Christoph Narholz: Flanieren durch die ultimative Gegenwart

Christoph Narholz (Photo: Joe Miletzki)
Caledonian Soul im MÄRZ Verlag: Warum Christoph Narholz’ neue Texte wie ein „Astral Weeks“ der Literatur klingen und wie er aus dem digitalen Rauschen von Instagram eine neue Politik des Schönen destilliert.
ein Text von Kersty Grether
Stell dir vor, Van Morrison und eine Philosophin des Schönen sitzen gemeinsam in einem Tankstellencafé im Salzkammergut und sprechen über die Keller Europas, während draußen die Weltgeschichte in den Rückspiegeln von Sattelschleppern schimmert. Dann bist du vielleicht schon mittendrin in einem typischen Szenario von Christoph Narholz. Er besitzt die seltene Gabe, tausend Jahre Geistesgeschichte im Gepäck zu haben, während er gleichzeitig dem Rascheln eines Gebüschs lauscht. Seine Texte sind oft schlendernd, dabei so verblüffend wahr wie literarisch – beinahe wie ein „schön sehendes Singen“.
In „Kurze Schilderung des Tags meiner Geburt“ aus „Wide Bodied Jets“ (erschienen 2025 im MÄRZ Verlag) stellt er sich vor, wie Van Morrison am Küchentisch einer Bostoner Hinterhauswohnung die Songs für „Astral Weeks“ schrieb. Möglicherweise ist Narholz’ außergewöhnlich starke Sammlung „Kurzer Geschichten“ sein eigenes „Astral Weeks“. Über das Album von 1968 heißt es, es sei ein hypnotisierendes „Gemälde aus Klang“; „Wide Bodied Jets“ ist ein Gemälde aus Worten.
Während die Welt im Lockdown erstarrte und die riesigen Jets am Boden blieben, startete Narholz eine Reise ins Innere: eine literarische Flugschneise durch das kollektive Unbewusste, eine „Reisejournaille“ im besten Sinne, die Areale kartografiert, die wir selbst nie erreichen könnten. Dabei erschrecken uns seine Texte auch; sie lassen uns Tod und Furcht spüren – mitten in der Ukraine-Krise oder während Corona – und bleiben dabei so radikal lebendig, dass jede Katze auf dem Bordstein zur philosophischen Instanz wird. Man will das alles lesen und wissen, weil man beim Lesen spürt: Wenn ich es hier nicht erfahre, entgeht es mir für immer, man wäre schlicht selbst nicht darauf gekommen. Christoph ist einer jener Autoren, denen man mit atemlosem Staunen folgt (auch wenn man ihn persönlich schon seit Jahren kennt).
Die Philosophie des Augenblicks: Der Tag der Geburt
In dem sensationellen Text über den Tag seiner Geburt dekonstruiert er diesen für ihn so besonderen Moment mit viel hintergründigem Soul. Er fragt nicht nur nach dem Wetter, sondern erkundet gut gelaunt und aufgeräumt die „brizzeligen“ Fakten des Zeitgeschehens. Ja, es ist seine Zeit, in die er hier entlassen wird!
Der Text beginnt mit einem biografischen Staccato (Krankenhaus, Kaiserschnitt, Saugglocke), das die Unfreiwilligkeit der Geburt spiegelt. Man spürt das „Ziehen“ der Saugglocke förmlich im Satzbau. Doch dann weitet sich der Rhythmus: Sobald Van Morrison ins Spiel kommt, atmen die Sätze die kühle Märzluft ein und aus. Die Geschichte wird zum Panorama. Sie gewinnt einen Takt, der die Präzision eines Landeanflugs mit der Freiheit eines Spaziergangs kombiniert.
Narholz nutzt Begriffe wie „Aborte der Natur“ oder „Saugglocke“, um die Härte der Existenz zu markieren, nur um sie im nächsten Moment mit der „rätselhaften Aufgabe“ eines Überlebenden zu veredeln. Die Wendung, dass er „die ganze Hand in den Mund steckte“, hat mich in ihrer fast animalischen Unschuld besonders berührt. Das ist es, was ich mit „verblüffend“ meine: Christoph Narholz findet Wörter, die gleichzeitig klinisch exakt und zutiefst poetisch sind.
Während andere nur in Horoskopen lesen, fragt er: Welche Politik wurde in den Hinterzimmern der Intellektuellen gespielt? Welchen Akkord suchte Van Morrison in diesem Moment? Er verbindet die große Weltbühne mit dem kleinsten Farbfleck auf einer Kunststofftasse. Es ist diese, seine „paradiesische Anlage“ (wie soll man sie anders nennen?), die Aggression bannt und uns wie ein guter Song an die Hand nimmt – beruhigend und doch von etwas flackernd Beunruhigendem berichtend, wissend und doch völlig im Moment versunken.
Wenn Christoph Narholz schreibt, dann ist das literarischer Caledonian Soul, der zwischen dem Schmutz der Straße und der Unendlichkeit des Himmels pendelt. Er ist der Sehende, der genau weiß, welches Licht gerade fällt und was es von uns will, ohne dass er – oder das Licht – allzu konstruiert klingen. Dabei steckt sicher unfassbar viel Arbeit darin, es so leicht durchscheinen zu lassen.
„Und Sie, was machen Sie Schönes in Ihrem Leben?“ – ein wunderbarer Sinnspruch, den er für seine ausverkaufte Berliner Release-Party auf Flyer drucken ließ. Wer seine Lesung besuchte, durfte sich auf so manche Überraschung gefasst machen und sich dabei „wie am englischen Hof“ fühlen.
Natürlich muss man beim Lesen auch an Rainald Goetz denken: nicht nur wegen der nervösen, pop-affinen Gegenwärtigkeit, sondern weil es wenige Schriftsteller gibt, die dieses „Sich-Einschreiben“ in den Moment mit so leichthändigen und zugleich hochpolitischen Befunden der Philosophiegeschichte verbinden. Man muss dafür nicht protzen. Auch das ist intellektuelle Coolness. Manchmal erinnert er auch an Annie Ernaux – wegen des soziologischen Blicks auf die eigene Herkunft, der bei Narholz jedoch durch eine fast synästhetische Ebene (das helle Licht, der Schnee, die Musikaufnahmen des Vaters) transzendiert wird. Er blickt aus einer Schicht auf die Welt, die ihn motiviert, in scharfen Miniaturen die richtigen Fragen zu stellen oder Selbstgespräche zu führen: „Wie lebt man im reichen Westen, was für eine unerhörte Existenzweise ist das, welche Moral hält oder fordert sie?“
Christoph Narholz ist ganz klar einer, der die Grenzen zwischen Journalismus, Philosophie und Poetry verwischt. Ein Chronist des „Dazwischen“. Dort nimmt er alle Fäden auf; auch die sperrigen, die fast zu reißen drohen, und macht etwas daraus, das Bestand hat, ohne belehrend zu wirken. Man bekommt Lust auf diese Philosophien, weil man plötzlich fühlt, dass man selbst schon mittendrin stattfindet. Dieses „Deep-Scrolling-Denken“ war die ganze Zeit schon da, man hat es nur nicht sofort gesehen.
Ausblick: „KNISTER“
Narholz’ Wahrnehmung bekommt bald einen neuen Impuls – schon mal vormerken! Aus seinen dichten, fast rituellen Instagram-Notizen entstand das neue Werk „Knister“ (Notizen 1992–2025, Ein Jahr aus allen, März 2025 – Februar 2026), das bald ebenfalls im so legendären wie aufbruchslustigen MÄRZ Verlag erscheinen soll.
Gut also, dass der Autor ein Kind des März ist. „Das Jahr aus allen“ – eingefangen in jener „paradiesischen Anlage“, die selbst die Aggression der Welt bannt. Es erscheint am 25. Mai 2026 und setzt seine schön sehend singende Wahrnehmung fort. Aus dem digitalen Rauschen – nein, nicht mit der Saugglocke, sondern via Instagram auf die Welt gebracht – ist es ein Buch wie das Knistern im Radio zwischen zwei Sendern: genau dort, wo die Wahrheit liegt.
Aber jetzt erst einmal viel Spaß mit dem Tag von Narholz’ Geburt. Ein literarisches Ereignis, eine lebensfrohe Melancholie, die nicht schwerfällig ist, sondern hellwach, wie das Licht an jenem Märztag um halb sechs.
KURZE SCHILDERUNG DES TAGES MEINER GEBURT
Ich kam an einem windigen Märztag zwischen Regen und Schnee in München zur Welt. Meine Mutter befand sich im Krankenhaus, und die Sache gestaltete sich schwierig. Mein Vater war für Musikaufnahmen im Studio. Der Primar erbat am Telefon die Erlaubnis für einen Kaiserschnitt. Mein Vater beschied ihm, der Arzt sei er, was hätte in dieser Frage der Gatte zu ermessen? Ich wurde mit einer Saugglocke gegen meinen mit Händen und Füßen erklärten Willen und deutlich zu früh auf die Welt gebracht, so wie ich im Juni davor ohne meine Einwilligung gezeugt worden war. Mein Schädel war von dem Gerät verzerrt. Nach allgemeiner Ansicht war ich hässlich, und meine Haare waren rot. Sofort nach der Geburt habe ich nicht bloß den Daumen, sondern die ganze Hand in meinen Mund gesteckt. Es war halb sechs Uhr abends, eine Zeit, zu der im Frühjahr der Himmel schon wieder hell ist. In Boston schrieb Van Morrison am Küchen tisch einer Hinterhauswohnung die Songs für Astral Weeks. Über die Dörfer und Städte und Länder der Erde verstreut schrieben oder lasen die Autorinnen und Autoren, von denen ich schon bald hören und lernen sollte. Vielleicht machten sie auch gerade Liebe, oder tranken in einer Bar, oder gingen in ihren Vierteln oder auf Reisen ziellos herum. In Frankfurt und 148 München und Berlin studierte die außerparlamentarische Opposition ohne Kenntnisnahme durch meine Eltern die Texte der emigrierten marxistischen jüdi schen Philosophie. München war damals an Jahren etwa halb so weit vom deutschen Krieg entfernt wie ich jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, alt bin. Freddie Mercury war noch nicht in der Stadt, die Discos waren alle in Schwabing, auf den Autobahnen drehten die Wagen ihre Lichter auf, und der Schnee bedeckte in der kälter werdenden Luft die Schotterebenen der Isar, die Fröttmaninger Heide und noch weiter im Norden das Erdinger Moos, wo es damals keinen Flugplatz gab. Meiner Geburt vorausgegangen waren mehrere sogenannte Abgänge von Geschwistern, Aborte der Natur, von welchen Mädchen oder Jungen nichts weiter bekannt ist, als dass es ohne sie mich nicht gegeben hätte. In ihrer Reihe sehe ich mich als Überlebender mit einer so starken wie rätselhaften Aufgabe betraut.
Kurz-Bio: Christoph Narholz
Christoph Narholz (geb. 1968) lehrt an der HfG Karlsruhe und lebt in Köln. Er ist ein Meister der „Politik des Schönen“. Wie ein Jazz-Musiker improvisiert er über die Wirklichkeit, findet Liebe im Detail und die Ewigkeit im Flüchtigen. Er ist der Chronist, der das Blätterrauschen der Jahrhunderte im Kopf hat, während er die Welt durch das Fenster eines Hinterzimmers betrachtet. Auf Instagram kultiviert er diese Ästhetik des „Deep Scrolling“ als visuelles Tagebuch des Unscheinbaren, das den Alltagsmoment in ein „Knistern“ verwandelt.








