FUNKT sound  art  radio – Interview mit Georg Dietzler

„Wie können wir ohne Live-Konzerte den Kölner Elektronik- und Klangkunst Szenen Gehör verschaffen?“

Noise Music Bangalore-Bang (Photo: Peter Simon)


Vom 16. bis 18. April findet das FUNKT sound  art  radio statt, ein von Georg Dietzler und seinem Team konzipiertes 53-Stunden-Radioprogramm mit Fokus auf die Kölner Elektronik- und Klangkunstszene. Einerseits eine Reaktion auf die Pandemie und der Versuch ein reales Festival digital im Radioformat abzubilden, andererseits aber auch ein darüber hinaus gehendes Experiment mit dem Format Radio.

 

Georg Dietzler (mit Phill Niblock)

Georg, was bedeutet dir Radio? Hast du eine besondere Beziehung zu dem Medium?

Radio ist eng verbunden mit meiner Kindheit in einem Dorf in der Pfalz. Es war ein Fenster in die Welt, die dort gehörten Hörspiele haben mein Bruder und ich mit dem Großvater mütterlicherseits in eigene Tonband-Hörspiele und Normal 8 Filme umgesetzt, es war etwas anderes als die klassischen Konzertbesuche des Großvaters und die Geschichten seiner Kindheit in Brasilien. Später, als ich zwischen 1968 und 1980 in Dortmund lebte, konnte ich auch vieles, was es musikalisch oder als Hörspiel nicht in der Stadt gab, im Radio entdecken. Das ging so weiter in jedem Land in dem ich gelebt habe. Im Lauf der Jahre konnte ich aufgrund der unzähligen Radioreformen immer weniger entdecken, Nischenformate wurden immer seltener oder eingestellt, diese finde ich meist nur noch bei Internet-Sendern. Noch immer höre ich sehr häufig Radio.

Das FUNKT sound  art  radio ist in seiner Genese eine Reaktion auf die Pandemie. Kannst du ausführen, wie das Team um dich herum, das aus Anke Eckardt, Claudia Robles, Dietmar Bonnen, Dirk Specht und Felix Knoblauch besteht, den Transfer vom real geteilten Konzertraum hin zum Äther angegangen seid?
Im Raum stand die Frage: Wie können wir ohne Live-Konzerte den Kölner Elektronik- und Klangkunst Szenen Gehör verschaffen? Seit Spätsommer 2020 haben wir Ideen dazu ausgetauscht, daraus ist FUNKT sound art radio entstanden. Es kann Live-Konzerte nicht ersetzen – und ist doch eine Chance gehört zu werden.
Für mich ist es eine Entdeckungsreise, welche Möglichkeiten Web-Radio öffnet, es geht um mehr als die Frage, wie erreichen wir auch die Zuhörer:innen, die weit weg leben und aktuell nicht hierher reisen können – durch mein internationales Netzwerk erreichen wir mit FUNKT mehr Zuhörer:innen als durch ein „Live Festivalformat“. Zumal die FUNKT sound art radio Reise weiter geht: mal komplett, mal sind es nur einzelne Programmteile die wieder gesendet werden. Leider konnten bedingt durch die Pandemie die geplanten kleinen Live Konzerte im FUNKT Radio nicht umgesetzt werden. An sich präsentiere ich einen Mix von regionalen bis internationalen Künstler:innen, diesmal war es situationsbedingt wichtig sich auf die lokalen Aktivitäten zu konzentrieren.

Danse Russe, Video-Still von Jan Verbeek & Rochus Aust

Inwieweit siehst du Gemeinsamkeiten / Unterschiede zwischen der Programmierung für ein Festival und einem Radioprogramm?
Für mich gibt’s kaum einen Unterschied: in beiden Fällen mache ich Musik- und Klangkunst Angebote. Der Ausgangspunkt ist immer ein Konzept, das ich im Austausch mit anderen setze. Danach wird geklärt welche Künstler:innen möchte/kann ich dafür gewinnen, wie kann ich den Zuhörer:innen ein vielfältiges Programm bieten. Der große ungewohnte Unterschied besteht für mich darin, dass ich bei einem Festival den Zuhörer:innen begegne, ihre Reaktionen ungefiltert erlebe, unmittelbar deren Rückmeldungen bekomme, im Radio nicht.

Der rote Faden der Programmierung ist die Konzentration auf Protagonist:innen und Inhalte der Kölner Musikszene für elektronische Musik und Klangkunst. Was ist deine persönliche Geschichte mit dieser Szene?Dazu muss ich weiter ausholen: Anfang der 80er kam ich mit der Berliner Klangkunstszene in Berührung, 1984 präsentierte ich mein erstes Festival für Klangperformance und Klanginstallationen in Münster. Im Anschluss während zweier sehr prägenden Jahren in Paris und vielen audio-visuellen Präsentationen, die ich im Centre Georges Pompidou in mich aufgesogen habe, zog ich 1987 nach Köln. In Köln begab ich mich auf die Suche nach solchen Programmen, es gab immer mal wieder Berührungspunkte zu den Kölner Musik- und Klangkunst Szenen, ich war aber mehr international unterwegs als Bildender Künstler. Wo immer ich war, sofern es die Zeit zuließ, hab ich mir experimentelle, auch audio-visuelle Musikprojekte und Klangkunst angeschaut.
Lang war ich nur Zuschauer und Zuhörer. Erst Mitte der 90er fing ich an in Köln zu präsentieren, ich könnte mehr darauf eingehen, wer in den 80ern/90ern für mich interessante Programm präsentiert hat. Im Lauf der Zeit und besonders über meine kuratorische Arbeit für die von mir mit konzipierte Klangkunst-Galerie Rachel Haferkamp wurde ich immer mehr Ansprechpartner und jemand der mit Künstler:innen zusammen Sound-Art-Formate ausgearbeitet hat – auf Haferkamp als Treffpunkt und Ideenschmiede werde ich immer wieder angesprochen –, fühle mich aber wohl „nomadisch“ arbeiten zu können. Anfang der 2000er gab es mehrere Initiativen für experimentelle Musikprojekte und Klangkunst im Eigelstein- und Agnesviertel, mit denen ich im intensiven Austausch stand. Zwar gibt es am Ebertplatz Off-Räume, mit denen eher gelegentlich ein Austausch stattfindet, gemeinsame Festivalformate, von mir initiiert, konnten aber nicht weitergeführt werden. Neben den bekannten internationalen Künstler:innen war es für mich wichtig Künstler:innen aus der Region vorzustellen, die ich davor noch nicht kannte, die ich in Köln unter anderen an der KHM weiterhin entdecke. Kölner Akteur:innen fehlt das „Berliner“ Selbstverständnis – schaut was es in dieser Stadt alles gibt. Vieles in Köln bleibt im KleinKlein, wird wenig von der Öffentlichkeit wahrgenommen, allein weil die entsprechende Öffentlichkeitsarbeit vernachlässigt wird.

Studio Elektronische Musik des WDR (Photo: Daniel Mennicken)

Ich weiß, die Auswahl ist immer ein schwieriger Prozess, aber dennoch würde mich interessieren, auf welche drei Programmpunkte du dich persönlich am meisten freust und warum?
Zuallererst freue ich mich, dass es gelungen ist 53 Stunden non-stop präsentieren zu können in dieser Bandbreite und Qualität, gesendet in Zusammenarbeit mit dem renommierten Resonance Extra WebRadio. Es war eher schwierig, wen kann ich dieses mal nicht präsentieren, es sind vielleicht 15-20 % derjenigen im FUNKT Programm, die es in Köln gibt.
Auf Projekte, die mich überraschen, freue ich mich besonders, dazu gehören Künstler:innen, die ich erstmals eingeladen habe, wie die noch nicht lang in Köln lebende Indische Elektronik Musikerin Bidisha Das, mit der es einen sehr intensiven Austausch gibt, der zu weiteren Zusammenarbeiten 2021 führen wird. Das psychoprovokative Hörspiel von Viktoria Gurtovaj & Bob Humid – kein Schimmer was mich erwartet und darauf freue ich mich. Aber auch auf den zweistündige Musikrückblick von Frank Dommert über „Pre-Noise of Cologne / Auf Spurensuche in 50 Jahren experimenteller & elektronischer Musik aus dem Rheinland (1957-2007)“ – vieles werde ich davon noch nicht bewusst gehört haben.

Ihr habt Euch dazu entschieden, mit den Radiofestivalmachern Sarah Washington und Knut Aufermann (Radiorevolten Festival 2016 + Mobile Radio) zu kooperieren. Warum?
Radio ist für mich und die anderen ein neues Feld, mir war es daher sehr wichtig erfahrene Kooperations-Radiopartner:innen, wie Sarah und Knut, dabei zu haben. Ideen entwickeln ist eine meiner Stärken als Künstler-Kurator, für die technische Umsetzungen hole ich mir immer erfahrene Expert:innen, denen ich vertraue. In Köln gab’s niemand mit dieser Erfahrung. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk arbeitet in anderen Strukturen, also musste es jemand sein mit Erfahrung in alternativen Radioformaten, aber auch jemand, der ein Verständnis für sound art, und Radiokunst hat. Solch umfangreichen Projekte kann ich nur umsetzen, wenn ich in Teilbereichen entlastet werde, durch Personen, die genau wissen, was, wann, wie zu tun ist.
Sarah & Knut kenn ich seit 2004, damals hab ich sie mit resonance.fm in der Galerie Rachel Haferkamp in einem Konzert vorgestellt, seit dem sind wir immer wieder in Kontakt, 2010 konnte ich sie wieder nach Köln zu art special: Hansa einladen. Wir begegnen uns immer wieder, verbringen gelegentlich Zeit bei Festivals.

Zwischen Mai und August geht ihr in Ergänzung zu dem April-Radiowochenende regelmäßig auf  674FM auf Sendung. Was kannst du über das Narrativ dieser Sendungen bereits verraten?
Bei 674FM wird es jeden 2. & 4. Dienstag zwei Stunden, von 16 – 18 Uhr, vertiefende Programme geben, live Gespräche mit Gästen und kleinen Konzerten aus deren Studio. Immer zwei Gastgeber greifen Themenkomplexe aus FUNKT sound art radio auf, unter anderen Inhalte, die ich für eine internationale Zuhörerschaft weniger geeignet finde, aufgrund der Sprachbarrieren. Themen und Gespräche, die für den Diskurs über Köln hinaus relevant sind, werden in den 674FM Sendestunden behandelt, mit entsprechend vielen Musikbeispielen.
Die Dinge entwickeln sich ständig weiter, seit dem 1.April (kein Aprilscherz) ist es bereits mehr als nur 674FM, wo einige Kölner Akteur:innen feste Programmplätze haben. Mit Radio On aus Berlin spinne ich Ideen weiter. Auffällig finden wir, dass es nach den vielen Radiofestivals meist keine Fortsetzung gibt, das wollen wir mit FUNKT sound art radio ändern. Beide Seiten, Radio On und ich, sind offen für einen monatlichen, oder unregelmäßigen Klangbericht aus Köln, einem Feature für Radio On. Es bleibt spannend, was sich aus FUNKT sound art radio noch alles ergibt. Stay tuned at https://gerngesehen.de/funkt

Sebastian Thewes (Copyright: Artist)

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