Drones over Heidelberg mit Anja Lechner, Björn Meyer und Michele Rabbia, Betriebswerk, 03.10.2021

„Den Puls gibt es schon, nur eben soviel langsamer, als das man ihn zeitlich an etwas festmachen kann“


Mit Drone assoziierte Musiker:innen wie Pauline Oliveros, Yosi Wada und Charlemagne Palestine gehören heutzutage ebenso zum Kanon der experimentellen Musik wie das Wissen um Drone-Einflüsse im Krautrock, Psychedelischer Musik, Shoegaze, Ambient, Minimal Music, Drone Metall und Field Recordings. Man kann durchaus sagen, dass Drones in den letzten Jahren eine gewisse Hipness anhaftet. Mit dem positiven Nebeneffekt, dass sie auch abseits der erwartbaren Zusammenhänge auftauchen.

So schätzt Rainer Kern, Festivaldirektor von Enjoy Jazz, Drone Musik für ihren „ausgesprochen demokratischen und egalitären“ Charakter, da sie „auf Basis von theoretisch zahlenmäßig unbegrenzten, vorgefertigten Versatzstücken von jedem, auch von Nicht-Musikern, kreiert werden“ können. Daraus entstand der Impuls zu „Drones over Heidelberg“, einem angenehm unprätentiösen Performance-und-mehr-Projekt von Enjoy Jazz, zu dem die Besucher:innen im Vorfeld über eine Ausschreibung selbst Drones beisteuern können.

Für die Live-performance im Betriebswerk Heidelberg hat Rainer Kern die Cellistin Anja Lechner und den Bassist Björn Meyer erneut eingeladen, nachdem die beiden bereits im vergangenen Jahr mit dem Projekt „Bordun in Motion“ gezeigt haben, welche begeisternden Momente von Drones ausgehen können. Diesmal präsentieren Lechner und Meyer ihr Programm “Far Side” zusammen mit dem italienischen Perkussionisten Michele Rabbia und der Lichtdesignerin Lena Schmidt.

Thomas Venker hat Anja Lechner und Björn Meyer schriftlich befragt. Die Antworten wurden anschließend zusammen montiert.


Anja, Björn, könnt Ihr Euch an die erste Drone Aufnahme erinnern, die ihr gehört habt?

Anja Lechner: Ich glaube, ich habe noch überhaupt keine „Drone Aufnahme“ gehört. Was ist das überhaupt? 
Ich kann mich allerdings gut an den Moment erinnern, als ich als Kind zum ersten Mal verstanden habe, was ein Orgelpunkt ist. Das war im Präludium der 3. Suite für Cello solo von J.S. Bach.

Björn Meyer: Nein, aber die Funktion von Drones – oder wohl eher Bordun-Klängen – hat mich schon sehr lange und durch alle musikalischen Stilrichtungen fasziniert. Als Kind im Knabenchor, gemeinsam einen Ton singend und gleichzeitig den Obertönen im Kirchenraum lauschend. Später beim Hinterfragen der Funktion von Drone/Bordun in der skandinavischen, indischen, persischen, gregorianischen Musik-Tradition: Was bleibt wenn die Melodie weg ist?

Was fasziniert Euch an Drone Sounds?

Anja Lechner: Ich finde es zuweilen spannend, Musik über einen Bordunton aufzubauen, ihn aber auch zu verlassen, zu verändern um wieder zurück zu kehren.

Björn Meyer: Es passiert nichts, aber sie wandeln sich stetig. Sie erlauben einen ruhigen und gleichzeitig wachen Zustand, ohne pausenlos neue Informationen zu liefern. Sie öffnen dem kreativen Instinkt Türen und bieten Platz für Ideen und aktives Mitgestalten – ohne etwas „machen“ zu müssen. Sie erlauben das Erleben von Zeiträumen im Inneren und Äusseren. Im Inneren ganz in einen Klang versunken, bemerkt man plötzlich, dass dieser sich verändert hat, die Zeit ist vergangen ohne “Zeitmessgerät” in Form von zum Beispiel Songstruktur oder rhythmischen Patterns. Den Puls gibt es allerdings schon, nur eben soviel langsamer, als das man ihn zeitlich an etwas festmachen, oder deutlich wahrnehmen kann.

Welche mit Drone arbeitenden Musiker:innen findest du besonders inspirierend? Und warum?

Anja Lechner: Als ganz besonders empfinde ich die traditionellen armenischen Melodien, wenn sie von zwei Duduk-Spielern vorgetragen werden. Der Gesang des ersten Duduks kann sich nur deshalb so gut entfalten, weil der zweite Spieler durch Rundatmung einen endlosen Bordun-Ton hält. In diesem Zusammenhang habe ich auch die Musik von G.I. Gurdjieff entdeckt, und diese zuerst mit Vassilis Tsabropoulos und seit zehn Jahren zusammen mit François Couturier ausgelotet.

Björn Meyer: Jon Hassel ist seit langer Zeit gesamtmusikalisch eine große Inspiration, der Klang des Instruments und die Symbiose mit Elektronik.
Kali Malone – derer Klang des Instruments und ihre Art Melodien zu „denken”.
Don Li – er spielt und schreibt Musik in der jedes einzelne Element das Ganze beinhaltet.
Zimoun – zum Beispiel seine faszinierenden “Mikroskopien”-Klänge, in die Länge gezogen, verlangsamt, über einander gelagert.

Ich habe gerade ein Seminar gegeben, wo es unter anderem um „Inside The Dream Syndicate Volume I: Day Of Niagara“, das legendäre Album von John Cale, Tony Conrad, Angus MacLise, La Monte Young und Marian Zazeela von 1965 ging. Der Rolling Stone schrieb damals „In the beginning there was the Drone“. Daran anschließend die Frage, ob es eine Art Urmusik für Euch ist?

Björn Meyer: Interessant, diese Aufnahme muss ich hören!
Es ist keine Urmusik für mein Verständnis. Ein Urklang vielleicht, aber dafür ist Musik wohl ein relativ neuer Begriff. Da gehören für mich als wichtige Anteile auch zum Beispiel Rhythmus, Herzschlag, Bewegung und Melodik als Träger von Inhalten und Funktion dazu.
Ich sehe es eher so, dass “der Klang” (Drone, Bordun, Schwingung, Frequenz, das “Oum”) uns schon seit dem Urknall stark beeinflusst, und dass ein Klang — in Form eines Borduns — uns die Möglichkeit gibt, uns auf eine Art Urzustand zurück zu besinnen, welchen wir vermehrt vermissen.

Muss Drone Musik minimalistisch sein?

Anja Lechner: Musik „muss“ gar nichts.

Björn Meyer: Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, was „Drone Musik” als Musikstil eigentlich kennzeichnet. Wenn ich daran denke, dass zum Beispiel der Klang des Meeres, eines Gewitters oder des Windes in den Bäumen eines Waldes — alles Geräusche, die aus sehr vielen einzelne Komponenten bestehen — oft als “Drone” aufgefasst wird, muss es ja nicht minimalistisch sein.
Es scheint mir, als ob Musik, die mit Drones arbeitet, oft als minimalistisch bezeichnet wird, da sie weniger offenbar mit verschiedenen, gängigen Elemente umgeht. Wenn mich aber ein Drone wirklich berührt, ich unter der Oberfläche genau zuhöre, sind es immer sehr reiche, komplexe, genau gestaltete und ausgewählte Klänge, die diese scheinbar einfache Einheit ausmachen.

Drone Musik ist keineswegs eine rein avantgardistische Angelegenheit. Man findet Drone Sounds in vielen traditionellen Musiken auf der ganzen Welt, man denke nur an die Didgeridoo Musik in Australien, an Gagaku in Japan oder Pibroch Piping in Schottland. Gibt es da eine Spielart, die für Euch besonders spannend ist?

Anja Lechner: Ich hatte das Glück, dass ich schon mit 15 Jahren mit Jan Polasek einen Cello-Lehrer hatte, der das Suchen nach dem eigenen Klang, als die wichtigste Aufgabe an seine Schüler weitergab. Seitdem befasse ich mich mit Klangfarben, um der entsprechenden Musik den richtigen Ausdruck zu verleihen.

Björn Meyer: Als Zuhörer finde ich den Einsatz von (Begleit)-Duduks in der armenischen Musik, oder die Funktion von Harmonium und Tanpura in der Musik aus Indien oder Tibet sehr inspirierend. Als Musiker habe ich einige Spielarten studiert, um das Klangspektrum meiner Bassgitarre erweitern zu können. Im Normalfall wird mein Instrument gezupft, das heißt der Ton wird einmal im Gang gesetzt und danach kann man ihn eine kurze Zeit gestalten – zum Beispiel als Vibrato — oder ihn einfach ausklingen lassen. Um den Ton mehr gestalten zu können und länger klingen zu lassen, ihn zu einer Drone / Bordun werden zu lassen, habe ich unter anderen von der persischen “Strumming”-Technik, bei Setar / Tar / Tanbur oder der Bogenführung der schwedischen Nyckelharpa Inspiration geholt. Daraus sind Techniken entstanden, die es mir ermöglichen, den Anschlag weich und den Ausklang unendlich zu gestalten.

In welchem Verhältnis stehen die Drone Sounds zu den Sounds der anderen Instrumente für Euch?

Anja Lechner: Schön ist es, wenn ein Dialog entsteht – Ein- und Ausatmen – mit der Musik, mit mir selbst, mit meinen Mitspielern, oder eben manchmal auch nur mit einem einzigen Ton.

Björn Meyer: Sie können – je nach Situation – Boden, Wände, Dach, Beleuchtung, Klimaanlage oder auch Tanzpartner sein. Zusammengefasst: ein wichtiger Teil der Architektur der Musik. In den besten Fällen auch ein sich zwischen Mikro- und Makro- bewegender Kosmos. In sich komplett, aber jederzeit offen für Neues.

Was mich zum Auftritt in Heidelberg bringt. Wie geht ihr an diesen heran?

Anja Lechner: Björn und ich werden vorher zusammen die Struktur des Abends entwickeln, miteinander proben, ausprobieren und wenn dann Michele Rabbia dazu kommt, wird es sicher anders 🙂

Björn Meyer: Um gemeinsam einen spannenden, bewegenden und inspirierenden Drone live zu kreieren braucht es— wie für jedes andere Konzert auch — eine sehr sorgfältige Vorbereitung. Wir werden, jeder für sich, aber auch zusammen, wohl viel Zeit für die Auswahl der Klänge aufwenden. Dazu kommt natürlich hier auch das “Unbekannte” der zugespielten Drones aus der Ausschreibung. Das Konzert können wir nicht im klassischen Sinne planen, da vieles Improvisiert sein wird und dann erst dort im Raum und im Verlauf des Abends entstehen wird.

Es gibt da ja einen Wettbewerb , aus dem sich eine Drone-Soundbank speisen wird.

Anja Lechner: Die Klänge werde ich mir zusammen mit Björn anhören und dann sehen wir weiter.
Björn Meyer: Die ausgewählten Drones werden in eine Klang-Bibliothek eingespeist. Diese können wir dann während des Konzerts spontan mitspielen lassen, wie jeden anderen Klang auch. Diese Klänge können uns auch überraschen und — hoffentlich — zu etwas ganz Neuem inspirieren.

Vom Drone als Sound ist es linguistisch nicht weit zur Drohne. Was bedeutet es für den Drone als Musik, dass die meisten Menschen heutzutage andere Assoziationen dazu haben?

Anja Lechner: Ich habe tatsächlich einmal bei einem Open-Air-Konzert eine Drohne erlebt. Sie kreiste plötzlich ganz nah und ziemlich laut über unserer Bühne. Sehr störend und unheimlich…

Björn Meyer: .. das ist wirklich bedauerlich. Aber ich möchte doch an die Fähigkeit der Menschheit glauben, diese Begriffe auseinander halten zu können.

Man denke auch an „Drone bomb me“ von Anohni als Song.

Björn Meyer: Diesen Song kenne ich nicht. Leider wohl eine Realität für allzu viele Menschen, die mit dieser Gefahr leben müssen.

Was mich noch interessieren würde, wie positionierst Ihr das Verhältnis von Drone zu Soundeffekten wie Feedback oder WahWah, sind das für Euch h letztlich auch Drone-Spielarten?

Anja Lechner: Ich denke immer nur an Musik. Klang allein und eventuell auch Effekte sind noch keine Musik.

Björn Meyer: Es gibt durchaus Musiker:innen die mit Feedbacks und ähnlichen arbeiten und dadurch sehr spannende, auch Drone-Welten, aufbauen. Für mich sind solche Effekte wie auch die Elektronik, jedoch einfach weitere Ausdrucksmöglichkeiten. Damit können sowohl Bordun-Klänge erzeugt werden, aber auch ganz etwas anderes – so wie mit jedem Instrument auch.

Von Drone ist es auch nicht weit zu Field Recordings, zum einen klanglich gesprochen, aber eben auch im Sinne der Inspiration, man denke nur an La Monte Young, der das Geräusch des Windes als frühe Drone-Erfahrung bezeichnete. Wie empfindet Ihr eine solche Zuordnung?

Anja Lechner: Das Geräusch des Windes kann Musik sein, muss es aber nicht. Wind und Luft im Klang meines Spiels, die Bewegung der Melodien in Wellenform, sind für mich die Grundlage.

Björn Meyer: Ja, die Natur ist voller Wunder und Inspiration – für mich ist ganz klar, dass hier einiges an Drones vorhanden ist.

Ihr wart im vergangen Jahr bereits mit dem Projekt „Bordun in Motion“ beim Festival vertreten. Wie waren diese Erfahrungen?
Gibt es Ableitungen vom damaligen Auftritt für dieses Jahr?

Michele Rabbia

Anja Lechner: Dieses erste Konzert war eine spontane Konzerteinladung von Rainer Kern gewesen, nachdem er meine Klangschichtungen über einen Ton in der Bibliothek des „Orbital Garden“ entdeckt hatte. Ich selbst hatte nie an einen öffentlichen Auftritt in diesem Zusammenhang gedacht.
Während des ersten Lockdowns hatten Björn Meyer und ich nach Musik gesucht, die zu einem Cello und einem E-Baß passen könnte und sind dabei sehr fündig geworden. Deshalb wollte ich dieses Experiment gerne mit ihm zusammen gestalten. Dazu haben wir dann die Idee des „Bordun in Motion“ entwickelt.
Jetzt hat Rainer uns zum zweiten Mal eingeladen, mit der Bitte uns nochmal mit dem Bordun auseinanderzusetzen. Wir möchten unser Klangspektrum diesmal durch rhythmische und elektronische Impulse erweitern, dazu haben wir Michele Rabbia eingeladen, den wir beide sehr schätzen.

Björn Meyer: Für mich war es ein ganz großes Erlebnis gemeinsam mit Anja Lechner dieses Abenteuer im Gang zu setzen. Ein Publikum zu erleben, das so konzentriert und fokussiert ist auf die kleinsten Nuancen im Klang, war etwas sehr Besonderes.

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