Amen Dunes – Interview – EM GUIDE

Amen Dunes: Wenn dreams wie jeans klingen

Amen Dunes (Photo: Michael Schmelling)

Amen Dunes stolpert durch den Nebel und versucht sich im tödlichen Chaos zurechtzufinden, er droht im Meer aus desorientierendem Geklimper/Geklapper unterzugehen und greift nach den glitschigsten Gegenständen. Sein neues, extrem großartiges Studioalbum “Death Jokes” ist schwer zu packen, vor allem im Vergleich zu dem verhältnismäßig klaren Vorgänger “Freedom” (ebenfalls ein Meisterwerk).

 

Es wurde nicht hier und da mal eine abstraktes Skizze dazwischen gepackt, im Gegenteil: Weil auch mal mehrere davon hintereinander kommen, fühlt es sich fast so an, als wären es eher die ‘richtigen’ Songs, die eingeschoben wurden. Manchmal wurden irgendwelche Soundschnipsel einfach an das Ende eines Songs geklebt, ähnlich so wie Schoolboy Q es dieses Jahr auf “Blue Lips” getan hat.

Die Verschwommenheit dieses selbstproduzierten Albums – “it does have a connection to my first album ‘D.I.A.’ in its freedom and in the fact that I did it all by myself”, erzählt Damon McMahon (so der bürgerlich Name von Amen Dunes) mir – hängt zu großen Teilen auch damit zusammen, wie er seine Stimme einsetzt. Natürlich ist das nicht so radikal wie zum Beispiel bei den Cocteau Twins, doch sein Gesang hat definitiv etwas von abstrakterer Wortmalerei. Manchmal wirkt es so, als hätte er irgendeinen exotischen Akzent, aber nein: So klingen die Wörter einfach, wenn sie von ihm gesungen werden; und manchmal kann zum Beispiel das Wort “dreams” ein bisschen wie “jeans” klingen. Es geht hier also um originell betonte Wörter, die sehr wohl etwas bedeuten, vor allem aber cool klingen, wenn sie nacheinander ausgesprochen werden. Manchmal zischen die Worte angestrengt aus seinem Mund heraus, in anderen Momenten gleiten sie gleichmäßig in die Luft. Der Wechsel dazwischen ist das, was diese Musik ausmacht.

Amen Dunes (Photo: Michael Schmelling)

Bezüglich des Verhältnisses zwischen Worten und Klängen erzählt mir der New Yorker: “My lyrics first come immediately when I write the first draft of a song, I would say about 75% formed. Then I spend a period of time, it could be days it could be weeks it could be months or even years getting the lyrics finalized. I might sit with one word or a sentence for months before deciding it’s not right. But the main core of a songs lyrics comes immediately when I first write a sketch. One important thing to note is that the lyrics have to sing well so I choose words, or words choose me, that fit the melody.“

“Love” und “Freedom”, die Titel der letzten beiden Alben von Amen Dunes, sind positive, große Wörter; vielleicht die allergrößten. “Death Jokes” hingegen strahlt etwas anderes aus, das fällt sofort auf. Diesmal ist McMahon nicht geblendet von Liebe oder Freiheit, sondern vom Tod und dessen Sinnlosigkeit (zwei seiner Haupteinflüsse waren diesmal die drogensüchtigen Verstorbenen Lenny Bruce und Lil Peep). “You hear that Annie died? She was straight for fifty days. When they said to stay inside, she’d just gone crazy”, singt er in “Rugby Child” und lässt die Corona-Lockdowns mitschwingen, während es in “Boys” – einem Highlight voller Ignoranz und Reue – um die Unberechenbarkeit des Todes geht: “Still out on a Sunday. He died over the weekend”. Shit.

Der fantastische Folksong “Mary Anne” macht den tragischen Beigeschmack der Platte besonders deutlich. Der Tod ist nie weit entfernt: “They killed a boy a month ago. He was running along the road. He had flowers in his hair.” Auf meine Aussage, dass mich der Song an folkige Rocklegenden wie Bob Dylan und Neil Young erinnert, reagiert McMahon wie folgt: “Well my musical influences are pretty extensive, so those kinds of songwriters of course are ingrained in me and we’re a huge part of my life growing up. It would be like saying: Do you like pasta? But specifically with that song, no my writing is never conscious, I never say now I’m going to write this type of song, rather a particular influence might show itself more in that moment. This song was a moment where Bob Dylan showed himself in the energy of it. But I certainly wasn’t thinking about that at the time, I was just eating pasta.“

In “Purple Land”, dem besten Song des bisherigen Jahres, meint Amen Dunes, es existiere eine unsichtbare Kraft, die uns alle voneinander trennt. “What I’m talking about here is how after a period of time in life we lose our childlike innocence and start to feel like we are different from people, rather than connected to them, which I think we all feel inherently as children.” Das könnte auch die Erklärung dafür sein, dass diese Welt brennt und sich nichts mehr wahrhaftig anfühlt, wie McMahon in “Round The World” singt.

Was ist also die Lösung dafür? Klingt vielleicht blöd, aber: ein spiritueller Optimismus. “If I play into all my fears I will be miserable daily. And that’s easy to do. But if I connect myself with a spiritual truth, which is something I’ve had to seek out for a long time, I realize that those fears are partially illusions”, erzählt McMahon mir. Im hier und jetzt sein, das Autofenster runterkurbeln und die Ängste mal Ängste sein lassen. Im eigenen Kopf ist dann alles gut; das Leben geht vorbei, aber mir doch egal. Die Schlüsselzeile des Albums benutzt Amen Dunes gleich mehrmals: “May all your lies come true” – es wäre uns gegönnt.

 

This article is brought to you as part of the EM GUIDE project – an initiative dedicated to empowering independent music magazines and strengthen the underground music scene in Europe. Read more about the project at emgui.de

Funded by the European Union. Views and opinions expressed are however those of the author(s) only and do not necessarily reflect those of the European Union or the European Education and Culture Executive Agency (EACEA). Neither the European Union nor EACEA can be held responsible for them.

Kaput is a proud member of the  EM GUIDE network.

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop | Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput Supporter
Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop dankt seinen Supporter_innen!