Record of the week

Kurt Vile „(watch my moves)“

16. Mai 2022,

Kurt Vile
(watch my moves)

Musik, die so flüssig klingt wie der Klang eines kleinen, ruhig dahinfließenden Baches: Auf Kurt Viles neuem Album „(watch my moves)“ bleibt alles glücklicherweise beim Alten, in gleich doppelter Hinsicht. Einmal natürlich, weil Kurt Vile für eruptive Genrewechsel ungefähr so bekannt ist wie Harald Glööckler für schlichte und dezente Outfits. Wer Vile einmal gehört hat, wird ihn von da an immer erkennen, sobald er irgendwo erklingt. Böse Zungen würden ihm das wohl als Schwäche, da zu berechenbar auslegen, doch seien wir ehrlich: Was ist heute provokativer als die Geste, stoisch am Bewährten festzuhalten? Überdies ist Vile einfach zu versiert und stilsicher in dem, was er tut, um sich mit unnötigen Experimenten abzugeben. Die zweite Bedeutungsebene des Alten bezieht sich auf die Tatsache, dass Kurt Vile mit seiner Musik eine Art Eremit in der gegenwärtigen Kulturlandschaft darstellt. Sein Sound, der stark geprägt ist vom Folk Rock der 1970er Jahre, kommt derartig weltabgewandt daher, dass man sich fragt, ob Vile sich in seinem Leben wohl schon einmal in die Untiefen des Virtuellen Webs begeben hat.

Wobei, Weltabgewandt trifft es dann vielleicht doch nicht ganz: „Meine Lieblingsbeschäftigung ist es heutzutage, morgens nach dem Frühstück am Fenster zu sitzen, Kaffee zu trinken, zu lesen und Sun Ra zu hören, während die Sonne durch die Bäume des Waldes scheint“, erzählt er in der Albuminfo zu „(watch my moves)“. Zivilisationsabgewandt trifft es daher wohl eher, wenn er daraufhin hinzufügt, dass er die letzten zwei Jahre mehr oder weniger in diesem Modus hat verstreichen lassen. Nun, diese Art von Lebensstil muss man sich natürlich auch erst mal leisten können. Aber da Vile sich in den letzten 10 Jahren den Ruf erarbeitet hat, der ungeborene Sohn aus der nie geschlossenen Ehe zwischen Neil Young und Bruce Springsteen zu sein, hat er diesbezüglich vielleicht ausgesorgt. Das gibt ihm die künstlerische Freiheit, Wochen und Monate am Fenster zu sitzen und Songs zu schreiben, die sonst keiner so schreiben kann, und das hat er sich verdient. Und wir uns übrigens auch. Neil Young und sein Klassiker „Heart of Gold“ wird dann auch gleich mal im Eröffnungsstück „Goin on a Plane Today“ erwähnt („Listenin to „heart of gold“/ Gonna open up for Neil Young“). Und auch Springsteen wird gewürdigt, wenn im 13. Track des Albums dessen Klassiker „Wages of Sin“ kurzerhand in ein originäres Vile-Stück verwandelt wird.

Minimale Veränderungen gibt es dann aber doch: So kommt der Synthesizer – bisher eher spärlich eingesetzt im strukturkonservativen Vile-Universum – deutlich häufiger zum Einsatz. Rockigere Stellen, auf dem 2018er Vorgänger „Bottle it in“ noch prominenter vertreten, findet man auf dem neuen Album nur noch wenig – „Fo Sho“ stellt dabei mit seinem verzerrten Riff eher eine Ausnahme dar. 17 Tracks und eine Spielzeit von knapp 75 Minuten umfasst „(watch my moves)“. Nervöse, im Sekundentakt auf ihr Smartphone starrende Zeitgenoss:innen wird diese Platte wohl gänzlich unverstanden zurücklassen. Denn sie versprüht das Gegenteil der omnipräsenten Hypernervosität des Spätkapitalismus: Sie ist gänzlich unaufgeregt, unprätentiös und auf eine irgendwie charmante Art langweilig. Lässt man sich darauf ein, wird man mit dem gegenwärtig vielleicht kostbarsten Gefühl belohnt: Einer inneren Ruhe, die sich temporär von Raum und Zeit emanzipiert und vergangene wie sich bereits anbahnende Sorgen für einen flüchtigen Moment auszublenden vermag. Kann man von Musik mehr erwarten?
Text: Luca Glenzer

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