Dienstag, 16.07.2019
Danielle De Picciotto & Friends in conversation - Ziska Riemann

Ziska Riemann: “Ich träume von Utopien”

Ziska Riemann

Ich habe Ziska Riemann um 1999 in einer Berliner Kneipe namens Trompete kennengelernt. In den 90igern war der Ort einer meiner bevorzugtesten Treffpunkte. Er befand sich im Keller der Lützow Galerie, einem staatlich geförderten Kunstraum, kuratiert von Karin Pott, die Kunst über alles liebt. Der Ort, den sie immer meisterhaft installierte, zog eine eklektische Gruppe von Künstlern und Musikern an, die ungewöhnliche Konzerte aufführten und Kunstwerke wie zum Beispiel Essenskunstinstallationen, japanische Gemälde oder Marina Abramovic, die mit ihrem Schülern auftrat, präsentierten. In der Kellerbar wurden dann die Eröffnungsabende mit Drag Queens, Cowboy-Bands und Kabarettshows zelebriert.

Diese interdisziplinäre Umgebung war perfekt für Ziska und sie wurde mir dort vorgestellt. Ich erinnere mich, dass Ziska, obwohl sie schon seit Jahren bekannte Comiczeichnerin war als ich sie traf, unaufgeregt und leise war im Vergleich zu dem brüllenden Lärm im Hintergrund
Das beeindruckte mich.

Sie hatte 1991 mit der berühmten Comic-Ikone Gerhard Seyfried angefangen zu arbeiten, war aber schon vorher für Ihre handgefertigten Comics bekannt geworden, die sie 1981 als winziges Straßenkind auf der Straße verkaufte.
Diese frühen Erfahrungen müssen sie dazu gebracht haben, die sehr selbstständige, introvertierte Künstlerin zu werden die sie heute ist, denn Ziska ist anders ist als die meisten die man trifft. Abgesehen davon, dass sie sich in Gebieten, die noch überwiegend von Männern dominiert werden mit Leichtigkeit bewegt, ist sie nicht aufdringlich oder aggressiv. Ganz im Gegenteil, Ziska ist eine gute Zuhörerin, eine höfliche und zurückhaltende, neugierige Frau, die ernsthaft beinahe schüchtern erscheint, aber sehr bestimmt ist und über so viel Talent verfügt, dass sie scheinbar keine Grenzen kennt. Sie hat auch die Gabe, farbenfrohe, verspielte Universen zu schaffen, in denen sie andere Kreaturen einlädt, um mit ihr zu spielen und dabei wunderbare Geschichten, Lieder und Filme kreiert.

Ziska Riemann: “Get Lucky”

Ein paar Jahre nach unserer Begegnung lud sie mich ein, für ihre Kompilation “Bleib Gold Mädchen” ein Lied zu schreiben. Für dieses Projekt gründete sie nebenbei Ihr Label “Mer Mer Records”. Die Zusammenarbeit hat Spaß gemacht, vor allem weil es darum ging, Songs über persönliche Erlebnisse im Teenageralter zu schreiben. Die Ergebnisse die hereinschwebten waren humorvoll und ergreifend zugleich. Wir haben danach einige Jahre lang öfters zusammengearbeitet, bis unsere Zeitpläne zu eng wurden. Das nächste, was ich von Ihr hörte, war, dass sie Kinofilme drehte, und das sehr erfolgreich. Der ersten Film den ich sah, war “Lollipop Monster” dessen leuchtenden Farben und Pop-Einstellungen sehr an ihre Zeichnungen erinnern. Die Geschichte von zwei Teenager-Mädchen und ihren schwierigen Familien war frech und ernst zugleich. Eine typische Ziska Kombi. Ich liebe Wes Anderson wegen seines visuellen Stils und bin immer froh, wenn jemand auftaucht, der ebenso verspielt und furchtlos in seinem Geschichtenerzählen ist. Ziska hat diese Komponenten und ich freue mich, dass sie sich immer mehr in der Filmwelt etabliert.

Was ich an Ziska aber am meisten liebe, ist, dass sie einem das Gefühl gibt, dass alles möglich ist. Nichts scheint sie zu erschrecken oder aufzuhalten und sie arbeitet unentwegt daran, ihre Träume auf die schönste Art und Weise zu erfüllen. In Zeiten, in denen es akzeptabel geworden ist ein opportunistischer, aggressiver, korrupter Egomane zu sein um erfolgreich zu werden, ist sie ein wunderbares Beispiel dafür, dass Integrität, Würde und Nachdenklichkeit gepaart mit Entschlossenheit und Talent einen sehr weit bringen können. Sie ist eine Inspiration und ich freue mich sehr, Ziska heute hier vorstellen zu können.

“Electric Girl” by Ziska Riemann, featuring Victoria Schulz (Photo by Hannes Hubach for ©NiKo-Film)


Danielle de Picciotto: Du bist gerade mit deinem zweiten Spielfilm fertig geworden. Ich kenne Dich ja eigentlich als Comiczeichnerin und war schon bei deinem ersten Film über die Farbigkeit und dem Pop der Bilder begeistert. Wie kam es zu dieser Entwicklung von der Zeichnung zum Film?
Ziska Riemann: Ich bin in das Filmemachen eher unfreiwillig reingerutscht. Schon bei meinem ersten Drehbuch ‚Die Hunde sind schuld‘, versuchte der Produzent mich zu überreden den Film selber zu inszenieren. Ich lehnte damals vehement ab. Ich wollte das niemals machen. Das kam daher, dass ich eine zeitlang mit einer Filmstudentin zusammen gewohnt hatte, die unsere Wohngemeinschaft in ein chaotisches Filmset verwandelte. Sie war selber in der Zeit völlig gestresst und hat nur noch rumgeschrien. Wenn ich das Fenster aufmachte, hörte ich, wie sie draussen auf der Strasse die Schauspieler mit einem Megaphon anfeuerte. Das hat mich als Zeichnerin, die gerne ungestört am Schreibtisch vor sich hinkritzelte ziemlich abgeschreckt. Bei ‚Lollipop Monster’ war das anders. Die Produzenten haben mich da nicht lange überzeugen müssen, denn ich wusste instinktiv, dass kann niemand anderes machen. ‚Lollipop Monster‘ basiert auf den Jugendgeschichten von Luci van Org und mir. Das Drehbuch las sich schon wie ein Comic, leicht überhöht, schnell, poppig und pointiert. Als ich dann das erste Mal am Set stand, merkte ich schnell, ich kann das und es macht Spass. Beim Filmemachen kommen alle meine Talente zusammen: Das Geschichten erzählen, die visuelle Umsetzung, die Musik. Vor der Arbeit mit Schauspielern hatte ich grossen Respekt und darum nahm ich dann selber Unterricht, um am eigenen Leib zu erfahren, wie sich das anfühlt und welche Regieanweisungen überhaupt umsetzbar sind und warum.

Comic by Ziska Riemann

Was fasziniert dich grundsätzlich im Visuellen, sei es bei Comics, Malerei oder Film? Was suchst Du? Wie hast Du angefangen?
Eigentlich komme ich vom Geschichten erzählen. Das ist der rote berufliche Faden, der sich durch mein Leben zieht. Jede Geschichte verlangt nach ihrer eigenen Form. Comic, Gedicht, Song, Film… Ich habe mich viel mit luciden Träumen beschäftigt und mit dem Unbewussten. Bilder sind auf intimste Weise mit unserer Wahrnehmung und der daraus entstehenden Sicht auf die Welt verknüpft. Ich würde sogar behaupten, der Körper fühlt und versteht die Sprache der Bilder auf einer feinstofflichen Ebene, die jenseits des Denkens ist. Egal, ob ich zeichne, male oder einen Film inszeniere, jedes noch so kleine Detail erzählt dem Betrachter etwas, was in dem jeweiligen Zusammenhang mit der Geschichte eine Bedeutung erlangt, die in einem anderen Kontext sicher eine andere wäre. Auf der visuellen Ebene kann und muss man mit Symbolen sehr präzise umgehen. Das fasziniert mich sehr und zugleich nervt es. Alles muss bedacht werden. Alles hat Gewicht. Ich suche immer nach der Unmittelbarkeit, dem Moment, wenn innen und aussen übereinstimmen. Wenn das Werk in seiner Symbolik so authentisch und präzise ist, dass es den Betrachter unmittelbar berührt.

Deine Themen haben viel mit jungen Generationen zu tun. Was interessiert dich daran? Die farbenfreudige Frechheit oder das “Erwachsen-werden” mit seinen ganzen Facetten? Woher kommen die Geschichten?
Vielleicht liegt es daran, dass ich selber immer noch nicht das Gefühl habe, richtig erwachsen zu sein. Ich lebe immer noch das gleiche Bohemian- Leben, wie vor zwanzig Jahren. Da ich keinen festen Job, keine Familie, keine Verpflichtungen habe, kann ich unbeschwert Reisen, ausschlafen und mit dem ständigen Wandel des Lebens fliessen. Der Preis ist dafür ist eine ewige Unsicherheit darüber, wie es weitergeht, ich stelle mir immer wieder Existenzfragen und erlebe den Alltag im ständigen Wechsel zwischen kreativer Extase und Hoffnungslosigkeit. Schon als Teenager habe ich mir all diese existenziellen Fragen gestellt: Wozu lebe ich, wer bin ich, was ist das Leben, die Liebe, der Tod… usw.
Das Leben als Teenager ist noch frisch und intensiv und die Geschichten haben eine Lebendigkeit und Wucht, die mit dem Älterwerden von Vernunft und Erfahrung ausgebremst wird. Als Künstlerin brauche ich stete Veränderung, ich muss mich und meine Werke in Frage stellen, mich weiter entwickeln, neu erfinden, sonst entsteht Stagnation. Ich erzähle gerne Geschichten die bunt und intensiv sind und auch mal Gefühle aufwühlen. In meinem letzten Film ‚Electric Girl‘ geht es um eine junge Poetry Slammerin, die in einem manischen Rausch glaubt, sie sei eine Superheldin. Sie entwickelt dann tatsächlich übernatürliche Kräfte, kann über Dächer springen und Elektrizität sehen. In der Geschichte treffen Energie, Obsession und Wahnsinn zusammen und das ganze nimmt ziemlich Fahrt auf.
Das ist eine Geschichte nach meinem Geschmack.

Ziska Riemann and Gerhard Seyfried

Du hast mit Gerhard Seyfried lange und oft zusammengearbeitet. Waren Eure und sind deine Arbeiten immer politisch gedacht? Findest Du Kunst sollte politisch sein?
Die Comics, die Gerhard Seyfried und ich zusammen gemacht haben, sind allesamt sehr politisch. Beinahe schon anarchistische Propaganda. Seyfried ist sehr politisch und auch immer gut über das Weltgeschehen informiert. Ich bin viel romantischer und träume von Utopien. Als Tochter einer Trotzkistin und eines Buddhisten habe ich gelernt, dass die Welt nur dann wirklich frei sein kann, wenn alle frei sind.
Oder noch einfacher, dass sich die Welt nur ändert, wenn wir uns selbst ändern. Das haben wir in unseren Comics auch versucht zu vermitteln. Kunst birgt die Fähigkeit die Wahrnehmung zu verändern, den Blickwinkel durcheinander zu bringen oder einen anderen vorzustellen. Kunst macht Dinge sichtbar, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind, die uns ohne den Impuls des Werkes vielleicht nicht aufgefallen wären. Auf dieser Ebene kann Kunst zumindest in unserem inneren eine kleine oder auch grosse Revolution auslösen.

Hast Du als Zeichnerin oder Regisseurin Diskriminierung erfahren? Oder fühlst Du dich in deinen Unterfangen immer gleichwertig behandelt von der Industrie und dem Publikum?
Wenn ich mit Gerhard Seyfried unterwegs war, haben die Leute mich oft gefragt: „Und sie machen die Farben, ja?“
Das hat mich damals logischerweise ziemlich gekränkt. Wir haben immer wieder erklärt, dass wir beide gleichermassen an den Comics arbeiten und beide als Autoren dahinter stehen, aber die Leute wollten das gar nicht wissen. Für sie war ich die Assistentin, oder die Geliebte, oder die Muse oder sonst was.
Ich wurde zu Podiumsdiskussionen eingeladen: Frauen im Comic und so. Da wurde dann darüber geredet, ob Frauen Comics zeichnen können. Dazu muss man wissen, die Comicwelt ist ziemlich sexistisch. Ich war damals eine der ersten und auch der jüngsten Frauen, die sich da ausgetobt haben. Das war nicht immer einfach.
In der Filmbranche kämpfen wir für eine Frauenquote. Pro Quote Regie hat auch eine Beschwerdestelle eingerichtet, wo wir sexuelle Übergriffe melden können. Vielleicht gehe ich da mal hin.

Ziska Riemann on the set

Woran arbeitest Du gerade?
Zur Zeit sitze ich im Schneideraum und stelle einen Film fertig, der im Herbst ins Kino kommen wird. Es ist eine ziemlich poppige und radikale, sex-positive Aufklärungskomödie für Jugendliche.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Am Wochenende drehe ich erstmal ein Musikvideo für Gemma Ray. An dem Kinofilm arbeite ich sicher noch bis in den Sommer, nebenbei illustriere ich ein Kinderbuch und dann vielleicht mal wieder eine Weile reisen und Ideen sammeln?

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