Berlinale Rundgang 2020, Teil 1 & 2

Von „Undine“ bis zu „Berlin Alexanderplatz“ – so war die Berlinale 2020

Berlinale Rundgang 2020, Teil 3 – Mittwoch, 26.2.

Was, wenn man sich auf einen Film freut, aber schon in der ersten Einstellung zweifelt, ob man richtig lag? Dann verbringt man in der Regel trotzdem noch einige Zeit hoffend im Kino. Das kann sich sehr lang anfühlen. Vor allem, wenn man zwar nach der Hälfte geht, der Film aber drei Stunden lang ist.
„Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani versprach eine groß angelegte Neuinterpretation von Alexander Döblins Gesellschaftsroman vor dem Hintergrund einer Flüchtlingsbiografie. Leztere ist aber recht schnell relativ egal beziehungsweise austauschbar. Stattdessen erleben wir ein Berliner Kriminellenmilieu zwischen Dealern im Park, verrückten Clubs mit der Anmutung von Babylon Berlin im Heute, Prostituierten und Gangsterbossen in schwarzen Limousinen. Das ganze ist mittelprächtig gespielt und hält trotz oder gerade wegen der vielen, aber sehr uneinheitlichen Bild- und Ausstattungsideen immer Distanz zu den Figuren. Gewünscht erscheint mir das aber nicht …

„The Roads not taken“ von Sally Potter ist wesentlich reduzierter: Eine Tochter (Elle Fanning) begleitet ihren Vater (Javier Bardem) einen Tag bei Arztbesuchen. Der ist aber kaum ansprechbar und scheint gedanklich gar nicht wirklich da zu sein. Zu sehen, wo er gedanklich wirklich ist, ermöglich uns Potter, indem sie die Erinnerungen des Vaters mit uns Teilt – an sein Leben in Mexico und an einen Griechenland-Aufenthalt. So erschließt sich die Figur, die ein Leben der verpassten Chancen reut und letztlich in geistiger Isolation wie dement lebt. Gedacht ist das sehr klug, doch im Film wirkt vieles wie dem Zuschauer auf dem Tablett serviert. Gerade die raffinierte visuelle Verschränkung der Zeitebenen wirkt auf Dauer ebenso penetrant Streberhaft wie die verzeihende Freundlichkeit der Frauen gegenüber diesem selbstsüchtigen Haufen Elend.

„Dau“ (Ilya Khrzhanovskiy / Jekaterina Oertel)

„DAU. Natasha“ ist ein erster Spielfilm aus dem monströsen DAU-Projekt von Ilya Khrzhanovskiy, eine Miniserie läuft ebenfalls auf der Berlinale. Im Vorfeld wurde bereits viel diskutiert über das monumentale Projekt, für das über Jahre hunderte Menschen wie in der Truman-Show in der Filmrealität lebten. Übergriffiges Verhalten am Set, Machtmissbrauch und andere seit #metoo sehr präsente Themen stehen da im Raum. Und von schlimmen Folterszenen und echtem Sex vor der Kamera war die Rede. Am Ende ist zumindest das filmische Werk wesentlich unskandalöser als angenommen. In der ersten Hälfte wird sehr langatmig vor allem gelacht, gestritten, gesoffen und gevögelt, die zweite Hälfte führt den Zuschauer in eine Verhörszene, die ihre volle Wirkung erst durch den ersten Teil entfalten kann. Machtgefüge und Machtmissbrauch zeigt der Film deutlich, ob auch hinter der Kamera – der Film sagt uns das nicht, auch wenn etliche Berichte aus der jüngeren Zeit ein solches Bild zeichnen.

Im der Sektion Perspektive Deutsches Kino gibt es mit „Schlaf“ von Michael Venus einen echten Genrefilm. Eine Mutter (Sandra Hüller) leidet unter Alpträumen. Ihre Tochter (Gro Swantje Kohlhof) will das Rätsel dahinter lösen und landet in einem trostlosen Hotel. Vererbte Traumata, Schuld und Nazis in der trostlosen Provinz – das sind die Themen, die der Film in ein visuell beeindruckendes Korsett fasst, auch wenn man dem Projekt den Debütstatus durchaus anmerkt. Sandra Hüller ist wie immer großartig, nach der Filmvorführung aber leider nicht Anwesend, während die prekäre Situation des Genresfilms in Deutschland mit dem Regisseur und der Produzentin Verena Gräfe-Höft („Tore Tanzt“, „Pelikanblut“) diskutiert wird.

„Surge“ (Rooks Nest Entertainment)

Donnerstag, 27.2.:
Im Panorama läuft „Surge“ vom britischen Regisseur Aneil Karia. Inspiriert von Karias mehrfach ausgezeichnetem Kurzfilm „Beat“, sehen wir den Flughafenmitarbeiter Joseph (hier wie bereits in „Beat“ in einer Tour de Force gespielt von Ben Wishaw), der im wahrsten Sinne des Wortes durchdreht. Warum, wird nur angedeutet: Da gibt es Szenen mit den Kollegen, in denen seine Anspannung die ganze Leinwand erfüllt, einen Besuch bei den Eltern, der Bände spricht. Aber es bleibt bei den Andeutungen, wenn Joseph zunehmend die gesellschaftlichen Konventionen abstreift, gestisch und mimisch überdreht und zur Verwunderung der Zuschauer mit allen auch kriminellen Handlungen immer wieder durchkommt. Auch Joseph scheint das irgendwie zu wundern … Der Film erinnert an „Good Time“ mit Robert Pattinson von Josh und Benny Safide, nur dass Joseph als Figur viel abstrakter angelegt ist, ein einziger Störfaktor, der von einer schwindelerregenden Kamera in seinem ziellosen Rebellentum begleitet wird.

Es folgen zwei Dokumentationen, für die ich meine ausgetretenen Pfade und um den Potsdamer Platz – Berlinale Palast für die Pressevorführungen der Wettbewerbsfilme und Cinemaxx sowieab und an das Cubix am Alexanderplatz – verlasse und ins Colosseum Richtung Pankow aufbreche. Es hat sich gelohnt : Mit „Garagenvolk“ erkundet Natalija Yefimkina in der Reihe Perspektive Deutsches Kino das russische Phänomen der zweckentfremdeten Garagen, die in kleinen Siedlungen wie Schrebergärten – nur ohne Gärten – angelegt sind und alles mögliche beherbergen, nur keine Autos: Ikonen werden hier hergestellt oder Wachteln gezüchtet. Weniger überraschend ist die Nutzung als Proberaum oder Werkstatt, auch ein Fitnessraum versteckt sich hinter den teils verwahrlosten Fassaden. Ein alter Mann nennt seine Garage sein Lebenswerk: Mit 26 Jahren hat er angefangen, den Raum nach unten zu erweitern. Fünf Etagen tief ist die Garage jetzt, mit Betonböden und Wänden, aber ohne jeglichen Nutzwert. Sein Enkel ist ratlos, als er hört, dass das einmal alles ihm gehören wird. Als Zuschauer schwankt man indes zwischen Ungläubigkeit, Bewunderung und verständnislosem Lachen. Wahrlich ein Blick in eine fremde, fast ausschließlich von Männern bevölkerte Welt, die an Ulrich Seidls „Im Keller“ erinnert.

„Saudi Runaway“ hat eine ganz besondere Entstehungsgeschichte, die nicht unwesentlich zur Qualität des Films beiträgt: Die deutsche Regisseurin Susanne Regina Meures hat zu Recherchezwecken vergeblich versucht, nach Saudi Arabien einreisen zu können. Über einen Blog, der Frauen zum Thema Flucht aus Saudi Arabien berät hat sie in einer Chatgruppe die 26-jährige Muna gefunden, die bald verheiratet werden soll und die Hochzeitsreise nach Abu Dhabi als ihre letzte Chance sieht, aus dem Frauen unterdrückenden System, zudem ihr Vater erheblich beiträgt, auszubrechen. Es bleiben fünf Wochen, und in täglichem Austausch mit Meures beginnt sie heimlich, ihren Alltag und die Fluchtvorbereitungen auf zwei Handys zu filmen. Täglich schickt sie das Material an Meures, täglich erhält sie von dieser in stundenlangen Chats neue Regieanweisungen – angefangen von dem Ratschlag, für einen Kinofilm im Querformat zu filmen. Der Film über den fremdbestimmten Alltag von Muna wird langsam zu einem Handy-Thriller – teilweise gefilmt durch den Schleier. Die Ergriffenheit des Publikums entlädt sich im ausverkauften Kinosaal spontan in Standing Ovations, als plötzlich unangekündigt die Protagonistin auf die Bühne tritt und für ihre Selbstermächtigung gefeiert wird.

Freitag, 28.2.:
Letzter Wettbewerbstag und auf der Zielgeraden der Berlinale: „Irradés“ des in Kambodscha geborenen Filmemachers Rithy Panh ist der einzige Dokumentarfilm im diesjährigen Wettbewerbe. Wie ein Tryptichon ist die Leinwand in drei Bilder geteilt, auf denen teils das Gleiche, teils unterschiedliche Bilder zu sehen sind. Der Film ist kein Film über einen Krieg, sondern über Krieg. Das ist gut! Es geht um das Böse und um den Schmerz und die Trauer, den es auslöst. Es geht um den ersten Weltkrieg, um die deutschen Faschisten, um Hiroshima, Vietnam und Kambodscha. Es geht um alles. Das ist nicht so gut. Um das in den Griff zu bekommen eröffnet Panh einen Bilderreigen der Grausamkeiten – zeigt Atompilze, Bomben und Giftgas, zeigt die Opfer – tote wie verletzte. Unterlegt ist dieses Panoptikum des Schreckens durchgehen mit Musik – Drones aus Geigen und andere unheilvolle Klänge. Als Ergänzung sehen wir eine Performance eines Butoh-Tanzes, ein japanischer Tanz der Nachkriegszeit, der vom deutschen Ausdruckstanz des Expressionismus beeinflusst ist. Panh serviert uns mit „Irradés“ in 90 Minuten ein poetisches Horrorkabinett, dass wenig an Analyse interessiert ist und stattdessen permanent Affekte abrufen möchte. Es ist das Gegenteil von so großartigen Filmen wie „The Act of Killing“ oder natürlich „Shoah“, die der Ästhetik des Grauens nicht erliegen, sondern ihr nüchtern und konsequent auf den Grund gehen. „Irradés“macht viel und leistet wenig.

Zum Wettbewerbs-Finale gibt es den zweieinhalbstündigen iranischen Episodenfilm „Sheytan vojud nadarad“ („Es gibt kein Böses“) von Mohammad Rasoulof, der zumindest im Titel das Gegenteil von „Irradés“ behauptet. In vier Episoden erzählt der Film von Menschen, die moralische Dilemmata aushalten müssen beziehungsweise sich Entscheiden müssen – für oder gegen das System, in dem sie leben. Im Zentrum jeder Geschichte steht ein Mann, der beim iranischen Militär vor der Aufgabe steht, sich an der Hinrichtung eines Menschen zu beteiligen. Rasoulof macht, was viele iranische Regisseure machen: Er betrachtet eine moralische Frage aus den unterschiedlichsten Perspektiven, wendet sie hin und her, bis alle Seiten offen vor uns liegen. Auch der zunehmend im Ausland arbeitende Ashgar Farhadi und der mit einem Berufsverbot belegte Jafar Panahi, mit dem Rasoulof immer wieder zusammengearbeitet hat, machen dies in ihren Filmen. Rasoulof ist anklagender und konkreter, wie schon sein Polit-Thriller „Manuscripts don‘t burn“. Auch sein neuer Film nimmt kein Blatt vor den Mund. Das ist erstaunlich, saß der Regisseur doch schon mehrmals für seine Filme in Haft und darf nicht ins Ausland reisen. Sein Mut scheint grenzenlos und ist vergleichbar mit dem einiger seiner Figuren in „Sheytan vojud nadarad“. Wie in jedem Episodenfilm gibt es hier stärkere und schwächere Geschichten, vielleicht ist auch das Genre des Episodenfilms bereits ein Grund, warum sein neuer Film nicht ganz so begeistert wie manch andere iranische Filme. Und trotzdem zieht er uns immer wieder mit großem Sog in die Frage nach dem guten Leben im Schlechten. Und genau aus diesem Grund kann hier die Detailkritik nicht greifen: Die episodische Form hat es Rasoulof ermöglicht, im Namen seiner Regieassistenten vier Drehgenehmigungen für vier Kurzfilme zu bekommen. Drei Episoden spielen in ländlicher Gegend oder im Innenraum, weil man so der Überwachung entgehen kann. Und die letzte, scheinbar etwas schwächere Story ist autobiografisch und mit seiner in Hamburg lebenden Tochter besetzt. Rasoulof muss für sich und seine Arbeit immer wieder die gleiche Frage wie die Protagonisten im Film entscheiden – und trägt die Konsequenzen dafür. Wie damals, als sein Freund Panahi als Jurypräsident nicht zur Berlinale reisen durfte bleibt bei der Pressekonferenz ein freier Stuhl für Rasoulof. Es wäre schön, wenn er ihn bald wieder einnehmen könnte …

Eine Woche wenig Schlaf, über 30 Filme, über 30.000 getippte Zeichen … eine wie immer wechselhafte Berlinale liegt hinter mir. Neben Neuerungen wie der Sektion Encounters gab es einige logistische Hürden in diesem Jahr, es war aber nicht das durch eine neue Leitung inhaltlich oder strukturell komplett andere Festival. Das hat wahrscheinlich auch niemand im Jahr 1 nach Dieter Kosslick erwartet.
Warten wir ab, wie es 2021 weiter geht …

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Berlinale Rundgang 2020, Teil 2 – Montag, 24.2.:

Die Belgier Gustave Kervern und Benoît Délphine verbinden seit vielen Jahren schwarzhumorige Komödie mit bissiger Gesellschaftskritik – zuletzt in Louise hires a contract killer“, „Mammuth“ oder „Saint Amour“. „Effacher l‘historique“ („Verlauf gelöscht“) geht gleich in die Vollen und teilt nach allen Seiten aus: In einer trostlosen Neubausiedlung leben eine Hand voll Menschen mehr einsam als glücklich, sind Handy und Konsum süchtig und bereits auf alle Tricks des digitalen Marketings hereingefallen. Es dauert eine Weile voller beschämender Momente bis das Leid der Protagonisten so groß wird, dass sie sich entscheiden, gegen Datenkraken, Cybermobbing und Hackversuche vorzugehen – mit Hilfe eines Hackers, der sich Gott nennt. Der Film leidet etwas unter dem schlaffen Handlungsbogen und seine Richtungslosigkeit, hat aber in seiner additiven Art auch viele schöne, lustige und auch sehr tragische Szenen über das digitale Dasein zu bieten. Ein Bärenanwärter ist er damit wahrscheinlich nicht.

Ebenfalls im Wettbewerb läuft „Schwesterlein“ von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond (ist das eigentlich das Festival der Regie-Duos?) mit Nina Hoss und Lars Eidinger in den Hauptrollen. Die Berliner Dramaturgin Lisa lebt recht luxuriös mit Mann und zwei kleinen Kindern in der Schweiz. Ihren krebskranken Zwillingsbruder Sven betreut ihn im Krankenhaus. Als es ihm besser geht, begleitet sie ihn nach Berlin, denn der Schauspieler will wieder auf die Bühne, die Lisas Ex als Regisseur betreut. Doch Svens Zustand verschlechtert sich wieder. Die Geschwister kehren zurück in die Schweiz, Svens Zustand bleibt kritisch, aber Lisa will ihren Bruder nicht aufgeben.
Der Film begleitet vor allem das ‚Schwesterlein‘, dass den Gesundheitszustand ihres Bruders lange nicht realistisch sieht. Zunehmend bringt sie damit ihre Umgebung gegen sich auf und vor allem ihre Familie droht dadurch zu zerbrechen. „Schwesterlein“ ist ein gut gespieltes Drama, dass sich filmische Experimente beziehungsweise eigentlich jegliche Art von Eigenheit verkneift und dadurch solide, aber auch etwas gesichtslos wirkt.

Jetzt steht wieder ein Film eines alten weißes Mannes an: „Siberia“ ist der Zwillingsfilm von „Tomasso“, der William Dafoe als Alter Ego des Regisseurs Abel Ferrara zeigt, wie er mit allem möglichen hadert – Familie, Arbeit, Alter … Das dort thematisierte neue Projekt ist „Siberia“, der nun als neuer Film von Ferrara im Wettbewerb läuft und einen mit Familie, Arbeit und Alter hadernden William Dafoe zeigt, der wahlweise in verschneiten Berghütten, Beduinenzelten, Höhlen etc. das Leben reflektiert, sich an seinen Vater erinnert und zwischendurch immer mal wieder eine nackte junge Frau vögelt … . Grundstudiums-Psychologie und Pennäler-Surrealismus treffen auf Alte-Herren-Erotik … nuff said!

„Funny Face“ (Photo: Lucas Gath)

Der New Yorker Regisseur Tim Sutton verknüpft in „Funny Face“ die zarte Freundschaft zweier Außenseiter mit mit dem Thema der Immobilienspekulation. In atmosphärischen Bildern und passendem elektronischen Score nähern sich das muslimische Mädchen Zama, dass von ihren Großeltern abgehauen ist und der schlichte Saul einander an. Sie tingeln durch ihr verlassenes Viertel – erst zu Fuß, dann mit einem geklauten Wagen. Parallel erzählt der Film in der Reihe Encounters von Immobilienspekulanten, die Sauls Haus gefährden. Die diabolische Zeichnung dieses Antagonisten ist so plump, dass der Film nicht nur thematisch, sondern leider auch ästhetisch auseinander fällt.

„Pompeij“ von Anna Falguères und John Shank (Regie-Duo!) wirkt wie eine Fingerübung. Der Film aus der Sektion Generation 14+ blickt auf eine Gruppe Jugendlicher und Kinder, die relativ unabhängig von Erwachsenen in einer Südeuropäischen Ödnis leben. Die Regeln geben die Älteren vor. Als ein Mädchen neu in den Ort kommt, wird das ganze System erschüttert. Wie einen Neo-Western unter gleißender Sonne inszenieren die Filmemacher_innen ihr in den 80er Jahren angesiedeltes Porträt einer kleinen Gemeinschaft und ihrer Regeln, die die große Gesellschaft spiegeln. Insgesamt wirkt der Film aber zu sehr wie eine Verbeugung vor historischen Vorbildern.

„Domangchin Yeoja“ (Photo: Jeonwonsa Film Co. Production)

Dienstag, 25.2.:
So fragwürdig der Montag, so erfreulich der Dienstag. Im Wettbewerb läuft „Domangchin yeoja“ („Die Frau, die rannte“), der neue Film des Koreaners Hong Sangsoo, der bekannt ist für seine redseeligen Alltagsbeobachtungen, in denen meist Frauen im Mittelpunkt stehen, die zunehmend betrunken sind und immer freier von sich sprechen. Nur 77 Minuten dauert der Film, der in drei Episoden eine Frau begleitet, die alte Freundinnen besucht. Es wird vor hässlicher Neubau-Möbelkatalog-Kulisse gegessen und getrunken und über das Leben geredet. Ganz beiläufig geschieht das, oft ist es eher Schmalltalk als tiefsinniges Gespräch. Und doch erfahren wir mehr von den Frauen und ihren ungestillten Sehnsüchten als in manch bemühtem Drama. Und Humor findet hier auch noch seinen Platz. Berechtigten Szenenapplaus gab es für den großartigen Auftritt einer Katze am Ende eines nicht minder tollen Dialogs unter Nachbarn. Es erscheint bei Hong Sangsoo so einfach, ein ganz anderes Kino zu machen, in der Nähe von Rohmer, aber doch ganz eigen.

Der Wettbewerbsfilm „Favolacce“ („Bad Tales“) von Fabio & Domiano D‘Innocenzo (Regie-Duo, again ….) entführt uns an Hand eines Tagebuchs eines Mädchens in eine etwas trostlose Neubausiedlung. Hier wohnen junge, eher verkrampft-unglückliche Familien mit ihren Kindern. Viel passiert nicht zwischen Schule und Freizeit, und dann kommen auch noch die Sommerferien, die recht unspektakulär mit Plastikpool im Garten verlebt werden. Zarte Liebe, vergebliche Versuche, den Sex zu entdecken, Nachhilfe oder ein Kindergeburtstag überspielen die Eintönigkeit kaum. Was weder die Eltern noch die Zuschauer ahnen: Die Kinder haben längst mit dieser trostlosen Erwachsenenwelt abgeschlossen. Kurzweilig und voller biss entfaltet der Film diese unaufgeregte Welt, in deren Details das sedierte Gefühlsleben der Protagonisten immer wieder kurz aufscheint …

„Never Rarely Sometimes Always“ von Eliza Hittman kommt langsam, aber gewaltig. Hittman begleitet die 17-jährige Autumn aus der Provinz, deren Gefühlsleben ähnlich gedeckelt ist wie bei „Favolacce“. Als sie merkt, dass sie schwanger ist, fährt sie mit ihrer Cousine nach New York für einen Schwangerschaftsabbruch. Die beiden Mädchen reden nicht viel, finden kommentarlos ihren Weg durch das Labyrinth übergriffiger Männer und halten ohne große Worte zusammen, kommen sich aber ohne diese Worte auch kaum wirklich nah. In der titelgebenden Schlüsselszene des Films dringt eine Ärztin für einen kurzen Augenblick zu Autumns Gefühlen durch. Vielleicht ist diese Szene das bisherige Highlight des Festivals. Ein ganzer Kinosaal hält den Atem an und lässt die Tränen rollen, während ein Mädchen das erste Mal zugriff auf ihre beschädigte Gefühlswelt hat.

Paloma Sermon-Dai gibt uns im Forum-Film „Petit Samedi“ einen kleinen Einblick in das Leben ihres Bruders Damien und ihrer Mutter, die beide auf dem Land leben. Damien ist seit 20 Jahren Heroinsüchtig, bis vor kurzem wohnte er noch bei seiner Mutter. Nur 75 Minuten lang ist der Film, der ohne jegliche Junkie-Klischees vor der komplett ungewöhnlichen Drogen-Kulisse eines kleinen Belgischen Dorfes auf eine Sucht mit Süchtigem und Ko-Süchtiger blickt – zwei Menschen, die versuchen, zu verstehen, was mit ihnen geschehen ist und warum.

Josephine Decker war mit allen ihren Filmen auf der Berlinale. Mit ihren zeitgleich entstandenen Debüts „Butter on the Latch“ und „Thou wast mild and lovely“, mit „Madeline‘s Madeline“ (mit Miranda July) und nun in der Reihe Encounters mit „Shirley“ mit der immer und auch hier wieder großartigen Elisabeth Moss („Mad Men“; „Der Unsichtbare“), gefilmt von Sebastian Schippers „Victoria“-Kameramann Sturla Brandth Grøvlen.
Die Schriftstellerin Shirley Jackson lebt mit dem Literaturprofessor Stanley in einer kleinen Universitätsstadt. Eigentlich schreibt sie Horrorgeschichten, inzwischen traut sie sich aber selber kaum noch aus dem Haus, die ‚häuslichen Pflichten‘ sind ihr längst entglitten. Als der neue Assistent ihres Mannes mit seiner schwangeren Frau Rose vorübergehend bei ihnen einzieht, spielt sich Shirley zunächst als Furie auf, freundet sich dann aber mit Rosie an. Gemeinsam ist ihnen, dass nicht nur für ihre Männer zurückstecken, sondern von ihnen auch betrogen werden. Das Verschwinden einer Studentin inspiriert Shirley schließlich zu einer neuen Geschichte, und Rose hilft ihr dabei. Das freundliche Szenario der 50er-Jahre Kleinstadt zerfließt immer wieder in Düsternis, die sich mal aus Horrorelementen speist – getriggert von Shirleys Büchern oder dem Verschwinden des Mädchens, mal von Shirleys Seelenzustand. Ein echter Horrorfilm ist „Shirley“ trotz der Anspielungen nie, sondern ein feines Psychogramm einer kreativen Frau in einer Männerwelt. Die exquisite Kamera und nicht zuletzt Elisabeth Moss tragen diesen ungewöhnlichen Film, der hoffentlich in die deutschen Kinos kommt.

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Berlinale Rundgang 2020, Teil 1 – Donnerstag, 20.2.

Auch wenn man in all den Jahren Ermüdungserscheinungen verspüren könnte: Gleich zwei gute Gründe gibt es in 2020, wieder nach Berlin zu fahren: Zum einen steht mit der 70. Ausgabe ein Jubiläum an. Zum anderen ist es nach fast zwei Dekaden unter der Leitung von Dieter Kosslick die erste Ausgabe des einzigen deutschen A-Filmfestivals under der neuen, gemeinsamen Leitung von Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und dem Künstlerischen Leiter Carlo Chatrian, der ehemalige Leiter der Filmfestspiele in Locarno.

„My Salinger Year“ (Foto Micro Scope)

Auch für eine abenteuerlich frühe Anreise am Donnerstag morgen gibt es mehrere gute Gründe. Aus Köln kommend ist man schon weg, bevor der Karneval alles mit sich reißt (kann auch schön sein, aber hier gilt: entweder ganz oder garnicht feiern). Und zum anderen stehen die Chancen gut, dass der Eröffnungsfilm am Mittag nicht schlechter ist als im letzten Jahr, als man sich über das kitschige Sozialdrama „The Kindness of Strangers“ von Lone Scherfig ärgern konnte.
Die Adaption des autobiografischen Romans „My Salinger Year“ des Kanadiers Philippe Falardeau kommt immerhin von dem Regisseur, der mit „Monsieur Lazhar“ einen sehr schönen Film über einen algerischen Lehrer im kanadischen Exil gemacht hat, der seine Klasse bei der gemeinsamen Trauer begleiten soll und auf seine eigene Traurigkeit stößt. Tatsächlich ist „My Salinger Year“ dann doch näher an Lone Scherfig, als einem lieb sein kann: Nettes und konventionelles Kino, das aber Dank der schönen (wahren) Story im Literaturbetrieb nicht unangenehm aufstößt.

Den Panorama-Eröffnungsfilm „Malmkrog“ des Rumänen Cristi Puiu musste der Rezensent nach einer Stunde wegen eines Migräneanfalls abbrechen. Das liegt wohl nicht nur am Film, aber der englisch Untertitelte Dauerdialog um philosophische Moralfragen, die mit ihren Dilemmata auch an philosophische Seminare erinnern, haben sicher ihr Übriges getan.

Freitag, 21.2.
Kopf ist wieder frei, und der Freitag startet auch wortkarger. Zumindest die 17-jährige Protagonistin Ida in dem Panorama-Film „Kød & Blod“ („Wildland“), ein Debüt der Dänin Jeanette Nordahl, redet kaum, nachdem ihre Mutter bei einem Autounfall gestorben ist und sie selber bei ihrer Tante und deren Familie aufgenommen wurde. Ihre neue Familie ist recht befremdlich in ihrem Umgang untereinander, aber auch mit anderen Menschen. Nach und nach wird klar, dass die drei jungen Männer für ihre Mutter als Geldeintreiber arbeiten. Als ein Unglück geschieht, muss sich die immerzu passive Ida positionieren. Ein durch und durch unangenehmer Film, der die Anspannung zwischen den Figuren nie auflöst. Oder nur einmal – und der Schock sitzt dann auch tief!

„El Profugo – The-Intruder“ (Photo: Rei Cine SRL Picnic Producciones SRL)

Spannung verspricht auch der Wettbewerbsbeitrag „El prófugo“ („The Intruder“) der Argentinier Natalia Meta. Wenn man gerade erst „Der Unsichtbare“ mit Elisabeth Moss gesehen hat (Kinostart: 27.2.), rutscht man immer wieder ins Vergleichen, obwohl die Filme am Ende doch sehr unterschiedlich sind. Gemeinsam sind Ihnen ein übergriffiger Mann und dessen Tod und schließlich dessen Stalking über den Tod hinaus. Metas Thriller zeigt eine junge Frau, die immer mehr psychotischen Stimmungen unterworfen ist. Das Szenario und die Erzählweise erinnern an italienische Giallo-Filme der 70er Jahre.

Giorgio Diritti widmet sich in seinem Wettbewerbsbeitrag „Voledo nascondermi“ („Hidden Away“) dem Art Brut-Künstler Antonio Ligabue. In knappen, visuell aufregenden Szenen erzählt der Film von den jungen Jahren des psychisch auffälligen Toni und den schwierigen Bedingungen, in denen er aufwuchs. Ruhiger wird die Montage, wenn Antonio langsam zur Kunst als Ausdrucksform findet. Für das Spiel von Elio Germano gilt das Gegenteil, der von da an Vollgas gibt und die direkte und oft brüske Art des bald anerkannten Künstlers breit anlegt. Das ist lustig, schockierend, berührend und manchmal auch etwas ermüdend. Auch wird der Film visuell zunehmend pittoresk.

„Oeconomia“
von Carmen Losmann kann man all das nicht nachsagen. Betont sachlich widmet sich die Regisseurin der Dokumentation „Work hard, play hard“ über menschliche Ökonomisierung in der Arbeitswelt in ihrem neuen Film „Oeconomia“ mit Hilfe der statischen Kamera von Dirk Lütter dem Geldmarkt und versucht zu ergründen, wie Wachstum in der Wirtschaft entsteht, auf welche Kosten dies geschieht und ob das so sein muss. Viele Interviews mit hochrangigen Bankern entlarven das Wirtschaftssystem als Glaubenssystem. Der viele Text mit Zahlenspielen kann Knoten im Hirn erzeugen, der informationsreiche Panorama-Film löst aber auch reichlich Erkenntnisse aus.


Samstag, 22.2.:

Der Samstag startet mit „One of these Days“ von Bastian Günther („Houston“, „California City“) über einen absurden Wettbewerb, den es so wirklich gibt: Ein Kleinstadt-Autohändler verschenkt einen Pick-Up an denjenigen, der am längsten seine Hand auf dem Wagen hält. Das ganze geht mit Volksfeststimmung über mehrere Tage, während Einer nach dem Anderen trotz kapitalistisch geschürten Begehrens umkippt, bis die Verzweiflung der Mitspieler in Wahn umkippt. Die Musik kommt von The Notwist und Bill Callahan hat einen kleinen Gastauftritt. Und ein sprechendes Auto gibt es auch noch …

Mit Spannung erwartet wurde nicht nur von mir Kelly Reichardts neuer Film – nach „Meeks Cutoff“ mit Michelle Williams abermals ein Western. „First Cow“ ist Western-untypisch im schmaleren 4:3 Format gedreht, doch das ist nur der erste offensichtliche Unterschied zu ziemlich allem, was man bislang als Western zu Gesicht bekommen hat. Zwei Männer freunden sich an: einer ist Bäcker, der zweite findiger Geschäftsmann. Gemeinsam setzen sie mit ihren Süßwaren im Wilden Westen einen ganz ungewöhnlichen Akzent. Die Diskurse schwirren hier leichtfüssig durch den Raum – Männlichkeit, Kapitalismus, Fragen zur Moral. Ein toller Film und ein echtes Highlight, das auch im Nachgang noch viele Gedanken anstößt.

Filme abrechen müssen – das gehört auch zu einem Festival. Nicht immer ist der eigene Kopf die Ursache. Mitunter muss man sich einfach dafür entscheiden, dass ein Film nicht zu Ende gesehen werden muss. Philippe Garrel hat in den 60er- und 70er-Jahren Experimentalfilme mit Nico und Jean Seberg, die auch seine Geliebten waren, gedreht. Schon damals musste man ein Auge zudrücken ob des narzisstischen, pathetischen Tonfalls. Aber immerhin hat er visuell Neuland betreten und ist konsequent in die Psyche und Psychosen seiner Protagonist_innen gedrungen. Heute macht er immer noch Schwarzweissfilme, die an die Nouvelle Vague erinnern, aber oder dadurch auch vollkommen aus der Zeit gefallen sind und mit seinem wehleidigen, männlichen Tonfall und seiner Darstellung von jungen Frauen in passiven Opferrollen kaum erträglich sind.

Ein beeindruckendes Porträt von Adoleszenz – auch in Bezug auf Geschlechterrollen – ist „Nackte Tiere“, das Debüt von Melanie Waelde. Erzählt wird von einer Handvoll Abiturient_innen, die in der Provinz ihrem Zuhause entfliehen, sich in ihrer Clique ihres Selbst vergewissern, aber auch immer wieder ins Nichts zu fallen drohen. Die Protagonisten taumeln zwischen Zärtlichkeit und Gewalt, Klarheit und Rausch und Verantwortung und Verantwortungslosigkeit – irgendwo zwischen Jugend und Erwachsensein. Die Kamera ist immer nah dran im engen, quadratischen Bildformat.

Sonntag, 23.2.:
Kitty Green geht in dem Panorama-Film „The Assistant“ das #metoo-Thema deutlich unglamouröser an als das zuletzt bei „Bombshell“ der Fall war: Die junge Protagonistin ist seit einem Jahr die Assistentin eines Filmproduzenten. In detailreichen Szenen erleben wir mit ihr einen Tag auf der Arbeit. Sie kommt als erstes und geht als letztes, sie macht wichtige Termine und Buchungen, muss aber auch die wütende Ehefrau des Produzenten abwimmeln und dessen Kinder hüten, Essen anschleppen und nicht zuletzt allen hinterher räumen. Dank erntet sie dafür nicht. Das ist in seiner schlichten, aber sehr genauen Beobachtung schon kaum erträglich. Dass die Kollegen nicht gerade eine Stütze sind, sondern im Gegenteil das System stützen, um selber ihren Platz zu wahren, macht es nicht leichter. Als der Assistentin dann auch noch immer deutlicher wird, dass die jungen Schauspielerinnen, die der Produzent – der während des gesamten Films nur durch seinen leeren Chefsessel repräsentiert wird – empfängt, ihm wahrscheinlich ‚sexuelle Dienste‘ erweisen, muss sie handeln … Ein sehr konzentrierter Film, der die feinen Mechanismen der Macht und des Machtmissbrauchs gut analysiert und auch funktioniert, wenn der Vorführer erst nach der Hälfte der Vorführung das richtige Format findet.

Auf „Undine“, den neuen Film von Christian Petzold, warten nach seinem letzten großen Berlinale-Erfolg „Transit“ viele Kolleg_innen. Abermals mit Franz Rogowski und Paula Beer in den Hauptrollen besetzt, umspielt der Film den Mythos der Undine. Die gleichnamige Protagonistin, eine Berliner Stadthistorikerin, wird von einem Mann verlassen. Eigentlich müsste sie ihn nun töten – so ihre Verpflichtung, um weiter auf der Erde leben zu dürfen, und nicht zurück ins Wasser zu müssen, doch sie verschont ihn. Vor allem, weil sie sich gleich wieder glücklich verliebt. Doch ihr Fehler hat Folgen …
Petzold ist ein poetisches Märchen, ein Liebesreigen gelungen, der natürlich kulturell und intellektuell auf allen Ebenen massiv angereichert ist, aber nie überfrachtet wird. Mythos, Urbanistik, Fragen nach Ewigkeit und Fortschritt durchkreuzen die eleganten Bilder mitunter auch mit Humor.

„Todos os mortos“ (Photo: Hélène Louvart Dezenove, Some Imagens)

Ein letzter Film am Sonntag erzählt von den gesellschaftlichen Umbrüchen, die die Sklavenbefreiung in Brasilien Ende des 19. Jahrhunderts mit sich bringt. „Todos os Mortes“ – „All die Toten“ – des Regieduos Caetano Gotardo und Marco Dutra ist ein Kammerspiel, in dem sich alle an das neue Zusammenleben gewöhnen und ihre Identität neu definieren müssen: ehemalige Sklaven wie auch ehemalige Sklavenhalter. Der Film ist ein Kammerspiel, im Zentrum stehen die Frauen, und nach und nach dringt die Gegenwart in die Filmbilder ein. Ein sehr langsamer, aber auch sehr spannender antikolonialistischer Blick.

Fortsetzung folgt …

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