Ariana Zustra – Interview & Videopremiere zu „Dream of Reason"

Ariana Zustra: „Demut ist ein aus der Mode gekommener Wert, der ruhig mal wieder trenden könnte“

Still aus „Dream of Reason“ von Zustra


Wir freuen uns sehr Euch heute die andere künstlerische Seite von Ariana Zustra vorzustellen. Die Berlinerin ist nämlich nicht nur eine Autorin mit eigener Handschrift – für die sie zuletzt beim Reeperbahnfestival (und für einen Artikel für Kaput) mit dem Preis für „The Year`s best Work of Music Journalism“ ausgezeichnet wurde, sie ist in gleichen Maße Musikerin und Sängerin. Und hier kommt, frei nach Tocotronic der Beweis: der Video
 zu Arianas Single „The Dream Of Reason“, das komplette Album mit Zustra-Pop folgt dann im kommenden Frühjahr. 

 

Ariana, wer hat dich denn dazu inspiriert, dir ein Autoren-Pseudonym zuzulegen? Lydia Lunch, Gudrun Gut, Blixa Bargeld oder …?
Haha, ich fühle mich ja geschmeichelt, dass manche Menschen meinen Namen offenbar so kunstvoll finden, dass sie ihn für ausgedacht halten. Aber er ist echt – auch wenn er selbst in meinem Geburtsland Kroatien eine Seltenheit ist. Dort enden Nachnamen ja in der Regel auf -ić. Zustra heißen nur ein paar Dutzend Leute auf der Welt.

Und steht das so auch in deinem Pass?
Korrekt, Ariana Zustra. Hellou!

Zunächst einmal an dieser Stelle nochmals ein großes Danke für den tollen Text, den du zu kaput beigesteuert hast: „Ariana Grande and „Blackfishing“ – Where does Racism begin?“
Du hast für ihn ja beim Reeperbahnfestival den Preis für „The Year`s best Work of Music Journalism“ bekommen. Ich erwähne das, da du nun mit „The Dream Of Reason“ auch als Musikerin eindrucksvoll nachlegst. Gibt es noch ein weiteres künstlerisches Feld, von dem wir noch nichts wissen?
Vielen lieben Dank, ich fühle mich sehr geehrt. Ich habe früher viel gezeichnet, vielleicht reicht das ja irgendwann mal für mein eigenes Artwork. Und, ähm, gut möglich, dass es eine Reihe von Menschen gibt, die seit vielen Monaten auf 20 neue Seiten eines Manuskripts warten. Falls ihr das lest: Es tut mir leid, ich bin nicht dazu gekommen, aber ich mache es noch, wirklich!

Du bist nicht die erste Autor:in, die sich auch als Musiker:in einbringt. Ich muss sofort an Lester Bangs oder Richard Meltzer denken, die in den 1970er Jahren im New Yorker CBGBs Schreibmaschine und Gitarre gleichzeitig malträtierten. Oder Sandra und Kerstin Grether, die mit ihrer Band Doctorella seit den Nullerjahren der deutschen Popmusikszene Glamour schenken. Und naturlich an Linus Volkmann, dessen High-Energy-Dance-Act Bum-Kun Cha Youth linke Bekennerschreiben und 4-to-the-Floor zu kombinieren weiß.
Lange Vorrede bis zur Frage: Weißt du noch, wann du das erste Mal davon geträumt hast nicht über jemand anderes zu schreiben, sondern selbst zum Subjekt der musikjournalistischen Auseinandersetzung zu werden?
Als erstes war da immer der Traum, Musikerin zu werden oder Musik zu machen, das erste Mal wohl mit fünf, als ich ein Keyboard zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. Dass man damit, wenn man Glück hat, eines Tages Gegenstand von Kritiken wird, war in diesem Traum nicht enthalten. Ich habe bei den meisten Künstler:innen eh den Eindruck, dass sie Musik machen, weil sie einem natürlichen Bedürfnis nachgehen, und es nicht für die Aufmerksamkeit tun, die damit einhergeht, ja, sie ihnen meistens sogar eher unangenehm ist.

Und hast du Bammel, was die Kolleg:innen nun mit dir anstellen?
Tatsächlich nicht, im Gegenteil: Selbst, wenn Kolleg:innen meine Musik zerreißen sollten, wäre ich neugierig, ihre Argumentation zu lesen, und würde mich über die Zeit und die Auseinandersetzung freuen, die sie mir gewidmet hätten. Bei manchen fänd ich es auch einfach lustig, mir ihre Texte vorzustellen.
Vielmehr ist meine Sorge nach wie vor, dass manche Kolleg:innen nicht umschalten, dass ich nicht „eine Musikjournalistin bin, die halt auch nebenher Musik macht“, sondern eben beides gleichwertig: Journalistin und Musikerin. Dass ich in ihrem Team bin und gleichzeitig im Team des Gegenübers. Deswegen freue ich mich auch so, dass wir jetzt hier dieses Interview führen, weil es zeigt, dass das klappen kann.

Still aus „The Dream Of Reason“ von Zustra

Ich lege gleich mal mit der verbotenen Frage nach: Welche Musiker:innen haben dich denn inspiriert?
Das ist tatsächlich verboten! Kommt dann in der nächsten Frage, was diese oder jene Songzeile bedeutet? Haha, nein, also, ich kann nur eine lose Assoziationskette bieten: Als Kind war ich Fan von Gwen Stefani und Annie Lennox. Madonna und Kate Bush, natürlich. Und ich habe, seit ich denken kann, immer gern klassische Musik gehört. Als Jugendliche habe ich festgestellt, dass mein Kreislauf auf TripHop geeicht ist, daher: Portishead, Massive Attack. Während der Uni habe ich viel Warpaint, Feist und Florence+the machine gehört. Ich bin tief beeindruckt von der Musikalität von My Brightest Diamond alias Shara Nova und von Andrew Bird. Und Lana Del Rey, sicherlich. Aber näher an der Realität sind Referenzen eigentlich von Song zu Song. Bei „The Dream Of Reason“ war es unter anderem High Hopes von Pink Floyd.

Der Songtitel „The Dream of Reason“ verweist ja auf die Westliche Philosophiegeschichte zwischen dem Goldenen Zeitalter Griechenlands und der Rennaissance. Zumindest behaupte ich das mal. Kann man daraus schließen, dass du Popmusik nicht nur als Entertainment verstehst, sondern auch Education eine große Rolle für dich spielt?
Der Titel ist tatsächlich eine Referenz zur Radierung „The Sleep of Reason Produces Monsters“ von Goya. Ich habe mal in einer Kunstgalerie gearbeitet und neben meinem Schreibtisch hing im Schaufenster ein riesiger Banner dieses Bildes. Immer, wenn ich Tagträume hatte, blieb mein Blick darauf hängen, und, also, eventuell kam das während der Arbeit mal vor, haha. Dieses Motiv hat sich in mein Hirn gebrannt und ich habe zu mir gesagt: Wenn Du eines Tages mal ein Album herausbringen solltest, dann soll es diesen Titel tragen.
Aber zur Dichotomie der Frage: Für mich ist education am meisten entertaining. Gleichzeitig kann ja etwas, was als reine Unterhaltung angelegt ist, auf verschiedenen Ebenen bildend sein. Sicherlich finden sich in meiner Musik Referenzen zu Kulturgeschichte, zu Philosophie oder Literatur, aber nicht mit der Absicht, weil ich jemandem „etwas auf den Weg geben“ möchte, sondern weil dass die Dinge sind, die mich persönlich zum Schwingen bringen. Wenn jemand das erkennt und sich davon angesprochen fühlt, freut mich das natürlich. Aber selbst wenn jemand nicht auf die Texte oder die Videos und alles drumherum achtet und von meiner Musik auf irgendeine Art angesprochen ist, fühle ich mich sehr geehrt.

Wie sieht denn dein persönlicher „Dream of Reason“ aus?
Wow, das ist eine große Frage. Ich denke mir, es wäre schon viel getan, wenn jeder, wirklich jeder sich öfter daran erinnern würde, dass man irren kann. Erstaunlicherweise unterstellt seit Menschengedenken jede Gruppe dies immer vor allem „den anderen“. Das ist auch ein Grund, warum ich speziell Twitter so schwer ertrage, dass ich mich eigentlich schon nach fünf Minuten in Waschbär-Videos retten muss: Diese unbedingte Überzeugtheit, und zwar über alle politischen Lager und Bildungsgrade und Filterblasen hinweg, dass man selbst jetzt einen Sachverhalt am besten oder am witzigsten durchschaut hat oder die richtigste und differenzierteste Meinung zu etwas hat, finde ich anmaßend. Selbst bei den naheliegendsten Einschätzungen gibt es doch immer etwas, das man übersieht? Vor allem aber übersieht man ständig seine eigene Unwichtigkeit. Demut ist ein aus der Mode gekommener Wert, der ruhig mal wieder trenden könnte. Gerne auch auf Twitter.

Still aus „The Dream Of Reason“ von Zustra

Wo ist der bildgewaltige Clip denn gedreht worden? Die Sumpflandschaft wirkt so Amerikanisch.
Dass Mecklenburg-Vorpommern mal als bildgewaltig bezeichnet werden würde! Die Sumpflandschaft ist das Moor Peenetal unweit von Usedom. Die toten Bäume habe ich über eine glückliche Hashtag-Recherche auf Instagram gefunden. Meine ursprünglichen Optionen waren die Sächsische Schweiz und das Berchtesgadenerland. Ich bin auch zum Location Scouting dorthin gefahren, aber es ist nur sehr schwer möglich, eine Drehgenehmigung in Nationalparks zu bekommen, was ich aber auch unterstütze. Die Ostsee war dann eher die pragmatische Lösung, vor allem wegen der Nähe zu Berlin. Aber jetzt bin ich froh drum: Das Raue der Landschaft sorgt für den nötigen Bruch.

Besondere Vorkommnisse beim Dreh?
Am liebsten würde ich ja an dieser Stelle lauter lustige Anekdoten erzählen, zum Beispiel, wie sehr ich neben der Spur war, weil wir immer dann aufstehen mussten, wann ich als Nachtmensch üblicherweise schlafen gehe. Leider gab es aber eine Reihe von Situationen, die uns alle während des Drehs gebeutelt haben. In Wismar etwa ist unser Fotograf Till Rimmele aus einer Bäckerei geflogen. Vor ihm in der Schlange war ein Mann of color, den die Angestellte ignorierte und über dessen Kopf hinweg meinen Freund dran nahm. Als dieser darauf hinwies, der Herr sei zuerst an der Reihe, erwiderte diese: „So jemand ist kein Herr und solche Leute bedienen wir hier nicht.“ Till ist dann schnell der Kragen geplatzt – vor die Tür gesetzt wurden beide. Oder die Gastgeberin der Ferienwohnung, die uns wie so eine liebe Tante alle Eigenheiten der Unterkunft erklärte und am Ende dann völlig selbstverständlich bat, wir sollen die Haustür ab 22 Uhr abschließen, weil: „In der Nähe ist ein Asylantenheim und die Schwarzen sieht man so schlecht im Dunkeln!“ Zum Verzweifeln. Diese Vorkommnisse häuften sich an diesem Wochenende so sehr, dass ich mir irgendwann ernsthaft Sorgen um unseren Drohnenfilmer und zweiten Kameramann Tanyel Akbaba machte, der türkischstämmig ist.
Es war bitter, dass sich hier Klischees bestätigten. Aber es ist auch bitter, wenn wegen ein paar Hängengebliebenen eine ganze Region pauschal verurteilt wird, also wegen Menschen, die nicht das Glück oder die Möglichkeit oder die Lebensumstände hatten, bestimmtes Wissen zu erwerben.

Heftig. Man weiß ja, dass es solche Leute leider viel zu viele gibt, aber es in Persona gleich mehrfach hintereinander zu erleben, macht einem die gesellschaftliche Kluft, die sich durch Deutschland immer stärker zieht sehr bewusst. 

Still aus „The Dream Of Reason“ von Zustra

Schwierig nun zu deinen auffällig eindrucksvollen Outfits überzuleiten, das geht wohl nur als radikaler Bruch: Mantel mit Taucherglocke versus Coctail-Badekleid,  zeichnest du dich selbst für das Styling verantwortlich?
Oh, vielen Dank für die Erwähnung! Ja, Styling mache ich immer selbst, da habe ich große Freude dran. Endlich kann ich dann mal die Klamotten tragen, die ich nachts stundenlang auf ebay suche, während ich Die drei ??? höre. Aber Lob gebührt vor allem meiner Mutter, die diesen überdimensionalen Mantel ohne Schnittmuster genäht hat. Ich hatte ihr lediglich Fotos von Joaquin Phoenix aus dem Film The Village gezeigt. Manche sehen auch Star Wars oder Handmaid’s Tale darin – find ich alles super. Außerdem hat mein Kollege Christian Schneider einen entscheidenden Beitrag zum Look geleistet. Christian macht weit mehr als nur Kamera und Schnitt und hat ein Foto der Kugel auf Instagram gefunden. Wir haben schon viel zusammen gedreht und er kennt meinen Geschmack und weiß auch um meinen Astronauten-Tick. Über Umwege habe ich den Hersteller dieser Kugel ausfindig gemacht, eine Fabrik in einem Kaff in Südengland. Die hatten nicht mal PayPal. Es hat viele Wochen und mindestens 15 Mails gedauert, bis der Typ verstanden hat, was ich von ihm wollte und dass ich mir das Ding tatsächlich über den Schädel ziehen will. Ich glaube, der hasst mich jetzt, aber fair enough, immerhin wurde die Kugel rechtzeitig geliefert und hat gepasst.

Mit dem 11.11. hast du dir ja einen sehr markanten Veröffentlichungstag herausgesucht: Karnevallsauftakt oder Untersagter Karnevalsauftakt wie es in diesem Jahr korrekt heißen muss. Wie ist das Corona-Jahr 2020 denn bis dato für dich verlaufen?
Ich gebe zu: Bei Karneval möchte ich schreiend weglaufen. Das Datum ist aber sehr schön, da dachte ich, ich sneake denen jetzt rein mit meinem bemantelten und bekugelten Weltraum-Aufzug, so nämlich! Haha, also, tatsächlich war der Song bereits im Frühjahr so gut wie fertig und das Video im Sommer, aber ich wusste nicht so recht, wohin mit diesem Release, in die Leere hinein. Also habe ich mit dem Mastering und dem Final Cut gewartet und finde, das Lied ist jetzt für diesen Herbst doch sehr stimmig.

Das zugehörige Album wird im kommenden Frühjahr erscheinen. Wo wir gerade schon über die Texte gesprochen haben. Gibt es bereits einen Titel zu verkünden? Und gibt es ein Leitmotiv für das Album?
Das Album heißt wie meine neue Single „The Dream Of Reason“! Ein Leitmotiv ist die Suche nach Wahrheit – oder dem, was man dafür hält – im Dickicht von Traum, Albtraum, Illusion und Vernunft – oder dem, was man dafür hält.

Letzte Frage: Dein Song 2020, an den du dich klammerst, wenn gerade mal wieder alles nervt?
Wer etwas Hoffnung braucht: „Hope Dreams“ von Piers Faccini. Das ist so schön, da bin ich immer ein bisschen sprachlos. Und noch dazu dieses von ihm selbst gezeichnete George-Grosz-eske Musikvideo – große Klasse.

Still aus „The Dream Of Reason“ von Zustra

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