsige (ein Begriff von Jean-Michel) „Everydays“, die stolpernd-rumpelnden, sublim dubbig wummernden „Ever No Way“ und „Until Now“, das sanft stampfende „Falling First“ bis zum verhallt-kristallklaren „Scrambler“. Es wird entrümpelt, ein einziger luzider Trip. Wieder. Wie das Fest des Lebens und Sterbens, die Feier des Dabeiseinkönnens. Das umarmende Zusammenliegen im Jugendbett, um die Mama nebenan zu begleiten. Nicht allein. Seefeel schweben dieweil um uns herum und in uns hinein. Ganz groß, ganz klein, ganz ganz. Könnte ich doch heute downstairs im offenen Grund bei und mit ihnen sein.

 

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