Montag, 22.04.2019
Record of the Week – Self Care Pocket Companion

The Drums “Brutalism” (Anti)

The Drums
“Brutalism”
(Anti)

Es gibt eine App namens Aloe Bud, welche der Hersteller als „self care pocket companion“ bewirbt. Aloe Bud erinnert einen daran genug zu trinken und zu essen oder seine Freunde von Zeit zu Zeit anzuschreiben, Micro-Management für die Seele quasi. Was die App aber ganz abgesehen von den durchaus wichtigen Features anbietet, ist auch ein Versuch, ein Wort wie „Self Care“, was zu einer emotionalen Währung in unzähligen Timelines und Memes geworden ist, in ein endlich konsumierbares Gut zu verwandeln. Die bloße Erfindung dieser App ist ein Beweis für die Sehnsucht dieser Generation nach „Self Care“.

So verwundert es nicht, dass die New Yorker Band The Drums, die schon seit 2009 den Zeitgeist der Millennials präziser diagnostiziert und mit ihrer Musik verlautbart gemacht haben als so mancher greisenhafter Kritiker ihnen zugestehen wollte, ihr fünftes Album „Brutalism“ als „self care focused“ ankündigen. Mithilfe ihrer goldigen Popmusik haben sich The Drums rund um Sänger Jonathan Pierce seit jeher dieser Versorgung von Sehnsuchtsmotiven verschrieben. Trotzig entzogen sie sich der Gegenwart und suchten ihr Glück in einer milchglasartigen Verklärung von Beach Boys, The Smiths und dem Bundesstaat von Kalifornien. Gerade in der Verweigerung des Jetzt und dem Jonglieren mit Referenzen begleiteten The Drums so die Geburt jener schmachtenden Ästhetik, die bis heute unzählige Blogs ziert: Der Seufzer am Strand, endlich die große Welle surfen, Sommerzeit Traurigkeit eben. Und anders als die Konkurrenten von der Insel White Lies kamen sie dabei ganz ohne dickbestrichenen Retro-Pathos aus. Das Bewusstsein um die Vergangenheit ließen sie keine Sekunde raushängen, ihre Songs waren kurz, unbeschwert wie melancholisch. Bewundernswert konnte man es finden, wie sie schwelgende Pophits wie „Let’s Go Surfing“ oder „Money“ einfach aus dem Ärmel zu schütteln schienen, als wäre ihnen der Vorwurf der Persiflage völlig egal.

Doch Popmusik schläft nie und auch die coolste Band New Yorks wurde irgendwann von anderen, jüngeren Sehnsuchtsstillern abgelöst. Auch ein Blondie wie Jonathan Pierce musste irgendwann dreißig werden. Und damit kam zwangsläufig auch die Midlife-Crisis: Pierce sah in den Folgejahren die Verabschiedung seiner Bandkollegen, die fortschreitende Irrelevanz seiner Band und die Scheidung seiner Ehe mit Künstler Jasper Rischen. Unerwarteterweise kam das dem weiteren Werk der Drums nur zu gute. 2017 widmete sich Pierce auf seine Niederschläge hin mit dem vierten Album „Abysmal Thoughts“ plötzlich etwas, was man zuvor nicht mit der Traumfabrik The Drums assoziiert hätte: Introspektion, oder wenn man es platter will, Authentizität. Thematisiert wurde plötzlich Pierces Queerness, seine Versagensängste und Gewissensbisse, doch nicht mehr als zwinkerndes Zitat, sondern als für sich stehende Erkenntnis. Als Statement. Bekömmlich blieben die Songs weiterhin, aber ihre Erzählungen erhielten mehr Gewicht, Pierce als Erzähler mehr Plausibilität.

Auf dem neuen Album „Brutalism“ hat sich Pierce mit dieser neuen Narration endgültig eingespielt und neun leichtfüßige wie beunruhigende Songs geschaffen, die vom Leben als schwuler Mittdreißiger in der Großstadt erzählen. Er findet sich genau dort wieder, irgendwo zwischen Discobeats und dem Gedanken, sesshaft zu werden, den endlosen Versprechen der Dating-Kultur und dem immer noch pochenden Scheidungsschmerz. Doch statt das urbane Leben zu theoretisieren, wird Pierces textliche Stärke dann ersichtlich, wenn er beispielsweise in der Single „626 Bedford Avenue“ genau diesen Themenkomplex achtlos herunterbricht:

„626 Bedford Avenue /
I think I regret that night of kissing you /
I should have left when you laughed at my shoes (But I keep on coming back)“

Das ist irgendwie traurig und witzig zugleich und viel wichtiger als das, es spricht eine Wahrheit daraus. Es tut dann fast schon weh, wie Pierce in der Selbstmitleidshymne „Loner“ die Zeilen „You said you could cum and I said I could too / I wish there was more between me and you / I want love, I want love, i want love“ singt. Nicht weil es ordinär klingt, was es natürlich auch tut, sondern weil es so kompakt die Unmöglichkeiten der digitalen Liebessuche auf den Punkt bringt. Behutsam möchte man ihm ein leises „Du auch?“ zuflüstern.

Dasselbe Prinzip scheint auch für die Musik auf „Brutalism“ zu gelten: das Schlagzeug knüppelt sich unaufhörlich ins Tanzbare, die Gitarren klirren unentwegt wie Blechdosen. Spaßig ist das, aber nicht die Hauptsache der Band. Und auch nicht wirklich einer Kritik wert. Was The Drums im Jahre 2019 spannend macht, ist nicht mehr der ehemalige Retro-Anstrich oder die musikalische Güte der Songs. Was sie heute spannend macht, ist, wie es Jonathan Pierce geschafft hat, seine alternde Band vor der eigenen Irrelevanz zu bewahren, indem er ihr und sich endlich eine eigene Erzählung zutraut. „Brutalism“ ist das neueste Resultat dieser charmanten bis wahnhaften Erzählung, ein Tagebuch, an Stellen schmerzhaft banal und dann wieder so unendlich tröstlich, dass man meinen könnte, es wäre das eigene.

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