Festival

zwischen Tradition und Experiment, Ritual und Dekonstruktion, Intimität und Öffentlichkeit: moers Festival 2026

Goat(jp) auf dem Jazzfestival Moers  2024(Photo: Rainer Holz)

Das moers Festival verlegt seinen Schwerpunkt zurück in die Innenstadt und knüpft damit an jene offene, urbane Festivalidee an, die es seit Jahrzehnten von anderen europäischen Jazz- und Avantgardefestivals unterscheidet. Unter dem Leitmotiv „… wie im Märchen“ und dem Subtitel „Jazzfestival für Rotkäppchen, klatschende Frösche, Wirklichkeitsflucht und: Âventiure“ untersucht die Ausgabe 2026 Erzählformen als künstlerische Strategie, Märchen erscheinen hier nicht als nostalgische Folklore, sondern als Mittel, um gesellschaftliche Spannungen, Projektionen und Gegenentwürfe hörbar zu machen. Zwischen improvisierter Musik, Klangkunst, zeitgenössischer Komposition und performativen Formaten entsteht ein Programm, das bewusst auf Übergänge setzt – zwischen Tradition und Experiment, Ritual und Dekonstruktion, Intimität und Öffentlichkeit. Die verschiedenen Spielorte rund um den Kastellplatz bilden dabei weniger klassische Bühnen als temporäre Räume konzentrierter Wahrnehmung.

 

Top 7 Moers Momente für 2026

Seperewa Agofoma
23. Mai 2026, 14:00 Uhr – Schlosshof

Das ghanaische Ensemble Seperewa Agofoma widmet sich musikalischen Formen, die tief in der höfischen und mündlichen Kultur Westafrikas verwurzelt sind. John Kwame Korankye Osei und Abena Serwaa Osei Korankye arbeiten mit traditionellen Saiten- und Perkussionsinstrumenten wie Seperewa, Prempensiwa und Adenkum, deren klangliche Feinheiten sie in ein reduziertes, hochkonzentriertes Zusammenspiel überführen. Die Musik entwickelt ihre Wirkung über Wiederholung, Mikrovariation und rhythmische Genauigkeit. Besonders bemerkenswert ist die Selbstverständlichkeit, mit der hier generationsübergreifendes Wissen weitergeführt wird.

 

Shahbaz Hussain + Helen Anahita Wilson
23. Mai 2026, 17:00 Uhr – St. Josef

In der Zusammenarbeit von Shahbaz Hussain und Helen Anahita Wilson trift Hussains differenziertes Tablaspiel auf Wilsons offene, stark von zeitgenössischer Komposition geprägte Klaviersprache. Daraus entsteht eine Musik, die auf genauer Interaktion basiert und ihre Spannung aus minimalen Verschiebungen und komplexen metrischen Prozessen gewinnt. Die Musik entwickelt sich aus dem Moment heraus, ohne ihre formale Präzision aufzugeben, und erzeugt dabei eine seltene Balance aus Konzentration, Beweglichkeit und klanglicher Offenheit.

 

Angelika Niescier / Tomeka Reid / Eliza Salem
23. Mai 2026, 20:00 Uhr – Schlosshof

Ausgangspunkt sind Niesciers Kompositionen, die klare Strukturen vorgeben, zugleich aber große Freiräume offenlassen. Reid erweitert das klangliche Spektrum des Cellos durch präzise gesetzte Texturen und rhythmische Impulse, während Salem das Ensemble mit einem äußerst beweglichen Schlagzeugspiel zusammenhält. Auffällig ist die permanente Veränderung der musikalischen Rollen: Begleitung, Führung und Auflösung wechseln fortlaufend. Statt linearer Entwicklung entsteht ein dichtes Netz aus Reaktionen, Unterbrechungen und Verdichtungen. Gerade in den offenen Passagen gewinnt das Trio eine enorme physische Präsenz.

 

The Dwarfs of East Agouza
24. Mai 2026, 17:30 Uhr – Bühne Kastellplatz

The Dwarfs of East Agouza arbeiten seit Jahren an einer eigenwilligen Verbindung aus improvisierter Musik, Jazz, Krautrock, psychedelischem Rock und nordafrikanischen Klangtraditionen. Maurice Louca, Alan Bishop und Sam Shalabi entwickeln aus repetitiven Patterns, verzerrten Gitarrenflächen und elektronischen Fragmenten einen Sound, der sich konsequent jeder stilistischen Festlegung entzieht. Ihre Stücke wirken oft wie offene Prozesse: Motive tauchen auf, zerfallen wieder und werden in veränderter Form neu zusammengesetzt. Dabei entsteht eine eigentümliche Spannung zwischen kontrollierter Struktur und bewusstem Kontrollverlust. Gerade diese Gleichzeitigkeit von Trance, Fragmentierung und improvisatorischer Offenheit macht das Trio zu einer Ausnahmeerscheinung innerhalb der aktuellen experimentellen Musikszene.

 

Nicole Mitchell’s Black Earth SWAY
24. Mai 2026, 18:25 Uhr – Bühne Kastellplatz

Mit Black Earth SWAY führt Nicole Mitchell ihre langjährige Arbeit an kollektiven Formen experimenteller Musik fort. Gemeinsam mit Coco Elysses, JoVia Armstrong und Zahili Gonzalez Zamora entwickelt sie ein Ensemble, das Elektronik, Stimme, improvisierte Strukturen und rhythmische Schichtungen eng miteinander verzahnt. Die Musik greift Elemente aus Funk, Blues und Creative Music auf, ohne sich auf historische Referenzen zu beschränken. Entscheidender ist die Art, wie das Quartett Klang als sozialen Raum versteht: flexibel, offen und permanent in Bewegung. Mitchells Flötenspiel bildet dabei keinen klassischen Mittelpunkt, sondern fungiert als verbindendes Element innerhalb eines vielschichtigen Ensemblesounds. Black Earth SWAY arbeitet weniger mit festen Kompositionen als mit Situationen, aus denen sich gemeinsame Dynamiken entwickeln.

Morton Feldman – Two Pieces for Cello and Piano (1948) & Voice and Instruments II (1974)
24. Mai 2026, 22:50 Uhr – Flugflügel

Das Feldman-Programm des diesjährigen moers Festivals – anlässlich des 100. Geburtstag des Komponisten – widmet sich einer Musik, die Zeit nicht konventionell handhabt, sondern künstlerisch ausdehnt. Die ausgewählten Werke (aufgeführt vom späten Abend bis tief in die Nacht) arbeiten mit extrem reduzierten Veränderungen, langen Spannungsbögen und einer konsequenten Zurücknahme musikalischer Geste. Gerade dadurch entsteht eine ungewöhnliche Intensität der Wahrnehmung. In der offenen räumlichen Situation des Festivals entfalten die Stücke eine besondere Wirkung: Klänge lösen sich von ihrer Quelle, überlagern sich im Raum und verändern kontinuierlich ihre Präsenz. Feldmans Musik erscheint so noch mehr als durch die reine Komposition als radikale Form des Hörens, die Aufmerksamkeit verlangsamt und jede Erwartung linearer Entwicklung unterläuft.
Aufgeführt wird das Programm von Albert Kuchinski (vc) & Jiyoon Hyun (pf) / Voice and Instruments II (1974): Begüm Aslan (voice & b), Tomás Jesús Ocaña-González (cl), Albert Kuchinski (vc)

 

Alan Bishop solo
25. Mai 2026, 16:45 Uhr – STM Schloss

Alan Bishop, bekannt durch Projekte wie Sun City Girls oder Alvarius B., verbindet in seiner Musik Songstrukturen mit freier Improvisation, schrägen Harmonien und einer bewusst sprunghaften Erzählweise. Seine Soloauftritte wirken oft improvisiert, folgen jedoch einer präzisen inneren Logik. Folk-Elemente stehen neben Dissonanzen, fragile Melodien neben abrupten Brüchen. Bishop interessiert sich weniger für stilistische Geschlossenheit als für Reibung und Instabilität. Gerade darin liegt die besondere Qualität seiner Musik: Sie verweigert Eindeutigkeit, bleibt dabei aber unmittelbar und konzentriert.

 

Lakecia Benjamin
25. Mai 2026, 19:30 Uhr – Bühne Kastellplatz

Lakecia Benjamin zählt zu den profiliertesten Saxophonistinnen der aktuellen US-Jazzszene. Ihr Spiel verbindet die Energie des Hard Bop mit Einflüssen aus Funk, Soul und zeitgenössischer Clubmusik, ohne die improvisatorische Offenheit des Jazz aufzugeben. Charakteristisch ist ihr direkter Ton: kraftvoll, rhythmisch präzise und zugleich stark auf melodische Zuspitzung konzentriert. Benjamin bewegt sich souverän zwischen komplexen Ensemblepassagen und expressiven Soli, die nie bloße Virtuosität demonstrieren, sondern stets auf kommunikative Wirkung zielen. In ihren jüngeren Arbeiten verbindet sie persönliche, politische und spirituelle Themen mit einer ausgesprochen physischen Bühnenpräsenz. Das neue Programm „We Dream“, das Benjamin zusammen mit Oscar Perez (p), Elias Bailey (b), Dorian Phelps (dr) präsentieren wird, führt diese Entwicklung konsequent weiter und positioniert Jazz erneut als kollektive Gegenwartsform.

 

Außer Konkurrenz: DFB-Pokalfinale – VfB Stuttgart vs. Bayern München
Während sich das moers festival traditionell als Gegenentwurf zu kultureller Verwertungslogik versteht, gehört auch die Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Öffentlichkeiten zur Realität eines Pfingstwochenendes in Deutschland. Zumindest für die Kaput Redaktion. Über Unterstützung durch das Moerser Publikum unseres VFB in diesem schwierigen Spiel freuen wir uns sehr.

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