Danielle de Picciotto & Friends in conversation: Rosita Kuerbis

Rosita Kuerbis: „Wer braucht schon einen Tag am Strand, wenn ein spannendes Projekt wartet?“

Rosita Kuerbis (Photo: CVR Fördermittelberatung)

Picasso hat einmal behauptet: „ein guter Künstler braucht drei Sachen: Talent, Charisma und einen guten Manager. Über die Jahre habe ich gelernt, dass diese Behauptung stimmt und wundere mich, dass es im Underground oder in der Indieszene so wenige Musikmanager:innen gibt. Man würde denken, dass es in einer Stadt wie Berlin mit unendlich vielen Musikern und Musikfans viele erfolgreiche Manager:innen gäbe, die davon profitieren. Das ist aber seit 1987, das heißt seitdem ich in der Stadt bin, nicht der Fall, obwohl ich keine(n) Musiker:in kenne, die nicht danach stöhnen. Ich habe tatsächlich selber 1995 angefangen mich und andere Musiker:innen/Künstler:innen nebenher zu managen und zu featuren, da es eine so große Nachfrage gab, habe aber schnell gemerkt, dass die Arbeit so viel Zeit in Anspruch nimmt, dass ich mich entscheiden musste wieder ausschließlich als interdisziplinäre Musikerin zu arbeiten..
Nichts desto trotz habe ich durch diese Erfahrung gelernt, dass sogar die kleinste Unterstützung einen riesigen Unterschied in der Karriere von Künstler:innen machen kann. Auch, dass wenn man gute Arbeit leistet dadurch sehr wohl einen Lebensunterhalt verdient werden kann ohne die Künstler:innen auszunutzen. Warum wird also diese Berufsparte so vergessen? Es braucht mehr Menschen, die zwischen dem Senat oder der Plattenfirma neben den Künstler:innen steht und und hilft.

Rosita Kuerbis ist eine solche Ausnahmefigur und arbeitet seit Jahrzehnten daran kreative Menschen zu unterstützen. Wir lernten uns 1988 im Nachtleben kennen, kurz nachdem ich nach Berlin gezogen war und ich genoss es mit Ihr über die Musikindustrie zu sprechen. Ihre Sicht, die weder aus der Senats-/Label-Ebene noch aus der Künstlerperspektive stammt, ist hoch interessant und hat mich immer wieder auf neue Gedanken gebracht. 
Gerade während der Pandemie geht es vielen Selbstständigen schlecht und da Rosita nun seit Jahren als Fördermittelberaterin arbeitet, dachte ich, es wäre eine wunderbare Möglichkeit sie als die inspirierende Initiatorin, die sie ist, und ihre ungeheure wichtige Arbeit vorzustellen, um so möglichst vielen Freischaffenden weitere Überlebenschancen zu vermitteln. So ist es mir heute eine große Freude Rosita Kuerbis hier vorzustellen.

 


Danielle de Picciotto: Du hast eine lange Karriere hinter Dir als Künstler:innen-Vertretung, -Vermittlung und -Unterstützung. Könntest du mir kurz deinen Werdegang beschreiben?

Rosita Kuerbis: Ich bin 1987 wegen meines Sinologie- und Französisch-Studiums nach Berlin gekommen und in den Strudel geschichtlicher Ereignisse und gesetzlicher wie gesellschaftlicher Freiräume geraten. Ich war fasziniert, die Fülle der Möglichkeiten hat mich mitgerissen.
Nach Stationen wie 90 Grad, Low Spirit und Mayday habe ich die erste DJ-Booking Agentur Deutschlands gegründet: Komplize Booking. Meine Partnerin Kati Schwindt und ich haben damals die erste Generation DJs verbucht: Jeff Mills, Marshall Jefferson, Farley Jackmaster Funk Derrick May, Robert Hood und noch viele mehr. Es folgten Komplize Management und der Komplize Musikverlag, hier habe ich zum Beispiel Dr. Motte oder Artist Unknown und Märtini Brös betreut – und hatte so auch mit der Love Parade zu tun. Eine spannende Zeit.
Aus dem Territorium Deutschland wurde schnell Europa und dann die ganze Welt: Tokio, Peking, Manila, Bogota, Chile, New York, Moskau, Johannesburg, Tel Aviv, …. Es macht mir heute immer noch mehr Spaß in anderen Ländern zu arbeiten, als dort Urlaub zu machen. Der Alltag, die Menschen, das Leben faszinieren mich bis heute. Wer braucht schon einen Tag am Strand, wenn ein spannendes Projekt wartet? Das Leben hat alle Erwartungen übertroffen.

Eine gewisse Ermüdung setzte aber irgendwann dann doch ein, aber eine neue Herausforderung lies nicht lange auf sich warten: ab 2004 war ich am Aufbau des ersten Deutsche Musikexportbüro German Sounds beteiligt, die erste Fördereinrichtung für Populäre Musik in Deutschland. Dazu muss man sagen, dass damals noch Begriffe wie Creative Industries verwendet wurden, Richard Florida hatte sein „The Rise of the Creative Class“ gerade veröffentlicht, die Kultur- und Kreativwirtschaft hatte weder Namen noch Platz neben Wirtschaftszweigen wie Tourismus oder Automobilindustrie.
In Deutschland wird zudem ein großer Unterschied zwischen E-Musik und U-Musik gemacht, auch in der damaligen Förderpolitik. Alles nicht ganz einfach.
Mit großem Enthusiasmus und persönlichem Einsatz ist es uns gelungen, Förderprogramme zu entwickeln und den Firmen der Musikwirtschaft den Markteintritt in internationale Märkte zu erleichtern und Netzwerke in Europa, Skandinavien, Kanada, USA, China bis nach Japan aufzubauen.
In dieser Zeit hatte ich außerdem das Vergnügen als deutsche Repräsentantin und Abgesandte von German Sounds im European Music Office in Brüssel an der Entwicklung der mittlerweile etablierten EU-Förderprogramme ETEP und dem EBBA-Award beteiligt gewesen zu sein.
Seit dem habe ich eine Studie und zwei Analysen für die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe (Senate Department for Economics, Energy and Public Enterprises) zu Förderprogrammen für die Berliner Musikwirtschaft verfasst, die daraufhin auch von Förderinstitutionen anderer Bundesländer als Datenquelle genutzt wurden, um ihre Förderprogramme an die Bedarfe der Musikwirtschaft anzupassen.
Heute schlage ich als Fördermittelberaterin die Brücke zwischen Kreativen und Behörden. Ich spreche sozusagen beide Sprachen, die Sprache der Kreativen und die Fördersprache und bewege mich beruflich in beiden Welten.

Im Rückblick muss ich sagen: mein Interesse an der Welt ist von kleinauf ungebrochen. Ich spreche vier Sprachen (fünf, nimmt man die Fördersprache dazu), liebe die Arbeit auf internationaler Ebene und auch wenn ich auch grad nicht reisen kann: jedes Land hat mir ein Lieblingsgericht geschenkt. Bei Fernweh stelle ich mich einfach in die Küche und schmecke die Welt. Nur Urlaub, den mache ich lieber im Buchenwald um die Ecke.

Helmut Geier & Rosita Kuerbis

Heute spezialisierst du dich darauf die richtige Unterstützung in Form von Stipendien, und Förderungen zu vermitteln. Du hast mir mal gesagt, es gäbe nichts in Deutschland wofür man nicht eine Förderung bekommen könnte. Hast Du deinen Beruf selber erfunden? Wie nennt sich die Arbeit, die Du machst und wie bist du dazu gekommen?

Ich würde es so ausdrücken: meine Berufung als Fördermittelberaterin hat sich entwickelt. Geholfen hat mir sicherlich meine Neugier und der Wille Zusammenhänge zu durchdringen. So kommt es, dass ich viele unterschiedliche Projekte betreut habe, die immer wieder Recherchen in neuen Gebieten beinhalteten. So habe ich viel über die Reichweite von staatlicher Förderung gelernt und sozusagen den ‚Förderdschungel’ vermessen, neue Wege geschlagen und für Orientierung gesorgt. Zunächst bei mir und dann für meine Auftraggeber und Kund:innen.

Außer im Bereich Architektur und Fotografie habe ich eigentlich überall geeignete Programme gefunden, insofern ja, man muss sich fragen, was eigentlich nicht gefördert wird. Förderung wird immer da ein Instrument des Bundes sein, wo Probleme gelöst werden sollen oder Lücken geschlossen.
Ein Beispiel sind die vielen Förderprogramme, die Deutschland aufgesetzt hat, um die Einnahmeeinbußen durch Maßnahmen gegen die Coronavirus-Pandemie (wie Lockdowns) abzufedern. Hier soll der Wirtschaft (auch der Kultur- und Kreativwirtschaft) geholfen werden, die Pandemie zu überstehen. Auf das es ein kulturelles Leben nach Corona geben wird.

Zum ersten Mal muss sich die Politik mit der Kultur- und Kreativwirtschaft auseinandersetzen,da Verbände und Vereine zusammen mit den Verwertungsgesellschaften nicht locker lassen und immer wieder auf das Finanzressort und die Staatssekretärin für Kultur und Medien Monika Grütters einwirken. Daraus ist dann zum Beispiel NEUSTART KULTUR hervorgegangen, in dessen Rahmen 1 Mrd. Euro in Förderprogramme zur Unterstützung der Kulturschaffenden in Deutschland fließen. Das Besondere: die mit diesem Geld ausgestatteten Programme wurden von eben diesen Verbänden, Vereinen und Verwertungsgesellschaften entwickelt – also direkt aus den Branchen heraus; und hier werden dann auch die Anträge gestellt. Es sind also keine Bundesbehörden, die die Kreativen als Ansprechpartner haben sondern Institutionen und Kreative aus ihren Reihen. Das ist sensationell.

Was würdest Du Künstler:innen und Selbstständigen in dieser Zeit raten?

Ich rate allen Künstlerinnen und Künstlern an neuen Produktionen zu arbeiten, zu komponieren – und sich auf die Zeit vorzubereiten, wenn die Spielstätten und Museen wieder öffnen. Jetzt ist die Zeit, Stipendien und Residenzprogramme in Anspruch zu nehmen.
Solche Programme findet man in den Bundesländern oder in der eigenen Stadt. In Berlin gibt es zum Beispiel das Stipendien und Residenzprogramm des Musicboards, in Hamburg gibt es den Gagenfonds. Hinzu kommen bundesweite Programme, siehe Goethe Institut mit dem Virtuellen Residenzprogramm oder dem Internationalen Koproduktionsfonds (https://www.goethe.de/de/uun/auf/mus/vir.html) oder eben die Programme unter Neustart Kultur.
Viele dieser Programme gab es auch schon vor Corona und es wird sie nach Corona auch noch geben. Es lohnt allemal, sich jetzt mit diesem Thema auseinanderzusetzen und die passenden Programme für die eigene Arbeit zu finden.
Soloselbständige ohne Fixkosten rate ich, Ausschau zu halten nach Programmen, die die Lebenshaltungskosten decken oder den sogenannten „fiktiven Unternehmerlohn“. Fixkosten lassen sich zur Zeit über die Überbrückungshilfe II + III decken. Wer keine Fixkosten hat sollte sich die Neustarthilfe ansehen. Hier gibt es immerhin bis zu 7.500 Euro für den Zeitraum Januar bis Juni 2021.
Das wichtigste Instrument zur Deckung der Lebenshaltungskosten ist die Grundsicherung durch die Agentur für Arbeit. Wer unsicher ist kann sich über Hartz4.org informieren. Hier findet sich auch ein Rechner.

Rosita Kuerbis, Mike Vamp and others

Was sind die häufigsten Fehler, die beim Beantragen von Stipendien gemacht werden?

Was mir immer wieder auffällt, sind zu lange ausufernde Texte. Vor allem die in Deutschland sehr beliebten Schachtelsätze, die den Leser von A nach B lotsen und zusätzliche Informationen zu Hintergrund liefern, die scheinbar dringend benötigt werden, um als Referenz herzuhalten und auf diese Weise die Förderwürdigkeit des Antragstellers zu unterstreichen und Motivation des Antragstellers sowie seiner Partner:innen vor, während und nach dem Projekt zu unterfüttern, und am Ende wissen die Leser:innen nicht mehr auf welche Frage dieser Satz eigentlich eine Antwort gibt. ☺
Bitte vermeidet Schachtelsätze. Der Förderer ist auch nur ein Mensch. Dieser Mensch sichtet hunderte von Anträgen in relativ kurzer Zeit. Das kann bei solchen Texten sehr anstrengend werden und man verliert die Lust. Oder hat jemand den obigen Satz mit Freude gelesen und ruft freudig: „Oh, prima, da bin ich jetzt aber auf die nächsten 10 DINA4-Seiten gespannt.“?
Je kürzer und einfacher die Sätze – je verständlicher der Zusammenhang dargestellt wird –, desto besser. Dabei kann auch mal eine Grafik oder ein Foto gute Dienste leisten. Übrigens werde ich das oft gefragt. Aus diesem Grund veröffentliche ich auf meinem Blog Tipps zur Antragstellung.

Es wird oft unter Künstler:innen gemunkelt, dass es bei der Vergabe von Stipendien Vetternwirtschaft betrieben wird, viele versuchen es deswegen erst gar nicht, Wie ist deine Erfahrung

Das stimmt meiner Meinung nach nicht. Man sollte sich aber ansehen, wer die Juror:innen sind und aus welcher Sicht heraus der eigene Antrag begutachtet werden wird. Das hilft, passende Formate für die Präsentation zu wählen und überzeugende inhaltliche Schwerpunkte zu setzen.

Berlin Music Commission – Sprechstunde „Mit den Nachwirkungen des Lockdowns umgehen“ vom 25. Juni 2020

Wie bewertest du das Programmangebot, dass durch die Pandemie aufgesetzt wurde? Denkst du, dass alle Bereiche mit Förderungen und Unterstützung gut abgedeckt sind oder entdeckst du Bereiche die vergessen worden sind und wo mehr passieren könnte?

Es müssen grundsätzlich mehr Mittel für die Kultur- und Kreativwirtschaft bereit gestellt werden. Neustart Kultur ist mit 1 Mrd Euro unterfinanziert. Im Moment einigt man sich auf eine Erhöhung der Mittel um eine weitere Milliarde Euro. Das ist gut, aber nicht ausreichend. Es braucht eine langfristige Perspektive. Alle Künstler:innen, die von Tantiemen aus Live-Auftritten leben, und auch die Musikverlage werden in 2021 und 2022 die Auswirkungen erst richtig zu spüren kriegen. Und es gibt sicher noch andere Sparten, wo Klärungsbedarf herrscht. Wo die Mittel noch nicht bei allen ankommen. Das muss noch justiert werden.
Wer einen Mangel sieht, möchte diesen bitte adressieren, damit was unternommen werden kann. Aus diesem Grund möchte ich alle motivieren, sich an den eigenen Branchenverband zu wenden, um ins Gespräch zu kommen und zu helfen, die richtigen Stellschrauben zu drehen. Hier findet ihr eine Übersicht an Anlaufstellen, vielleicht ist da schon eine geeignete Institution dabei:
(Die Auflistung ist nicht vollständig. Es ist ein Versuch, möglichst breit aufgestellte Ansprechpartner:innen für alle Sparten der Kultur- und Kreativwirtschaft aufzulisten.)

Könntest Du ein paar Töpfe auf zählen, die nicht genügend beantragt werden? Du hattest mal erwähnt, dass es viel mehr Gelder gibt als Anträge. Ist dies momentan immer noch der Fall oder hat sich deine Wahrnehmung davon verändert?

Im Moment gilt es, das Überleben zu sichern. Das heißt, die Corona-Hilfen haben bei allen Förderern Vorrang. Das heißt auch, dass die Förderungen leichter als zuvor beantragt werden können. Schließlich soll damit vielen unkompliziert und schnell geholfen werden.

Woran arbeitest Du momentan? Was sind deine Pläne für 2021?

Meine Kunden sind Unternehmen der Kreativwirtschaft, die digitale Lösungen entwickeln. In diesem Punkt geht es häufig um Forschun-und Entwicklung oder Pionierlösungen. Im Moment entwickele ich mit einem Unternehmen eine Förderdatenbank für mich und meine Kunden über die dann die bewilligten Förderungen administriert werden können. Auf die Fertigstellung freue ich mich schon sehr.

Welchen Ratschlag kannst du Selbstständigen, kleinen Unternehmen und Künstler:innen abschließend noch mitgeben?

Ruhe bewahren, die eigenen Ziele vergegenwärtigen, die Mittel zur Umsetzung zusammentragen – und los. Dabei meine ich nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch das soziale Netzwerk, die Ausstattung, Turorials, Infoveranstaltungen, Workshops, alles, was hilft auf direktem Weg zum Ziel zu gelangen. Bleibt stark und bleibt dran.

 

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