Sonntag, 21.10.2018
FILTER Detroit – Kerstin Niemand über 12645 Moran Street, Detroit

“Detroit ist eine offene Stadt”

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Chilling on the steps of FILTER Detroit von links nach rechts: Valerie Ankenbrank, Marta Hrecznyj und Kerstin Niemann mit Hannah (Photo: Corine Vermeulen)

Totgesagte leben länger. Denn wer bitte schön hätte in den 90er Jahren auch nur einen Pfennig auf eine Revitalisierung von Detroit gesetzt? Die Stadt am Lake Michigan befand sich seit den Riots 1967 und dem Niedergang der für sie so wichtigen Automobilindustrie in einem Schrumpfungsprozess.

Nun ist es keineswegs so, dass die Detroit 2017 wieder auf Augenhöhe mit Chicago, New York oder Los Angeles spielen würde, noch immer sollte man gewisse Viertel nur mit Vorsicht aufsuchen und kommt sich in diesen aufgrund von verlassenden Häusern dementsprechend oft wie in einer Geisterstadt vor. Das Verkehrsaufkommen, immer ein gutes Indiz für den Status Quo einer amerikanischen Metropole,  ist nur zur Rush Hour existent, wenn die Tausende von Pendlern zurück in die Vorstädte Detroits fahren, mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass Parkplatzprobleme kaum existieren. Doch seit einigen Jahren lässt sich ein neuer Trend erkennen: Bewohner der Suburbs ziehen wieder zurück in die Stadt und zugleich kommen jene, die sich ein Leben in den teuren Metropolen Amerikas nicht mehr leisten können nach Detroit, weil Platz zum Experimentieren vorhanden ist. Ihre Vorstellung von Stadt und was diese für sie bereit halten soll (durch zum Beispiel nachhaltige Mikrounternehmen, Großinvestitionen oder spontane Kulturinitiativen) bewegen den Raum und das Leben in dieser Stadt. Neben belebenden Faktoren wie das Movement Festival, das seit 2002 unter verschiedenen Namen die elektronische Musikszene in jene Stadt zieht, in der einst alles (neben Chicago) seinen Ursprung gefunden hat, und vor allem dem unermüdlichen Glauben an die eigene Stadt der lokalen Protagonisten ist es zu verdanken, dass seit einigen Jahren wieder dieser Zuzug nach Detroit stattfindet. Wichtige Impulsgeber hierbei sind einmal mehr künstlerische Projekte. Ein solches ist die von Kerstin Niemand ins Leben gerufene Research Residency FILTER Detroit .

Kerstin, seid wann gibt es das Filter Haus?
Kerstin Niemann: Das FILTER Haus habe ich im Herbst 2009 gekauft und im Anschluss umgebaut und renoviert. Seit dem Sommer 2010 existiert die Research Residency FILTER Detroit.

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Das FILTER Detroit Haus (Photo by Jonathan Forsythe)

Wie finanzieren sich Haus und Stipendien?

Im Haus vermiete ich zwei Zimmer an in Detroit lebende Personen, die der Kultur- und Do-It-Yourself-Szene Nahe stehen. Somit tragen sich die laufenden Kosten und die geladenen Gäste haben Ansprechpartner und Mitbewohner während Ihrer Aufenthaltszeit.
Die Stipendiaten (research residents) zahlen in der Regel einen Beitrag zu den laufenden Kosten. Reisekosten für die Stipendiaten, Automiete während der Aufenthaltszeit in Detroit, Material und Produktionskosten bzw. Lebenshaltungskosten werben die Stipendiaten jeweils selber ein. Ich unterstütze beim Schreiben von Anträgen für öffentliche Fördergelder. Sofern wir ein gemeinsames Präsentationsprojekt im Anschluss an die Aufenthaltszeit in Detroit planen, wie zum Beispiel Ausstellungen oder Publikationen, stelle ich die Förderanträge selber. Es existiert keine laufende Förderung für die Stipendiatenstätte.

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Das FILTER Detroit Haus (Photo by Jonathan Forsythe)

Welche Künstler_innen hatten denn bereits Research Residencies?
Seit 2010 waren circa 30 Künstler_innen und Studentengruppen aus dem In- und Ausland zu Gast. Zum Beispiel Doktoranden des Urban Heritage Programms der Bauhaus Universität Weimar, Nina Könnemann, Fieke van Berkom, Jennifer Bennett, Jule Osten, Luk Sponselee, Lise Halle Baggersen, Frank Havermans, Studenten der Leuphana Universität aus Lüneburg, Stipendiaten der Hans Böckler Stiftung, Bernd Trasberger, Guy Gormley oder Eva Seiler und Johanna Tinzl aus Wien sowie Christian Kasners.
Einige davon sind mehrmals zurück gekehrt oder haben sich selbst in Detroit räumlich niedergelassen, wie zum Beispiel the Hinterlands, Jule Osten oder Cordula Ditz aus Hamburg.

Kerstin, wie viel Zeit pro Jahr verbringst du in der Stadt?
In der Regel bin ich circa zwei bis drei Monate im Jahr in Detroit. Das sind meistens drei bis vier Aufenthalte von zwei bis vier Wochen.

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Kitchen Vibes im FILTER Detroit Haus Kerstin Niemann, Marta Hrecznyj und Valerie Ankenbrank (Photo by Thomas Venker)

Wie kam es zu der Idee, gerade in Detroit ein Künstler-Stipendium auszurufen?
Meine kuratorische Arbeit an dem interdisziplinären Ausstellungsprojekt „Heartland“ (Van Abbemuseum und Smart Museum of Art University of Chicago 2008/2009) brachte mich und die Ko-Kuratorinnen Anfang 2008 nach Detroit. Der direkte Kontakt mit Künstler_innen vor Ort offenbarte, dass die uns bis dato nur als schrumpfende und alte Industriestadt bekannte Metropole viel Gestaltungsspielraum für Ihre Kulturproduzent_innen bot. Detroit ist eine offene Stadt, in der die verschiedensten Kulturen zusammenkommen und leben. Die Kunst- und Musikszene dieser Stadt ist extrem lebendig, Visionär_innen, Architekt_innen, Musiker_innen oder Künstler_innen experimentierten gleichermaßen mit den verlassenen Räumen und dem kulturellen Erbe dieses Ortes. In leerstehenden Fabrikkomplexen und Häusern richten sie ihre Ateliers und Mikroproduktionsstätten ein. Diese Energie ist ansteckend. In 2009, nach der Finanzkrise in den USA, waren die Immobilienpreise am absoluten Tiefpunkt. Als gelernte Kauffrau der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft habe ich nicht lange überlegt und ein Haus in Banglatown ersteigert, einem von Migrationsströmungen seit den 20er Jahren geprägten Detroiter Stadtteil. Mir war es wichtig einen Ort zu schaffen in dem Künstler_innen aus Europa und den USA sich mit Detroiter Kulturproduzent_innen vernetzen.

Filter-Detroit-Bonus2Um was geht es dir mit dem FILTER Detroit Haus?
Die Künstlerresidenz und seine davon ausgehenden Aktivitäten bieten eine langfristige zeitgenössische Kunstplattform, die durch die Zusammenarbeit mit Einwohnern, Gastkünstlern, Nachbarn und der Stadt geformt wird.
FILTER Detroit ist eine Research Residenz für Künstler_innen, Macher_innen, Musiker_innen, Architekt_innen und Denker_innen in und außerhalb Detroits. Die geladene Gäste gastieren in einem Wohnhaus in der Nachbarschaft und haben die Möglichkeit in der der Stadt zu forschen, zu arbeiten und sich auszutauschen, zum Beispiel mit Detroiter Künstler_innen und Institutionen.

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Burnside Farm, an urban art far and art space in Detroit (Photo by Thomas Venker)

Wie haben die lokalen Protagonisten auf dein Unterfangen reagiert?
Mir ist es wichtig, dass geladene Stipendiat_innen wissen, in welchem Kontext sie sich bewegen. Deswegen verlange ich vorab, dass sie die Historie der Stadt kennen und verstehen wie unterschiedlich Detroit sein kann. Mit den Künstler_innen diskutiere ich Ihr Interesse an Detroit und versuche zu vermeiden, dass zum Beispiel weitere Fotografien von Fabrikruinen oder verlassenen Häusern zu einem negativen Image dieser Stadt beitragen.
Die lokalen Kulturproduzent_innen blicken kritisch auf das Interesse an Ihrer Stadt, sie möchten es vermeiden, dass sie zum 1000 Mal die üblichen Klischees über Detroit richtig stellen müssen und haben kein Interesse ständig als Statisten für Dokumentationen und „Helicopter News“ herzuhalten.
Es gibt also unterschiedliche Reaktionen in Bezug auf FILTER Detroit. Mal hilfsbereit und begeistert – weil die Zusammenarbeit mit den Gästen weitere Projekte außerhalb Detroits für die Künstler_innen vor Ort mit sich brachten. Mal kritisch. Aber die Gastfreundschaft und Offenheit zusammen zu arbeiten überwiegt. Meine unmittelbaren Nachbarn kommen aus Bangladesh sie sind hilfsbereit, interessieren sich aber nicht unbedingt für meine Gäste oder meine Arbeit in Detroit, es entspricht einfach nicht ihrer Lebensrealität. Seitdem ich eine Tochter habe kommen wir mehr und mehr als Nachbarn, die Kinder im gleichen Alter haben, in Kontakt.

Mit wem bestehen intensivere Kontakte?
Netzwerkkontakte bestehen zu anderen Kulturmachern und Kulturinstituionen aus der Nachbarschaft wie auch der Innenstadt.  Zum Beispiel zu Popps Packing, the Hinterlands, Zimbabwean Cultural Center of Detroit, Burnside Farm, Powerhouse Productions, Butter Projects, College for Creative Studies oder der Wayne State University.

Du bist nun bereits einige Jahre in Detroit tätig, in wie weit hat sich denn die Stadt verändert?
Die Stadt und das Leben in Ihr ändert sich fortwährend. Junge Initiativen beleben die kulturellen Infrastrukturen, insbesondere junge Menschen (Student_innen) und Familien mit Arbeit ziehen in die Stadt. Im Innenstadtbereich tummeln sich die Investoren und Jungunternehmer und somit steigen die Immobilienpreise und die Bevölkerungsstruktur befindet sich im Wandel. Andere wiederum, die aufgrund der wirtschaftlichen Lage sowieso schon am Existenzminimum kratzen, können sich das Leben in der Innenstadt nicht mehr leisten, community gardening hin- oder her.
Bei jedem Detroitaufenthalt entdecke ich neue Kunstprojekte, Geschäfte, Investorenmodelle oder Formen der Zusammenarbeit. Die Kulturproduktion und Kreativwirtschaft wird durch privatwirtschaftliche Initiativen und durch Stiftungen seit den letzten sechs Jahren intensiv gefördert. Mir ist klar, dass ein Großteil der Kulturveranstaltungen und Projekte nur von der Bevölkerungsgruppen genutzt werden, die es sich leisten können oder einer bestimmten Bildungszugang haben.

Gibt es vergleichbare Projekte von Zugezogenen? Wie ist generell der Austausch unter den Ex-Pads?
Der Austausch ist gut. Die Kulturszene ist weiterhin überschaubar und man lernt sich relativ schnell kennen. INCA Detroit war eine Künstlerinitiative mit Residenzprogramm in Detroit und EXPODIUM aus den Niederlanden hatte eine Dependance in Detroit. Immer mal wieder gibt es ausländische Initiativen, meistens verschwinden diese nach drei bis vier Jahren, was aber auch mit der Finanzierung dieser Art von Projekten zu tun hat.

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Sunday Morning im FILTER Detroit Haus (Photo by Jonathan Forsythe)

Zum Schluss würde mich noch die Strahlkraft des Projekts interessieren. Wird es denn primär lokal, in Deutschland, in Europa oder Amerika wahrgenommen?
Es wird vorwiegend von den Menschen und Institutionen wahrgenommen, die sich mit zeitgenössischer Kulturproduktion und Stadtentwicklung in Detroit auseinandersetzen. Im lokalen Kontext ist FILTER Detroit bekannt, weil ich immer wieder die Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern, Machern und Initiativen suche. Zudem lade ich Stipendiaten und Künstler aus Detroit zu Ausstellungen und Präsentationen und Publikationsbeiträgen ein, wie den Kunstverein Wolfsburg, das Van Abbemuseum, die Kulturstiftung Agathenburg, das Gängeviertel oder die Sullivan Galleries in Chicago.
Da FILTER Detroit als 1-Mann-Betrieb geführt wird gibt es kein Marketing und Vermarktungskonzept, die Webseite hinkt drei Jahre hinterher und meine Öffentlichkeitsarbeit beschränkt sich auf das nötigste.

Was steht für die nächste Zukunft an?
Zusammen mit der dauerhaften Bewohnerin des FILTER Hauses arbeite ich im Augenblick an der Neugestaltung der FILTER Detroit Webseite. Mit dem niederländischen Künstlerpaar Inge Nabuurs und Erwin van Doorn ist ein Performanzprojekt im Gespräch, das auch eine Zusammenarbeit mit Detroiter Künstlern und Musikern mit sich bringt. Ganz besonders wichtig ist mir gerade die Arbeit an meiner Doktorarbeit, die neben FILTER Detroit, andere künstlerische (Migrations)projekte und Kunstproduktion in Banglatown und Immobilienwerte untersucht.

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Backyard FILTER Detroit (Photo by Thomas Venker)

FILTER Detroit, 12645 Moran Street, Detroit

Weitere Links:
Engaged Urban Design
Cargo Collective
Eva Zielinski
Half Letter Press
Kulturverlag Kadmos
6018 North
Burnside Farm Detroit 

 

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