Festival Nachbericht

M for Montréal – Melancholische Euphorie im frühwinterlichen Montréal

Montréal zu besuchen, ohne den Mont Royal zu erklimmen – das wäre wie in Paris gewesen zu sein, ohne je nachts vom Montmartre auf die Stadt hinabzuschauen. Nur dass man in Montréal, der nach Paris zweitgrößten französischsprachigen Agglomeration der Welt (deren bilinguale Teilung bis heute – oder angesichts der aktuellen separatistischen Unterfangungen: wieder – für irritierende Momente sorgt; zum Beispiel, wenn bei Veranstaltungen partout kein Wort Englisch gesprochen werden will), eben tagsüber aufsteigt. Zumindest zu dieser Jahreszeit: vereister Boden, steiler Anstieg. 
Oben angekommen breitet sich die Stadt majestätisch unter einem aus, öffnet den Blick bis zum Sankt-Lorenz-Strom, der einem im Alltag der Stadt ansonsten nicht begegnet – ein Horizont, der eher gefühlt wird als dass man ihn tatsächlich mit den Augen aufnehmen kann. 

Über die Jahre war ich oft in Montréal: anfangs meist für das Mutek Festival, später auch fürs das Pop Montréal oder auf Tour mit dem Phantom Kino Ballett und Lena Willikens; irgendwann, als aus flüchtigen Begegnungen Freundschaften wurden, auch einfach so. Wer einmal hier war, weiß, wie schwer es ist, sich der Anziehungskraft dieser Musikcommunity und der unverstellten Herzlichkeit der Menschen zu entziehen.

 

Entsprechend oft stand ich schon auf dem Mont Royal: mal touristisch, mal sportlich, und gelegentlich zur ein oder anderen (Mutek-)Afterhour. Beim Stöbern nach Fotos für das Akufen-Stück unserer „25 aus 2000–2025“-Serie stieß ich kurz vor dem aktuellen Montréal-Trip auf Bilder aus 2003: Jon Berry (Force Inc.), Vladislav Delay, AGF, Mark Fell und ich in sattes Sommergrün gehüllt. Verrückt, dass das schon über 20 Jahre her sein soll. 
 
Ich muss an Ryuichi Sakamoto denken, der auf „fullmoon“ (auf seinem 2017 erschienenen Album „async“) den Autor Paul Bowles zitierte, der über die endliche Anzahl der Male nachdachte, in denen man bestimmte Dinge in seinem restlichen Leben noch tun wird.

Wie oft werde ich wohl noch oben auf dem Mont Royal stehen?

Der Autor und sein Kameramann

Bevor mich die Melancholie dieser Gedanken zu sehr nach unten zieht, steige ich lieber freiwillig wieder ab. Es ist schließlich später Samstagnachmittag, und es warten bereits die nächsten Showcases . Denn diesmal bin ich für das M for Montreal in der Stadt, ein klassisches kanadisches Showcase Festival, das in diesem Jahr bereits zum zwanzigsten Mal stattfindet. Die ersten drei Tage liegen hinter mir und haben mir die geradezu unheimlichen Talentdichte und offene Attitüde der lokalen Szene in Erinnerung gerufen.

M for Montreal / M for Mikey

Das 20-jährige Jubiläum des M for Montreal ist im Grunde eine Ode an den Artistic Director Mikey B. Rishwain: ein Mensch, der so viel Energie ausstrahlt, dass selbst Sekundenkleber seine Lippe nur wenige Millisekunden zuhalten könnte. Ständig redet, strahlt, vermittelt, übersetzt, verbindet er – als hätte er sich zum Zweck gesetzt, mit bloßer Begeisterung die Erdrotation einen Tick zu beschleunigen. 

Bereits das Festival-Opening am Mittwoch war ihm gewidmet: ein Panel mit Simon Raymonde (Bella Union), Azzedine Fall (Deezer), Jean-Philippe Sauvé (SODEC), Billy Eff (Rolling Stone), moderiert von Andrea Domanick (KCRW), bei dem alle ihre beste Momente mit Mikey aus den letzten Jahren in Erinnerung riefen. Bis zum späten Sonntagnachmittag, wenn er im Festivalhotel auscheckt, wird Mikey variantenreich das „M“ in M for Montreal neu definieren. 
Ich schwänze die traditionelle samstägliche Festivalbusfahrt, in deren Verlauf Mikey mit einem Megafon bewaffnet (für mich dokumentiert von Kaput-Autorin Aida Baghernejad) noch lauter als sonst die Stadt und ihre Protagonist:innen erklärt. Stattdessen gehe ich lieber allein den Berg hoch – der körperliche Akt passt einfach besser. 

Gegründet wurde das Festival 2006 von Sébastien Nasra und dem britischen Booker Martin Elbourne, ursprünglich als Sprungbrett für Québec-Talente Richtung internationale Wahrnehmung. Mittlerweile ist es ein Schaufenster kanadischer Musik jenseits der französischen Enklave und ein Treffpunkt der globalen Indie-, Pop- und Experimentalszene. An vier Tagen spielen 2025 über 80 Acts auf mehr als 15 Bühnen zwischen Plateau, Downtown und Mile End – ein dichtes Netz aus Konzerten, Begegnungen, Community-Einblick und Markausblicken.

„NEIGHBOURHOOD #2 (LAIKA)“

„… Our mother shoulda just named you Laika! / It’s for your own good, / it′s for the neighborhood! / When daddy comes home you always start a fight, / so the neighbors can dance in the police disco lights. / The police disco lights. / Now the neighbors can dance! / Look at ‚em dance. …“
(Arcade Fire: „NEIGHBOURHOOD #2 (LAIKA)“) 



Arcade Fires Klassiker „NEIGHBOURHOOD #2 (LAIKA)“ eignet sich als Einstieg in eine lose, unchronologische und stark subjektive Erinnerung an die musikalische DNA dieser Stadt. Auch wenn ich ziemlich sicher bin, dass ich den Titel früher falsch gelesen habe und er nichts mit der legendären Montréaler Bar Laika zu tun hat, deren Inneres sich in den Hey-Days von Micro-House Nullerjahren mystisch ins Dreifache zu dehnen schien. Hier residierte damals die Nordamerika-Filiale von Force Inc (Jon Berry als Außenposten) und Musikerinnen wie Steve Beaupré, Jeff Milligan, Mike Shannon, Deadbeat und Akufen schliefen praktisch in der Bar. Dokumentiert auf der Compilation „Montreal Smoked Meat“. 

Die bis heute am hellsten strahlende Platte aus jener Epoche bleibt jedoch Akufens „My Way“ (Mai 2002) – ein Werk, das Micro-House ins Cineastisch-Orchestrale hob. Alex Mayor hat es kürzlich für Kaput im Rahmen unserer „25 aus 2000-2025“-Reihe euphorisch wiederentdeckt.

Selbst Linus Volkmann, der sonst eher nicht dafür bekannt ist, seinen Körper zu Musik zu bewegen, ließ das montägliche Dosenstechen in der Intro Redaktion mal sein und sprintete stattdessen immer wieder zum CD-Player (Wir erinner uns: wir schreiben das Jahr 2002!), um „Even White Horizons“ erneut zu starten und wilde Pirouetten zu drehen. Eigentlich wollte ich Marc Leclair auch in Montreal treffen, aber leider ging sich das terminlich bei ihm nicht aus, für mich Anlass ein altes Interview endlich angemessen aufzubereiten.

Damals war Mutek das wichtigste Festival für elektronische Musik weltweit und Montréal das spannendere, zugänglichere New York. Force Inc war nicht das einzige Label, das sich vor Ort in jenen Tagen intensiv um Musiker:innen bemühte: Ninja Tune, Turbo, Bombay, Alien8, und natürlich Constellation. Die Liste der Musiker:innen, die die Stadt damals zum Melting Pot machten, ist immens lang, neben den bereits genannten seien auf jeden Fall noch Tim Hecker, Kid Koala und Tiga erwähnt.

Für mich persönlich war Constellation prägend: das 1997 von Ian Ilavsky und Don Wilkie gegründet DIY-Label löste das alte Versprechen eines identitätsstiftenden Biotops tatsächlich nochmals ein; zumindest für einige Zeit verschmolzen hier nochmals avantgardistische Klangräume und soziopolitische Setzungsmacht. 
Die frühen Alben von Godspeed You! Black Emperor (deren orchestrale Drone‑Stücke mit Field Recordings die Zeit ins endlose zu dehnen vermochten), Do Make Say Think (deren Post-Rock sich selbst mit Jazz und Electronica verwegen leicht zu machen wusste), Fly Pan Am (deren motorischer Minimalismus, Krautrock und musique concrète zu verweben wusste) und A Silver Mt. Zion (deren Kammermusikraum Poetik und Jazz zusammenführte) haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Sie öffneten Räume, in denen man sich verlieren konnte – politisch, klanglich, existenziell. Man spürte in dieser Frühphase des Labels, dass die Musik nicht nur ästhetischer Ausdruck war, sondern ein gesellschaftlicher Möglichkeitsraum, in dem Strukturen, Hoffnungen, Widersprüche hörbar wurden. Hierzu sei auf das Essay von Martin Büsser über Godspeed You! Black Emperor verwiesen, dass wir just unter dem „Kaput Revisited“-Signet neu publiziert haben (mit besonderen Dank an den Ventil Verlag, der sich um den Rechtenachlass von Martin kümmert).


 

„… Let’s try something / C’est moi qui porte les boîtes, aha! / C’est moi qui dis le premier / Haha! …“  
(Marie Davison, „The Psychologist“)

Natürlich darf Marie Davidson nicht fehlen – Kaput-Liebling, unermüdliche Diskursarbeiterin im Feld zwischen Techno, Performance, Spoken Word und feministischer Haltung. Auch Arcade Fire gehören zur Geschichte der Stadt, auch wenn sie seit den Vorwürfen um Win Butler zu einer Band-non-grata geworden sind, sprechen wir also lieber über Arbutus Records, Sean Nicholas Savage oder Braids.

Und dann natürlich Céline Dion und Leonard Cohen, ohne die Montréal einfach nicht Montréal wäre. Dion ist seit 2012 Miteigentümerin des legendären Smoked-Meat-Restaurants Schwartz’s, Cohen sah man angeblich regelmäßig auf einer Parkbank am Boulevard Saint-Laurent, Bagel essend, Tauben fütternd und hört man natürlich ständig an jeder Ecke der Stadt singen, mal mit seiner echten Stimme, mal mit falscher Zunge.

„… I’m home, with moonlight on the river / Saying my goodbyes / Home, there’s moonlight on the river / Everybody dies …“
(Mac DeMarco, „Moonlight on the River“)

Zum Festival zurück: M for Montreal spielte bei den frühen Karrieren von Grimes und Mac DeMarco eine nicht unwesentliche Rolle. Auch wenn Grimes inzwischen mehr als popkulturelle Projektionsfläche und Elon-Musk-Ex fungiert als als die eigenmächtige LoFi-Sci-Fi-Pop-Erfinderin, die sie ist. Mac DeMarco hingegen gelingt bis heute der Spagat zwischen seinem subkulturellem Wertekosmos, DIY-Ästhetik und großem Erfolg.

Ach so, Vice kam natürlich auch aus Montréal, aber dafür kann die Stadt ja nichts, da sind eher die Hedgefonds der Eltern schuld.

Montréal heute – Kultur als Stadtgewebe

Wer Montréal ein paar Tage besucht, spürt sofort: Hier ist Kultur keine Nebensache, sondern Bestandteil der DNA der Stadt. Das Canada Council for the Arts vergibt jährlich knapp 20 Millionen CAD für Sound- und Musikprojekte (was etwas mehr als 12 Millionen Euro sind). Natürlich gibt es aber auch hier steigende Mieten und Gentrifizierungsprozesse sowie Konflikte um Raum, Lärm undNutzung. Doch Conseil des Arts de Montréal und Arts Montreal bemühen sich sichtbar, bestehende Strukturen zu schützen und neue zu ermöglichen. Man merkt: Kulturpolitik bedeutet hier nicht nur Budgetverwaltung, sondern Stadtplanung, Sozialgewebe, politisches Wollen. Montréal betrachtet sich eben nicht als reine Investmentzone, sondern als lebendiges Netz, in dem kulturelle Szenen einen substantiellen Anteil an möglichen kollektiven Zukunftszuständen haben.

Und damit wären wir (manche sagen endlich) bei meinen 10 Highlights des diesjährigen M for Montreal angekommen.

Annie-Claude Deschênes

Die beiden Konzerte der ehemaligen Duchess-Says-Sängerin Annie-Claude Deschênes waren für mich die absoluten Highlights des diesjährigen M for Montréal. Unglaublich, wie sie zwanzig Jahre, nachdem ich sie das erste Mal live gesehen habe, immer noch mit dieser Dringlichkeit den Raum erobert – und das Publikum ab dem ersten Ton in einen Zustand kollektiver Hypnose versetzt. Ihr aktuelles Album „Les Manières de table“ war 2024 für den Polaris Music Prize nominiert. Verdient hätte sie jeden Preis der Welt – für ihren experimentellen Popentwurf, der in der Tradition feministischer, quebecer Kultur steht und Musik nicht nur als Sounddesign begreift, sondern als expliziten Identitäts- und Zugehörigkeitsdiskurs.

Chicha Libre

Einer dieser glücklichen Festivalzufälle: Eigentlich wollte ich im La Sala Rossa nur auf die Toilette. Aber der Weg führte in den Keller, und dort zog mich die Musik wie ein Magnet ins La Sotterenea, wo Chicha Libre gerade spielten. Einmal im Raum – keine Chance, wieder herauszukommen.
Chicha Libre, eine von Olivier Conan gegründete sechsköpfige Band aus Brooklyn, bezieht ihren Namen von einem Maisgetränk, das seit präkolumbischer Zeit in Südamerika hergestellt wird. Ihr Sound greift die Tradition des Chicha auf – jene elektrifizierte peruanische Cumbia der 60er und 70er, in der indigene Rhythmen, Surf-Gitarren und psychedelische Eleganz miteinander verschmelzen.

Badbadnotgood + Colin Stetson

Wenn das in Toronto beheimatete Jazz-HipHop-Elektro-Trio BadBadNotGood die Saxophon-Naturgewalt Colin Stetson auf die Bühne holt, ist Schnappatmung garantiert. Und plötzlich liegt dieser alte Glaube, dass Jazz eine soziopolitische Kraft sein kann, wieder frei im Raum.

Piss the band

PISS (gern in Großbuchstaben geschrieben) ist eine Band aus Vancouver, die einem live ins Gesicht springt wie ein schlecht erzogener Kampfhund. Ihr Punk meint nicht bloß zügellose Entladung, sondern aggressiver Veränderungsimpuls, eine Attacke auf die energetische Trägheit der Gegenwart

Yoo doo right

Das experimentelle Rocktrio, benannt nach einem Can-Stück, mischt Krautrock, Shoegaze, Post-Rock und Psychedelia. Die spätskapitalismuskritische Haltung der Band und ihr mystisch-hypnotischer Sound erinnern an Godspeed You! Black Emperor!, stellenweise auch an Swans. Musik wie ein beständiger Drone gegen die Zumutungen der Zeit.

Jake Vaadeland

Von mir im Videointerview mit M-for-Montréal-Artistic-Director Mikey fälschlicherweise als „Hillbilly“ tituliert, verbindet Jake Vaadeland traditionellen Country, Folk und Bluegrass zu einer ungeheuer energetischen, ansteckenden Mischung, die live niemanden steif lässt. Sein aktuelles, drittes Album „One More Dollar to Go“ wurde 2025 bei den Canadian Country Music Association Awards als Alternative Country Album of the Year ausgezeichnet.

Choses Sauvages

Die sechsköpfige Post-Punk- / Dance-Punk-Band gehört längst zum Inventar von M for Montréal – und durfte im Jubiläumsjahr natürlich nicht fehlen. Entsprechend heiß war der Auftritt im SAT erwartet.Im Zentrum der ekstatischen Fanbegeisterung: Sänger Félix Bélisle (zugleich Bassist und Keyboarder). Bélisle wirkt wie eine Mischung aus Klaus Nomi, Gary Numan und … dem Sänger dieser Band, deren Name mir partout nicht einfallen will. Der Sound: energetisch zappelnder Electro-Punk, gespeist aus gesellschaftlichen Druckszenarien und persönlichen Identitätskrisen.

Angine de Poitrine

Der Bandname meint wörtlich „Brustenge“ – eine Situation, in der sich alles zuschnürt. Passend zu dem dramatischen, kreisenden Sound, der einen umfliegt wie ein lauernder Geier, der seine Chance wittert.

distraction4ever

Post-Punk, New Wave, Minimal Wave, Synth-Punk aus Montréal: unterkühlt, aber niemals distanziert. Die unterkühlte Temperatur täuscht – am Ende hat man diverse neue Lieblingstracks im Kopf, wie zufällig aufgesammelt in einem neonflirrenden Nachtspaziergang.

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Amselysen

Eine kleine Mogelpackung: Hakeem Lapointe, der Musiker hinter Amselysen, ist mir dieses Jahr in Montréal nicht live begegnet, aber als Person und mit seiner Musik permanent präsent gewesen. Also kommt er hier rein. Lapointe gelingt der Spagat zwischen Clubhedonismus, post-existentieller Sehnsucht und spiritueller Ruhe. „Crystal Tears“ ist ein Spagat zwischen Clubhedonismus, post-existenzieller Sehnsucht und spiritueller Ruhe.

 

😊 Außer Konkurrenz, da bereits auf kaput gefeatured: Karneef

Montréal – zwischen den Orten, Sounds und Mahlzeiten

Es ist schwer, die einzelnen Venues – die so essentiell zum besonderen Charme von M for Montréal beitragen – im Detail zu würdigen. Besonders wohl gefühlt habe ich mich wieder im Sala Rossa sowie den angeschlossenen Casa del Popolo und La Sotterenea. Man spürt, dass hier Künstler:innen dahinterstehen: Der Club gehört Mauro Pezzente und Kiva Stimac (Pezzente ist Mitglied von Godspeed You! Black Emperor). Ähnlich das Society for Arts and Technology [SAT]: etwas kühler im Ambiente, aber sobald die Shows beginnen, ist das vergessen. Über die Jahre habe ich dort unzählige Montréal-Momente erlebt – Panels, Konzerte und vor allem DJ-Sets im 360°-immersive dome. 
Eine echte Neuentdeckung: das NOMAD, ein DIY-Community-Space, den ich nach dem ersten Abend gar nicht mehr verlassen wollte. Hier drehte ich zusammen mit Sheldon Sidney Thompson das Interview mit M-for-Montréal-Maskottchen Mikey.

Und da schon Brecht wusste, dass das Fressen vor der Moral kommt, gilt in Abwandlung: Kein Festival ohne gute Ernährung (auch wenn Mikey uns anderes einreden wollte). Besonders gut funktionierte das im Larry’s, einem dieser Orte, an denen man vom Frühstück bis tief in die Nacht sitzenbleiben möchte – wobei sich das Weiterziehen ins Schwesterlokal Lawrence genauso lohnt.
Wenn es mehr sein soll: Schwartz’s Deli. Seit 1928 liegt dort das beste Smoked Meat im Schaufenster und auf dem Teller. Kein Restaurant repräsentiert das jüdische Erbe, die Immigrationsgeschichte und die gastronomische DNA des Quartiers besser.
Der absolute Restauranttipp aber ist zugleich eine Bar und ein wunderbar verpeilter Club: Sans Soleil. Je nach Uhrzeit ein japanisches Speakeasy unterhalb des Fleurs & Cadeaux, später Listening Bar, noch später Club. Montréal komprimiert auf 60 Quadratmeter.

Was im Wiggle Room passiert, bleibt im Wiggle Room

Und dann ist da noch The Wiggle Room, das berühmte Burlesque-Cabaret an der Saint-Laurent, direkt gegenüber von Schwartz’s. Betreiberin Frenchy Jones hat dort einen besonderen Ort geschaffen: einen Raum für Körper, Sexualität, Sichtbarkeit und Selbstermächtigung, glamourös ohne Attitüde, abgründig ohne Berechnung – und voller familiärer Freundlichkeit. Meinen Martini Wodka möchte ich künftig nirgends sonst trinken.

Der unvermeidbare blinde Fleck

Jedes Festival hat mindestens einen: die Band, die man verpasst hat; das Set, bei dem man eingeschlafen ist; die Party, für die man vorher falsch abgebogen ist.
In meinem Fall: die legendäre Mothland Afterhour. Mothland, dieses kulturelle Über-Hub – Label, Managementfirma, Produktionscompagnie, Eventspace –, kuratiert u. a. das Festival de Musique Émergente (FME) in Rouyn-Noranda und die Taverne Tour in Montréal. Ihre Partys sind so legendär, dass sich kaum jemand an Details erinnert. Man hörte viel von Sünden und noch mehr von der Bitte um Vergebung. Ja, da wäre man gerne Augenzeuge gewesen. Aber vielleicht ist es gut so: Man braucht schließlich einen Grund, wiederzukommen.
Insofern: Montréal, schlaf gut durch den Winter – wir sehen uns wieder.

Links zu den Texten der M for Montréal Mitreisenden:

Aida Baghernejad / Musikexpress:
Aidas Popkolumne: Montréal hat mich wieder an die Magie der Musik erinnert

 

Sebastian Hinz / Hhv:
10 essentielle kanadische Acts vom diesjährigen M pour Montréal, die du jetzt entdecken solltest (nur 3 Überschneidungen)

 

 

 

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